Erste Einheitsfront

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Tagungssaal in Kanton (heute Guangzhou), in welchem 1924 die Kooperation beschlossen wurde

Als Erste Einheitsfront (chinesisch 第一次国共合作, Pinyin Dì yī cì guógòng hézuò) wird in der Geschichtswissenschaft ein Bündnis zwischen der Nationalen Volkspartei Chinas (Kuomintang) und der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) bezeichnet, welches auf dem 1. Nationalkongress der Republik China im Januar 1924 beschlossen und auf Anordnung der Kommunistischen Internationale im August 1927 als beendet erklärt wurde.

Primäres gemeinsames Ziel sollte die Wiedervereinigung Chinas sein. Die Allianz war von beiden Seiten ein taktisches Manöver. Sie zerbrach, da die Parteien getrennt versuchten, ihren politischen Einfluss in China zu vergrößern. 1937 bildeten beide Kontrahenten erneut ein Bündnis, die Zweite Einheitsfront.[1][2]

Motivationsgründe der Nationalisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sun Yat-sen (rechts) und Chiang Kai-shek 1923 in Kanton

Beeinflusst von der Bewegung des vierten Mai entwickelte der Gründer der Nationalen Volkspartei Chinas, Sun Yat-sen, spätestens ab 1921 Pläne für einen Feldzug gegen die Kriegsherren im Norden Chinas, die das Land spalteten und mit Unterstützung ausländischer Geldgeber regierten. Finanziell und militärisch war die Stärke der Kuomintang begrenzt, sodass Sun Yat-sen für die Verwirklichung seiner Drei Prinzipien des Volkes (Demokratie, Wohlstand, nationale Einheit) ebenfalls Unterstützer im Ausland suchte.[3]

Für diese Zwecke schickte er Chiang Kai-shek auf „Studienreisen“ in die UdSSR und Lin Sen in die USA. Während sich die Vereinigten Staaten noch zurückhielten, versprach die Sowjetunion nicht nur finanziellen, militärischen und personellen Beistand, sondern stellte zusätzlich einen Verzicht aller russischen Ansprüche in Aussicht, welche die ehemalige zaristische Regierung mittels der „Ungleichen Verträge“ in China erworben hatte.[4][5]

Das Politbüro der KPdSU entsandte Adolf Joffe als Sonderbotschafter nach China, der die Details einer Kooperation persönlich mit Sun Yat-sen analysierte. Parallel beorderte die Kommunistische Internationale (Komintern) ihren Agenten Michail Markowitsch Borodin als Berater in das Kantoner Hauptquartier der Kuomintang. Als einzige Bedingung für die Gewährung von Militärhilfen stellte die Führung im Moskauer Kreml die Forderung, dass „alle chinesischen Kommunisten als Individuen der National Volkspartei Chinas beitreten“ können.[6] Die Lieferung der Waffen sollte zu stark vergünstigten Konditionen über das Tarnunternehmen WOSTWAG erfolgen, zudem sicherte die Sowjetunion erhebliche finanzielle und personelle Unterstützung beim Aufbau der Whampoa-Militärakademie sowie der Nationalrevolutionären Armee der Kuomintang zu.[7]

Sun Yat-sen setzte auf dieser Basis das Bündnis gegen zum Teil heftigen innerparteilichen Widerstand durch. Die Führung der Kuomintang erkannte zwar die Gefahren einer derartigen Allianz, hoffte aber, die „einzelnen Kommunisten in sich aufzusaugen“.[8] Ideologisch interpretierte Sun Yat-sen zwei der Drei Prinzipien des Volkes um: fortan entsprach das Prinzip der Wohlfahrt in etwa dem Kommunismus, während das Prinzip der nationalen Einheit als „Anti-Imperialismus“ gedeutet wurde. Keine Kompromisse ging die Führung der Nationalen Volkspartei Chinas bei dem Prinzip der Demokratie ein, die stets nach Vorstellungen der Kuomintang entsprechend westlicher Vorbilder umgesetzt werden sollte.[9] Damit war der Bruch der Allianz mit den Kommunisten nur eine Frage der Zeit.[10]

Motivationsgründe der Kommunisten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Komintern-Agent Borodin (Bildmitte) mit Mitgliedern der Einheitsfront (rechts neben ihm Chiang)

Aus Sicht verschiedener Historiker wurde die Einheitsfront seitens der Sowjetunion aus einem Mangel an Alternativen für die 1921 gegründete, aber machtlose und mitgliederschwache Kommunistische Partei Chinas (KPCh) gebildet.[11] Erklärter Zweck der Komintern war es, „unter Mitgliedern der Nationalen Volkspartei Propaganda zu betreiben, um sie für den Kommunismus zu gewinnen“.[12] Das Politbüro der KPdSU ging dabei soweit, die Kuomintang als Mitglied der Komintern aufzunehmen und Chiang Kai-shek, der nach dem Tod von Sun Yat-sen die Parteiführung der Nationalen Volkspartei übernahm, zum Ehrenmitglied der Exekutive der Komintern (EKKI) zu ernennen.[13]

Tatsächlich gelang der KPCh auf diesem Wege der Durchbruch von einer unbedeutenden Kampfgruppe zur Massenpartei: die Mitgliederzahl erhöhte sich von 57 in 1921 auf 300 im Juni 1924; bis Januar 1926 auf 10.000 und bis April 1927 auf 58.000.[14][15] Demgegenüber besaß die Kuomintang laut einem Parteibericht 1924 bereits 238.000 Mitglieder.[16]

Chen Duxiu, Erster Sekretär der KPCh (1921-27), galt als Trotzkist, Querulant und Widersacher der Einheitsfront

Genauso wie bei den Nationalisten war die Einheitsfront bei den Kommunisten von Anfang an umstritten, wobei die Mitglieder der KPCh bei dem Zustandekommen der Kooperation überhaupt keine Rolle spielten. Die Politik der chinesischen Kommunisten wurde zu diesem Zeitpunkt von Grigori Naumowitsch Woitinski im Auftrag der Komintern geleitet und überwacht. Er war bereits 1921 bei der Gründung der KPCh der Hauptinitiator. Der Streit über die „Zweckehe“ fand maßgeblich in Moskau statt, auf höchster Ebene. Während Leo Trotzki wie in der Sowjetunion die Errichtung einer Diktatur des Proletariats nebst Gründung von Sowjetrepubliken in China durchsetzen wollte, betonte Josef Stalin, dass „eine richtige Politik keineswegs und unter allen Umständen unmittelbar zum Sieg über den Gegner führen müsse“.[17][18]

Faktisch waren die Gegensätze für die Kommunisten unüberbrückbar. Die Kuomintang vereinigte chinesische Unternehmer, Grundbesitzer, Kleinunternehmer, Händler, Akademiker sowie Bauern und Arbeiter. Ihr Ziel war im Wesentlichen ein unabhängiger Nationalstaat. Der Nationalismus gehört jedoch genauso wenig wie der Konsens aller Gesellschaftsschichten zur marxistisch-leninistischen Ideologie. Vielmehr endet das Manifest der Kommunistischen Partei mit dem Ausruf „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ – was laut Marx und Lenin nur durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftsordnungen erreicht werden könne.[19]

Dementsprechend forderte die Komintern unter der Leitung von Trotzki von der KPCh ein „revolutionäres Bündnis, bei welchem die chinesische Arbeiterklasse die Hauptkräfte stellen müsse“.[20] Tatsächlich lag der Anteil der Arbeiterschaft bei nur 0,5 Prozent der damaligen chinesischen Gesamtbevölkerung.[21] Mit diesem Argument setzten die Realpolitiker hinter Stalin die Einheitsfront gegen sämtliche Einwände der Trotzkisten durch und forderten alle Mitglieder der KPCh auf, eine zweite Parteimitgliedschaft in der Kuomintang zu erwerben.[22]

Der Eintritt der chinesischen Kommunisten wurde parteiintern unter der Forderung angenommen, dass die Arbeit in der Kuomintang niemals die Eigenständigkeit der KPCh gefährden dürfe.[23] Klare Anweisung zur „Unterwanderung der bürgerlich-demokratischen Nationalen Volkspartei“ erteilte Woitinski; so sollten „Kommunisten ihre Vorschläge nicht aufzwingen und vorsichtig bei der Übernahme von Führungspositionen in der Kuomintang sein“; nach außen müsse darauf geachtet werden, dass die Mitglieder der KPCh den „breiten, demokratischen, national-revolutionären Kuomintang-Charakter bewahren“, jedoch „möglichst viele Arbeiter für die Kuomintang rekrutieren“, die später „auch für die marxistisch-leninistischen Ideale eintreten“ können. Unter allen Umständen müsse „gegen alle Versuche angekämpft werden, innerhalb der Kuomintang eine eigene Fraktion zu bilden, die zur Spaltung der Einheitsfront führen würde“.[24][25]

Ein entsprechender Beschluss über die Bildung des Bündnisses kam nach heftigen Diskussionen beider Parteien auf dem 1. Nationalkongress der Republik China zustande, der vom 20. bis 30. Januar 1924 in der Shifan daxue, der Pädagogischen Hochschule von Kanton, stattfand. Anwesend waren insgesamt 145 Delegierte der Kuomintang und 20 Delegierte der KPCh. Bei der Eröffnungszeremonie verbeugten sich die kommunistischen Abgeordneten dreimal vor der Flagge der Kuomintang und einmal vor Sun Yat-sen. Danach wurde das Parteilied der Nationalen Volkspartei Chinas gesungen, die spätere Nationalhymne der Republik China.[26]

Am 25. Januar traf die Nachricht über den Tod Lenins ein, worauf die Konferenz für drei Tage ruhte. Anschließend wurden die Gründungen der Whampoa-Militärakademie sowie der Nationalrevolutionären Armee beschlossen, in denen als Führungskräfte Nationalchinesen und Kommunisten gemeinsam wirken sollten. Unter den Kongressteilnehmern der KPCh befanden sich unter anderem Zhou Enlai und Mao Zedong, die wie alle Delegierte am letzten Tag feierlich die Drei Prinzipien des Volkes gelobten.[27]

Etappen der Partnerschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teilnehmer des 2. Nationalkongress der Republik China (Mao Zedong steht in zweiter Reihe; Dritter von rechts)

Ein erster Riss bildete sich bereits kurz nach dem Ableben Lenins. Dieser hatte 1919 erklärt, dass „Russland den Chinesen mit Hilfe der ‚Ungleichen Verträge‘ wie ein Dieb 1,5 Millionen Quadratkilometer Land abgenommen“ habe, woraufhin das Karachan-Manifest veröffentlicht wurde.[28] Darin verurteilte die Regierung Sowjetrusslands die „imperialistischen Ziele“ des Russischen Kaiserreiches und verzichtete auf sämtliche politischen Sonderrechte und Ansprüche der ehemaligen russischen Regierung gegenüber China. Noch im Mai 1924 versprach die Sowjetregierung die Rückgabe der von der Roten Armee okkupierten Äußeren Mongolei, hatte jedoch schon längst eine Marionettenregierung installiert, die am 13. Juli 1924 die Gründung der Mongolischen Volksrepublik proklamierte.[29][30][31]

Damit setzte Stalin, der stets ein schwaches China wollte, ungehindert die Expansionspolitik des russischen Zarenreiches fort.[32][33] Keine politische Gruppierung in China erkannte die Sezession an, selbst die chinesischen Kommunisten betrachteten die Äußere Mongolei weiterhin als nicht abtrennbaren Teil Chinas. Der rechte Flügel der Kuomintang, die sogenannte Westberge-Fraktion um Lin Sen, forderte die sofortige Beendigung der Kooperation mit den Kommunisten. Sun Yat-sen konnte die Allianz zusammenhalten und betrachtete die De-facto-Annexion als sekundäres Thema, zumal Moskaus Marionettenregierung völkerrechtlich kein anderes Land anerkannte. Genauso beurteilte Mao Zedong die Situation und betonte später wiederholt: „Wenn die Revolution des Volkes erst einmal in China gesiegt hat, dann wird die Äußere Mongolei automatisch wieder ein Teil Chinas werden.“[34][35]

Wang Jingwei (links) zusammen mit Chiang Kai-shek, 1926

Sun Yat-sen verstarb am 12. März 1925 in Peking an Krebs. Die Republik China hatte damit ihren Gründungsvater verloren und zugleich die Integrationsfigur, welche die Kuomintang und KPCh zusammenhielt. Noch hielt das Bündnis, dass nach dem Massaker vom 30. Mai erstmals an Bedeutung gewann. Britische Polizeikräfte hatten am 30. Mai 1925 bei einer Demonstration in Shanghai Schusswaffen eingesetzt und mehrere chinesische Studenten getötet. Einem Flächenbrand gleich breitete sich über das gesamte Land eine von der Einheitsfront organisierte Protestbewegung aus, die im 16 Monate währenden Kanton-Hongkong-Streik gipfelte. Beide Parteien profitierten von den Ereignissen, hinsichtlich Mitgliederzuwächsen, Bekanntheit und Akzeptanz.[36]

Nach diesen Erfolgen forderte überraschend der Vorsitzende der KPCh, Chen Duxiu, gegen Ende 1925 öffentlich, dass sich seine Partei von der Nationalen Volkspartei trennen und unabhängig werden müsse. Er berief sich dabei auf Trotzki, der die Einheitsfront fortwährend als einen „Bund mit dem Teufel“ bezeichnete. Erneut intervenierte Stalin persönlich und rief zur Beibehaltung der Kooperation auf. Das gleiche taten Chiang Kai-shek und Wang Jingwei, die beide zu diesem Zeitpunkt gemeinsam und erfolgreich gegen den rechten Flügel der Kuomintang kämpften, der unverändert die Entfernung der Kommunisten aus der Partei propagierte.[37][38]

Vom 4. bis 19. Januar 1926 fand in Kanton der von Wang Jingwei geleitete 2. Nationalkongress der Republik China mit 166 Kuomintang- und 90 KPCh-Delegierten statt. Dieser Kongress wird von Historikern als Höhepunkt in der offiziellen Zusammenarbeit zwischen den Nationalchinesen und Kommunisten bezeichnet. Er war ein großer Erfolg für die Befürworter der Einheitsfront und eine große Niederlage für deren Gegner. In dem verabschiedeten Programm stand die nationale Einheit an oberster Stelle, die mit Hilfe eines militärischen Feldzuges geschaffen werden sollte. Als Ziel des Feldzugs hielten die Kongressteilnehmer in der Verwirklichung des wichtigsten Auftrags aus dem Vermächtnis von Sun Yat-sen fest, „China aus den Händen der Warlords zu befreien und in die Unabhängigkeit zu führen“, das „Joch der imperialistischen Mächte, unter dem China seit 1840 [litt], abzuschütteln“ und „die Einheit Chinas in Form einer demokratischen Republik zu schaffen“.[39] Zudem wählten die Delegierten Chiang Kai-shek und Wang Jingwei in das zentrale Exekutivkomitee der Kuomintang. Beide galten als die einflussreichsten Politiker der Partei und bis 1927 als Verfechter der Einheitsfront.[40]

Bruch der Allianz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowjetische Militärberater während des Nordfeldzuges in China
Kommunistische Kämpfer in Shanghai, April 1927

Am 9. Juli 1926 begann der Nordfeldzug. Bereits in den ersten Wochen konnten große Erfolge erzielt werden. Die Truppen der Nationalrevolutionären Armee kamen nicht als Eroberer, sondern als Befreier. Innerhalb von nur sechs Monaten wurden sieben Provinzen mit damals rund 280 Millionen Einwohnern vereint. Am 22. März 1927 konnten Shanghai und am 23. März Nanjing eingenommen werden, wo am 18. April 1927 die Bildung einer neuen Nationalregierung erfolgte.[41] In diesem entscheidenden Zeitraum musste die Komintern feststellen, dass sich der Anspruch der Kuomintang nicht allein auf die Anerkennung einer Zentralregierung der Kuomintang beschränkte, sondern deren Vorstellung eines unabhängigen Nationalstaates in greifbare Nähe rückte.[42]

Ab Januar 1927 arbeitete Borodin im Auftrag der Komintern an einer Stärkung des Einflusses der KPCh innerhalb der gemeinsamen Truppen und gezielt an einer Schwächung der Position Chiang Kai-sheks. Anfang 1927 hielt die Komintern in einem politischen Bericht fest, dass in den von der Nationalrevolutionären Armee „befreiten Gebieten die Massenbewegung in eine revolutionäre Phase eingetreten“ sei. Dort begannen Bauern, aufgewiegelt durch die KPCh, Haus- und Grundbesitzer sowie Händler zu enteignen und das Land untereinander aufzuteilen. Die gewaltsamen Eingriffe stießen bei den Besitzern auf bewaffneten Widerstand, zumal viele Kämpfer und Offiziere der Kuomintang aus Familien mit Grundeigentum stammten.[43]

Gegen Ende Januar 1927 trafen die chinesischen Kommunisten in Hunan, Hubei und Jiangxi Vorbereitungen für die Errichtung territorialer Basen und eigenständiger Sowjetrepubliken. Nachdem Chiang Kai-shek parallel erfuhr, dass die Sowjetunion Kriegsgerät sowohl an die Nationalrevolutionäre Armee als auch an den Warlord Feng Yuxiang lieferte, erklärte er auf einer Parteiversammlung, dass „das diktatorische und widersprüchliche Verhalten der Sowjets eine Gefahr für die Kuomintang sei und die chinesisch-sowjetischen Beziehungen nachteilig beeinflusse“.[44][45]

Im Februar 1927 inszenierte die KPCh eine intensive Hetzkampagne gegen Chiang Kai-shek. Vorgeworfen wurde ihm eine „intensive Zusammenarbeit mit westlichen ausländischen Mächten“ und der „Verrat des Vermächtnisses Sun Yat-sens“, was in keiner Weise zutraf. Am 17. März erklärten chinesische Kommunisten und linke Kuomintang-Mitglieder in Wuhan die Bildung einer neuen Regierung sowie die Absetzung Chiang Kai-sheks von allen seinen Parteiämtern. Daraufhin schlossen sich das Zentrum und der rechte Flügel der Kuomintang in Nanjing zusammen und stellten am 20. März alle sowjetischen Berater sowie 50 chinesische Kommunisten unter Hausarrest.[46]

Anfang April versuchte die KPCh unter anderem in Guangzhou, Nanchang, Changsha und Shanghai die Gründung von Räterepubliken. In dieser Folge brach am 12. April in Shanghai eine blutige Schlacht zwischen beiden Parteien aus, welche die kommunistische Geschichtsschreibung als Massaker von Shanghai und als Bruch der Einheitsfront seitens Chiang Kai-sheks bezeichnete.[47] Einem umstrittenen Bericht zufolge, den die KPCh auf dem 4. Nationalkongress der Kuomintang vorlegte, waren im April und Mai 200 Kommunisten umgekommen, 500 verwundet und 1.200 verhaftet worden.[48] Chinesische Historiker betrachten die Ereignisse heute differenzierter, da sich während des Konfliktes auch kommunistische Fraktionen, insbesondere Stalinisten und Trotzkisten, untereinander bekämpften. Des Weiteren sollen an der „Jagd auf Kommunisten“ offen Agenten ausländischer Vertretungen in China beteiligt gewesen sein, die der Kommunistischen Partei Chinas ablehnend gegenüber standen; ganz zu schweigen von rechtslastigen Warlords.[49]

Die heutige Forschung geht davon aus, dass nicht Chiang Kai-shek den Bruch der Einheitsfront zu verantworten hatte, sondern kommunistische Mitglieder die der Komintern nahe standen. Speziell die geplante Gründung von Sowjetrepubliken stand im eklatanten Gegensatz zu dem gemeinsam vereinbarten Ziel, der Wiedervereinigung Chinas. Erwiesenermaßen ordnete Stalin am 27. Mai 1927 die chinesischen Kommunisten explizit an, in der Kuomintang zu bleiben. Der Errichtung von Sowjetrepubliken widersprach er nicht und betonte, dass sich „die Massen auf dem Land den Boden von unten aneignen“ sollten, aber nicht „durch kommunistische Truppen, sondern durch eine kommunistisch organisierte Bauernschaft“.[50][51][52]

Am 13. Juli 1927 veröffentlichte das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas in Wuchang eine ausführliche Proklamation zur aktuellen politischen Situation in der die Zusammenarbeit mit der Kuomintang für beendet erklärt wurde.[53] Nachdem sich in dieser Folge auch der linke Flügel der Nationalen Volkspartei Chinas gegen die Unterwanderungsmethoden der Kommunisten wandte, wurde am 7. August 1927 von der Komintern der Bruch der Einheitsfront und der Kampf gegen die Kuomintang offiziell beschlossen.[54] Am 11. September 1927 initiierte die Komintern den Herbsternte-Aufstand, womit der Chinesische Bürgerkrieg begann.[55]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Han-Sin Liau: Die ungleichen Verträge und die chinesische Revolution. Berliner Vertretung der Kuo-Min-Tang, 1927.
  • Heng-yü Kuo: Die Komintern und die chinesische Revolution. Die Einheitsfront zwischen der KP Chinas und der Kuomintang 1924-1927. Schöningh, 1979.
  • Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Eine Kulturbewegung im China des frühen 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Westens und japanischer Vorbilder. Otto Harrassowitz Verlag, 2001.
  • Ulrike Eifler: Neoliberale Globalisierung und die Arbeiterbewegung in China. ibidem-Verlag, 2012.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gotelind Müller: China, Kropotkin und der Anarchismus. Eine Kulturbewegung im China des frühen 20. Jahrhunderts unter dem Einfluss des Westens und japanischer Vorbilder. Otto Harrassowitz Verlag, 2001, S. 513 f.
  2. Ulrike Eifler: Neoliberale Globalisierung und die Arbeiterbewegung in China. ibidem-Verlag, 2012, S. 89.
  3. Allen Whiting: The Soviet Offer to China of 1919. The Journal of Asian Studies, August 1951, S. 355–364.
  4. Leong Sow-Theng: Sino-Soviet Relations. The First Phase 1917-1920. Contemporary China Papers No. 1. Australian National University, 1971, S. 111.
  5. Jay Taylor: The Generalissimo. Chiang Kai-shek and the Struggle for Modern China. Harvard University Press, 2009, S. 17 f.
  6. Ulrike Eifler, S. 89.
  7. Raymond L. Garthoff: Sino-Soviet Military Relations. Frederick A. Praeger, 1966, S. 22.
  8. Gotelind Müller, S. 513.
  9. Hsu-Hsin Chang, Leonard H. D. Gordon: All under heaven, Sun Yat-Sen and his revolutionary thought. Hoover Inst Press, 1991, S. 67.
  10. Heng-yü Kuo: Die Komintern und die chinesische Revolution. Die Einheitsfront zwischen der KP Chinas und der Kuomintang 1924-1927. Schöningh, 1979, S. 43 f.
  11. Saskia Hieber: Politische Integration eines Milliardenvolkes; China. In: Stefan Köppl (Hrsg.): Was hält Gesellschaften zusammen? Ein internationaler Vergleich. Springer-Verlag, 2012, S. 180.
  12. Ulrike Eifler, S. 90.
  13. Ulrike Eifler, S. 90.
  14. Ulrike Eifler, S. 91.
  15. Wolfgang Franke, Brunhild Staiger: China. Gesellschaft. Politik. Staat. Wirtschaft. Springer-Verlag, S. 141.
  16. Dieter Kuhn: Die Republik China von 1912 bis 1937. Entwurf für eine politische Ereignisgeschichte. Würzburger Sinologische Schriften, 2007, S. 290.
  17. Martin Wilbur: The Nationalist Revolution in China, 1923-1928. Cambridge University Press, 1983, S. 65 f.
  18. Aufsatz von Michael Koschitzki: China 1927. Aufstand und Massaker in Shanghai. Die Taktik und Rolle der Komintern. (veröffentlicht am 12. April 2007)abgerufen am 7. November 2017
  19. Leo Trotzki: Die III. Internationale nach Lenin: das Programm der internationalen Revolution und die Ideologie des Sozialismus in einem Land, 1928. MEHRING Verlag GmbH, 1993, S. 213.
  20. Mechthild Leutner: KPdSU(B), Komintern und die Sowjetbewegung in China, Band 1. LIT Verlag Münster, 2000, S. 74.
  21. Sabine Dabringhaus: Geschichte Chinas 1279-1949. Walter de Gruyter, 2015, S. 79.
  22. Wolfgang Franke, Brunhild Staiger, S. 141.
  23. Wolfgang Franke, Brunhild Staiger, S. 141.
  24. Aufsatz von Michael Koschitzki: China 1927. Aufstand und Massaker in Shanghai. Die Taktik und Rolle der Komintern. (veröffentlicht am 12. April 2007)abgerufen am 7. November 2017
  25. Suisheng Zhao: A Nation-State by Construction. Dynamics of Modern Chinese Nationalism. Stanford University Press, 2004, S. 50 f.
  26. Dieter Kuhn, S. 290.
  27. Rana Mitter: Modern China. Sterling Publishing Company, 2009; S. 66.
  28. Eine schwarze Wolke hängt über uns., online DER SPIEGEL, 11. Februar 1974, abgerufen am 15. November 2017.
  29. Iwan Jakowlewitsch Korostovetz: Von Cinggis Khan zur Sowjetrepublik. Eine kurze Geschichte der Mongolei unter besonderer Berücksichtigung der neuesten Zeit. Walter de Gruyter, 1926, S. 328.
  30. Bruce A. Elleman: The Soviet Union's Secret Diplomacy Concerning the Chinese Eastern Railway, 1924–1925. Journal of Asian Studies, Band 53, S. 461-471.
  31. Zhihong Chen: Die China-Mission Michail Borodins bis zum Tod Sun Yatsens. Ein Beitrag zur sowjetischen Chinapolitik in den Jahren 1923-25. LIT-Verlag, 2000, S. 177.
  32. Boris Meissner: Das Potsdamer Abkommen. Rückblick nach 50 Jahren. Braumüller, 1996, S. 105.
  33. Eva-Maria Stolberg: Stalin und die chinesischen Kommunisten. Eine Studie zur Entstehungsgeschichte der sowjetisch-chinesischen Allianz vor dem Hintergrund des Kalten Krieges. Franz Steiner Verlag, 1997, S. 113.
  34. Drachensaat Mongolei DER SIEGEL 32/1961, online DER SPIEGEL, 2. August 1961, abgerufen am 27. Juli 2017.
  35. Zhihong Chen: Die China-Mission Michail Borodins bis zum Tod Sun Yatsens. Ein Beitrag zur sowjetischen Chinapolitik in den Jahren 1923-25. LIT-Verlag, 2000, S. 177.
  36. Sabine Dabringhaus, S. 87.
  37. Kai Vogelsang: Kleine Geschichte Chinas. Reclam Verlag, 2014, S. 201.
  38. Thomas C. Kuo: Ch'en Tu-Hsiu (1879-1942) and the Chinese Communist Movement. Seton Hall University Press, 1975, S. 126.
  39. Dieter Kuhn, S. 335-345.
  40. Dieter Kuhn, S. 335-345.
  41. Martin Wilbur: The Nationalist Revolution in China, 1923-1928. Cambridge University Press, 1983, S. 22–65.
  42. Lloyd E. Eastman: Nationalist China during the Nanking Decade, 1927–1937. Harvard University Press, 1991, S. 67 f.
  43. Dieter Kuhn, S. 363-393.
  44. Andreas Steen, S. 342.
  45. Dieter Kuhn, S. 358 f.
  46. Alexander V. Pantsov, Steven I. Levine: Mao. Die Biographie. S. Fischer Verlag, 2014, S. 243.
  47. Lloyd E. Eastman, S. 55.
  48. Ulrike Eifler, S. 89.
  49. Kuhn, 388.
  50. Diana Diana: China's Civil War. Cambridge University Press, 2015, S. 114 f.
  51. Peter Worthing: General He Yingqin. The Rise and Fall of Nationalist China. Cambridge University Press, 2017, S. 80 f.
  52. Dieter Kuhn, S. 400.
  53. Dieter Kuhn, S. 400.
  54. Ulrike Eifler, S. 90-91.
  55. Yutong Yang: Autumn Harvest Uprising (1927). in Xiaobing Li (Hrsg.): China at War - An Encyclopedia. Santa Barbara Press, 2012, S.15 f.