Sesshaftigkeit

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Die Ausbreitung der sesshaften Lebensweise begann mit der Erfindung der Landwirtschaft

Als Sesshaftigkeit (von „sitzen, [fest]haften“) wird das dauerhafte oder zumindest langjährige Wohnen an einem Ort bezeichnet, der als Siedlung bezeichnet wird. Der Grad der Sesshaftigkeit ist abhängig von der Verfügbarkeit der Nahrungsressourcen. Insofern ist davon auszugehen, dass auch einige wildbeuterisch lebende Ethnien der Ur- und Frühgeschichte, die in biomassereichen Gegenden lebten, bereits weit vor der Erfindung von Ackerbau und Viehzucht zumindest zeitweise sesshaft lebten (siehe auch Archäologische Wohnplatzfunde). Solange die vorherrschende Lebensweise noch eine nomadische Komponente enthält, wird auch von Halbsesshaftigkeit gesprochen, wie etwa bei der Transhumanz, dem Ranching oder anderen Formen der mobilen Tierhaltung heute noch üblich.

Heute sind 99,9 % der Weltbevölkerung sesshaft.[1]

Ursprünge und Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Modell von Çatalhöyük (7500–5700 v. Chr.) – eine der ältesten festen Siedlungen der Welt (Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar)

Nach heutigem Kenntnisstand der Archäologie war die ortsfeste Landwirtschaft – die einen deutlich größeren Arbeitsaufwand erfordert und in ihrer ursprünglichen Form gegenüber der aneignenden Wirtschaftsform größere Risiken birgt – nicht die Ursache der Sesshaftigkeit, sondern ihre Folge.[2] Es ist gut belegt, dass in der Levante (Westliches Vorderasien) – in der es erstmals in der Menschheitsgeschichte zur neolithischen Revolution (Kultureller Wandel in Folge der Entwicklung produzierender Wirtschaftsweisen) kam – bereits viele Jahrtausende vor der Jungsteinzeit im Epipaläolithikum zu ortsfesten Ansiedlungen kam. Dies ist nicht ungewöhnlich, da auch von rezenten spezialisierten Jägern und Sammlern mehr oder weniger sesshafte Lebensweisen bekannt sind (beispielsweise ermöglicht durch Fisch, Meeresfrüchte oder Wasserreis).

In milden Klima der Alleröd-Zwischeneiszeit (ca. 12. bis 10. vorchristliches Jahrtausend) gedieh in der küstennahen Levante eine große Artenvielfalt und -dichte, die es den Menschen ermöglichte, ihre Schweifgebiete deutlich zu reduzieren und länger an einem Ort zu wohnen (Dies trifft auch auf einige Lebensräume des mittelsteinzeitlichen Europas zu). Große Bestände von Gazellen und Feldern mit Wildgetreide führten zu ersten dauerhaften Ansiedlungen. Bereits um 11.000 v. Chr. wurde nachweislich Wildgetreide angepflanzt, vermutlich um die Überjagung der Gazellenherden im Umkreis der Siedlungen zu kompensieren. In der Mitte des 11. Jahrtausends führte der drastische Kälteeinbruch der jüngeren Dryaszeit zu einer rapiden Verarmung der biologischen Vielfalt der Levante. Die Menschen waren nun gezwungen, saisonale Nahrungsengpässe zu überbrücken. Da die Menschen wahrscheinlich nicht mehr bereit oder in der Lage waren, die sesshafte Lebensweise aufzugeben – die u. a. von einer Anhäufung materieller Besitztümer und der Herausbildung sozialer Schichten und völlig neuer -Strukturen gekennzeichnet war –, musste der Getreideanbau intensiviert werden, um die Ernährung sicherzustellen.[3][2] So zeigen die Forschungsergebnisse am Fundort Kharaneh IV in Jordanien, dass der Beginn dörflicher Strukturen noch vor dem belegbaren Beginn des Ackerbaus einsetzte. Der Anfang dieser Entwicklung lag vor geschätzten 17.000 Jahren. Von der Levante breitete sich die Landwirtschaft nach Europa, Afrika und Zentralasien aus. Ob die dort jeweils akkulturierten Ethnien bereits (halb-)sesshaft waren oder die Sesshaftigkeit im Zuge der neuen Lebensweise übernahmen, muss von Fall zu Fall betrachtet werden.

Ebenfalls vom Orient ausgehend verbreitete sich mit der Spezialisierung auf die Viehzucht der Hirtennomadismus in Eurasien und Afrika, der vor allem in kargen Räumen, in denen kein Pflanzenanbau möglich war, eine Subsistenzgrundlage bot, die jedoch keine oder nur eine teilweise Sesshaftigkeit ermöglichte.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Oliver Samson: Nomaden – die ersten Opfer des Klimawandels. In: Deutsche Welle. 6. Juli 2010, abgerufen am 17. Mai 2020.
  2. a b Marion Benz: Die Neolithisierung im Vorderen Orient: Theorien, archäologische Daten und ein ethnologisches Modell. 2., kaum veränderte Auflage. Freie Universität Berlin, 2008, ISBN 3-9804241-6-2, S. 7, 16, 19–20, 73 und 90–91 (PDF: 9,6 MB, 274 Seiten auf exoriente.org).
  3. Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus: Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-66657-5. S. 113–118.