Geiselnahme von Sydney

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Die Geiselnahme von Sydney begann am Morgen des 15. Dezember 2014 in der Innenstadt der australischen Metropole Sydney in einem Lindt Chocolate Café.

Der Einzeltäter Man Haron Monis[1] betrat das Schokoladen-Café am Martin Place und nahm dort 17 Angestellte und Kunden als Geiseln.[2] Im Lauf des Geschehens entkamen 11 Geiseln.[3] Monis gab politische Motive an.[4][5] Einige Geiseln mussten ein schwarzes Banner mit der arabischen Schahāda gegen ein Fenster halten.[6]

In Folge der Geiselnahme wurden im Stadtzentrum zahlreiche Straßensperren errichtet; das Areal rund um den Ort des Geschehens wurde gesperrt, nahe gelegene öffentliche Gebäude wurden geräumt.[7] 16 Stunden nach Beginn der Geiselnahme stürmte die Polizei um 2:14 Uhr Ortszeit das Café.[8] Bei der Geiselnahme kamen drei Personen, darunter der Geiselnehmer, ums Leben, vier weitere wurden verletzt.[2]

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geiselnahme und Verhandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lindt Chocolate Café am Martin Place

Die Geiselnahme ereignete sich im Lindt Chocolate Café am 53 Martin Place. Der Martin Place ist die größte Fußgängerzone und das bürgerliche Zentrum Sydneys.[9] Sie begann, als um 9:44 Uhr Ortszeit der 50-jährige Geiselnehmer Man Haron Monis eine Schrotflinte zog und erklärte, dass er ein Repräsentant des Islamischen Staates und dies ein terroristischer Angriff sei.[10] Er gab an, er hätte zudem Bomben in dem Gebäude versteckt und die 17 Kunden und Angestellten im Café müssten seinen Anweisungen Folge leisten. Er schaltete die Automatik der Schiebetüren des Cafés ab, Passanten alarmierten die Polizei.

Monis wollte die Geiselnahme als mediale Bühne nutzen; er zwang Angestellte des Cafés, bei Fernseh- und Radiostationen anzurufen, und seine Forderungen zu übermitteln.[10] Er zwang zudem vier Frauen, einzeln seine Forderungen vor einem Schwarzen Banner mit der arabischen Schahāda vorzutragen, eine Videoaufzeichnung davon veröffentlichte er auf YouTube. Für ein live im Radio übertragenes Telefonat mit dem australischen Premierminister Tony Abbott wollte er fünf Geiseln freilassen; für die Erklärung der australischen Regierung, dass dies ein Terroranschlag im Namen des Islamischen Staates sei, wollte er zwei weitere Geiseln freilassen.[10] Eine zusätzliche Geisel wollte er zudem freilassen, wenn ihm die Flagge des Islamischen Staates übergeben werde. Die Polizei verhandelte mit Monis,[11] keine der Forderungen wurde erfüllt.[10] Die Videoaufzeichnungen der Geiseln wurden auf YouTube zügig gelöscht[10] und von den Medien nicht gezeigt; diese berichteten jedoch live von der Geiselnahme.[12][5]

Monis zwang zwei Geiseln, das schwarze Banner mit der arabischen Schahāda gegen ein Fenster zu halten.[13] Das Banner wurde anfangs für die Flagge des Islamischen Staates gehalten.[5] Der Geiselnehmer wurde als bärtig, mit einem weißen T-Shirt und einer schwarzen Mütze bekleidet und mit einem Gewehr ausgestattet beschrieben.[14][5] Laut mehreren Berichten erklärte Monis, dass er vier „Geräte“ im Stadtgebiet platziert habe. Eine Suche führte zu keinem Ergebnis.[15] Die New South Wales Police bezeichnete das Ereignis als terroristischen Angriff.[16]

Flucht einiger Geiseln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 15:37 Uhr entkamen zwei Geiseln durch den Haupteingang des Gebäudes; eine dritte Geisel, ein Angestellter, entkam durch einen Notausgang.[14] Um 16:58 Uhr flohen zwei weitere weibliche Geiseln, beides Angestellte, durch einen anderen Seiteneingang.[14] Eine der entkommenen Geiseln wurde wegen einer bereits zuvor bestehenden Erkrankung in ein Krankenhaus eingeliefert.[17]

In der Nacht um 2:08 Uhr floh eine Gruppe von fünf Geiseln, eine weitere Geisel folgte kurz darauf.

Erstürmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Manager des Cafés versuchte, dem 50-jährigen selbsternannten Prediger die Waffe zu entreißen, als dieser gegen 02:00 Uhr eingeschlafen schien. Nachdem der Geiselnehmer den Manager daraufhin gezwungen hatte, sich auf den Boden zu knien, und ihm in den Hinterkopf geschossen hatte, stürmte eine Polizeieinheit unter Einsatz mehrerer Blendgranaten in das Lokal. Zwei Geiseln, der 34-jährige Manager des Cafés Tori Johnson und die 38-jährige Rechtsanwältin Katrina Dawson, sowie der Geiselnehmer starben, vier Geiseln sowie ein Polizist wurden verletzt.[18][2] Die dreifache Mutter Dawson erlitt nach einigen Berichten bei der Erstürmung einen „Herzanfall“ und verstarb auf dem Weg in das Krankenhaus,[19][20] während andere Quellen berichteten, sie habe eine schwangere Kollegin vor Schüssen schützen wollen und sei dabei selbst tödlich getroffen worden.[21][22] Anderthalb Monate später wurde bei einer Anhörung am Untersuchungsgericht des Staates New South Wales protokolliert, dass Katrina Dawson von Querschlägern getroffen wurde, durch „Fragmente einer oder mehrerer Polizei-Kugeln“. Dawson habe rasch das Bewusstsein verloren und sei gestorben.

Maßnahmen und Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Polizeisperre am Martin Place

Die Geiselnahme ereignete sich in der zentralen Innenstadt am Martin Place, der größten Fußgängerzone und dem kommerziellen Zentrum von Sydney.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wegen der Geiselnahme hielten Nahverkehrszüge nicht am Bahnhof „Martin Place“. Transport New South Wales forderte Reisende dazu auf, die Stadtviertel zu umgehen.[23] Es kam zu zahlreichen Straßensperren. Aus Richtung Süden gab es keinen Zugang zum Cahill Expressway, der York Street und der Harbour Street. Aus Richtung Norden gab es ebenfalls keinen Zugang zum Cahill Expressway, der gesamte Verkehr wurde zum Sydney-Harbour-Tunnel umgeleitet. Der Verkehr in Richtung Norden zum Western Distributorwurde über die Sydney Harbour Bridge umgeleitet.[24][7]

Die lokale Niederlassung des Mietwagendienstes Uber verfügte, dass für Fahrten aus der Stadt ein Mindestpreis von 100 AUD berechnet wird. Nach einer Kritikwelle verkündete Uber jedoch, dass Fahrten aus dem Stadtzentrum von Sydney kostenlos seien, das Preisminimum von 100 AUD für Fahrten ins Stadtzentrum jedoch bestehen bleibe, um diese für Fahrer attraktiv zu halten.[25]

Evakuierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon kurz nach dem Beginn der Geiselnahme wurden Personen aus den oberen Stockwerken des Gebäudes über Leitern evakuiert.[26] Das Sydney Opera House wurde nach dem Fund eines verdächtigen Pakets geräumt.[27] Das US-amerikanische Konsulat in Sydney, das sich am Martin Place befindet, wurde ebenfalls evakuiert.[28]

Die Polizei wies Anwohner an, sich nicht ins Freie zu begeben und sich von Fenstern fernzuhalten.[29] Die Commonwealth Bank, Westpac und Australia and New Zealand Banking Group schlossen ihre Niederlassungen im Stadtzentrum.[30] Die State Library of New South Wales wurde ebenfalls geschlossen.[31] Zahlreiche andere Gebäude, darunter die Niederlassungen der Handelskette David Jones Limited, Büros des New South Wales Parliament, das Downing Center und mehrere Justizgebäude, wurden evakuiert.[32] Die Gebäude des Seven Network, die sich direkt gegenüber dem Café befinden, wurden gesperrt.[33]

Mehrere Schulen in Sydney wurden wegen der Geiselnahme geschlossen, so dass niemand das Schulgelände verlassen konnte.[13]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kondolenzbekundungen am Martin Place

Regierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Premierminister von Australien, Tony Abbott, berief das National Security Committee of Cabinet ein und ließ sich über die Situation unterrichten.[34][35][13] Abbott erklärte, „Die Australier können sich sicher sein, dass die Justiz und die Behörden gut trainiert und ausgestattet sind und auf das Geschehen in einer sorgfältigen und professionellen Weise reagieren.“[36] Er ergänzte später: „Der Zweck von politisch motivierter Gewalt ist es, Menschen dazu zu zwingen, nicht mehr sie selbst zu sein. Australien ist eine friedliche, offene und edelmütige Gesellschaft. Nichts soll das je verändern, und deshalb fordere ich heute alle Australier auf, ihren Angelegenheiten wie üblich nachzugehen.“[15]

Der Premierminister von New South Wales, Mike Baird, verlautbarte: „Wir werden heute auf die Probe gestellt … in Sydney. Die Polizei wird auf die Probe gestellt, die Öffentlichkeit wird auf die Probe gestellt, aber wir werden diese Prüfung frontal angehen, und wir werden eine starke demokratische, zivilisierte Gesellschaft bleiben. Ich habe volles Vertrauen in den Polizeipräsidenten und die hervorragende Arbeit der New South Wales Police.“[30][37]

Zivilgesellschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Besorgnis über mögliche antimuslimische Reaktionen wurde eine Graswurzelbewegung namens #illridewithyou in sozialen Medien initiiert, die allein im öffentlichen Verkehr reisende Muslime bei Bedarf unterstützen sollte.[38][39][40]

Muslimische Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sanier Dandan, Präsident der Libanese Muslim Association, sagte gegenüber ABC News, dass die Funktionäre der australischen Muslime sich online unterredeten und eine geeignete Reaktion besprächen. Er sagte, dass es unbekannt sei, ob der oder die Verantwortlichen Beziehungen zur muslimischen Gemeinde hätten, und fügte hinzu: „Unabhängig davon haben wir eine Geiselnahme. Egal ob es sich um jemanden handelt, der zur australischen muslimischen Gemeinde zählt oder nicht, wir warten auf Informationen, auf deren Grundlage wir entscheiden werden, ob die muslimische Gemeinde etwas tun kann oder unterstützend eingreifen kann.“[41][42] Ibrahim Abu Mohamed, der Großmufti von Australien, verurteilte die Tat in einer Stellungnahme.[30][43] Im Laufe des Nachmittags des 15. Dezember veröffentlichten Muslime eine Stellungnahme, in der sie die Tat verurteilten.[30]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Geiselnahme von Sydney – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sydney siege: Man behind siege named as Iranian cleric Man Haron Monis. In: ABC News, 16. Dezember 2014. Abgerufen am 15. Dezember 2014. 
  2. a b c Lindt Cafe hostage drama in Martin Place, Sydney: day two. In: The Sydney Morning Herald. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  3. Live: Police negotiate with gunman after five people emerge from Lindt cafe during siege in Sydney's Martin Place. In: ABC News, 15. Dezember 2014. 
  4. Sydney siege: Prime Minister Tony Abbott says gunman is 'claiming political motivation', ABC News. 15. Dezember 2014. 
  5. a b c d Police say they are in contact with gunman holding hostages in Sydney, Australia. In: news. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  6. Seven in 'lockdown' due to hostage crisis. In: NewsComAu. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  7. a b SYDNEY SIEGE: Here's What's Happening To The City As A Result. In: Business Insider Australia, 15. Dezember 2014. 
  8. Sydney cafe siege: Australia police storm building. BBC News. 15. Dezember 2014. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  9. A city's heart builds on a sense of place, Sydney Morning Herald, 1. Oktober 2007
  10. a b c d e Ben Doherty: Hostages in the Sydney cafe siege: 'We’re not getting out of here'. The Guardian, 16. Dezember 2014, abgerufen am 16. Dezember 2014.
  11. Sydney siege: What we do and don’t know about hostage situation in Martin Place. In: ABC News, Australian Broadcasting Corporation, 15. Dezember 2014. 
  12. Police clear Martin Place after gunman holds hostages at Lindt Chocolat Cafe. In: The Sydney Morning Herald, 15. Dezember 2014. 
  13. a b c „Lindt Chocolate Cafe Hostage Drama in Martin Place Sydney.“ Sydney Morning Herald. 15. Dezember 2014.
  14. a b c LIVE STREAM: Sydney siege hostages 'huddled at one end of café'. In: 9news.com.au. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  15. a b Five hostages flee in terror from Sydney hostage drama. In: Gympie Times. 15. Dezember 2014. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  16. Martin Place siege being treated as terrorist attack, police confirm. In: Sydney Morning Herald, 15. Dezember 2014. 
  17. Press conference with NSW Police Chief Commissioner Scipione. In: ABC News, 15. Dezember 2014. 
  18. Tagesschau,de abgerufen 15. Dezember 2014 (Memento vom 15. Dezember 2014 im Internet Archive)
  19. The Telegraph vom 15. Dezember 2014: Victims of Sydney siege hailed as heroes after they die protecting hostages
  20. The Daily Telegraph vom 16. Dezember 2014: Katrina Dawson was a barrister, friend and colleague of other hostages but most importantly was a mother of three young children
  21. The Sydney Morning Herald vom 19. Dezember 2014: Pregnant Sydney siege survivor Julie Taylor says her unborn baby is healthy
  22. news.com.au vom 19. Dezember 2014: Sydney siege: Julie Taylor pays tribute to Katrina Dawson and Tori Johnson
  23. Transport status alert – transportnsw.info. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  24. Sydney siege: Martin Place Lindt cafe hostage situation leads to road closures and transport diversions. In: ABC News. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  25. Brian Ries, Jenni Ryall: Uber introduces surge pricing in downtown Sydney during hostage siege. Mashable. 15. Dezember 2014. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  26. Police have evacuated people trapped in the buildi... - ABC News (Australian Broadcasting Corporation)
  27. Sydney Siege: Up To 20 Hostages Held – Reports. In: Sky News. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  28. US Consulate in Sydney near hostage cafe crisis evacuated, security warning issued. In: The Straits Times, Singapore Press Holdings Ltd, 15. Dezember 2014. Abgerufen am 14. Dezember 2014. 
  29. NSW Police on Twitter. In: Twitter. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  30. a b c d Live blog: Siege in Sydney's Martin Place. In: ABC News, 15. Dezember 2014. 
  31. State Library of NSW on Twitter. In: Twitter. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  32. Police clear Martin Place after gunman holds hostages at Lindt Chocolat Cafe
  33. Seven in 'lockdown' due to hostage crisis. 15. Dezember 2014. 
  34. Abbott reassures Australians over Sydney siege. In: ITV News. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  35. Incident in Martin Place, Sydney. In: Prime Minister of Australia Media. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  36. Five Hostages Flee Lindt Chocolate Cafe in Sydney, Australia. In: NBC News. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  37. Premier and Commissioner address the media re: Martin Place police operation. In: YouTube. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  38. #illridewithyou: Twitter sprouts anti-Islamophobia campaign, news.com.au. 15. Dezember 2014. 
  39. Martin Place siege: #illridewithyou hashtag goes viral, Sydney Morning Herald. 15. Dezember 2014. Abgerufen am 15. Dezember 2014. 
  40. #illridewithyou: support for Muslim Australians takes off following Sydney siege. In: ABC News, 15. Dezember 2014. Abgerufen am 15. Dezember 2014. 
  41. Post Publishing PCL.: Sydney hostage crisis: Live Report. In: http://www.bangkokpost.com/. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  42. Sydney hostage crisis: Live Report – Business Insider. In: Business Insider. 15. Dezember 2014. Abgerufen am 15. Dezember 2014.
  43. Sydney Hostage Crisis: Major Police Operation Unfolding. In: TIME.com. Abgerufen am 15. Dezember 2014. 

Koordinaten: 33° 52′ 5″ S, 151° 12′ 40″ O