Hamburger Forsythien-Kalender

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Forsythien an der Lombardsbrücke

Der Hamburger Forsythien-Kalender ist die phänometrische Aufzeichnung der Zeitpunkte des Blühbeginns der Forsythiensträucher an der Lombardsbrücke in Hamburg seit 1945.

Der Blühbeginn der frostempfindlichen Forsythie ist ein Indikator für den Erstfrühling und ist seit 1952 Teil der phänologischen Beobachtungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Bei der Hamburger Lombardsbrücke handelt sich um die längste, dem DWD bekannte durchgehende Beobachtungsreihe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im zerstörten Hamburg, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, fielen Carl Wendorf am 27. März 1945 die blühenden Forsythiensträucher inmitten der Trümmer an der Lombardsbrücke auf. Er beschloss jedes Frühjahr den Blühbeginn zu notieren, was zu einer lückenlosen Aufzeichnung ab 1945 führte. Seit dem Tod von Carl Wendorf im Jahr 1984 führt Jens Iska-Holtz diese Liste weiter. Er meldet die Daten als phänologischer Beobachter an den Deutschen Wetterdienst.[1][2]

Blühbeginn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die früheste Forsythienblüte an der Hamburger Lombardsbrücke gab es im Jahr 2002 am 15. Februar, die späteste im Jahr 1970 am 25. April.[3] Der Unterschied von Jahr zu Jahr war vom 15. April 1987 zum 17. Februar 1988 am größten.[3] Im Jahr 1995 stellte der DWD fest, dass die Lombardsbrücke mit einer Verfrühung um 26 Tage in 50 Jahren von allen Standorten mit einer phänologischen Datenreihe den stärksten Trend aufwies.[4] Auch 2015 konstantierte der DWD für den Zeitraum zwischen 1945 und 2014 einen Trend zu einem früheren Blühbeginn[5], wobei es 1987–2017 eine Trendumkehr gab, der Blühbeginn in der Mehrzahl der Jahre aber immer noch früher als das langjährige Mittel war.[6][3]

Ein früherer Blütenbeginn ist in der Regel mit höheren Temperaturen in den vorangehenden Monaten verbunden. So verfrühte sich die Forsythienblüte zwischen 1945 und 2006 deutlich, während die Temperatur in den Monaten vor Blühbeginn anstieg. D. h. die höhere Temperatur trat parallel zum Blühbeginn früher auf.[7] Die Verfrühung der Forsythienblüte ist ein Indikator für die Klimaänderungen an dem Standort.[8] Neben der globalen Erwärmung sind auch andere Änderungen der Umwelteinflüsse an diesem urbanen Standort als Ursache für Änderungen des Blühbeginns in Betracht zu ziehen.[4] Eine Untersuchung städtischer Ballungszentren aus dem Jahr 2000, die die Forsythienblüte in Hamburg berücksichtigte, zeigte, dass der Vorfrühling in den untersuchten Städten ca. vier Tage früher eintrat als im Umland. Der Trend hin zu einem früheren Einsetzen des Vorfrühlings war in den Ballungszentren schwächer als in ländlichen Regionen.[8]

Hinzu kommt, dass die Forsythie, wenn kein ausreichender Kältereiz vorhanden ist, nicht unbedingt der Temperatur folgt (Vernalisation). So gab es im Winter 2006/2007 ein Temperaturmaximum an der Lombardsbrücke, dennoch blühte die Forsythie relativ spät, deutlich nach ihrem Rekordwert 2001/2002, weil im warmen Winter 2006/2007 der Kältereiz gefehlt hatte.[9]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jens Iska-Holtz und das Geheimnis der Forsythien-Blüte. In: Hamburger Abendblatt. Hamburg 19. März 2004 (abendblatt.de).
  2. Frühling ist, wenn die Forsythien blühen. In: Welt am Sonntag. Berlin 4. März 2012 (welt.de).
  3. a b c Deutscher Wetterdienst: Forsythien-Kalender für den Standort „Hamburger Lombardsbrücke” 1945 bis 2017. Abgerufen am 29. März 2017.
  4. a b 50 Jahre Hamburger Forsythienkalender. In: Deutscher Wetterdienst (Hrsg.): Phänologie-Journal. Nr. 03, Januar 1995.
  5. Deutscher Wetterdienst (Hrsg.): Vorschriften und Betriebsunterlagen für die phänologischen Beobachter des Deutschen Wetterdienstes. VuB 17. Offenbach am Main 2015, Abschnitt » Forsythie, Hängende Forsythie, Goldflieder (dwd.de [PDF; 17,1 MB]).
  6. Linearer Trend 1988–2017 anhand: Eintrittsdaten verschiedener Entwicklungsstadien von wildwachsenden Pflanzen und Waldbäumen vom Austrieb und vom Beginn der Blüte bis zum Blattfall (Jahresmelder, historisch). v002. DWD Climate Data Center (CDC), März 2017, abgerufen am 1. März 2017 (Die Stations-Id für Hamburg-Lombardsbrücke ist 7843). Eintrittsdaten verschiedener Entwicklungsstadien von wildwachsenden Pflanzen und Waldbäumen vom Austrieb und vom Beginn der Blüte bis zum Blattfall (Jahresmelder, aktuell). v002. DWD Climate Data Center (CDC), März 2017, abgerufen am 1. März 2017 (Die Stations-Id für Hamburg-Lombardsbrücke ist 7843; Blühbeginn 2017 als 82 Tage nach Jahresbeginn aus Grafik abgelesen).
  7. E. Bruns: Phänologische Beobachtungsnetze heute und gestern. In: Deutscher Wetterdienst (Hrsg.): promet – meteorologische Fortbildung. Jahrgang 33, Nr. 1/2, 2007, S. 3 (dwd.de – Bezogen auf das fünfjährige gleitende Mittel der Temperatur 90 Tage vor Blühbeginn an der Wetterstation Hamburg-Fuhlsbüttel).
  8. a b Hans von Storch, Martin Claussen: Klimabericht für die Metropolregion Hamburg. Springer, 2012, ISBN 978-3-642-16035-6, 6.2.1 Pflanzen und Klimaänderungen: Ökophysiologie, Phänologie, Verbreitungsgrenzen sowie biotische Interaktionen.
  9. Deutscher Wetterdienst (Hrsg.): Vorschriften und Betriebsunterlagen für die phänologischen Beobachter des Deutschen Wetterdienstes. 2015, Abschnitt » Forsythie, Hängende Forsythie, Goldflieder: „Ist ein ausreichender Kältereiz nicht vorhanden, dann „folgt“ die Forsythienblüte nicht unbedingt den Temperaturen. Ein gutes Beispiel ist der Winter 2006/2007. Trotz eines Temperaturmaximums blühte die Forsythie an der Hamburger Lombardsbrücke deutlich nach ihrem „Rekordwert“ vom 15.02.2002“