Dieksanderkoog

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Dieksanderkoog (Schleswig-Holstein)
Dieksanderkoog
Dieksanderkoog
Lage des Dieksanderkoog in Schleswig-Holstein.
Neulandhalle im Dieksanderkoog

Der Dieksanderkoog ist ein 1935 neu gewonnenes Stück Land (Koog) im südlichen Kreis Dithmarschen, der heute ein Ortsteil der Gemeinde Friedrichskoog ist. Bis 1945 hieß er Adolf-Hitler-Koog.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1935 wurde die Eindeichung des von der Nordsee gewonnenen Kooges abgeschlossen. Er erhielt den Namen Adolf-Hitler-Koog. Diese Landgewinnung nahm in der nationalsozialistischen Propaganda aus mehreren Gründen eine besondere Bedeutung ein. Zum einen sollte insbesondere dem kritischen Ausland gegenüber der friedliche Aufbauwille des nationalsozialistischen Deutschland präsentiert werden, während Deutschland sich in Wirklichkeit auf den Krieg vorbereitete. Gleichzeitig sollte demonstriert werden, dass die nationalsozialistische Regierung bei der für sie wichtigen Frage der Zugewinnung neuen Lebensraumes[1] keine fremdes Territorium beanspruchen würde, sondern sich auf ihr eigenes Gebiet beschränkt.[2] Zum anderen konnte die NSDAP-Gauleitung unter Hinrich Lohse zeigen, dass sie sich um die Verbesserung der Situation von Bauern kümmerte, die in dem neuen Land Bauernstellen erwerben konnten. Der Anstoß zur Namensgebung stammte aus der NSDAP-Ortsgruppe Friedrichskoog, die diesen Vorschlag bereits im April 1933 unterbreitet hatte.[3]

Der Adolf-Hitler-Koog sollte ein Musterkoog im Rahmen der nationalsozialistischen Politik von Blut und Boden werden. Die Rassenpolitik spielte auch in dem Landgewinnungsprojekt eine entscheidende Rolle. Die Auswahl der neuen 92 Siedler im Adolf- Hitler-Koog traf der Kreisbauernführer des damaligen Kreises Süderdithmarschen persönlich im Auftrag des Reichsbauernführer. Nur überzeugte Nationalsozialisten aus Dithmarschen erhielten eine Siedlerstelle, da die nationalsozialistische Koog-Gemeinschaft eine nationalsozialistische Mustersiedlung werden sollte und nach außen ein Symbol der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft abgeben sollte.[4] Es wurden Personen ausgewählt, die vorzugsweise auch Mitglieder von SA und SS waren und schon 1931 in der NSDAP gewesen waren.[5] Die neuen Siedler mussten nachweisen, dass sie ab 1800 „arische“ Vorfahren hatten. Der neue Koog wurde am 28. August 1935 von Hitler persönlich eingeweiht. Der neue Koog wurde von der Propaganda als Musterbeispiel deutsche Politik gepriesen. Insbesondere konnte man darauf hinweisen, dass Gebietserweiterungen des Reiches nur mit Deichbaumaßnahmen geplant waren. Darauf besuchten zahlreiche Delegationen ausländischer Politiker und Journalisten den Musterkoog und zeigten sich beeindruckt von der inszenierten Gemeinschaft. Auch aus Deutschland selbst reisten viele Schaulustige an. Das Verkehrsaufkommen im Koog stieg dadurch so stark an, dass die Straßen und Wege befestigt werden mussten. Auch Wasserleitungen und Stromanschlüsse wurden wegen der vielen Besuchergruppen schneller als üblich verlegt. Wegen der überragenden propagandistischen Bedeutung des Adolf-Hitler-Koogs übernahm das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda einen Teil der Kosten. So wurde mit dessen Mitteln die Hauptstrasse im Neuen Koog asphaltiert. Mit Informationsbroschüren und Filmen wie Trutz blanke Hans (1935) und Neuland am Meer (1938) sowie Radioübertragungen von verschiedenen Orten der Westküste machte das Propagandaministerium die Themen Landgewinnung und Adolf-Hitler-Koog im ganzen Reich bekannt.

Ebenfalls 1935 wurde auf der Halbinsel Eiderstedt ein weiterer Musterkoog unter dem Namen Hermann-Göring-Koog (heute: Tümlauer-Koog) eingeweiht. Im Jahr 1938 folgte dann der Horst-Wessel-Koog (heute: Norderheverkoog).

Insgesamt sollten nach diesen Vorbildern innerhalb von 100 Jahren 43 Köge gewonnen werden, um zusätzlichen Raum für insgesamt 14.000 Siedler zu schaffen. Die Pläne dazu waren bereits in der Weimarer Republik entstanden. Die Nationalsozialisten verschwiegen dies und gaben die Planungen als eigene Ideen aus.[6] Das Vorhaben wurde 1938 aufgrund des hohen finanziellen und zeitlichen Aufwands bei der Landgewinnung nach Fertigstellung des Horst-Wessel-Koogs abgebrochen.

Aus unbewohnten Teilen der Gemeinden Friedrichskoog, Kronprinzenkoog und Kaiser-Wilhelm-Koog sowie aus katastermäßig noch nicht erfassten Teilen des in den Jahren von 1933 bis 1935 eingedeichten Adolf-Hitler-Kooges wurde am 1. November 1935 eine neue Gemeinde mit dem Namen Adolf-Hitler-Koog gebildet. In diese neue Gemeinde wurde die bestehende Gemeinde Friedrichskoog am 1. April 1939 eingegliedert. Diese Gemeinde wurde wiederum am 25. August 1945 in Dieksanderkoog umbenannt. Am 1. April 1948 erhielt sie den bis heute gültigen Namen Friedrichskoog.[7]

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Adolf-Hitler-Koog selbst wurden Höfe gebaut, die sich einerseits an den idealisierten Vorstellungen eines germanischen Bauernhauses orientieren, andererseits in ihrer Uniformität und gleichmäßigen Anordnung an heutige Reihenhaussiedlungen erinnern. Als zentraler Ort wurde 1935/36 auf einer Wurt die von dem Kieler Architekten Richard Brodersen entworfene Neulandhalle gebaut. Sie erinnert an einen Haubarg, der eigentlich auf Eiderstedt, nicht jedoch in Dithmarschen eine traditionelle Gebäudeform ist. Die bewusst als Anti-Kirche geplante Halle diente zu Versammlungen und ideologischen Schulungen der Bauern im Koog und weiterer Angehöriger des Reichsnährstandes im Sinne des Nationalsozialismus. Eine große Glocke in einem separaten hölzernen Glockenturm rief die Bauern wie eine Kirche zusammen; diese Glocke verschwand auf mysteriöse Weise in der Nachkriegszeit. Man vermutet, dass sie von mit dem Nationalsozialismus sympathisierenden Bauern versteckt wurde.[8] In architektonischer Umsetzung nationalsozialistischer Werte befand sich am Turmgiebel ein Reichsadler mit Hakenkreuz; auch waren an den Außenmauern der Nordseite überlebensgroße Statuen eines Soldaten und eines Bauern angebracht. Die meisten Fresken und Ausstellungsstücke wurden nach 1945 entfernt, einzig das Fresko Deichbau des Altonaer Malers Otto Thämer ist noch erhalten. Bis zum 30. Juni 2011 diente die Neulandhalle als Jugendfreizeitzentrum der Kirchenkreise Norder- und Süderdithmarschen. Seit 2010 will sich die Kirche aus der Neulandhalle zurückziehen.[9] Sie hat eine Abrissgenehmigung, aber ist gewillt, das Objekt an eine Institution abzugeben, die mit dem historischen Ort Neulandhalle arbeiten will.[10] Das Institut für schleswig-holsteinische Zeit- und Regionalgeschichte (IZRG) unter Professor Danker hat untersucht, wie die Neulandhalle sich als historischer Lernort für Schleswig-Holstein eignet. Auf Grund dieser Ausarbeitung beschloss das Land Schleswig-Holstein mit seiner Kultusministerin Anke Spoorendonk eine Gedenkstätte und Lernort für die Zeit des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein einzurichten. Dazu wurde ein Antrag auf Finanzierung der halben Investitionskosten bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien Monika Grütters gestellt. Die andere Hälfte wollte das Land zahlen. Dieser Antrag wurde im Februar 2014 abgelehnt.[11]

Sachliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lars Amenda: „Volk ohne Raum schafft Raum“. Rassenpolitik und Propaganda im nationalsozialistischen Landgewinnungsprojekt an der schleswig-holsteinischen Westküste. In: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte. 45 (2005), S. 4–31. (online auf: akens.org, PDF; 228 kB)
  • Klaus Groth: Der Aufbau des Adolf-Hitler-Koogs - Ein Beispiel nationalsozialistischen Siedlungsbaues. In: Erich Hoffmann, Peter Wulf (Hrsg.): Wir bauen das Reich. Aufstieg und erste Herrschaftsjahre des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein. Wachholtz, Neumünster 1983, ISBN 3-529-02181-4.
  • Frank Trende: Neuland! war das Zauberwort. Neue Deiche in Hitlers Namen. Boyens Buchverlag, Heide 2011, ISBN 978-3-8042-1340-1.

Belletristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 25-Punkte-Programm. Punkt 3: Wir fordern Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung unseres Bevölkerungsüberschusses
  2. Frank Trende: Neuland! war das Zauberwort. Neue Deiche in Hitlers Namen. Boyens Buchverlag, Heide 2011, ISBN 978-3-8042-1340-1 , S. 190.
  3. S. Lars Amenda: „Volk ohne Raum schafft Raum“. Rassenpolitik und Propaganda im nationalsozialistischen Landgewinnungsprojekt an der schleswig-holsteinischen Westküste. In: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte. 45 (2005), S. 10.
  4. Lars Amenda: Die Einweihung des „Adolf-Hitler-Koogs“ am 29. August 1935 – Landgewinnung und Propaganda im Nationalsozialismus. In: Dithmarscher Landeszeitung. 29. August 2005. (online auf der Webseite des Arbeitskreises zur Erforschung der Geschichte des Nationalsozialismus)
  5. Klaus Groth: Der Aufbau des Adolf-Hitler-Kooges – Ein Beispiel nationalsozialistischen ländlichen Siedlungsbaus. In Erich Hoffmann, Peter Wulf (Hrsg.): Wir bauen das Reich. Aufstieg und erste Herrschaftsjahre des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein. Wachholtz, Neumünster 1983, ISBN 3-529-02181-4. S. 317f.
  6. Lars Amenda: Volk ohne Raum schafft Raum. (PDF; 228 kB) In: Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte. Nummer 45, Frühjahr 2005, S. 4–31, S. 7.
  7. Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein (Hrsg.): Die Bevölkerung der Gemeinden in Schleswig-Holstein 1867 – 1970. Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein, Kiel 1972, S. 44.
  8. Das Land, das Hitlers Namen trug. In: mare online. 10. Juni 2008, abgerufen am 28. April 2009.
  9. Ein schwieriges Erbe. Mitteilungen der Kirche Dithmarschen 26. Januar 2011.
  10. Neue Perspektiven für das Nazi-Bauwerk. In: Schleswig-Holsteinische Tageszeitung. 21. Juni 2012.
  11. Museumspläne für den Nazi-Bau Neulandhalle geplatzt. In: Hamburger Abendblatt. 22. Februar 2014.

Koordinaten: 53° 58′ N, 8° 55′ O