Focusing

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Focusing (lateinisch focus „Mittelpunkt, Brennpunkt“) wurde von dem amerikanischen Psychotherapeuten und Philosophen Eugene T. Gendlin entwickelt. Es ist eine "Technik zur Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme", wie der Untertitel seines Lehrwerkes lautet.[1]

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie Gendlin darlegt, gingen seiner schriftlichen Anleitung jahrelange Untersuchungen auch im Kreis seiner Kollegen voraus, die gezeigt haben, dass die von vielen Menschen unbewusst angewandte Art und Weise der Problembewältigung erlernbar ist. Deshalb ist Gendlins Darstellung leicht verständlich. Einerseits wird damit die Absicht deutlich, dem Ratsuchenden keine Hürden in den Weg zu stellen, andererseits entspricht der Verzicht auf Fachsprache dem Wesen des Focusing. Um Focusing anzuwenden, braucht man weder Studium noch Ausbildung.

Einleitende Gendlin-Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Kein Fachmann kann unsere Probleme lösen oder uns vorschreiben, wie wir leben sollen. Deshalb habe ich mich - und auch andere Kollegen - immer mehr damit begnügt, den Leuten beizubringen, wie sie sich selbst und anderen helfen können“

Gendlin 1981, S. 18

„Eine andere wichtige Entdeckung ist die, dass der eigentliche Veränderungsprozeß als angenehm erlebt wird. Eine wirksame Verarbeitung der eigenen Probleme ist keine Selbstquälerei“

Gendlin 1981, S. 19

„Das Schönste dabei ist, dass wir diese Neuerung der Allgemeinheit und nicht nur der Arzt-Patient-Beziehung, die so teuer ist und oft so wenig bewirkt, zugänglich machen können“

Gendlin 1981, S. 20

„Wenn Sie Focusing lernen, werden Sie entdecken, dass Ihr Körper seinen eigenen Weg und seine eigene Antwort auf viele Probleme findet. Ein Therapeut wird beim Focusing nicht benötigt. Sie können es allein oder mit einem Freund, der die Technik kennt, durchführen“

Gendlin 1981, S. 21

Grundlagen des Focusing[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Anfang der Gendlinschen Forschung steht seine überraschende Beobachtung, dass der Erfolg einer Psychotherapie nicht maßgeblich von den Interventionen der Therapeutin oder des Therapeuten abhängt, sondern vielmehr von der Fähigkeit der Klientin/des Klienten, auf sein unmittelbar gegenwärtiges Erleben Bezug zu nehmen. Zu dieser Erkenntnis gelang Gendlin durch die Untersuchung von Bandaufnahmen aus Psychotherapiesitzungen. Bei Klient_innen, deren Therapie erfolgreich verlief, konnte festgestellt werden, dass sie beim Sprechen über ihre Probleme regelmäßig ihr körperliches Erleben mit einbezogen. Das sprachlich noch nicht konzeptualisierte Erleben erweist sich als Quelle für die Möglichkeit eines situations- und personspezifischen Verständnisses der eigenen Situation und damit als Quelle der Veränderung. Dieser Prozess der Einbeziehung des unmittelbaren körperlichen Erlebens beim Sprechen und Denken, bildet das Herzstück des Focusing und der von Gendlin gegründeten Experientiellen oder Focusing-orientierten Psychotherapie. Um diesen Prozess lehr- und lernbar zu machen, entwickelte Gendlin systematische Schritte, die "Focusing-Schritte". Diese können als Selbsthilfemethode für alltägliche Probleme zur Anwendung kommen, aber auch im Rahmen der Psychotherapie. Gendlin betont dabei, dass der Focusing-Prozess in allen therapeutischen Verfahren zur Anwendung kommen kann.

Focusing-orientierte Psychotherapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine von Gendlin abgeleitete Folge dieser Erkenntnis für die Psychotherapie ist die Notwendigkeit, beim Sprechen über die Probleme der Klient_in, deren unmittelbares Erleben einzubeziehen und daraus gemeinsam mit der Klient_in passende Bedeutungen zu explizieren. Aus dem Klienten wird der Focuser, der den Prozess autonom beginnt, steuert und beendet. Der Therapeut wird zum Begleiter. Ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht nicht. Eine Übertragung findet nicht statt. Begleiter kann nach Gendlin jeder focusing-kundige Laie sein. Die Begleitung im Focusing-Prozess muss lediglich darauf bedacht sein, "nicht im Weg zu stehen", womit Gendlins wichtigste Regel genannt ist. Jede Form von Störung durch ungebetene Kritik, Interpretation oder gar Intervention ist ausgeschlossen. Analysen und Ratschläge gehören ebenso nicht zum Focusing.

Methodik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Focusing ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das Körperempfindungen bei der Suche nach Quellen und Ursachen persönlicher Probleme einbezieht. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass jedes geistig-seelische Erleben mit bedrohlichem Hintergrund körperliche Reaktionen hervorruft (Angstschweiß, Beklemmung im Brustraum, Druck in der Magengegend, stockender Atem, weiche Knie, u. a.). Während die auslösenden Ereignisse oft vergessen oder verdrängt werden, bleiben die Körpersignale erhalten, so dass man auf sie fokussieren kann. Die körperlichen Empfindungen sind quasi der Pfad, auf dem man der Lösung des Problems näher kommt. Die genaue Anleitung ist das von Gendlin verfasste Focusing-Manual,[2] das auch Bestandteil des Buches ist.

Am Anfang einer Sitzung schließt der Focuser die Augen und vergegenwärtigt sich das Problem. Dabei beobachtet er die Reaktion im Körper (Innere Achtsamkeit). Die zunächst noch ungenaue Beschreibung der Körperempfindung wird durch das wiederholte Vergleichen der Beschreibung mit dem Körpergefühl immer treffender (Felt Sense = gefühlter Sinn). Dieser fließende Prozess führt regelmäßig zu kleineren, körperlich spürbaren Erleichterungen (Felt Shift = gefühlte Veränderung), bis hin zu einer vollständigen inneren Entkrampfung (Body Shift), die sich am Ende einstellt, wenn Gewissheit über die Richtigkeit der Zusammenhänge besteht. Der Body Shift „... ist das Kernstück des Prozesses“.[3] Gendlin vergleicht ihn auch mit dem Einatmen frischer Luft, nachdem man einen stickigen Raum verlassen hat.[4]

Die durch Focusing wiederhergestellte Erinnerung lässt eine neue Sicht auf das Problem zu, und eröffnet – oft schon während der Sitzung - Wege zur Lösung, die vorher blockiert waren. Der Erfolg einer Focusing-Sitzung ist unabhängig von der Dauer der Sitzung.

Erlernen und Einüben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Technik des Focusing wird durch das grundlegende Werk von Eugene Gendlin vermittelt, das inzwischen auch als Taschenbuch vorliegt.[5] Weitere Quellen sind die Publikationen seiner Schülerschaft.[6][7][8] Nach der Lektüre kommt die Zeit der Einübung, die der Neueinsteiger allein für sich vornehmen kann, die aber nach Gendlin idealerweise im partnerschaftlichen Focusing geschieht. Selbsthilfegruppen bilden hierfür einen passenden und geschützten Rahmen. Eine andere Möglichkeit des Erlernens ist der Besuch professionell geleiteter Kurse.[9]

Besonderheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Focuser muss dem Begleiter sein zu bearbeitendes Problem, das er vielleicht als peinlich empfindet, nicht verbal benennen. Es genügt ein allgemeiner Hinweis. Der Begleiter ist trotzdem in der Lage den Focuser "auf dem Weg zu halten". Dadurch gibt es im Focusing keine Hemmschwelle, deren Überwindung in herkömmlichen Therapien viel Zeit und Energie kosten und oft so quälend ist.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Focusing wurde im Rahmen der Klientenzentrierten Psychotherapie (Carl Rogers) seit den 1960er Jahren von Eugene T. Gendlin, Professor für Philosophie und Psychologie an der Universität Chicago, entwickelt und hat inzwischen weltweite Verbreitung gefunden. Die erste englische Ausgabe erschien 1978. Seitdem wurde Focusing von Gendlin und seinen Schülern auch für den Einsatz in der psychotherapeutischen Praxis weiterentwickelt.[10][11]

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgehend von der ursprünglichen Idee der uneigennützigen Selbsthilfe kann Focusing überall da Anwendung finden, wo Menschen zusammenkommen, um ihre Probleme ohne Manipulationsabsicht gemeinsam zu lösen. Darüber hinaus weist Focusing neue Wege in der Behandlung psychosomatischer Beschwerden.[12][13] Focusing kann mit anderen psychotherapeutischen Verfahren kombiniert werden. Neben dem Einsatz in der therapeutischen Praxis bietet sich Focusing auch im kreativen Prozess oder bei der Entscheidungsfindung an. Weitere Ansätze zur Anwendung von Focusing gibt es im öffentlichen bzw. kommerziellen Bereich, wie beispielsweise in der Sozialarbeit, bei der Lehrerfortbildung und in der Mitarbeiterschulung.

Nichtanerkennung durch Krankenkassen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland und Österreich werden focusing-orientierte psychotherapeutische Behandlungen von den Krankenkassen auch dann nicht erstattet, wenn sie von Ärzten oder Psychologischen Psychotherapeuten begleitet werden.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

The Focusing Institut, Chicago (deutsche Seite)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eugene T. Gendlin: Focusing. Selbsthilfe bei Lösungen persönlicher Probleme (Übersetzt von Katherina Schoch). 9. Auflage (4. Auflage der Taschenbuchausgabe), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1998, ISBN 978-3-499-60521-5 (deutsche Erstausgabe, Müller, Salzburg 1981, ISBN 3-7013-0617-6).
  • Eugene T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie, ein Handbuch der erlebensbezogenen Methode (Originaltitel: Focusing Oriented Psychotherapy, übersetzt von Teresa Junek). 2. Auflage, Klett-Cotta, München 1998, ISBN 978-3-608-89132-4.
  • Eugene T. Gendlin, Johannes Wiltschko: Focusing in der Praxis. Eine schulenübergreifende Methode für Psychotherapie und Alltag. 3. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-89062-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eugene T. Gendlin: Focusing. deutsche Erstausgabe, Müller, Salzburg 1981, ISBN 3-7013-0617-6
  2. The Focusing Institute: Focusing-Manual abgerufen am 5. Oktober 2015
  3. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seite 35
  4. Eugene T. Gendlin: Focusing, Seite 20
  5. Eugene T. Gendlin: Focusing. Taschenbuchausgabe, Rowohlt, Reinbek 1998, ISBN 3-499-60521-X
  6. Agnes Wild-Missong: Neuer Weg zum Unbewußten. Müller, Salzburg 1983, ISBN 3-7013-0662-1
  7. Ann Weiser Cornell: Der Stimme des Körpers folgen. Rowohlt, Reinbek 1999, ISBN 3-499-60353-5
  8. Klaus Renn: Dein Körper sagt dir, wer du werden kannst. Herder, Freiburg 2006, ISBN 3-451-05616-X
  9. Der Spiegel: Innenschau: Fahrstuhl zum Ich vom 25. August 2015, abgerufen am 5. Oktober 2015
  10. Eugene T. Gendlin: Focusing-orientierte Psychotherapie. Pfeiffer, München 1998, ISBN 3-7904-0660-0
  11. Eugene T. Gendlin, Johannes Wiltschko: Focusing in der Praxis. Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-89679-1
  12. Daniel Bärlocher: Schmerzen lindern mit Focusing. Ehrenwirth, Bergisch Gladbach 2002, ISBN 3-431-04021-7
  13. Beate Ringwelski: Focusing. Ein integrativer Weg der Psychosomatik, Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2003, ISBN 3-608-89714-3