Englische Kirche (Hamburg)

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Blick vom Zeughausmarkt auf den Portikus der Englischen Kirche

Die Englische Kirche, eigentlich Church of St Thomas Becket in der Hamburger Neustadt ist ein klassizistischer Bau von 1838 ohne Kirchturm. Sie wurde 1838 eingeweiht und steht seit 1941 unter Denkmalschutz.[1][2][3]

Die Anglikaner in Hamburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tafel zum 375-jährigen Jubiläum der Religionsfreiheit für die anglikanische Kirche in Hamburg.

Die Englische Kaufmannsgilde, die Merchant Adventurers, erhielt nach der Reformation als erste und lange Zeit als einzige nicht-lutherische Glaubensgemeinschaft in Hamburg das Recht, ihrer Konfession nach eigenem Ritus und in Englisch nachzugehen. Die freie Religionsausübung wurde den Anglikanern bereits 1611 zugestanden – die Katholiken beispielsweise erhielten dieses Privileg erst 1811. Dies ist ein interessantes Beispiel dafür, dass wirtschaftliche Interessen wichtiger genommen wurden als religiöse Vorbehalte, die Engländer gehörten lange Zeit zu Hamburgs wichtigsten Handelspartnern. Die Andachten fanden in einer Kapelle im „Englischen Haus“ in der Gröninger Straße statt.

Die Englische Kirche am Zeughausmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Merchant Adventurers kehrten nach den Napoleonischen Kriegen nach Hamburg zurück.[1]

Gelände am Zeughausmarkt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Portal der englischen Kirche Hamburg.

Auf dem Standort der heutigen Kirche am Zeughausmarkt, in der Nähe der St.-Michaelis-Kirche, befand sich von 1661 bis 1826 das Artillerie-Zeughaus. Im Rahmen der Entfestigung Hamburgs und des Abbruchs der benachbarten Verteidigungsanlagen erhielt der gesamte Platz ab 1823 an der Nord- und der Westseite eine einheitliche klassizistische Bebauung, die heutigen Häuser 33 bis 38 stammen noch aus dieser Zeit.

Bau der Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kirchengrundstück wurde am 15. April 1835 überschrieben. Im Mittelpunkt des Platzes wurde die rechtwinklig zur Lage des Zeughauses stehende Englische Kirche von 1836 bis 1838 errichtet, welche Thomas Becket (1118–1170), dem Erzbischof von Canterbury, gewidmet wurde.

Die Kirche ist der reinste klassizistische Kirchenbau im Hamburger Stadtgebiet, die Pläne stammen von dem Altonaer dänischen Architekten Ole Jörgen Schmidt, Schüler von Christian Friedrich Hansen.[1] Sie ist ein quaderförmiger Saalbau, dessen Front zum Zeughausmarkt mit einem von vier ionischen Säulen getragenen Portikus geschmückt wird.

Zerstörung, Wiederaufbau und Sanierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Kirche in den Jahren 1944–1945 Schäden. Sie wurde in den Nachkriegsjahren 1946–1947 von britischen Pionieren wieder aufgebaut.[4]

Von 1991 bis 1995 wurde das Gebäude umfassend saniert. Im Jahr 2013 wurden Fassade und Mauerwerk erneuert. Die Schrift Englische Kirche wurde über dem Eingang angebracht.[4]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innenraum mit Blick zum Altarbereich

Der flachgedeckte Innenraum wird von einer weißen Fassung mit wenigen vergoldeten Elementen beherrscht. An den Langseiten sind Emporen eingebaut, die auf viereckigen Pfeilern ruhen. Oberhalb der Seitenemporen gehen die Pfeiler in Rundsäulen mit kubusförmigen Basen und vergoldeten korinthischen Kapitellen über, die die Decke tragen. An der Ostwand des Innenraums befindet sich das Altarbild in einer großen Rundbogennische, die durch vier Pilaster mit Architrav gegliedert wird. Es ist eine Kopie der Sixtinischen Madonna. Das Altarbild wird seitlich flankiert durch Schrifttafeln mit dem Glaubensbekenntnis (Creed), dem Vaterunser (Lord’s Prayer) und den Zehn Geboten (Ten Commandments).

Die Westempore, die von vier Rundsäulen getragen wird, dient als Aufstellungsort für die Orgel. Die erste Orgel wurde 1837–1838 von Johann Gottlieb Wolfsteller eingebaut, der Pfeifen von 1744 aus der Vorgängerkapelle einbezog und auch das barocke Gehäuse übernahm.[1] Ein eingreifender Umbau, der einem Neubau gleichkam, erfolgte 1904 durch Ernst Röver. Nach dem Verlust des Prospekts stellte Paul Rother das beschädigte Instrument im Zuge der Kirchenerneuerung 1946/1947 wieder her. 1997 wurde die Orgel durch Heinz Hoffmann restauriert, der eine elektrische Traktur einbaute und ein Register ergänzte. Heute verfügt das Instrument über 23 Register, die auf zwei Manuale und Pedal verteilt sind. Die Disposition lautet wie folgt:[5]

I Great C–g3
Bordun 16′
Prinzipal 8′
Dolce 8′
Gedackt 8′
Flöte 4′
Oktave 4′
Quinte 223
Oktave 2′
Cornett III
Trompete 8′
II Swell C–g3
Geigenprinzipal 8′
Flöte 8′
Holzgedackt 8′
Prinzipal 4′
Rohrflöte 4′
Spitzflöte 2′
Scharff III
Dulcian 8′
Tremulant
Pedal C–f1
Subbaß 16′
Violon 16′
Bordun 8′
Choralbaß 4′
Posaune 16′

Die Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemeinde hat 120 Mitglieder aus Afrika, Bahamas, Deutschland, Indien, Kanada, Niederlande, Peru, Seychellen, Sri Lanka, USA, Vereinigtes Königreich.[4] Die Kirche gehört zur Diözese in Europa der Church of England. Die Gottesdienste sind englischsprachig nach anglikanischem Ritus und finden jeden Sonntag um 10:30 für Christen aller Nationen statt. Die Kirche und ihr Reverend werden nicht durch Kirchensteuer finanziert, sondern aus Spenden von Gemeindemitgliedern und Gönnern.[2][6]

Exkurs: Die Englische Kirche am Johannisbollwerk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1826 bis 1891 befand sich am Johannisbollwerk die englische-reformierte Kirche, welche wie die heutige Kirche am Zeughausmarkt auch ein klassizistischer Bau und ebenfalls mit einer tempelartigen Eingangsfront versehen, doch an der Schmalseite des Gotteshauses angebracht war. Die baulich ähnliche, englisch-reformierte Kirche am Johannisbollwerk wird auf Radierungen und Lithographien gelegentlich als englische Kirche am Zeughausmarkt benannt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: St. Thomas a Becket Church (Hamburg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Englisch-bischöfliche Gemeinde St. Thomas Becket, Hamburg (Anglican): Geschichte, Architektur, Gegenwart. Infoblatt aus dem Jahr 2014.
  2. a b Jens Meyer-Odenwald: Ein Stück England in einer Hamburger Kirche. In: Hamburger Abendblatt vom 21. Oktober 2014, S. 9.
  3. St. Thomas Becket Hamburg. Klassizistische Kirche in der Neustadt Bei hamburg.de
  4. a b c Englische Kirche am Zeughausmarkt frisch saniert. In: Hamburger Abendblatt vom 10. September 2013, S. 10.
  5. Orgel der Englischen Kirche, abgerufen am 25. Oktober 2017.
  6. The Anglican Church Hamburg’s Page (Englisch).

Koordinaten: 53° 32′ 55″ N, 9° 58′ 29″ O