Liebesbeziehung

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit dem Phänomen und Konzept des Liebespaares. Für das Gemälde siehe Liebespaar (Gemälde).
Ein Liebespaar „geht miteinander“.

Eine Liebesbeziehung ist ein emotional und sexuell intimes Verhältnis zwischen meist zwei Personen, das durch gegenseitige Liebe und erotische Anziehung, durch Mitfühlen, Interesse und Fürsorge geprägt ist. Liebe kann in einer Liebesbeziehung als Verliebtheit oder Leidenschaft, aber auch als stille innige Zuneigung in Erscheinung treten.[1] Liebende sind einander in wechselseitiger empathischer Aufmerksamkeit zugewandt (Rapport), einer Form von Umgang, die Wohlgefühl, Behagen und Harmonie hervorbringt und ähnlich wie die frühe Eltern-Kind-Beziehung in Bindung einmündet.[2] Die Liebespartner sprechen voneinander als von „meiner Freundin“ bzw. „meinem Freund“, wobei das Possessivpronomen „mein“ anzeigt, dass nicht (irgend)ein Freund, sondern der Liebespartner gemeint ist.

Viele Liebesbeziehungen entwickeln sich zu festen Partnerschaften fort. Bei einer Liebesbeziehung, in der keine Partnerschaft angestrebt oder erwartet wird oder die parallel zu einer bereits vorhandenen Partnerschaft geführt wird, spricht man auch von einer Liebschaft, einer Liaison, einem Techtelmechtel oder einer Liebesaffäre, bei einer außerehelichen sexuellen Beziehung auch von einem Seitensprung, und bei einer Beziehung, bei der der Sex ganz im Vordergrund steht, von einer Sexbeziehung. Die Liebespartner werden in all diesen Fällen als „Geliebte“ bzw. „Geliebter“ bezeichnet.

Abzugrenzen sind Liebesbeziehungen unter anderem von Streitbeziehungen, in denen die Partner in ihrem Denken, Handeln und Fühlen ebenfalls stark aufeinander bezogen sind, aber nicht Einklang, sondern Abgrenzung und Auseinandersetzung suchen.[3]

Die Liebesbeziehung als Sozialform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liebesbeziehungen, als sexuelle Beziehungen ohne erklärte Heiratsabsicht, sind im deutschsprachigen Raum – ebenso wie in vielen anderen Ländern der Westlichen Welt – erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur öffentlich sichtbaren Alltäglichkeit geworden. Voraussetzungen dieser Entwicklung waren eine Entkriminalisierung und Enttabuisierung der vorehelichen und außerehelichen Sexualität sowie die Entstehung gesellschaftlicher Räume, in denen junge Frauen und Männer informell und ohne erwachsene Aufsicht miteinander in Kontakt treten konnten.

Ein Meilenstein auf dem Wege zur Legalisierung vorehelicher und außerehelicher sexueller Beziehungen war in der Bundesrepublik Deutschland die in den 1970er Jahren sich allmählich ändernde Urteilspraxis der Gerichte, die den Kuppeleiparagraph § 180 StGB bis dahin immer wieder auf Eltern angewandt hatten, die sexuelle Aktivitäten ihrer heranwachsenden Kinder geduldet hatten; dem Willen des Gesetzgebers nach hätte dieses Gesetz ausschließlich dazu verwendet werden dürfen, um die Prostitution zu bekämpfen.[4]

Noch bis in die 1960er Jahre hatten junge Leute ihren Liebespartner als „meine Braut“, „mein Verlobter“ und ähnlich bezeichnet.[5] Der dann einsetzende Schwund der soziokulturellen Bedeutung des Verlöbnisses wird unter anderem darin sichtbar, dass in der Bundesrepublik Deutschland nach 1968 keiner Klage auf Zahlung von Kranzgeld nach § 253 Abs. 1 BGB mehr stattgegeben wurde; die Gerichte argumentierten von da an, dieses Gesetz verstoße wegen der gewandelten Moralvorstellungen gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes (Art. 3 GG) und sei daher nicht mehr anzuwenden. 1998 wurde er endgültig gestrichen. In der DDR war dies schon 1957 erfolgt.

1969 wurde in der DDR der Ehebruch entkriminalisiert. Die Bundesrepublik (§ 194 StGB) folgte 1974, die Schweiz 1989 und Österreich 1997.

In der Wandervogelbewegung (seit 1896) war für Askese geworben worden; dennoch hatte die bürgerliche Jugend dort erstmals Gelegenheit zu informellen sexuellen Kontakten zum jeweils anderen Geschlecht („freie Liebe“) gefunden.[6] Die koedukativen Bünde verloren ihre Bedeutung auch schnell wieder, nämlich schon mit der Entstehung der Bündischen Jugend in der Zeit der Weimarer Republik. Die 1936 im Exil als koedukativer sozialistischer Jugendverband gegründete FDJ wurde in der DDR zur Massenorganisation. Die schulische Koedukation wurde in der DDR 1945 eingeführt, in den meisten Ländern der BRD zwischen 1951 und 1966, in der Schweiz in den 1960er Jahren und in Österreich 1975. All diese Entwicklungen brachten bürgerlichen Jungen und Mädchen alltägliche Kontaktmöglichkeiten, wie sie bis dahin nur die Landjugend gekannt hatte.

Während die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts sich, zumindest dem Anspruch nach, noch der Keuschheit verschrieben hatte,[7] wurde die freie Liebe mit der Aufklärungs- und Liberalisierungswelle der 1960er und 1970er Jahre gesellschaftlich akzeptabel, besonders für die Jüngeren.[8] Das Pflegen von Liebesbeziehungen (ohne Lebensgemeinschaft oder Partnerschaft im engeren Sinne) wurde im deutschsprachigen Raum damit zur vorherrschenden Form des Sexuallebens von Jugendlichen in einer Zeit, in der die sexuelle Reifung zwar immer früher einsetzte, die finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaus aber immer länger wurde.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Small, Meredith: What’s Love Got to Do with it? The Evolution of Human Mating. Anchor 1995, ISBN 0-385-47317-6.
  • Hans-Werner Bierhoff, Ina Grau: Romantische Beziehungen: Bindung, Liebe, Partnerschaft. 1998, ISBN 3-456-82990-6.
  • Ludwig Reiners: Fibel für Liebende. Zugleich eine Anleitung, verheiratet und doch glücklich zu sein. List, München 1958

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Liebesbeziehung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  Wikiquote: Beziehung – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Elliot Aronson, Timothy D. Wilson, Robin M. Akert: Sozialpsychologie. 6. Aufl. Prentice Hall/Pearson, München u.a. 2008, ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 327 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Harry T. Reis, Susan Sprecher (Hrsg.): Encylopedia of Human Relationships. Band 1, Sage, Thousand Oaks, CA 2009, ISBN 978-1-4129-5846-2, S. 1187 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Robert Haas: Die systemische Mediation und andere Konfliktmethoden. 2. Aufl. Books on Demand, 2016, ISBN 978-3-8423-0663-9, S. 51 f. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatViel Unruhe. In: Der Spiegel. 15. April 1968, abgerufen am 26. Mai 2016. Werner Schubert, Jürgen Regge, Peter Rieß, Werner Schmid (Hrsg.): Quellen zur Reform des Straf- und Strafprozessrechts. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1997, ISBN 3-11-015500-1, S. 117 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Z.B. in dem Filmtitel Hilfe, meine Braut klaut (1964)
  6. Winfried Speitkamp: Jugend in der Neuzeit. Deutschland vom 16. bis 20. Jahrhundert. Vandenhoek&Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3-525-01374-4, S. 146 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Max Marcuse (Hrsg.): Handwörterbuch der Sexualwissenschaft. Walter de Gruyter, Berlin, New York 2001, ISBN 3-11-017038-8, S. 318 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. Helga Bilden, Angelika Diezinger: Historische Konstitution und besondere Gestaltung weiblicher Jugend – Mädchen im Blick der Jugendforschung. In: Heinz-Hermann Krüger (Hrsg.): Handbuch der Jugendforschung. Leske + Budrich, Opladen 1988, ISBN 978-3-8100-0596-0, S. 140 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Alexandra Klein, Christin Sager: Wandel der Jugendsexualität in der Bundesrepublik. In: Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.): Sexuelle Verwahrlosung. Empirische Befunde – Gesellschaftliche Diskurse – Sozialethische Reflexionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, ISBN 978-3-531-17024-4, S. 97 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).