Gepanzerte Nebengelenktiere

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Gepanzerte Nebengelenktiere
Glyptodon und Neunbinden-Gürteltier

Glyptodon und Neunbinden-Gürteltier

Zeitliches Auftreten
Paläozän bis heute
55 bis 0 Mio. Jahre
Fundorte

Amerika

Systematik
Amnioten (Amniota)
Synapsiden (Synapsida)
Säugetiere (Mammalia)
Höhere Säugetiere (Eutheria)
Nebengelenktiere (Xenarthra)
Gepanzerte Nebengelenktiere
Wissenschaftlicher Name
Cingulata
Illiger, 1811

Die Gepanzerten Nebengelenktiere (Cingulata) bilden eine Ordnung der Nebengelenktiere (Xenarthra). Die einzigen heute lebenden Vertreter sind die Gürteltiere (Dasypoda) mit den beiden Familien der Dasypodidae und der Chlamyphoridae. Neben den Gürteltieren werden noch eine Reihe weiterer Gruppen zu den Gepanzerten Nebengelenktieren gezählt. Das Verbreitungsgebiet umfasst nahezu das gesamte Südamerika und die südlichen Teile Nordamerikas.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie der Name schon andeutet besitzen die Gepanzerten Nebengelenktiere als einzige bekannten Vertreter der Säugetiere einen knöchernen Hautpanzer. Im Gegensatz zu dem Schuppenkleid der Schuppentiere besteht der Knochenpanzer bei den Gepanzerten Nebengelenktieren aus einzelnen Osteodermen, kleinen knöchernen Plättchen, die in Reihen angeordnet sind. In der Regel lassen sich ein Kopfschild, ein Rückenpanzer und mit einzelnen Ausnahmen auch ein Schwanzpanzer unterscheiden. Der Bauch und die Beine sind nur spärlich mit Knochenplättchen bedeckt. Der Rückenpanzer besteht zumeist aus einem Schulter- und einem Beckenschild. Die Panzerung erscheint bei den Gepanzerten Nebengelenktieren relativ vielfältig, es können mehrere Grundprinzipien unterschieden werden:[1]

  • ein starrer Rückenpanzer, bei denen der Schulter- und Beckenschild nicht beweglich zueinander angeordnet sind, etwa bei den Glyptodontidae;
  • der Schulter- und der Beckenschild sind in der Körpermitte etwas übereinandergeschoben, so dass der gesamte Rückenpanzer nur eingeschränkt beweglich ist, so bei den Pachyarmatheriidae;
  • ein beweglicher Rückenpanzer, bei dem zwischen dem Schulter- und Beckenschild eine unterschiedliche Anzahl an quer verlaufenden beweglichen Bändern ausgebildet ist; der Typ kommt bei den Gürteltieren, den Peltephilidae und den Pampatheriidae vor; hier lassen sich wiederum folgende Typen unterscheiden:
  • der Rückenpanzer besteht nur aus beweglichen Bändern (Peltephilidae und einige frühe Gürteltiere);
  • der Rückenpanzer besteht in seinem gesamten vorderen Teil (Schulterschild) aus beweglichen Bändern (einige frühe Gürteltiere);
  • der Rückenpanzer besteht aus je einem starren Schulter- und Beckenschild mit beweglichen Bändern dazwischen (Gürteltiere und Pampatherien);

Die einzelnen Knochenplättchen haben je nach Art eine unterschiedlich gestaltete Form und sind auf ihrer Oberfläche jeweils charakteristisch ornamentiert. Im Querschnitt bestehen die Osteoderme aus einer oberen und einer unteren Knochenschicht, zwischen denen sich eine mit Hohlräumen versehene weichere Schicht befindet. In diese sind verschiedene Drüsen und Haarfollikel eingelagert. Sowohl in ihrem äußeren als auch inneren Aufbau sind die Knochenplättchen bedeutsam bei der Bestimmung fossiler und rezenter Formen und besitzen somit einen taxonomischen Wert.[2][3][4]

Der Knochenpanzer wird bereits im Embryonalstadium angelegt, die Osteoderme sind aber noch nicht miteinander verwachsen, sondern durch Weichteilgewebe verbunden. Erst nach der Geburt härtet der Panzer aus, was sich unter anderem aus der Enge des Geburtskanals begründet. Die Ausbildung des Panzers führt zu einigen anatomischen Besonderheiten. So weisen die Gürteltiere unter anderem einen im Verhältnis zur Körpergröße außerordentlich langen Penis auf. Dieser ist zur Überbrückung des großen Abstandes zum weiblichen Geschlechtsorgan notwendig, der durch den starren Rückenpanzer beim Geschlechtsakt entsteht. Außerdem ist sein Schwellkörper in Folge längs und querverlaufenden Kollagenfasern äußerst stabil und widersteht so im erigierten Zustand seitlichen Scherkräften.[5] Eine weitere Konsequenz ergibt sich aus der weitgehend fehlenden Fellbedeckung, weshalb der Panzer über eine hohe Temperaturleitfähigkeit verfügt.[6] In Verbindung mit einer kaum ausgebildeten isolierenden Fettschicht und einem niedrigen Metabolismus führt dies zu einem starken Hitzeverlust. Die Gürteltiere sind daher befähigt, in extrem trocken-heißen Gebieten zu überleben. Gleichzeitig schränkt dies aber auch ihre Ausbreitung in kühlere Klimate ein.[7]

Zu den weiteren Merkmalen gehören die Ausbildung von xenarthrischen Gelenken an den hinteren Brust- und an den Lendenwirbeln, was ein generelles Merkmal der Nebengelenktiere darstellt. Bei einigen Linien wie den Glyptodontidae ist das Kennzeichen aber durch die hohe Verwachsung der Wirbelsäule wieder verloren gegangen.[8] Das Gebiss zeichnet sich durch einen homodonten Aufbau aus. Die einzelnen Zähne sind zumeist stiftartig schmal oder lappenartig aufgeweitet. Die Anzahl der Zähne ist stark variabel, unter anderem besitzt das rezente Riesengürteltier (Priodontes) mit bis zu 100 Zähnen die höchste Anzahl unter den terrestrischen Säugetieren.[9]

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gepanzerten Nebengelenktiere sind eine Ordnung innerhalb der Überordnung der Nebengelenktiere (Xenarthra), eine der vier Hauptlinien der Höheren Säugetiere (Eutheria). Die nächsten Verwandten der Gepanzerten Nebengelenktiere bilden die Zahnarmen (Pilosa), welche die Faultiere (Folivora) und Ameisenbären (Vermilingua) einschließen. Gemeinsames Merkmal der Nebengelenktiere stellen die namengebenden xenarthrischen Gelenke an den seitlichen Fortsätzen der hinteren Brust- und der Lendenwirbel dar. Darüber hinaus weichen die Nebengelenktiere von anderen Höheren Säugetieren durch Eigentümlichkeiten im Gebiss auf. Generell fehlen die vorderen Zähne, außerdem ist bei den meisten Formen kein Zahnschmelz ausgeprägt. Nach molekulargenetischen Untersuchungen trennten sich die Nebengelenktiere bereits in der ausgehenden Unterkreide vor etwa 103 Millionen Jahren von den anderen Höheren Säugetieren ab. Die Gepanzerten Nebengelenktiere und die Zahnarmen differenzierten sich zu Beginn des Paläozäns vor etwa 65 Millionen Jahren heraus.[10] Fossil nachweisbar sind die Gepanzerten Newbengelenktiere erstmals im Oberen Paläozän vor etwa 58 Millionen Jahren.[11]

Die beiden einzigen heute noch lebenden Familien dieser Ordnung sind die Dasypodidae und die Chlamyphoridae aus der Gruppe der Gürteltiere (Dasypoda). Des Weiteren werden noch eine Reihe ausgestorbener Linien dazu gezählt. Insgesamt setzt sich die Ordnung folgendermaßen zusammen:[12][13][1]

  • Ordnung Cingulata Illiger, 1811

Die wissenschaftliche Bezeichnung Cingulata stammt von Johann Karl Wilhelm Illiger aus dem Jahr 1811. Illiger schloss ursprünglich darin nur die Gürteltiere ein, andere Vertreter der Gepanzerten Nebengelenktiere waren zu dem Zeitpunkt kaum bekannt.[14] Der Name bezieht sich auf die Panzerung der Tiere. Er ist lateinischen Ursprungs und leitet sich von cingulum („Gürtel“) ab, bedeutet also so viel wie „Gegürtelte“. Die Faultiere und Ameisenbären werden wiederum in den Pilosa zusammengefasst, was vom lateinischen Wort pilus für „Haar“ abstammt und als „Behaarte“ übersetzt werden kann. Demnach wurden die Hauptgruppen der Nebengelenktiere von den früheren Forschern nach ihrer charakteristischen Körperbedeckung unterschieden. Die Bezeichnung Pilosa etablierte William Henry Flower im Jahr 1883.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • T. S. Kemp: The Origin & Evolution of Mammals. Oxford University Press, Oxford 2005. ISBN 0-198-50761-5

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Juan C. Fernicola, Andrés Rinderknecht, Washington Jones, Sergio F. Vizcaíno und Kleberson Porpino: A new species of Neoglyptatelus (Mammalia, Xenarthra, Cingulata) from the late Miocene of Uruguay provides new insights on the evolution of the dorsal armor in cingulates. Ameghiniana 55, 2018, S. 233–252
  2. Robert V. Hill: Comparative Anatomy and Histology of Xenarthran Osteoderms. Journal of Morphology 267, 2006, S. 1441–1460
  3. C. M. Krmpotic, M.R. Ciancio, C. Barbeito, R. C. Mario und A. A. Carlini: Osteoderm morphology in recent and fossil euphractine xenarthrans. Acta Zoologica 90, 2009, S. 339–351
  4. C. M. Krmpotic, M. R. Ciancio, A. A. Carlini, M. C. Castro, A. C. Scarano und C. G. Barbeito: Comparative histology and ontogenetic change in the carapace of armadillos (Mammalia: Dasypodidae). Zoomorphology 134, 2015, S. 601–616
  5. Diane A. Kelly: Axial orthogonal fiber reinforcement in the penis of the nine-banded armadillo (Dasypus novemcinctus). Journal of Morphology 233, 1997, S. 249–255
  6. G. J. Tattersall und V. Cadena: Insights into animal temperature adaptations revealed through thermal imaging. Imaging Science Journal 58, 2010, S. 261–268
  7. Mariella Superina und W. J. Loughry: Life on the Half-Shell: Consequences of a Carapace in the Evolution of Armadillos (Xenarthra: Cingulata). Journal of Mammalian Evolution 19, 2012, S. 217–224
  8. H. Gregory McDonald: Xenarthran skeletal anatomy: primitive or derived? Senckenbergiana biologica 83, 2003, S. 5–17
  9. Sergio F. Vizcaíno: The teeth of the “toothless”: novelties and key innovations in the evolution of xenarthrans (Mammalia, Xenarthra): Paleobiology 35 (3), 2009, S. 343–366
  10. Gillian C. Gibb, Fabien L. Condamine, Melanie Kuch, Jacob Enk, Nadia Moraes-Barros, Mariella Superina, Hendrik N. Poinar und Frédéric Delsuc: Shotgun Mitogenomics Provides a Reference Phylogenetic Framework and Timescale for Living Xenarthrans. Molecular Biology and Evolution 33 (3), 2015, S. 621–642
  11. Édison Vicente Oliveira und Lílian Paglarelli Bergqvist: A new Paleogene armadillo (Mammalia, Dasypodoidea) from the Itaboraí basin, Brazil. Associatión Paleontológica Argentina, Publicatión Especial 5, 1998, S. 35–40
  12. Malcolm C. McKenna und Susan K. Bell: Classification of mammals above the species level. Columbia University Press, New York, 1997, S. 1–631 (S. 82–91)
  13. Frédéric Delsuc, Gillian C. Gibb, Melanie Kuch, Guillaume Billet, Lionel Hautier, John Southon, Jean-Marie Rouillard, Juan Carlos Fernicola, Sergio F. Vizcaíno, Ross D. E. MacPhee und Hendrik N. Poinar: The phylogenetic affinities of the extinct glyptodonts. Current Biology 26, 2016, S. R155–R156 DOI: 10.1016/j.cub.2016.01.039
  14. Johann Karl Wilhelm Illiger: Prodromus systematis mammalium et avium additis terminis zoographicis utriudque classis. Berlin, 1811, S. 1–301 (S. 110) ([1])
  15. Darin A. Croft und Velizar Simeonovski: Horned armadillos and rafting monkeys. The fascinating fossil mammals of South America. Indiana University Press, 2016, S. 1–304 (S. 13–14)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Cingulata – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien