Extensive Tierhaltung

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extensive Schweineproduktion in den Alpen bei Cimalmotto (Schweiz)

Die extensive Tierhaltung (von lat. extendere = „ausdehnen“) bezeichnet Systeme der Tierproduktion, welche durch eine großflächige Landnutzung mit geringem Viehbesatz bei geringerer Nutzung anderer Produktionsfaktoren gekennzeichnet ist. Sie ist das Gegenteil der intensiven Tierhaltung.

In den meisten Fällen ist kein Zusatzfutter notwendig und das Vieh ist häufig ganzjährig auf der Weide. Um Überweidungsschäden zu verhindern, werden oftmals mehrere Tierarten kombiniert, die die Grasnarbe unterschiedlich belasten und einen ökologisch sinnvollen Weidedruck ergeben. Zudem liegt darin der Grund für die vormals nomadischen Formen der Fernweidewirtschaft, die nach wie vor die sinnvollste und häufigste Nutzungsform der empfindlichen Naturweiden in den Trockengebieten der Erde darstellt.[1][2] (siehe auch Pastoralismus)

Mehr als ein Viertel der gesamten Landoberfläche der Erde werden auf diese Weise extensiv landwirtschaftlich genutzt.[3]

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Tierhaltungsverfahren ist dann extensiv, wenn mindestens ein Produktionsfaktor (Arbeit, Boden, Kapital) extensiv – also nur geringfügig – genutzt wird. Ziel der extensiven Viehhaltung ist es, meist ertragsschwache Landwirtschaftsflächen noch rentabel zu bewirtschaften. In der dicht besiedelten Ökumene kommt zudem der Flächenerhalt von Kulturlandschaften im Sinne des Naturschutzes hinzu.[4]

Als Maßeinheit für den Viehbesatz wird in der Regel die Großvieheinheit (GV oder GVE) verwendet, die für ein Rind oder ein Kamel oder beispielsweise für 10 Schafe oder 12 Ziegen steht.

(Die folgend genannten Werte dürfen nicht in Relation zu den Durchschnittswerten verschiedener Staaten gesehen werden – wie u. a. im Artikel Viehbesatz genannt –, da dort extensive und intensive Systeme in die Berechnung einfließen.)

Kamele sind weitaus besser an die spärliche Vegetation der Wüsten angepasst als Rinder, so dass die auf Rinder basierenden Großvieheinheiten im Grunde nur eine grobe Orientierung zulassen.
Da für Rentiere das gleiche wie für Kamele gilt, wird ihr Besatz in Stückzahlen angegeben.
Extensiver Tierbesatz zur nachhaltigen Bestandssicherung der jeweiligen Weidelandschaften
Weidelandtyp  GVE 
je 100 ha, von … bis
Quelle
Subarktische Tundren u. Waldtundren   1 bis 7 Rentiere
(entspricht 0,3–2,1)
spektrum.de[5]
Kalte Wüsten (Asien) 0,5–3 UNI Greifswald[6]
spektrum.de[5]
Heiße Wüsten (Afrika, Asien) 1,8–3,3 FAO[7]
spektrum.de[5]
Kalte Halbwüsten (Asien) 3–5 Schultz[8]
Trockensteppen (Asien) 5–16 Schultz[8]
Heiße Halbwüsten (Afrika, Asien) 6,7–10 spektrum.de[5]
Trockene Savannen (Afrika, Asien) 8,3–16 spektrum.de[5]
Grassteppen (Asien) 16–50 Schultz[8]
Hutewald (Mitteleuropa) 16–30 ABU Soest[9]
Magerrasen (Mitteleuropa) 30–50 ABU Soest[9]
Almen (Mitteleuropa) 50–80 ABU Soest[9]
Extensive Grünlanderhaltung 80–150 ABU Soest[9]
z. Vgl. Intensive Tierhaltung 200–600 Schultz[8]
ABU Soest[9]

Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schafherde der Kuchi-Nomaden Afghanistans: In den Trockenregionen der Erde ist die extensive Tierhaltung sowohl zur Selbstversorgung als auch für den Markt bislang ohne Alternative.

Der Ursprung der extensiven Tierhaltung liegt bei den Hirtennomaden Asiens und Afrikas. Alle daraus hervorgegangenen Systeme der sogenannten „Fernweidewirtschaft“ sind auch heute noch extensiv. Hingegen geht der Anteil der traditionellen Selbstversorgung zugunsten marktorientierter Produktion stetig zurück.[10][11]

Stationär extensive Viehhaltungssysteme sind in feuchteren Savannengebieten ebenso alt wie der Nomadismus. Sie kommen hauptsächlich in Afrika vor. Moderne stationäre Systeme in Trockenregionen mit Eigenfutterproduktion und geringer Besatzdichte finden sich z. B. im Altiplano, dem Cerrado, im Westen der USA oder der Sahelzone.[12]

Auf den ursprünglich künstlich angelegten Grünlandflächen der dicht besiedelten Gebiete Eurasiens und Amerikas wird vorwiegend intensive Tierhaltung betrieben. Hier findet sich als traditionelle extensive Form noch die Almwirtschaft der Gebirge (vornehmlich Alpen, Norwegen, Pyrenäen, Karpaten). Aufgrund diverser Folgeprobleme der intensiven Haltung etabliert sich seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts erneut eine extensive Strategie in den Agrarregionen: die moderne ökologische Viehhaltung.

Zusammenfassend lässt sich die extensive Tierhaltung im Wesentlichen nach folgenden Kriterien und Kombinationen untergliedern:

Weidemanagement Sesshaftigkeit Grünlandwirtschaft
(anthropogen entstandene Weiden)
Pastoralismus
(Beweidung natürlicher Offenlandschaften)
Stationäre Tierhaltung die Tierhalter sind sesshaft (Pastorale Hirten sind halb-sesshaft) Ökologische Tierproduktion Ranching
(Mobile) Fernweidewirtschaft zumindest Tierhalter sind sesshaft (Almwirtschaft) Transhumanz
halb-sesshaft, halb-nomadisch oder teilweise nomadisch Mobile Tierhaltung
alle Angehörigen leben nomadisch Nomadismus

Probleme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ektoparasiten sorgen bei großen extensiv gehaltenen Herden außerhalb Europas für große wirtschaftliche Schäden.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Werner Doppler: Landwirtschaftliche Betriebssysteme in den Tropen und Subtropen. Ulmer Verlag, Stuttgart 1991.
  2. A. Rosati, A. Tewolde, C. Mosconi, World Association for Animal Production (Hrsg.): Animal Production and Animal Science Worldwide. Wageningen Academic Pub, 2005.
  3. Erle C Ellis, Navin Ramankutty: Putting people in the map: anthropogenic biomes of the world. (PDF) The Ecological Society of America, Washington D.C. 2008.
  4. Dagmar Emmert: Die Rinderhaltung im Ökologischen Landbau – eine tiergerechte und umweltverträgliche Alternative? Institut für Tierhygiene, Verhaltenskunde und Tierschutz der Tierärztlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, 2001.
  5. a b c d e Tragfähigkeit. In: Online-Lexikon von Spektrum. Abgerufen am 22. März 2014.
  6. Hagen Gottschling: Die Naturräume des Biosphärenreservates Issyk-Kul in Kirgisistan. Eine landschaftsökologische Studie an Transekten. In: Greifswalder Geographische Arbeiten, Band 36, Institut für Geographie und Geologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, 2006.
  7. J.M. Suttie, S.G. Reynolds, C. Batello: Grasslands of the World. In: Plant Production and Protection. Serie 34, FAO, Rom 2005.
  8. a b c d J. Schultz: Die Ökozonen der Erde. Ulmer, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8252-1514-9
  9. a b c d e M. Bunzel-Drüke, C. Böhm, G. Finck, R. Kämmer, E. Luick, E. Reisinger, U. Riecken, J. Riedl, M. Scharf, O. Zimball: Wilde Weiden – Praxisleitfaden für Ganzjahresbeweidung in Naturschutz und Landschaftsentwicklung. Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest e. V. (Hrsg.), Sassendorf-Lohne 2008
  10. Fred Scholz: Nomadismus ist tot. In Geographische Rundschau, Heft 5, 1999, S. 248–255
  11. Annegret Nippa u. Museum für Völkerkunde Hamburg (Hrsg.): Kleines abc des Nomadismus. Publikation zur Ausstellung “Brisante Begegnungen. Nomaden in einer sesshaften Welt.” Hamburg 2011
  12. World Livestock Production Systems. Current status, issues and trends. FAO Animal Production and Health Paper 127, 1995.
  13. Felix R. Althaus: Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie für die Veterinärmedizin. Georg Thieme Verlag, 2007, ISBN 978-3-8304-1070-6