Expletivum

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Expletivum (auch Expletiv, abgeleitet von lateinisch explēre ‚ausfüllen‘) bezeichnet in der Grammatik ein Pronomen, das ausschließlich aus Gründen des korrekten Satzbaus verwendet wird, jedoch keinen inhaltlichen Bezug zu einem Gegenstand oder einer Person aufweist. Typisch für Expletiva ist ihr Erscheinen in der Position eines grammatischen Subjekts, dies ist aber nicht der einzige Fall, vor allem nicht im Deutschen.

Im Deutschen hat das Pronomen es unter anderem Funktionen als Expletiv. Dies betrifft Beispiele wie: „Es regnet“, „Es warten schon viele Leute vor der Tür“, „Es war einmal ein König...“.

In einer anderen Bedeutung wird auch ein Füllwort manchmal als Expletiv bezeichnet.

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als expletiv werden verschiedentlich Pronomina bezeichnet, die nicht zum Verweis auf ein Individuum dienen, sondern eine durch die Satzstruktur definierte Position sichtbar machen. Sie sind also keine Argumente bzw. Ergänzungen auf der Inhaltsebene, sondern allenfalls auf der formalen, grammatischen Ebene. Drei Typen von Funktionen kommen hier prinzipiell in Frage, die in den folgenden Abschnitten genauer dargestellt werden:

  • Formales Argument, im Deutschen auch als Fixes Es bezeichnet: Bedeutungsleere Ausdrücke, die von einzelnen Verben als solche verlangt werden, z. B. Witterungsverben: Es regnet. („Wetter-es“).
  • Strukturelles Subjekt-Expletiv: Platzhalter für die Subjektposition in Konstruktionen, wo Verben kein Subjekt verlangen oder das Subjekt in einer anderen Position steht als normal (im Deutschen nicht vorhanden).
  • Vorfeld-Es: Platzhalter für die Anfangsposition in deutschen Verbzweit-Sätzen, wenn keines der vorhandenen Satzglieder durch Voranstellung herausgehoben werden soll.

In der deutschen Grammatik sind jedoch verschiedene Terminologien üblich, und so wird manchmal nur der erste Typ, „fixes Es“, als Expletiv bezeichnet und dem Vorfeld-Es gegenübergestellt,[1] manchmal wird umgekehrt nur das Vorfeld-Es als expletiv bezeichnet und dem „fixen Es“ gegenübergestellt.[2] Im vorliegenden Artikel wird also der weitestmögliche Begriff des Expletivs zugrundegelegt.

Im Gegensatz zu den obigen Fällen wird das ebenfalls bedeutungsleere Korrelat-Pronomen „es“, das ausgelagerte Nebensätze vertritt, normalerweise nicht zu den Expletiva gezählt;[3] es kann aber mit den Expletiva in eine Kategorie „nicht-phorische“ Pronomen zusammengefasst werden,[4] um sie den normalen anaphorisch funktionierenden Pronomen gegenüberzustellen.

Das Expletivum als „formales Argument“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser erste Typ zeichnet sich dadurch aus, dass das Erscheinen des Expletivpronomens an bestimmte Verben gekoppelt ist. Typische Fälle sind Witterungsverben oder Existenzausdrücke. Die Kopplung an bestimmte Verbklassen bringt es mit sich, dass sich solche Expletivkonstruktionen in verschiedenen Sprachen parallel wiederfinden.

Das Pronomen es bei deutschen Witterungsverben wird als Expletiv bezeichnet, weil es nicht auf einen fassbaren Gegenstand verweist und nicht erfragbar ist (in der Fachliteratur ist aber teilweise auch bezweifelt worden, dass es wirklich inhaltsleer ist[5]). Es verhält sich syntaktisch wie andere Subjekte und kann z. B. im Satz umgestellt werden. – Analog erscheint im Französischen ein bedeutungsleeres il:

  • Deutsch: Es wird regnen / schneien / donnern.
(Umstellung: Gleich wird es regnen.)
  • Französisch: Il va pleuvoir / neiger / tonner.

Auch manche Konstruktionen, die Existenz ausdrücken, verlangen expletive Subjekte (die vorhandene Sache erscheint als direktes Objekt):

  • Deutsch: Hier gibt es Ameisen.
  • Französisch: Il y a des fourmis ici. („Es hat Ameisen hier“)

Im Deutschen kommen in gleicher Art auch bedeutungsleere, expletive Objekte in bestimmten Wendungen vor:[6]

  • Er hat es eilig.

Strukturelles Subjekt-Expletiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt im Deutschen Sätze, die aus allgemein-grammatischen Gründen kein Subjekt haben, nämlich das unpersönliche Passiv. In diesen unpersönlichen Konstruktionen des Deutschen erscheint kein Expletiv, stattdessen wird völlig subjektlos konstruiert:

  • Geraucht werden darf hier nicht!

Der Unterschied zum ersten Typ ist, dass die Subjektlosigkeit des unpersönlichen Passivs unabhängig vom einzelnen Verb ist. Das Deutsche hat also keine grammatische Regel, die für die Subjektposition allgemein verlangt, dass sie mit einem Expletivpronomen sichtbar gemacht werden muss (es hat nur einzelne Verben, die für sich ein besonderes Pseudo-Subjekt verlangen).

In anderen Sprachen, die ein unpersönliches Passiv haben, findet sich dagegen ein expletives Subjekt, und folglich eine grammatische Bedingung für die Subjektposition als solche, dass diese gefüllt werden muss:[7]

  • Norwegisch:
Ofte vart det telefonert.
Oft wurde EXPL telefoniert.
Deutsch: „Oft wurde (??es) telefoniert.“
  • Ähnlich verhält sich auch das Niederländische, es besitzt ein Subjekt-Expletiv er:
Elk  uur      dat er gewerkt    kon worden,  werd er  ook  effectief   gewerkt.
„Jede Stunde, die -- gearbeitet werden kann, wird --  auch tatsächlich gearbeitet.“

Im Englischen (das kein unpersönliches Passiv besitzt) erscheint ein Expletivum there an der Subjektstelle, wenn das Subjekt nicht an seiner Standardposition steht, sondern tiefer im Satzinneren:[8]

  • Standardreihung ohne Expletiv:
Some ships have been lost.
  • Abweichende Subjektposition plus Expletiv:
There have been ships lost.

Auch dieses Phänomen findet sich nicht im Deutschen: Das Subjekt kann im deutschen Satz an verschiedenen Positionen auftreten, es existiert keine Standardposition, die bei Freibleiben durch ein Expletiv versorgt werden muss.[9] Man beachte, dass die deutsche Übersetzung Es sind Schiffe verlorengegangen dem englischen Satz zwar oberflächlich gleicht, aber anders gebaut ist – diese Art von Beispiel wird im nächsten Abschnitt dargestellt. Der Zusatz eines Adverbs zeigt wieder den Unterschied: Im Deutschen kann nun kein es eingesetzt werden, während das there im Englischen weiterhin erforderlich ist.

  • Unfortunately, there have been ships lost.
  • Leider sind Schiffe verloren gegangen.

Vorfeld-Expletiv[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der deutsche Aussagesatz hat nicht die Form S-V-O wie der englische, sondern ist ein Verbzweit-Satz. In den Begriffen des Feldermodells besteht er aus einem vielseitig verwendbaren „Vorfeld“, gefolgt von der „linken Satzklammer“, in der das finite Verb steht, und dem Rest, der in „Mittelfeld“ und „rechter Satzklammer“ steht.

Das Deutsche hat nun ein spezielles Expletiv, um das Vorfeld zu füllen. Das Vorfeld muss besetzt sein, weil die Verbzweitstellung dafür zuständig ist, den Satz als Aussagesatz zu kennzeichnen.

Vorfeld linke Klammer Mittelfeld rechte Klammer Nachfeld
Einige Schiffe sind leider verloren gegangen (Subjekt im Vorfeld)
Leider sind einige Schiffe verloren gegangen (Adverb im Vorfeld)
Es sind leider einige Schiffe verloren gegangen (Expletiv im Vorfeld)
-- Sind einige Schiffe verloren gegangen (Leeres Vorfeld, ergibt Fragesatz)

Dieses Vorfeld-Expletiv es erkennt man daran, dass es nicht im Satzinneren stehen kann, folglich handelt es sich nicht um ein expletives Subjekt, wie in dem Fall von Verben des Typs regnen (Test: Regnet es? – Ja, den ganzen Tag regnet es schon).[10] Wie die obigen Beispiele zeigen, kommt das Vorfeld-Expletiv auch zusammen mit einem Nominativsubjekt im Satz vor.

Nur im unpersönlichen Passiv (diskutieren (intr.) → „Es wurde bis in die Morgenstunden diskutiert“) ist kein Subjekt zusätzlich zum Vorfeld-Es vorhanden, weswegen dann das Vorfeld-Es manchmal fälschlich für ein Subjekt gehalten wird.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hubert Haider: The Syntax of German. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 2010. ISBN 978-0-521-86525-8
  • Karin Pittner, Judith Berman: Deutsche Syntax. Ein Arbeitsbuch. 4., aktualisierte Auflage. Narr, Tübingen 2010, ISBN 978-3-8233-6610-2.
  • Gisela Zifonun, Ludger Hofmann, Bruno Strecker (& al.): Grammatik der deutschen Sprache (3 Bde.). Walter de Gruyter, Berlin 1997.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. So Pittner & Berman (2010), S. 128.
  2. Zifonun & al. (1997), S. 1082.
  3. Indirekt: Pittner & Bermann (2010), S. 128–131. – Zifonun & al. (1997), S. 1082.
  4. Zifonun & al. (1997), S. 1082.
  5. Siehe die Diskussion in: Yadira Álvarez López: From meteorology to linguistics: what precipitation constructions in English, French and Spanish tell us about arguments, argumenthood, and the architecture of the grammar. In: Glossa: a journal of general linguistics, Vol. 6(1), 2021. doi:10.5334/gjgl.1271.
  6. Pittner & Berman (2010), S. 129
  7. Norwegisches Beispiel aus: Hubert Haider: The Syntax of German. Cambridge University Press 2010. S. 21
  8. Vgl. Haider (2010), S. 21. Dessen Beispiel (17a) durch ein natürlicher klingendes Beispiel ersetzt.
  9. Ausführlich hierzu: Haider (2010), Kap. 2
  10. Vgl. Pittner & Berman (2010), S. 130, mit anderen Beispielen und ohne explizite Felderanalyse.
  11. Fälschlich so in: E. Hentschel & H. Weydt: Handbuch der deutschen Grammatik. 5. Auflage. de Gruyter, Berlin 2021. S. 346f. Siehe dagegen die ausführliche Diskussion der Konstruktionen mit es in: Pittner & Berman (2010), Kapitel 9.1.; Haider (2010), S. 20ff; sowie Wolfgang Sternefeld: Syntax. Eine merkmalsbasierte generative Beschreibung des Deutschen. 3. Auflage. Narr, Tübingen 2008. Kapitel II.3.3.3 und III.6.3.