Englische Kirche (Hamburg)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Blick von Nordwesten
Eingangsportal im Jahr 2015

Die Englische Kirche, eigentlich Church of St Thomas Becket in der Hamburger Neustadt am Zeughausmarkt ist ein klassizistischer Bau von 1838 ohne Kirchturm und -glocken[1]. Sie wurde 1838 eingeweiht und steht seit 1941 unter Denkmalschutz.[1][2] Die Kirche ist seit den späten 1940er-Jahren[3] Thomas Becket, dem Erzbischof von Canterbury im 12. Jahrhundert, gewidmet. Über weite Zeiten ihrer Geschichte war die Kirche in Hamburg schlicht als "Englische Kirche" bekannt,[4] diese Bezeichnung ist bis heute geläufig.

Die Anglikaner in Hamburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in Hamburg vertretene englische Kaufmannsgilde Merchant Adventurers erreichte nach der Reformation die erste und für lange Zeit einzige Erlaubnis, Gottesdienste ihrer nicht-lutherischen Glaubensgemeinschaft in Hamburg nach eigenem Ritus und in englischer Sprache durchzuführen. Die freie Religionsausübung wurde den Anglikanern offiziell 1611 zugestanden, zur damaligen Zeit eine bedeutsame Ausnahme,[1] die Katholiken beispielsweise erhielten dieses Privileg erst 1811. Dies zeigt, dass dem Rat der Stadt die wirtschaftlichen Vorteile durch die Zusammenarbeit mit Hamburgs großen Handelspartnern wichtiger waren als religiöse Vorbehalte.

Vorgängerbauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die alte Englische Kirche am Johannisbollwerk auf einem Gemälde der Gebrüder Suhr, im Hintergrund sind die Seglermasten im Hafen erkennbar.

Die ersten Andachten fanden in einer Kapelle im „Englischen Haus“ in der Gröninger Straße statt.[5] Während der Hamburger Franzosenzeit wurden die Merchant Adventurers enteignet und aus der Stadt vertrieben, kehrten jedoch nach der französischen Besetzung zurück. Für die Verluste erhielten sie eine Entschädigung der Stand von der sie unter anderem eine eigene Kirche am Johannisbollwerk errichteten. Das Gebäude war ähnlich der heutigen Kirche am Zeughausmarkt auch ein klassizistischer Bau mit einer tempelartigen Eingangsfront an der Schmalseite. Aufgrund der baulichen Ähnlichkeit wird diese Kirche auf alten Radierungen und Lithographien gelegentlich fälschlich als englische Kirche am Zeughausmarkt bezeichnet.

Die Englische Kirche am Zeughausmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum

Gelände am Zeughausmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Standort der heutigen Kirche in der Nähe der St.-Michaelis-Kirche befand sich von 1661 bis 1826 das Artillerie-Zeughaus. Im Rahmen der Entfestigung Hamburgs und des Abbruchs der benachbarten Verteidigungsanlagen erhielt der gesamte Platz ab 1823 an der Nord- und der Westseite eine einheitliche klassizistische Bebauung, die heutigen Häuser 33 bis 38 stammen noch aus dieser Zeit. In dieses Baukonzept sollte sich die neue Kirche einfügen

Bau der Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kirchengrundstück wurde am 15. April 1835[1] überschrieben, als Architekten verpflichtete man den Altonaer dänischen Architekten Ole Jörgen Schmidt einen Schüler von Christian Frederik Hansen. Schmidts Entwurf soll sich an der Schlosskirche von Christiansborg orientiert haben.[2] Die Kirche platzierte man im Mittelpunkt des Ensembles rechtwinklig zur Lage des ehemaligen Zeughauses. Der Bau begann 1836 und konnte am 11. November 1838 eingeweiht[2] werden. Der schlicht gehaltene Putzbau gilt als der reinste klassizistische Kirchenbau im Hamburger Stadtgebiet. Er ist ein 30 m mal 17 m großer[2] quaderförmiger Saalbau, bei dessen Außengestaltung komplett auf typisch sakrale Elemente verzichtet wurde. Die Hauptfassade zum Zeughausmarkt wird mit einem von vier ionischen Säulen getragenen Portikus geschmückt.

Zerstörung, Wiederaufbau und Sanierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Kirche in den Jahren 1944–1945 Schäden. Sie wurde in den Nachkriegsjahren 1946–1947 unter der architektonischen Leitung von Fritz Pahlke[6] durch Pioniere der Britischen Rheinarmee wieder aufgebaut.[3]

Von 1991 bis 1995 wurde das Gebäude umfassend saniert. Leitende Architekten waren Viglas Schindel und Hans-Jürgen Kahle. Im Jahr 2013 mussten Fassade und Mauerwerk erneuert werden, in dem Zusammenhang ergänzte man auch die Beschriftung und Beleuchtung ("Englische Kirche") über dem Eingangsportal.[3]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der flachgedeckte Innenraum besitzt Emporen in Längsrichtung. Im Ostteil des Innenraums befindet sich in einer Altarnische, die durch ein Tonnengewölbe mit Kassettendecke vom restlichen Innenraum abgegrenzt ist, das Altarbild. Es ist eine Kopie der Sixtinischen Madonna.[1] Das Altarbild wird seitlich ergänzt durch Schrifttafeln mit dem Glaubensbekenntnis (Creed), dem Vaterunser (Lord's Prayer) und den zehn Geboten (Ten Commandments).[2]

Eine Gedenktafel erinnert an den Besuch des britischen Thronfolgers und seiner Ehefrau im Jahre 1987.[1]

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Westteil ist die Orgel erhöht angebracht. Sie stammt im Kern aus dem Jahr 1904 und ist ein Bau von Ernst Röver. Im Zuge des Wiederaufbaus der Kirche baute Paul Rother die Orgel 1947 um, 1997 restaurierte Heinz Hoffmann[7][8] das Instrument. Dabei elektrifizierte er die Traktur vollständig, vergrößerte den Tonumfang des Pedals und erweiterte das Schwellwerk um ein Register und den Tremulant.

Ihre Disposition lautet:[9]

I Hauptwerk C–g3
1. Bordun 16′
2. Prinzipal 8′
3. Dolce 8′
4. Gedackt 8′
5. Oktave 4′
6. Flöte 4′
7. Quinte 223
8. Oktave 2′
9. Cornett III
10. Trompete 8′
II Schwellwerk C–g3
11. Geigenprinzipal 8′
12. Flöte 8′
13. Gedackt 8′
14. Praestant 4′
15. Rohrflöte 4′
16. Spitzflöte 2′
17. Scharff III
18. Dulzian seit 1997 8′
Tremulant seit 1997
Pedal C–f1
16. Subbaß 16′
17. Violon 16′
18. Bordun 8′
19. Choralbass 4′
20. Posaune 16′

Die Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde hat 120 Mitglieder, hauptsächlich aus Afrika, den Bahamas, Indien, Kanada, den USA und dem Vereinigten Königreich.[3] Die Kirche gehört zur Diözese in Europa der Church of England. Die für alle Christen offenen Gottesdienste sind englischsprachig nach anglikanischem Ritus und finden jeden Sonntag statt. Die Kirche und ihr Reverend werden nicht durch Kirchensteuer finanziert, sondern aus Spenden von Gemeindemitgliedern und Förderern.[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ralf Lange: Architektur in Hamburg. Junius Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-88506-586-9, S. 60.
  • Matthias Gretzschel: Hamburgs Kirchen: Geschichte, Architektur, Angebote. Axel Springer Verlag, Hamburg 2013, ISBN 978-3-86370-116-1, S. 108–111.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g Jens Meyer-Odenwald: Ein Stück England in einer Hamburger Kirche. In: Hamburger Abendblatt vom 21. Oktober 2014, S. 9.
  2. a b c d e St. Thomas Becket Hamburg. Klassizistische Kirche in der Neustadt; Darstellung auf hamburg.de. Abgerufen am 22. Dezember 2016.
  3. a b c d Englische Kirche am Zeughausmarkt frisch saniert. In: Hamburger Abendblatt vom 10. September 2013, S. 10.
  4. Kurze Darstellung der Geschichte der Kirche auf der Homepage der Gemeinde. Abgerufen am 27. Dezember 2016.
  5. Infotafel am "Englischen Haus" in der Gröningerstraße. Siehe Bild auf Commons.
  6. Kurzbiografie und Werkverzeichnis von Fritz Pahlke. Abgerufen am 20. Dezember 2016.
  7. Der Firmeneintrag bei orgbase.nl nennt Heinz Hoffmann als Nachfolger von Franz Grollmann. Abgerufen am 23. Dezember 2016.
  8. Geschichte der Fa. Hoffmann Orgeln lt. eigener Darstellung. Abgerufen am 23. Dezember 2016.
  9. Eintrag in der Orgeldatenbank orgbase.nl. Abgerufen am 23. Dezember 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Thomas a Becket Church (Hamburg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 53° 32′ 55,4″ N, 9° 58′ 28,6″ O