Grüne Neune

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[Ach du] grüne Neune! ist ein Ausruf der Überraschung bei etwas Negativem, ähnlich dem „Ach, Herrje[sus]!“. Der Ursprung ist nicht sicher gedeutet.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theater an den Blumenstraße 9b[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blumenstraße 9b: Das Haus zwischen Ifflandstraße und dem dunkel eingezeichneten Residenz-Theater. Südlich das hier als Schiller-Theater bezeichnete Neue Wallner-Theater.

In Berlin wird der Ausruf (im Berliner Metrolekt „[Ach du] Jriene Neune“) oft mit einem Theater an der Blumenstraße in Verbindung gebracht, das wechselnde Namen hatte, weil die Theaternamen in Berlin mit dem jeweiligen Konzessionär verknüpft waren. Es hieß Wallner-Theater, Theater in Concordia, Bundeshallen-Theater, Vaudeville-Theater und eine Zeitlang auch Königsstädtisches Theater. Unmittelbar daran angrenzend befand sich ein zweiter Theaterbau, der unter dem Namen Residenz-Theater am bekanntesten geworden ist.[1]

Das Theater lag an der Blumenstraße 9b mit dem Haupteingang zum Grünen Weg (seit 1947 ungefähr im Lauf der Singerstraße) – daher „grün“ und die Zahl Neun.[2] Robert Prutz beschrieb das Haus 1865 als „eine wahre Mausefalle […] in einer der entlegensten obscursten Gegenden der Stadt“.[3] Bei dieser Gegend - südwestlich vom Alexanderplatz - handelte es sich damals um ein Vergnügungsviertel.[4][5] Im Theater wurden zwischen 1858 und 1864 hauptsächlich satirische Gesangspossen und Halbwelt-Dramen gespielt.[6][7][8] Zur Schließung des Theaters im November 1864 (als Wallner einen größeren Theaterbau für seinen professionellen Spielbetrieb fertiggestellt hatte, der etwas weiter südlich lag) wurde der „Epilog: Die letzte Stunde der Grünen Neune“ aufgeführt, der David Kalisch zugeschrieben wird.[9] Dessen Stücke schilderten das Berliner Milieu derart lebendig, dass Zitate in die Berliner Umgangssprache übernommen wurden.[10]

Die Blumenstraße war durch die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nahe der Jannowitzbrücke liegenden Gärten geprägt, die zu Kaffeegärten wurden. Im Berlin des 19. Jahrhunderts trat zur Landpartie und dem Kaffeegarten das Sommertheater. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts war das bisher den exklusiven adligen Kreisen vorbehaltene Theaterspielen zur Domäne des Kleinbürgerstandes geworden. In der Blumenstraße war durch die Kaffeegärten der Boden für diese Liebhabertheater besonders fruchtbar gewesen. Gegen Ende der Biedermeierzeit waren hier auf engstem Raum drei Liebhaberbühnen. „in gewissen Zeitabständen brach nämlich unter den Vereinsmitgliedern gewaltiger Krach aus, und flugs wurde eine neue Gesellschaft gegründet.“ Die Kabinettsordre vom 4. August 1822 ordnete die Schließung aller Privattheater an und so baten diese in Bittschriften an den König um das Fortbestehen. Die auf dem Grundstück der Witwe Werner, Blumenstraße 9, ansässige „Familien-Ressource“ machte geltend: „Bereits sind es 21 Jahre, dass wir uns als ruhige und geseittete Bürger in diesem Familienzirkel versammelt haben.“ Die Witwe Werner verwies darauf, dass ihr vor drei Jahren verstorbener Mann das Vermögen zum Grundstückskauf für ein Privattheater eingesetzt hatte und ihre Einkünfte aus einem kleinen Beitrag bestanden. In der Alexanderstraße 26, Ecke Blumenstraße, geriet die Gesellschaft „Concordia“ mit dem begonnenen Neubau in eine besonders unangenehme Lage. Sie vermuteten zudem in ihrem Bittschreiben,[11] dass das Verbot auf den Unternehmer Cerf des neuen Königsstädtischen Theaters erfolgt sein könnte. Der König nahm das Verbot für alle zurück: „Urania“, „Concordia“ und „Familien-Ressorce“ spielten weiter. Die Vereinskassen wurden nicht mit Billets, sondern in den „Dilettantentheatern“ wurden Programme zu Billetpreisen verkauft. Wohl 1770 entstand in Blumenstraße 9 das „Thalia“, wenige Jahre danach spaltete sich dieses in Alt-Thalia und den Verein Neu-Thalia; aus letzterem wurde nach Zwisten der Verein „Concordia“ und 1792 wiederum das „Urania“.[12] Das Neu-Thalia entstand „schräg-à-vis“ vom Thalia in einem großen Garten.[13][14] „„Grüne Neune“, das ist der Spitzname, der Mutter Thalia ständig seit ihrer Gründung begleitet hat, der auch nicht in Vergessenheit geriet, als aus dem Liebhabertheater längst eines der beliebtesten Privattheater geworden war.“ Die Witwe Werner hat 1824 das Theatergrundstück an einen Schönfärber und dieser 1825 an den Schuhmacher Schultze, einen eifrigen Dilettanten, verkauft. Dieser ließ einen bewohnten alten Seitenflügel und die Kegelbahn abbrechen „zur besseren Benutzung des des darin vorhandenen Liebhabertheaters.“ Dessen Witwe, verehel. Griebner, geb. Kuhirt war 1830 Grundstückseigentümerin: ihr Mann verkaufte in ihrem Namen 98 Fuß der 132 Fuß der Straßenfront an den Maurermeister Böhme, der die zwei Vorderhäuser 9 und 9a bebaute. Wegen unbeglichener Rechnung baute er ein Theater und vermietete es an die Concordia. Das Grundstück selbst wurde bald versteigert und mit Hypotheken belegt. Es verblieb 1859 nach „Grundbuch der Königsstadt“ das Thalia und die Concordia nach Vertrag von 1847, die Grundstücksbesitzer wechselten. Für 48.000 Taler wurde das Grundstück nebst Theater am 23. September 1959 an acht Concordia-Mitglieder „auf Abzahlung“ verkauft.[15] Die Thalia wurde in den Jahren 1863 bis 1866 für Vorstellungen vermietet, doch 1869 hatte Die Dahlja einen Hypothekenprozess verloren und das Haus zu räumen. Der neue Besitzer hatte „am Sonntag nach der Vorstellung von Wilhelm Tell [durch] achthundert kräftige und arbeitsgeübte Mitglieder- und Freundeshände […] binnen fünf Stunden […] die Dahlja mit 32 kompletten Dekorationen, 820 Klappsitzen, etwa 100 Tischen, 400 Stühlen, 200 Gartentischen, 800 Gartenstühlen und der gesamten Gaseinrichtung des Theaters, des Ballsaales, des großen Gartens, der vier Gastzimmer“ räumen lassen.[16] Der Direktor des Magdeburger Stadttheater, Otto Nowack, mietete es für zehn Jahre und ließ es vom Architekten Bohm ausbauen. Die kultivierte Oper lief schlecht und 1871 eröffnete Albert Rosenthal aus Breslau das „Residenz-Theater“ mit französischen Sittenstücken.[17] Das Theater mit seinem Repertoire wurde ein Liebling der Gesellschaft, zuletzt unter der Direktion der Gebr. Rotter, als die Theaterbesucher dem „Zug nach dem Westen“ folgten. Thalia und Neu-Thalia und der 1843 entstandenen Concordia in der Nummer 9 und dem extravaganten Zugang zur Grünen Neune blieben außer der Sorge ums Grundstück als Liebhabertheater und als Berufstheater erhalten.[18] 1853 findet sich im Königsstädtischen Theater ein Violinist „Herr Grieben“. Rudolf Cerf war Konzessionsinhaber in der Königsstadt und als Direktor mit seinem Theater in der Charlottenstraße Bankrott gegangen. Um diese ortsbezogene Konzession zu behalten (ist es möglich), dass er von Grieben die „Grüne Neune“ bezog.[19] Für das Publikum blieb das Haus auch als Berufstheater mit dem Namen „Neues Königsstädtisches Vaudeville-Theater“ die „Grüne Neune“. Diese Bühne litt weiterhin unter Geldmangel. Franz Wallner[20] erzählte in seiner Erinnerung: „Ich hatte im August 1855 ein winziges, unbeachtetes Theaterchen in der Blumenstraße gepachtet, welches früher als Liebhabertheater unter dem Namen Grüne Neune vegetirte, bis der Eigenthümer die brachliegende Theaterkonzession von Cerf miethete.“ Die Sittenstücke von Alexandre Dumas fils als neues Repertoire brachten Wallner schließlich die rettenden Kassenerfolge.

Weitere Theorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Über den Ursprung des Namens „Grüne Neune“, der zugleich Name und auch ein spezifisch berlinischer Ausdruck ist, existieren vielerlei Meinungen. „Hugo Wauer führt ihn darauf zurück, dass das Theater in einem großen Garten stand und noch dazu grün angestrichen war. Andere sprechen von einer grünen Laterne, mit der das Theater „verilluminiert“ wurde.“ Carl Helmerding[21] und Ludwig Lenz[22] „erklären ihn einleuchtend mit dem grüngestrichenen Torweg, an dem die Zahl 9 im schönsten Saftgrün prangte.“
Die Blatt-Neun im deutschen Spielkartenblatt
  • Einer Theorie zur Herkunft der Redewendung nach sei es eine Übertragung der Tarot-Karte „Neun der Schwerter“ (die im französischen Spielkartenblatt der Pik-Neun entspricht) auf das deutsche Spielkartenblatt. Diese Karte wird mit schwerer Unannehmlichkeit, Krankheit und Vermögensverlust in Verbindung gebracht. Sie entspricht im deutschen Blatt der Neun in der Farbe Laub (auch Blatt, Gras oder Grün genannt), also dem „Grünen Neuner“ oder der „Grünen Neune“.
  • Eine andere Theorie zum Ursprung der „Grünen Neune“ geht von der traditionellen Bedeutung der „neunerlei Kräuter“ aus, die um das 10. Jahrhundert im Lacnunga-Manuskipt als Nine Herbs Charm („Neunkräutersegen“ oder „-zauber“) Erwähnung findet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Blumenstraße 9b. In: Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Adreß- und Geschäftshandbuch für Berlin, 1860, II., S. 14. „Wallners Theater, Eigentümer Director Wallner“ (1860/527: F. Wallner Director und Eigenthümer von Wallners Theater, Wohnung Blumenstraße 23). // Blumenstraße 9b. In: Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Adreß- und Geschäftshandbuch für Berlin, 1866, II., S. 23. „Theater-Local, Eigentümer Bauunternehmer Hoffmann und Schmidt“ (Hoffmann und Schmidt besaßen auch Blumenstraße 10 und 11). // Lage auf der Karte 1863
  2. zur Lage vergleiche Histomapberlin.de unter Straubeplan IIA von 1910 oder Karte 4231 von 1940, auch Karte 423D von 1966, Suchstichwort: Ifflandstraße >> 4 (10179) / X=26140, Y=21105
  3. Deutsches Museum, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Öffentliches Leben vom 1. Juli 1865, No. 27, S. 779 (Zugriff am 11. Februar 2018)
  4. Grüner Weg, Blumenstraße, Rosengasse, Rosenquergasse. In: Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Adreß- und Geschäftshandbuch für Berlin, 1860, II., S. 14 f., 45 f., 121 f..
  5. Blumenstraße, Grüner Weg, Markusstraße. In: Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Adreß- und Geschäftshandbuch für Berlin, 1865, II., S. 20 ff., 60 f., 127 f..
  6. Der Zwischen-Akt vom 18./19. Februar 1861, Seite 3 (Zugriff am 11. Februar 2018)
  7. Bevor der Wiener Theodor Herzl den „Judenstaat“ gründete, wollte er ein großer Dramatiker werden. Er debütierte in Berlin berliner-zeitung.de vom 3. Juli 2004 (Zugriff am 11. Februar 2018)
  8. Theater und Krawalle in der Blumenstraße – „Jrienen Neune“ fhzz.de (Zugriff am 11. Februar 2018)
  9. Der Vater des Kladderadatsch und der Berliner Posse, Max Ring, Die Gartenlaube 1872
  10. Lexikon deutsch-jüdischer Autoren. Band 13: Jaco–Kerr. Hrsg. vom Archiv Bibliographia Judaica. Saur, München 2005, ISBN 3-598-22693-4, S. 209 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. Acta betr. die Privattheater Urania und Concordia 1822-1845, Reihe 89, Band III, 91.11
  12. Diese Genealogie der drei Theatervereine blieb jedoch nicht nachprüfbar. Jedoch geht gesichert auf die Witwe Werner zurück, dass ihr Mann, der Kaffeetier und Restaurateur Werner 1801 das Liebhabertheater Blumenstraße 9 erbaute, um die Wintermonate im Kaffeegarten zu überbrücken. Aus den Akten der Baupolizei folgt ein Theaterbau auf Grundstück 9/10 für das Jahr 1815.
  13. Histomapberlin.de: Straubeplan IIA, 1910: Alexanderstraße24, 25, 26 und Blumenstraße 80–84 (X=25950, Y=21120)
  14. Karte von Berlin 1:5000 (K5 - Farbausgabe) : Lage um das Haus Alexanderstraße 73
  15. 1861 wurden Antheilsscheine von 50 Thalern einer "Grundstücksgesellschaft des Grundstücks Blumenstraße 9" ausgegeben.
  16. Hugo Wauer: Humorisitsche Rückblicke auf Berlins ‚gute alte‘ Zeit von 1834-1870. Miterlebtes von Hugo Wauer, Selbstverlag, 6. Auflage, Berlin 1910, Seite 107
  17. Gerhard Muhle: Die Geschichte des Residenztheaters in Berlin von 1871-87. Dissertation Berlin 1955
  18. In Ludwig Lenz: Berlin und die Berliner, Genrebilder mit original Federzeichnungen von Theodor Hosemann, Berlin 1844:

    „Man tritt durch ein Gitterthor in eine schmale Gartenallee, die zu beiden Seiten mit prächtigem Kartoffelkraut, Sonnenblumen, Stachelbeerstauden und Brennnesseln eingefasst und in einer Entfernung von 30 Schritten von einer Art höchst geschmackvoll übertünchter Gartenlaube malerisch begrenzt wird. […] Aus dieser Gartenlaube gelangt man in den Garten der das Theatergebäude umgibt, das […] nichts von seiner hohen Bestimmung ahnen lässt. […] Man gibt auf diesem Theater Lustspiele, Possen, Schau- und Trauerspiele; am meisten Anklang finden jedoch bürgerliche Dramen, Ifflandsche Familiengemälde und Kotzbuesche Possen.“

  19. Am 20. September 1854 reichte Cerf Umbaupläne ein, doch das Polizeipräsidium erteilte einen Negativbescheid: da die „nachbarliche Grenze zu nahe“ lag und in „unmittelbarer Nähe ein zweites Theater“ stand. Mit seiner Sonderstellung, wie der des Vaters, erhielt er anbei den Hinweis, sich an das „Ministerium des Kgl. Hauses“ zu wenden.
  20. Franz Wallner: Aus meinen Erinnerungen. Verlag Albert Goldschmidt, Berlin o. J. In: Bunte Reihe. Band II, S. 11–12
  21. Carl Helmerding: Aus meinem Bühnenleben (Erinnerungen II). In: Der Zeitgeist, Beiblatt zum Berliner Tageblatt, Jahrgang 187, Nr. 36, 5. September 1887.
  22. Ludwig Lenz: Berlin und die Berliner, Genrebilder mit original Federzeichnungen von Theodor Hosemann, Berlin 1844