Differenzierung des Selbst

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Differenzierung des Selbst ist ein vom amerikanischen Psychotherapeuten Murray Bowen geprägter Begriff und ein Grundpfeiler der nach ihm benannten psychologischen Bowen-Theorie. Die "Differenzierung des Selbst" ist ein Gradmesser für die Fähigkeit eines Menschen,

  1. Emotion und Rationalität sowie
  2. Intimität und Autonomie in Beziehungen zu anderen

auszubalancieren.

Intrapsychisch misst der Differenzierungsgrad die Fähigkeit des Gehirns, Emotionen zu kontrollieren und auch unter emotional schwierigen Situationen noch überlegt und rational zu handeln bzw. zu wählen, ob in einer bestimmten Situation eine eher emotionale oder eine eher rationale Reaktion angemessen erscheint.

Zwischenmenschlich zeigt der Differenzierungsgrad an, inwieweit eine Person imstande ist, intime Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen, ohne die eigene Autonomie zu verlieren. Ein hoher Differenzierungsgrad gestattet es einem Menschen, den Konflikt zwischen "Nähe zu anderen" einerseits und "Autonomie des Selbst" besser auszubalancieren.

Bowen beobachtete, dass insbesondere die Erfahrungen eines Menschen während seiner Kindheit und Jugend einen starken Einfluss auf seinen Differenzierungsgrad haben und dieser anschließend ziemlich stabil bleibt, solange die Person nicht langfristig und strukturiert daran arbeitet, den eigenen Differenzierungsgrad zu erhöhen.

Propagiert wurde der Begriff vor allem durch den amerikanischen Psychotherapeuten David Schnarch, der das Konzept der Differenzierung des Selbst im Rahmen seiner differenzierungsbasierten Psychotherapie einsetzt, um Probleme mit Intimität, sexuellem Verlangen (Störungen der Libido) und Konflikten in der Partnerschaft zu lösen. Nach Schnarch hat insbesondere der Wunsch, innerhalb einer Partnerschaft oder der Ehe trotz aller bestehenden Unterschiede eine enge Verbindung einzugehen, das Potenzial, den Differenzierungsgrad der Partner signifikant zu erhöhen. Er nannte die Ehe aus diesem Grunde "Wachstumsmaschine für Menschen".

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Murray Bowen gilt als einer der Begründer moderner Familientherapie. Er beobachtete bei seiner Arbeit mit Familien, dass Konflikte innerhalb von Familien häufig daraus entstehen, dass das Interesse und der Druck der Gruppe (Konformität) mit dem Interesse des Einzelnen (Autonomie) kollidiert. Da Interessenskonflikte bei unterschiedlichen Individuen ohnehin unvermeidlich sind, schloss Bowen daraus, dass soziale Systeme (z. B. Familien) dann besser funktionieren müssten, wenn ihre Mitglieder in der Lage sind, die unterschiedlichen Interessen der Einzelpersonen gleichmäßiger auszubalancieren und dabei das Gesamtinteresse der Gruppe im Auge zu behalten. Die Fähigkeit eines Menschen, eine soziale Bindung oder Intimität auch dann zu behalten, wenn die Nähe durch einen Interessenskonflikt belastet wird, nannte er "Differenzierung des Selbst".

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Bowen hängen Menschen mit niedrigem Differenzierungsgrad so stark von der Akzeptanz anderer Menschen ab, dass sie bei einem Interessenkonflikt entweder ihre eigene Meinung nach der Meinung anderer Menschen richten (weil sie dem Konformitätsdruck der anderen nicht standhalten) oder versuchen, andere Menschen zu zwingen, so zu denken und zu handeln wie sie selbst (also aktiv Konformitätsdruck ausüben). Je niedriger der Differenzierungsgrad eines Menschen, umso schwerer fällt es ihm, sein "Selbst" gegen Einflüsse von außen zu schützen und umso größer wird damit der Einfluss anderer auf sein Denken und Handeln. Er wird bemüht sein, die Handlungen und Gefühle anderer Individuen entweder aktiv oder passiv zu kontrollieren.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]