Gebirgsschlag Völkershausen

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Die neu erbaute Kirche in Völkershausen
Pressefoto vom 18. September 1989 mit spielenden Kindern in der gerade eröffneten Kinderkombination «Solidarität»
Ein Teil der Fachwerkhäuser überstand den Gebirgsschlag unversehrt.
Zu den Neubauten gehörte der aus Betonfertigteilen gestaltete Dorfladen.
In der Ortslage Völkershausen (2012)

Das als Gebirgsschlag Völkershausen weltweit notierte Ereignis war eine durch Bergbautätigkeit verursachte Katastrophe. Sie hatte die großflächige Zerstörung der Rhöngemeinde Völkershausen zur Folge und ereignete sich am 13. März 1989 gegen 14:02 Uhr.

Ereignis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die planmäßig durchgeführte Sprengung im Grubenfeld des DDR-Kalibergbaubetriebes Ernst Thälmann führte untertägig zum großflächigen Zusammenbruch eines Abbaufeldes und zeitgleich an der Oberfläche zu einem Erdbeben der Stärke ML = 5,6 auf der Richterskala. Dabei wurden fast 80 % der 360 Wohnhäuser in der Ortsbebauung beschädigt. Praktisch alle historischen Gebäude, das Schloss mit seinen Nebengebäuden, die Kirche, das Pfarrhaus und 15 Privathäuser mussten abgerissen werden. Auch in der Nachwendezeit erhielt die Region noch 36 Mio. D-Mark zur Beseitigung von Schäden.[1] Im heutigen Ortsbild wurden an markanten Punkten Infotafeln aufgestellt, die an die Geschichte des jeweiligen Gebäudes erinnern. Nach Aussagen der Untersuchungskommission wurden bei dem zwölf Sekunden dauernden Beben nur sechs Menschen verletzt.[2]

Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gebirgsschlag bei Völkershausen zählt weltweit zu den energiereichsten seismischen Ereignissen, die durch bergbauliche Tätigkeiten ausgelöst wurden. Rund 3200 5 bis 10 Meter hohe und etwa 30 m lange Stützpfeiler aus Carnallit brachen in kurzer Zeit zusammen. Die durch den Gebirgsschlag hervorgerufenen Bodenerschütterungen wurden bis in eine Entfernung von mehr als 300 km verspürt, er erreichte die Lokalmagnitude ML=5,6. Nach überschlägigen Berechnungen entsprach die freigesetzte Energie dieses Gebirgsschlages 200.000 Tonnen TNT-Sprengkraft. 850 m höher in Völkershausen senkte sich der Erdboden teilweise um mehr als einen Meter. Die seismische Erschütterung war noch bis Berlin, Hannover, Nürnberg, Frankfurt, Köln und Ingolstadt spürbar, sogar aus Prag und Wien wurden Beobachtungen gemeldet.[3]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die diesen Gebirgsschlag verursachende Zerstörungskraft entstand wahrscheinlich durch Berechnungsfehler bei der Dimensionierung der erforderlichen Stützpfeiler im Abbaufeld, offenbar verbunden mit einem bei der planmäßigen Sprengung im Kalischacht Merkers ausgelösten untertägigen Gasausbruch, wodurch die erforderliche Statik des Abbaufeldes auf einer Fläche von 6,8 Quadratkilometern impulsartig zusammenbrach.[4]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die unmittelbaren Folgen des Gebirgsschlages waren Schäden in Höhe von 40,5 Millionen DDR-Mark für die Beseitigung der Bauschäden, Neuerrichtung von Gebäuden, Versicherungswerte und andere Formen der Entschädigung. Weite Teile der historischen Ortsbebauung waren stark beschädigt und mussten abgetragen werden, darunter auch das Schloss Völkershausen und die im frühen 18. Jahrhundert erbaute St.-Annen-Kirche. Auf Vorschlag der SED-Bezirksleitung Suhl wurde sofort und unbürokratisch mit dem Wiederaufbau und der Reparatur an den Gebäuden begonnen, zwei Wohnblöcke, die Kindertagesstätte, eine Kaufhalle und etwa 50 Eigenheime wurden umgehend neu errichtet, das Ziel war, die Arbeiten bis zum 40. Jahrestag der DDR im Herbst 1989 zu beenden. Politbüromitglied Werner Jarowinsky und andere hochrangige SED-Funktionäre besuchten die Bergarbeiterorte. Die Verteilung von materiellen Vergünstigungen und die gleichzeitige Disziplinierung durch die Staatssicherheit zeigten bei der Wahl im Mai 1989 Wirkung. Der rasch begonnene Wiederaufbau schuf augenscheinlich in der Bevölkerung Zuversicht und Vertrauen.[5]

Kurz nach dem Gebirgsschlag wurden die Hangbereiche der Talsperre Schönbrunn, die etwa 65 km vom Epizentrum entfernt liegt, einer vertiefenden Untersuchung unterzogen. Die Untersuchungen wurden von einer Expertenkommission durchgeführt, da sich im Stauraum der Talsperre bewegungsaktive Hangareale befinden, die durch seismische Aktivitäten unter Umständen reaktiviert werden können.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günter Leydecker (Hg.): Der Gebirgsschlag vom 13. März 1989 bei Völkershausen in Thüringen im Kalibergbaugebiet des Werratals, Geologisches Jahrbuch Reihe E, Band E 55, E. Schweizerbart, Stuttgart 1998
  • Günter Leydecker, Gottfried Grünthal und Ludwig Ahorner: Der Gebirgsschlag vom 13. März 1989 bei Völkershausen in Thüringen im Kalibergbaugebiet des Werratals. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2009.
  • Eike Kellermann: Der Gebirgsschlag von Völkershausen am 13. März 1989. In: Thr. Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Blätter zur Landeskunde. Erfurt 2003, S. 8.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nachrichten (Thüringische Rhön). In: Rhönklub (Hrsg.): Rhönwacht. Nr. 1, 1995, ISSN 0936-1723, S. 40.
  2. Streit um Schuld am Erdbeben. voelkershausen.de, abgerufen am 10. März 2009.
  3. http://www.stz-online.de/nachrichten/thueringen/seite3thueringenstz/art2448,770679 (Memento vom 14. Juni 2009 im Internet Archive)
  4. Beben wurde zum Politikum. stz-online.de, 14. März 2008, archiviert vom Original am 14. Juni 2009; abgerufen am 26. Oktober 2012.
  5. Eike Kellermann: Der Gebirgsschlag von Völkershausen am 13. März 1989. In: Thr. Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Blätter zur Landeskunde. Erfurt 2003, S. 8.