Genetische Verwandtschaft (Linguistik)

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Als genetisch verwandt nennt man in der Linguistik Sprachen, die auf eine gemeinsame Ursprache zurückgehen. Darüber hinaus bezeichnet „genetisch“ in der Linguistik allgemein eine Klasse von Fragestellungen und Problemen, welche bestimmte Aspekte der Entstehung oder Herkunft einer Sprache betreffen.[1] Genetisch miteinander verwandte Sprachen fasst man zu einer Sprachfamilie oder, allgemeiner, zu einer genetischen Einheit zusammen. Beide werden über das Merkmal der gemeinsamen Neuerungen (z. B. in Phonologie, Wortbildung, Morphologie) definiert.[2] Die genetische Sprachverwandtschaft stellt sich üblicherweise in der Form eines Stammbaums dar, Stammbaumtheorie. Man bezeichnet deshalb Sprachen dann als verwandt, wenn sie von einer gemeinsamen Muttersprache oder besser Ursprache oder Grundsprache abstammen.[3]

Dabei wird der Begriff der „genetischen Verwandtschaft“ zwischen den Sprachen in metaphorischer Weise verwendet. So wird im Analogieschluss zur biologischen Welt die Verwandtschaft als eine Beziehung von zwei oder mehr Lebewesen zueinander gesehen, die auf den Beziehungen zwischen Elternteilen und Kindern beruht. Für eine linguistische Interpretation von Sprachverwandtschaft ist dieser Ansatz aber eher irreführend, so ist es im linguistischen Zusammenhang eher förderlich zu Fragen, welche Arten von Beziehungen zwischen Sprachen bestehen können. Wie zwischen allen historischen Objekten, sind sie grundsätzlich von zweierlei Art: Beziehungen der Kontiguität und Beziehungen der Similarität.

  • Dabei wird unter der Kontiguität, das zusammenstoßen der Gegenstände, hier der Sprache verstanden, die in ihrer Geschichte irgendeine Form von Kontakt gehabt haben. Kontiguitätsbeziehungen zwischen Sprachen sind historische Beziehungen.
  • Die Similarität zeichnet die Ähnlichkeit und damit Gemeinsamkeit von Merkmalen im Vergleich zu anderen Gegenständen unabhängig von dem jeweiligen historischen Kontakt. Similaritätsbeziehungen zwischen Sprachen sind typologische Beziehungen.[4]

Nachweis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Nachweis, dass zwei oder mehrere Sprachen genetisch miteinander verwandt sind, gilt als erbracht, wenn die Sprachen hinreichend viele gemeinsame Züge aufweisen und die beiden folgenden möglichen Ursachen für die Gemeinsamkeiten ausreichend ausgeschlossen werden können:

  • Die Gemeinsamkeiten sind in jeder der Sprachen unabhängig voneinander entstanden.
  • Die Gemeinsamkeiten sind durch Sprachkontakt zwischen den betrachteten Sprachen bzw. durch den Kontakt der betrachteten Sprachen zu einer dritten Sprache entstanden.

Die Frage, wann die alternativen Ursachen hinreichend ausgeschlossen sind, ist ein Gegenstand der linguistischen Diskussion.

Da die Frage nach der Monophylie der Sprachen der Welt nach wie vor ungeklärt ist, gibt es keine Möglichkeit nachzuweisen, dass zwei Sprachen nicht genetisch verwandt sind.

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abgegrenzt werden muss der Begriff der genetischen Verwandtschaft in der Linguistik von dem Begriff der genetischen Verwandtschaft in der Biologie, im speziellen Fall in der Anthropologie bzw. Ethnologie: Die Sprecher von genetisch verwandten Sprachen müssen nicht auch ethnologisch (biologisch-genetisch) verwandt sein.[5] Als Beispiel dafür kann das Englische dienen: Nicht jeder englische Muttersprachler stammt aus direkter Linie von den Angelsachsen ab.

Die Kreolsprachen lassen sich ebenfalls nicht mit den Begriffen der genetischen Verwandtschaft erfassen. Sie werden von einer eigenen Unterabteilung der Linguistik, der Kreolistik, untersucht.

Ähnlich wie die Kreolsprachen lassen sich auch die meisten Plansprachen nicht oder nur schwer genetisch klassifizieren, obwohl man deren Ursprung meist genau kennt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschsprachig
  • Helmut Glück (Hrsg.): Metzler Lexikon Sprache. 4. Auflage, Metzler, Stuttgart-Weimar 2010. (Hier insbesondere die Lemmata „Genetisch“, „Sprachverwandtschaft“ und „Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft“)
  • Hadumod Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4. Auflage, Kröner, Stuttgart 2008. (Hier insbesondere die Lemmata „Klassifikation der Sprachen“, „Protosprache“, „Sprachfamilie“)
  • John Lyons: Einführung in die moderne Linguistik. 8. Auflage, C. H. Beck, 1995. ISBN 3406394655.
  • Sylvain Auroux (Hrsg): Geschichte der Sprachwissenschaften: Ein internationales Handbuch zur Entwicklung der Sprachforschung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Walter de Gruyter, 2006. ISBN 3110167360.
Englischsprachig
  • Merritt Ruhlen: A Guide to the World's Languages, Volume 1: Classification. Stanford University Press, Stanford 1987, Nachdruck 2000 (das grundlegende Werk zur Geschichte der genetischen Klassifikation)
  • Joseph H. Greenberg: Genetic Linguistics. Essays on Theory and Method. Oxford University Press, Oxford 2005.
  • M. Paul Lewis (Hrsg.): Ethnologue: Languages of the World, 16. Aufl., Dallas: SIL, 2009. (enthält aktuelle Hypothesen genetischer Klassifikationen aller Sprachen weltweit)
  • William Croft: Typology and Universals. 2. Auflage. Cambridge Textbooks in Linguistics, Cambridge University Press, Cambridge. 2003. ISBN 0521004993.
  • Merritt Ruhlen: On the Origin of Languages: Studies in Linguistic Taxonomy. Stanford University Press, Stanford, CA. 1994

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jost Gippert: Genetisch. In: Helmut Glück (Hrsg): Metzlers Lexikon Sprache. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 220.
  2. Gerhard Jäger: Wie die Bioinformatik hilft, Sprachgeschichte zu rekonstruieren. Universität Tübingen, S. 1–27
  3. Reinhard Köhler, Gabriel Altmann, Raĭmond Genrikhovich Piotrovskiĭ: Quantitative Linguistik. Bd. 27 Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft, Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-1101-5578-8, S. 633 ff.
  4. Methodisches zur Sprachverwandtschaft. www.christianlehmann.eu
  5. Genetik und Sprache. Stammbaum der biologischen Gene und Sprachen