Focusing

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Focusing (lateinisch focus „Mittelpunkt, Brennpunkt“) wurde von dem amerikanischen Psychotherapeuten und Philosophen Eugene T. Gendlin entwickelt. Es ist eine „Technik der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme“, wie der Untertitel seines Lehrwerkes lautet.[1] Focusing wurde inzwischen von der Fachwelt übernommen und der psychotherapeutischen Praxis angepasst.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie Gendlin darlegt, gingen seiner schriftlichen Anleitung jahrelange Untersuchungen auch im Kreis seiner Kollegen voraus, die gezeigt haben, dass die von vielen Menschen unbewusst angewandte Art und Weise der Problembewältigung von jedem Menschen erlernbar ist. Deshalb ist Gendlins Darstellung leicht verständlich. Einerseits wird damit die Absicht deutlich, dem Ratsuchenden keine Hürden in den Weg zu stellen, andererseits entspricht der Verzicht auf Fachsprache dem Wesen des Focusing. Um Focusing zu verstehen und anzuwenden, braucht man weder Studium noch Ausbildung.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Anfang der 1960iger Jahre untersuchten Gendlin und Kollegen an der Universität Chicago die Frage, die „...die meisten Psychotherapeuten nicht gerne laut stellen.“[2]

„Weshalb gelingt die Therapie nicht häufiger? Weshalb bewirkt sie so selten eine echte Änderung im Leben der Patienten.“

Gendlin 1981, S. 15

Auf der Suche nach Antworten überprüfte Gendlin die vielfältigen Therapie-Möglichkeiten, angefangen bei den klassischen Methoden bis hin zu den neuesten Entwicklungen. Er analysierte Tausende Tonbandaufzeichnungen von Therapiesitzungen. Das Ergebnis seiner Forschungen ist das von ihm entwickelte Focusing.

Grundlagen des Focusing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Anfang des Gendlinschen Entwurfes steht sein überraschendes und ernüchterndes Eingeständnis, dass die eigentliche Arbeit nicht der Therapeut leistet, sondern der Klient.[3] Zu dieser Erkenntnis kam Gendlin durch die sorgfältige Beobachtung erfolgreicher Patienten. Als gemeinsames Merkmal fiel ihm die Art und Weise auf, wie sie unabhängig vom Therapeuten über ein Problem sprachen und sich dabei in immer neuer Hinwendung ihrer körperlichen Empfindungen vergewisserten. Diese Rückkoppelung ist für Gendlin der Schlüssel zum Erfolg und bildet die Grundlage des Focusing.

Eine Folge dieses neuartigen Ansatzes ist die geänderte Rollenverteilung. Nach Gendlin besitzt der Klient bei der Lösung seiner persönlichen Probleme die alleinige Autorität, die alleinige Kompetenz und das alleinige Wissen. Er ist sein eigener Therapeut. Aus dem Klienten wird der Focuser, der den Prozess autonom beginnt, steuert und beendet. Der Therapeut wird zum Begleiter. Ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht nicht. Eine Übertragung findet nicht statt. Begleiter kann nach Gendlin jeder focusing-kundige Laie sein. Die Begleitung im Focusing-Prozess muss lediglich darauf bedacht sein, "nicht im Weg zu stehen", womit Gendlins wichtigste Regel genannt ist.[4] Jede Form von Störung durch ungebetene Kritik, Interpretation oder gar Intervention ist ausgeschlossen. Analysen und Ratschläge gehören ebenso nicht zum Focusing.

Methodik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Focusing ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das Körperempfindungen bei der Suche nach Quellen und Ursachen persönlicher Probleme einbezieht. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass jedes geistig-seelische Erleben mit bedrohlichem Hintergrund körperliche Reaktionen hervorruft (Angstschweiß, Beklemmung im Brustraum, Druck in der Magengegend, stockender Atem, weiche Knie, u. a.). Während die auslösenden Ereignisse oft vergessen oder verdrängt werden, bleiben die Körpersignale erhalten, so dass man auf sie fokussieren kann. Die körperlichen Empfindungen sind quasi der Pfad,[5] auf dem man der Lösung des Problems näher kommt. Die genaue Anleitung ist das von Gendlin verfasste Focusing-Manual,[6] das auch Bestandteil des Buches ist.

Am Anfang einer Sitzung schließt der Focuser die Augen und vergegenwärtigt sich das Problem. Dabei beobachtet er die Reaktion im Körper (Innere Achtsamkeit). Die zunächst noch ungenaue Beschreibung der Körperempfindung wird durch das wiederholte Vergleichen der Beschreibung mit dem Körpergefühl immer treffender (Felt Sense = gefühlter Sinn). Dieser fließende Prozess führt regelmäßig zu kleineren, körperlich spürbaren Erleichterungen (Felt Shift = gefühlte Veränderung), bis hin zu einer vollständigen inneren Entkrampfung (Body Shift), die sich am Ende einstellt, wenn Gewissheit über die Richtigkeit der Zusammenhänge besteht. Der Body Shift „... ist das Kernstück des Prozesses“.[7] Gendlin vergleicht ihn auch mit dem Einatmen frischer Luft, nachdem man einen stickigen Raum verlassen hat.[8]

Die durch Focusing wiederhergestellte Erinnerung lässt eine neue Sicht auf das Problem zu, und eröffnet – oft schon während der Sitzung - Wege zur Lösung, die vorher blockiert waren. Der Erfolg einer Focusing-Sitzung ist unabhängig von der Dauer der Sitzung.

Erlernen und Einüben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie die jahrelangen Forschungen von Gendlin und Kollegen gezeigt haben, kann Focusing von jedem Menschen ohne Schwierigkeiten erlernt werden. Hinter dem leichten Lernen vermutet Gendlin eine natürliche Fähigkeit in der psychischen Ausstattung eines jeden Menschen, die aber oft brach liegt.[9] Sie wird umgangssprachlich als Bauchgefühl bezeichnet.

Die Technik des Focusing wird durch das grundlegende Werk von Eugene Gendlin vermittelt, das inzwischen auch als Taschenbuch vorliegt.[10] Weitere Quellen sind die Publikationen seiner Schülerschaft.[11][12][13] Nach der Lektüre kommt die Zeit der Einübung, die der Neueinsteiger allein für sich vornehmen kann, die aber nach Gendlin idealerweise im partnerschaftlichen Focusing geschieht. Selbsthilfegruppen bilden hierfür einen passenden und geschützten Rahmen. Eine andere Möglichkeit des Erlernens ist der Besuch professionell geleiteter Kurse.[14]

Besonderheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Focuser muss dem Begleiter sein zu bearbeitendes Problem, das er vielleicht als peinlich empfindet, nicht verbal benennen. Es genügt ein allgemeiner Hinweis. Der Begleiter ist trotzdem in der Lage den Focuser "auf dem Weg zu halten". Dadurch gibt es im Focusing keine Hemmschwelle, deren Überwindung in herkömmlichen Therapien viel Zeit und Energie kosten und oft so quälend ist.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Focusing wurde im Rahmen der Klientenzentrierten Psychotherapie (Carl Rogers) seit den 1960er Jahren von Eugene T. Gendlin, Professor für Philosophie und Psychologie an der Universität Chicago, entwickelt und hat inzwischen weltweite Verbreitung gefunden. Die erste englische Ausgabe erschien 1978. Seitdem wurde Focusing von Gendlin und seinen Schülern auch für den Einsatz in der psychotherapeutischen Praxis weiterentwickelt.[15][16]

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgehend von der ursprünglichen Idee der uneigennützigen Selbsthilfe kann Focusing überall da Anwendung finden, wo Menschen zusammenkommen, um ihre Probleme ohne Manipulationsabsicht gemeinsam zu lösen. Darüber hinaus weist Focusing neue Wege in der Behandlung psychosomatischer Beschwerden.[17][18] Focusing kann mit anderen psychotherapeutischen Verfahren kombiniert werden. Neben dem Einsatz in der therapeutischen Praxis bietet sich Focusing auch im kreativen Prozess oder bei der Entscheidungsfindung an. Hierzu wurde die TAE-Methode entwickelt. Ansätze zur Anwendung gibt es im öffentlichen bzw. kommerziellen Bereich, wie beispielsweise in der Sozialarbeit, bei der Lehrerfortbildung und in der Mitarbeiterschulung.

Nichtanerkennung durch Krankenkassen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland und Österreich werden focusing-orientierte psychotherapeutische Behandlungen von den Krankenkassen auch dann nicht erstattet, wenn sie von Ärzten oder Psychologischen Psychotherapeuten begleitet werden.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

The Focusing Institut, Chicago (deutsche Seite)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eugene T. Gendlin: Focusing. Selbsthilfe bei Lösungen persönlicher Probleme (Übersetzt von Katherina Schoch). 9. Auflage (4. Auflage der Taschenbuchausgabe), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 978-3-499-60521-5 (deutsche Erstausgabe, Müller, Salzburg 1981, ISBN 3-7013-0617-6).
  • Eugene T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie, ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode (Originaltitel: Focusing Oriented Psychotherapy, übersetzt von Teresa Junek). 2. Auflage, Klett-Cotta, München 1998, ISBN 978-3-608-89132-4.
  • Eugene T. Gendlin, Johannes Wiltschko: Focusing in der Praxis. Eine schulenübergreifende Methode für Psychotherapie und Alltag. 3. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-89062-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eugene T. Gendlin: Focusing. deutsche Erstausgabe, Müller, Salzburg 1981, ISBN 3-7013-0617-6
  2. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seite 15
  3. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seiten 20 und 22
  4. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seite 22
  5. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seiten 21, 44
  6. The Focusing Institute: Focusing-Manual abgerufen am 5. Oktober 2015
  7. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seite 35
  8. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seite 20
  9. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seite 21
  10. Eugene T. Gendlin: Focusing. Taschenbuchausgabe, Rowohlt, Reinbek 1998, ISBN 3-499-60521-X
  11. Agnes Wild-Missong: Neuer Weg zum Unbewußten. Müller, Salzburg 1983, ISBN 3-7013-0662-1
  12. Ann Weiser Cornell: Der Stimme des Körpers folgen. Rowohlt, Reinbek 1999, ISBN 3-499-60353-5
  13. Klaus Renn: Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst. Herder, Freiburg 2006, ISBN 3-451-05616-X
  14. Der Spiegel: Innenschau: Fahrstuhl zum Ich vom 25. August 2015, abgerufen am 5. Oktober 2015
  15. Eugene T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie. Pfeiffer, München 1998, ISBN 3-7904-0660-0
  16. Eugene T. Gendlin, Johannes Wiltschko: Focusing in der Praxis. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-89679-1
  17. Daniel Bärlocher: Schmerzen lindern mit Focusing. Ehrenwirth, Bergisch Gladbach 2002, ISBN 3-431-04021-7
  18. Beate Ringwelski: Focusing. Ein integrativer Weg der Psychosomatik, Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-89714-3