Geschichten vom Herrn Keuner

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Geschichten vom Herrn Keuner, auch bekannt unter dem Namen Geschichten vom Herrn K., sind Parabeln von Bertolt Brecht.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie entstanden verteilt über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren, seit dem Jahre seiner Heirat mit Helene Weigel (1926), während Brechts Zeit im Exil bis zu seinem Tod (1956). Die erste dieser Geschichten schrieb Brecht im Jahre 1926 im Zusammenhang mit den Arbeiten an dem Stück Fatzer. 1948 erschienen Brechts Kalendergeschichten, in denen 39 Keuner-Geschichten enthalten sind. Nach Brechts Tod wurden weitere Geschichten in weiteren Publikationen veröffentlicht. In Wangen-Brüttisellen im Kanton Zürich fanden sich im Nachlass der im Jahr 2000 verstorbenen Renata Mertens-Bertozzi 15 bislang unbekannte Keuner-Geschichten, die in die sogenannte „Zürcher Fassung“ des Suhrkamp Verlags aufgenommen wurden. Die Ausgabe enthält alle 58 Geschichten, die in der sogenannten „Züricher Mappe“ aufgefunden worden waren [1]. Die Keuner-Geschichten wurden immer in Zusammenhang mit Brechts anderen Werken geschrieben. Sie erschienen in der Heftreihe „Versuche“ zusammen mit anderen experimentellen Texten, Szenen aus Dramen und Gedichten. Es erschienen zunächst sieben Hefte, das Achte konnte 1933 nicht mehr gedruckt werden.

Aktuell (2008) werden 121 Einzeltexte dem Keuner-Komplex zugeordnet.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Geschichten vom Herrn Keuner ist die Hauptperson Herr Keuner, der Fragen von Mitmenschen gestellt bekommt oder Erklärungen abgibt. Er antwortet stets mit Weisheiten, die auch von Brecht stammen könnten. Somit sind diese Geschichten ein Instrument für Brecht, um seine eigenen Meinungen und Ansichten kundzutun. Die Keuner-Geschichten behandeln Themen, die immer wiederkehren, in den Geschichten vom Herrn K. aber auch in andern Werken von Brecht. So beschäftigt sich Herr Keuner mit für Brecht typischen Motiven, wie den folgenden:

  • Frauenbild
  • Marxismus
  • Tugenden des Menschen
  • Natur

All diese Motive sind zentral in Brechts Schaffen und sind auch jene, mit denen sich Brecht am meisten beschäftigt hat.

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichten vom Herrn Keuner sind kurze Ausschnitte aus Herrn K.’s Leben, die den Parabeln zugeordnet werden, da die Geschichten auch zum Nachdenken anregen sollen. Auffällig ist die Länge der einzelnen Geschichten, da diese zwischen 2 und ca. 65 Zeilen variieren.

Deutung/Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da die Geschichten vom Herrn Keuner aus einzelnen, voneinander unabhängigen Geschichten bestehen, ist es schwierig, eine allgemeine Interpretation zu erstellen. Vielmehr kann man die einzelnen Geschichten separat deuten und sie müssen nicht im Kontext mit anderen Keunergeschichten gesehen werden. Die Geschichten vom Herrn K. spiegeln aber Brechts persönliche Meinungen und politische Ansichten wider. Darum wird Herr K. gerne auch als Spiegelbild Brechts gedeutet.

Herr Keuner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Figur war zunächst als handelnde Person in das Stück einbezogen und nahm im Verlauf der Bearbeitungen Brechts immer mehr die Rolle des kritischen Kommentators (im Sinne des epischen Theaters) ein. Herr Keuner wird als Denkender dargestellt, der sich nicht groß um andere Personen schert und darum auch eher unsympathisch auftritt. Er ist hilfreich, solange keine speziellen Opfer von ihm verlangt werden. Für Herr Keuner sind die Tugenden, die Menschen schätzen, gut weil sie nützlich sind und nicht wegen irgendwelchen Gefühlen. Ansonsten hat Herr K. aber nicht sehr viele Charakterzüge, weil, dadurch dass die Geschichten eigentlich keine Handlung haben, nur Keuner’s Aussagen bewertbar sind. Herr Keuner wird auch als das Spiegelbild von Brecht angesehen.

Literaturkritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Literaturkritik nahm die Keuner-Geschichten in dieser Zeit nicht wahr. Nur Walter Benjamin schrieb darüber. Dieser erklärte auch die Herkunft des Namens unter Bezugnahme auf Brecht von „Keiner“ her, gedacht als eigenschaftslose Figur, die nur als denkender Vermittler in Erscheinung tritt.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner – Zürcher Fassung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, ISBN 978-3-518-41660-0.
  • Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner. Suhrkamp Verlag 2003, ISBN 978-3-518-22366-6 (Bibliothek Suhrkamp 1366).
  • Bertolt Brecht Kalendergeschichten, Suhrkamp Basisbibliothek 2013, ISBN 978-3-518-18931-3.
  • Dieter Wöhrle: Bertolt Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis erzählender Literatur. Diesterweg Verlag, Frankfurt 1989, ISBN 3-425-06055-4

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Geschichten vom Herrn Keuner von Walter Benjamin [1]
  • ZEIT ONLINE Artikel Geschichten vom Herrn Keuner [2]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner – Zürcher Fassung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 107f.
  2. Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner – Zürcher Fassung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, S. 108.