Gallo-römischer Umgangstempel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Ausgrabung der Fundamente eines Gallo-römischen Umgangstempels im Landkreis Waldshut 1995

Gallo-römischer Umgangstempel ist die moderne Bezeichnung eines spezifischen Tempeltyps, der vor allem in den gallischen, germanischen und britischen Provinzen des römischen Reiches vorkam. Es sind die Regionen, die vorher weitestgehend von der keltischen Kultur geprägt waren. Möglicherweise erforderten die Kultpraktiken in diesen Religionen diese spezielle Bauform.

Aus der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts sind nur wenige gallo-römische Umgangstempel bekannt. Die meisten Heiligtümer dieses Bautyps datiert man in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts und ins 2. Jahrhundert. Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts nahm der Bau solcher Tempel stetig ab.[1]

Rekonstruierter Plan des Matronentempels als Gallo-römischen Umgangstempel in der Colonia Ulpia Traiana

Dieser Tempeltyp besteht meist nur aus einem Raum (Cella) mit einer Tür. Um diesen Raum verläuft ein Umgang. Wegen der schlechten Erhaltung vieler Tempel ist die Rekonstruktion des Umganges nicht immer gesichert. In vielen Fällen werden Säulenreihen angenommen, in Einzelfällen könnte es sich auch um einen geschlossenen Gang handeln. Nach archäologischen Funden in der Abtei Saint-Georges-de-Boscherville konnte ein gallo-römischer Steintempel mit Umgang auf einen ebensolchen gallischen Holztempel folgen.

Wie in anderen kulturellen Bereichen gab es in der Tempelarchitektur eine Vermischung von einheimischen und mediterranen Elementen. Der Umgang und die Cella waren nach mediterranen Vorbildern mit Dachziegeln bedeckt. Auch die Säulenreihen, die die Cella umschließen, sind auf mediterrane Einflüsse zurückzuführen.[2]

Die Cella war wahrscheinlich höher als der Umgang. Die Tempel sind mit 15 bis 20 Meter Seitenlänge relativ klein. Sie sind meist aus Stein erbaut, wobei es auch Beispiele aus Holz gibt. Als Ursprung werden die keltischen Viereckschanzen vermutet, nicht zuletzt, da an einigen Orten, etwa in Gournay-sur-Aronde, gallo-römische Umgangstempel Nachfolgebauten von Viereckschanzen waren.

In den Umgangstempeln wurden hauptsächlich keltische Gottheiten verehrt, aber nur wenige sind bekannt. Manchmal können Standorte von Gallo-römischen Umgangstempeln durch ein Epitheton im Ortsnamen erkannt werden, wie bei Oisseau-le-Petit (Département Sarthe), wo es ein Fanum gab.[Anm. 1] Im 9. Jahrhundert wurde die Ortschaft urkundlich als Oxellum erwähnt.[3] Oxellum ist vom keltischen Wort uksello-, „der Hohe“, abgeleitet, und weist auf eine Gottheit und somit auf den Standort eines Tempels.[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Altjohann: Bemerkungen zum Ursprung des gallo-römischen Umgangstempels. In: Wolfgang Czysz, Claus-Michael Hüssen, Hans-Peter Kuhnen, C. Sebastian Sommer, Gerhard Weber (Hrsg.): Provinzialrömische Forschungen. Festschrift für Günter Ulbert zum 65. Geburtstag. Leidorf, Espelkamp 1995, ISBN 3-89646-000-5, S. 169–203.
  • Michael Altjohann: Gallo-römische Umgangstempel und Bauten in Viereckschanzen. In: Günther Wieland (Hrsg.): Keltische Viereckschanzen. Einem Rätsel auf der Spur. Theiss, Stuttgart 1999, ISBN 3-8062-1387-9, S. 105–112.
  • William van Andringa (Hrsg.): Archéologie des sanctuaires en Gaule romaine (= Centre Jean Palerne. Mémoires. 22). Publications de l'Université de Saint-Etienne, Saint-Étienne 2000, ISBN 2-86272-202-2.
  • Jean-Louis Brunaux: Die keltischen Heiligtümer Nordfrankreichs. In: Alfred Haffner (Hrsg.): Heiligtümer und Opferkulte der Kelten (= Archäologie in Deutschland. Sonderheft 1995). Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1147-7, S. 55–74.
  • Isabelle Fauduet: Les temples de tradition celtique en Gaule romaine. Éditions Errance, Paris 1993, ISBN 2-877-72074-8.
  • Thomas Lobüscher: Tempel- und Theaterbau in den Tres Galliae und den germanischen Provinzen. Ausgewählte Aspekte (= Kölner Studien zur Archäologie der römischen Provinzen. 6). Leidorf, Rahden 2002, ISBN 3-89646-134-6 (Zugleich: Köln, Universität, Dissertation, 1999).
  • Friedrich Schlette: Kelten zwischen Alesia und Pergamon. Eine Kulturgeschichte der Kelten. Urania, Leipzig u. a. 1976.
  • Heinz Hermann Steenken: Umgangstempel. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 31, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2006, ISBN 3-11-018386-2, S. 422–429.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Lobüscher: Tempel. In: Thomas Fischer (Hrsg.): Die römischen Provinzen. Eine Einführung in ihre Archäologie. Theiss, Stuttgart 2001, ISBN 3-8062-1591-X, S. 77–79, hier S. 78.
  2. Stefanie Martin-Kilcher, Daniel Castella: Glaube, Kult und Gräber. In: Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter. Band 5: Laurent Flutsch, Urs Niffeler, Frédéric Rossi (Hrsg.): Römische Zeit. Verlag Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte, Basel 2005, ISBN 3-908006-56-2, S. 305–355, hier S. 315.
  3. Ernest Nègre: Toponymie générale de la France. Band 1: Formations préceltiques, celtiques, romanes (= Publications romanes et françaises. 193). Librairie Droz, Genf 1990, S. 162.
  4. François de Beaurepaire: Les noms des communes et anciennes paroisses de la Seine-Maritime. A. et J. Picard, Paris 1979, ISBN 2-7084-0040-1, S. 119.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In Frankreich werden gallo-römische Umgangstempel fanum genannt.