Friedensethik

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Ethische Disziplinen

Friedensethik ist eines der Teilgebiete der angewandten Ethik. Die Ethik – und die von ihr abgeleiteten Disziplinen (z. B. Friedens-, Rechts-, Staats- und Sozialphilosophie,) – bezeichnet man auch als „praktische Philosophie“, da sie sich mit dem menschlichen Handeln befassen.

Einführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegenstand und Begriff der Friedensethik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Friedensethik stellt Kriterien für gutes und schlechtes Handeln in Bezug auf die Erhaltung oder Schaffung von Frieden auf. Sie bewertet die Motive und Folgen von Handlungen in diesem Kontext. Sie ist ein Teilgebiet der angewandten Ethik, die sich als Individualethik, Sozialethik und in den Bereichsethiken mit den normativen Problemen ihres spezifischen Lebensbereiches befasst.

Die Friedensethik – als philosophische Disziplin – baut auf das Prinzip der Vernunft. Darin unterscheidet sie sich vom klassischen Selbstverständnis theologischer Ethik, und theologischer Friedensethik die sittliche Prinzipien als in Gottes Willen begründet annimmt. Theologische Friedensethik setzt den Glauben an eine göttliche Offenbarung voraus. Im 20. Jahrhundert haben allerdings Autoren wie Alfons Auer theologische Ethik als weitgehend autonom zu konzipieren versucht.

Das Ziel der Friedensethik ist wie in der allgemeinen philosophischen Ethik die Erarbeitung von allgemeingültigen Normen und Werten. Sie ist abzugrenzen von einer deskriptiven Ethik, die keine moralischen Urteile fällt, sondern die tatsächliche, innerhalb einer Gesellschaft gelebte Moral mit empirischen Mitteln zu beschreiben versucht.

Die Metaethik, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eigenständige Disziplin entwickelte, reflektiert die allgemeinen logischen, semantischen und pragmatischen Strukturen moralischen und ethischen Sprechens und stellt insofern die Grundlage für die deskriptive Ethik und die normative Ethik dar.

Fragestellungen zur Friedensethik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die philosophische Friedensethik sucht nach Antworten auf die Frage, wie in bestimmten friedensrelevanten Situationen gehandelt werden soll. "Wie soll ich mich in dieser Situation verhalten?". Die einfachste und klassische Formulierung einer solchen Frage stammt von Immanuel Kant: Was soll ich tun?. Sie wurde von Kant in der Schrift "Zum ewigen Frieden" für das Friedensrelevante Handeln spezifiziert. Diese Schrift gilt als Schlüsselwerk der modernen philosophischen Friedensethik.

Abgrenzung der Friedensethik zu benachbarten Disziplinen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die Theorie der rationalen Entscheidung beantwortet die Frage: Wie soll ich handeln? Jedoch unterscheidet sie sich von friedensethischen Fragestellungen dadurch, dass Theorien rationalen Handelns nicht in jedem Falle auch Theorien des moralisch Guten sind. Von denjenigen ethischen Theorien, die allgemeinverbindlichen Anspruch haben, können sich Theorien rationaler Entscheidung für friedliches Handeln dadurch unterscheiden, nur Ziele und Interessen eines bestimmten einzelnen Handelnden zu berücksichtigen.

Auch die Rechtswissenschaft fragt danach, wie gehandelt werden soll. Im Unterschied zur Friedensethik bezieht sie sich jedoch i.a. auf eine bestimmte, bereits faktisch geltende Rechtsordnung (positives Recht), deren Normen wie z. B. das Völkerrecht, das Internationale Recht, das Europarecht sie auslegt und anwendet.

Auch religiös motivierte Friedensethiken wie die evangelische, katholische, jüdische, muslimische, etc. geben Antworten auf die Frage, wie in Bezug auf Frieden gehandelt werden soll. Im Unterschied zu philosophisch begründeten Ethiken beanspruchen diese jedoch nicht in jedem Fall, dass ihre Antworten auf für jeden nachvollziehbare Argumente gegründet sind, sondern können sich etwa auf eine göttliche Offenbarung als Quelle von Handlungsnormen berufen (siehe etwa die Sollens-Aussagen der Zehn Gebote im Christentum oder den Koran etc.).

Mit gesellschaftlichen Normen des Handelns befassen sich auch empirische Wissenschaften wie Soziologie, Ethnologie und Psychologie (insbes. Friedenspsychologie). Im Unterschied zur "normativen Friedensethik" im philosophischen Sinne geht es dort jedoch um die Beschreibung und Erklärung faktisch bestehender friedensethischer Überzeugungen, Einstellungen und Sanktionsmuster und nicht um deren Rechtfertigung oder Kritik.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dirk Ansorge: Der Nahostkonflikt. Politische, religiöse und theologische Dimensionen, Stuttgart 2006 (Beiträge zur Friedensethik. Heft 43).
  • Dieter Baumann: Militärethik, Stuttgart 2007 (Theologie und Frieden. Band 36).
  • Gerhard Beestermöller, Michael Haspel, Uwe Trittmann (Hrsg.): „What we´re fighting for...“. – Friedensethik in der transatlantischen Debatte, Stuttgart 2006 (Beiträge zur Friedensethik. Heft 37).
  • Gerhard Beestermöller, Heinz-Gerhard Justenhoven (Hrsg.): Der Streit um die iranische Atompolitik. Völkerrechtliche, politische und friedensethische Reflexionen, Stuttgart 2006 (Beiträge zur Friedensethik. Heft 40).
  • Gerhard Beestermöller: Thomas von Aquin und der gerechte Krieg, Köln 1990 (Theologie und Frieden. Band 4).
  • Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner (Hrsg.): Handbuch Ethik. Metzler, Stuttgart u. a., 2. akt. Aufl. 2006, ISBN 3476021246
  • Francisco de Vitoria: De indis (Über die Indianer) & De jure belli (Über das Kriegsrecht), in: Vorlesungen II (Relectiones). Völkerrecht, Politik, Kirche; lateinisch-deutscher Text, hg.v. Ulrich Horst, Heinz-Gerhard Justenhoven, Joachim Stüben, Stuttgart 1997 (Theologie und Frieden. Band 8).
  • Klaus Ebeling: Militär und Ethik. Moral- und militärkritische Reflexionen zum Selbstverständnis der Bundeswehr, Stuttgart 2006 (Beiträge zur Friedensethik. Heft 41).
  • Hans-Georg Ehrhart, Heinz-Gerhard Justenhoven (Hrsg.): Intervention im Kongo. Eine kritische Analyse der Befriedungspolitik von UN und EU, Stuttgart 2008 (Beiträge zur Friedensethik. Heft 42).
  • Christine Freitag: Friedensethik als Aufgabe für Ausbildung und Qualifizierung in der Kirche. Eine Annäherung in fünf Thesen. In: epd Dokumentation 25/2006.
  • Heinz-Gerhard Justenhoven: Eine reformierte UNO im Dienst der Überwindung des zwischenstaatlichen Krieges. Das friedensethische Programm des Papsttums im Spiegel von Caritas in Veritate, in: Was trägt, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Christliche Weltverantwortung im Horizont der Globalisierung, hg.v. Peter Klasvogt, Andreas Fisch, Paderborn 2010, 188–200.
  • Heinz-Gerhard Justenhoven, Rolf Schumacher (Hrsg.): „Gerechter Friede“ - Weltgemeinschaft in der Verantwortung, Stuttgart 2003 (Theologie und Frieden. Band 25).
  • Heinz-Gerhard Justenhoven: Francisco de Vitoria zu Krieg und Frieden, Stuttgart 1991 (Theologie und Frieden. Band 5).
  • Bernhard Koch: Den Gegner schützen, Baden-Baden 2014
  • Volker Stümke: Das Friedensverständnis Martin Luthers, Stuttgart 2007 (Theologie und Frieden. Band 34).
  • Timo J. Weissenberg: Die Friedenslehre des Augustinus, Stuttgart 2005 (Theologie und Frieden. Band 28).
  • Reihe: Beiträge zur Friedensethik, hrsg. vom Institut für Theologie und Frieden Hamburg, Kohlhammer, Stuttgart (bisher 43 Bände)
  • Reihe: Theologie und Frieden, hrsg. vom Institut für Theologie und Frieden Hamburg, Kohlhammer, Stuttgart (bisher 40 Bände)
  • Alfred Klose (Hrsg.): Frieden und Gesellschaftsordnung. Festschrift für Rudolf Weiler zum 60. Geburtstag, Berlin: Duncker & Humblot 1988, ISBN 3-428-06444-5
  • Alfred Klose: Kulturethik als Herausforderung, Klagenfurt / Celovec, Wien u. a.: Hermagoras / Mohorjeva 2006, ISBN 3-7086-0183-1
  • Ernst Josef Nagel (Hrsg.): Dem Krieg zuvorkommen. Christliche Friedensethik und Politik, Herder, Freiburg 1984
  • Norbert Glatzel, Ernst Josef Nagel (Hrsg.): Frieden in Sicherheit. Zur Weiterentwicklung der katholischen Friedensethik, Herder, Freiburg 2. Aufl. 1982
  • Volker Stümke, Matthias Gillner (Hrsg.): Friedensethik im 20. Jahrhundert (= Theologie und Frieden. Bd. 42). Kohlhammer, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-17-021837-6.
  • Rudolf Weiler: Friedensdiskurs aus verschiedener weltanschaulicher Sicht, Duncker & Humblot 1988, ISBN 3-428-06443-7
  • Rudolf Weiler: Internationale Ethik. Eine Einführung. Erster Band: Die sittliche Ordnung der Völkergemeinschaft, Duncker & Humblot 1986, ISBN 3-428-06133-0
  • Rudolf Weiler: Internationale Ethik. Eine Einführung. Zweiter Band: Fragen der internationalen sittlichen Ordnung. Friede in Freiheit und Gerechtigkeit, Duncker & Humblot 1989, ISBN 3-428-06134-9
  • Rudolf Weiler: Völkerrechtsordnung und Völkerrechtsethik, Duncker & Humblot 2000, ISBN 3-428-10275-4
  • Valentin Zsifkovits: Ethik des Friedens, Linz: Veritas 1987

Zur Geschichte der Friedensethik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textsammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Briefwechsel Einstein und Freud

Klassische Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einflussreiche neuere Abhandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Studien zur Friedensethik, hrsg. von Heinz-Gerhard Justenhoven und Bernhard Koch, Nomos-Verlag/Aschendorff-Verlag Baden-Baden/Münster, seit 2014
  • Weltethos

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Ethik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Ethik – Zitate