Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee

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Die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee war eine Anstalt im Regierungsbezirk Schwaben, in welcher im Zuge der NS-Euthanasie zahlreiche Patienten getötet wurden. Die Anstalt ist vor allem für die Tötung von Männern, Frauen und Kindern durch eine „E-Kost“ bekannt. Der Direktor der Hauptanstalt Kaufbeuren und ihrer Zweigstelle war Valentin Faltlhauser, ein aktiver Befürworter der Tötung geistig und körperlich beeinträchtigter Menschen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1182 gründete eine Gruppe von Männern, unter der Obhut von Markgraf Heinrich von Ronsberg, auf der ehemaligen Stammburg eine klösterliche Gemeinschaft. Aufgrund des leichteren Zugangs zu Wasser waren die Mönche nur wenige Jahre später gezwungen, am Fuße des Berges, dem heutigen Standort, ein neues Kloster zu errichten. Das Benediktiner Kloster erlebte über die Jahrhunderte hinweg religiösen und kulturellen Aufschwung. Im Zuge der Säkularisierung wurde das Kloster Irsee 1802/1803 jedoch aufgelöst und die Räume der Anlage für eine Zeit lang als Königlich-bayerisches Rentamt genutzt. Am 1. September 1849 wurde schließlich im früheren Kloster Irsee die erste stationäre Psychiatrie in Schwaben eröffnet. Diese Kreis-Irrenanstalt in Irsee war anfangs nur klein und bot in etwa für 80 psychisch kranke Personen Platz. Da in kurzer Zeit die Zahl der Patienten auf über 300 Personen anstieg, wurde 1872 mit dem Bau der neuen Kreis-Irrenanstalt in Kaufbeuren begonnen. Mit der Fertigstellung der Kaufbeurer Anstalt am 1. August 1876 verlor die Kreis-Irrenanstalt Irsee ihre Eigenständigkeit und wurde von da an als Zweigstelle genutzt.

Kaufbeuren und Irsee in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und zahlreicher Verordnungen war die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee zwischen 1939 und 1945 aktiv an den Euthanasie-Tötungen psychisch und physisch beeinträchtigter Personen beteiligt. Ihre Bedeutung für die NS-Euthanasie lag vor allem darin, dass die Anstalt mit 1.200 Betten in den 1930er Jahren bereits die größte Einrichtung dieser Art in Schwaben war. Seit September 1939 wurden aus Bayern Menschen in die Anstalt Kaufbeuren-Irsee verlegt.

Aktion T4[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang 1940 erhielt der Direktor Valentin Faltlhauser erstmals eine Liste mit den Namen jener Patienten, welche im Zuge der Aktion T4 in festgelegte Reichsanstalten überführt und dort schließlich mit Gas getötet werden sollten. Insgesamt wurden 687 Patienten zwischen dem 26. August 1940 und dem 8. August 1941 in die Tötungsanstalten Grafeneck und Hartheim transportiert und dort ermordet. Erst mit dem Ende der Aktion T4 und damit dem Ende der Transporte führte die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee die Tötungen an den Erwachsenen und Kindern selbst durch.

„E-Kost“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die gezielt eingesetzte „Entzugs-Kost“ war die Fortführung der abgebrochenen Aktion T4. In Bayern drängten die Landesfürsorgeverbände bereits seit Ende der 1920er Jahre immer mehr auf eine Reduzierung der Unterbringungskosten. Valentin Faltlhauser setzte sich schon vor Beginn des Krieges für eine nach Arbeitsleistung aufgeteilte Ernährung der Patienten ein. In Irsee wurde die auch genannte „Hungerkost“ deshalb bereits seit August 1942 und in Kaufbeuren seit Oktober 1942 eingesetzt. Am 30. November 1942 kam es schließlich zum sogenannten „Hungerkost-Erlass“ des Bayerischen Innenministeriums, welcher bewirkte, dass alle arbeitsunfähigen Patienten nur mehr so wenig zu essen bekamen, sodass diese völlig unterernährt und entkräftet waren. Der Großteil starb an den dadurch entstandenen Mangelerscheinungen oder an entsprechenden Folgeerkrankungen. Die verabreichte Kost enthielt keine Kohlenhydrate, kein Fett, kein Fleisch und nur wenig Brot. Die Umstellung der Mahlzeiten bewirkte, dass die Sterblichkeitsrate in der Anstalt in diesen Jahren bedeutend anstieg.

Tbc-Versuche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Oberarzt der Kinderheilstätte Mittelberg, Georg Hensel, führte zwischen 1942 und 1944 medizinische Versuche an körperlich und geistig beeinträchtigten Kindern der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee durch. Um einen Impfstoff gegen Tuberkulose zu finden, impfte Hensel, in Absprache mit Valentin Faltlhauser, mindestens 13 Kindern einen selbstentwickelten Impfstoff. Für sechs der Kinder verliefen die medizinischen Versuche tödlich.

Befreiung durch amerikanische Truppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende April besetzten amerikanische Truppen Kaufbeuren, griffen aber noch nicht in die Vorgänge der Anstalt ein. Erst am 1. Juli 1945, gelangten die Gerüchte über die Kindestötungen bis zur militärischen Dienststelle durch, woraufhin drei Soldaten und ein Fotograf in die Anstalt eindrangen und das Töten beendeten.

In den Monaten nach Kriegsende beschrieben die alliierten Truppen die befreiten Anstalten und die beteiligten Ärzte in einem Bericht. Dieser Bericht des amerikanischen Nachrichtendienstes trägt die handschriftliche Überschrift „Medizinisches Vernichtungslager in Kaufbeuren, Bayern“ und war von der Wahrheit vermutlich nicht weit entfernt, wie die folgende Beschreibung zeigt:

„nahezu jeder Einwohner wußte genau, daß dort Menschen als Versuchskaninchen mißbraucht und systematisch abgeschlachtet wurden. Die Täter oder passiv Mitwirkenden waren sich ihrer Verbrechen in keiner Weise bewußt, sie waren Deutsche, keine Nazis. Unter ihnen waren auch katholische Schwestern. Die Oberschwester, die von sich aus zugab, in zwei Jahren ‚ungefähr‘ 210 Kinder durch intramuskuläre Injektionen getötet zu haben, fragte bloß: ‚Wird mir etwas geschehen?‘ [...] In einem ungekühlten Leichenschauhaus wurden die stinkenden Leichen von Männern und Frauen gefunden, die zwölf Stunden bis drei Tage zuvor gestorben waren. Sie wogen zwischen 26 und 33 Kilo. Unter den noch lebenden Kindern war ein zehn Jahre alter Junge, der weniger als 10 Kilo [!] wog und dessen Beine am Fußknöchel einen Durchmesser von 6 Zentimetern hatten [...] Dr. Valentin Faltlhauser, 69 Jahre, seit 1919 Obermedizinalrat [...], war der Leiter und ist festgenommen worden. Sein Stellvertreter Dr. Lothar Gärtner, 43 Jahre, und dort seit dem 1. Januar 1930 beschäftigt, beging Selbstmord, indem er sich mit dem Kabel einer Nachttischlampe erhängte. Ferner wurden drei weitere Ärzte festgenommen [sowie] die Hauswirtschaftleiterin Franziska Vill, Sekretärin von Dr. Faltlhauser und Geliebte von Dr. Gärtner.“ (Henry Friedlander: [1])

Das letzte ermordete Kind wurde ganze 33 Tage nach der Eroberung Kaufbeurens von Faltlhauser um 13:10 Uhr beurkundet.

Opferzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insgesamt wurden in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee in den Jahren 1940 bis 1945 im Rahmen des Nationalsozialistischen Euthanasie-Programms 1.573 Männer, Frauen und Kinder getötet. Etwa 780 davon wurden in der Zweigstelle Irsee ermordet. Getötet wurden diese durch die Verabreichung von Luminal, durch die Verabreichung der sogenannten „Hungerkost“ bzw. durch die Kombination dieser beiden. Erst im Jahr 1946 sank die Zahl der Todesfälle wieder auf das Vorkriegs-Niveau.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem heutigen Gelände des Schwäbischen Bildungszentrums Irsee befinden sich drei Gedenkorte, die den Opfern der NS-Euthanasie gewidmet sind: Am 22. November 1981 wurde auf dem zwischen 1944 und 1972 genutzten Anstaltsfriedhof ein Monument vom Allgäuer Künstler Martin Wank errichtet. Eine weitere Gedenktafel, welche 2009 angebracht wurde, befindet sich am Eingang zur Prosektur. Ebenfalls 2009 wurden vom Künstler Gunter Demnig drei Stolpersteine vor dem Kloster Irsee eingelassen und im September 2015 sieben weitere Stolpersteine. In der Stadt Kaufbeuren befinden sich weitere drei Denkmäler: Im Jahr 1989 initiierten die Mitarbeiter des heutigen Bezirkskrankenhauses die Errichtung eines drei Tonnen schweren Mahnmals vor der krankenhauseigenen Thomas-Kirche. Seit 2006 befindet sich zudem am ehemaligen Anstaltsfriedhof ein Monument des Irseer Künstlers Peter R. Müller. Im Jahr 2008 wurde von einer Gruppe von Schülern aus Kaufbeurer Schulen ein Denkmal vor dem Jugendzentrum in Kaufbeuren errichtet, welches unter anderem dem Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft gewidmet ist.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erich Resch: Begräbnisstätten der Heil- und Pflegeanstalten bzw. des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren und Irsee. In: Mitteilungsblatt des Heimatvereins Kaufbeuren: Kaufbeurer Geschichtsblätter. Band 17, Nr. 8, 2006, S. 258–278
  • Erich Resch, Petra Schweizer-Martinschek: Die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee während der NS-Zeit. In: Stefan Dieter [Hrsg.]: Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Beiträge zur Stadtgeschichte. Band 14, Thalhofen 2015, ISBN 978-3955510725, S. 114–133
  • Ernst Klee [Hrsg.]: Dokumente zur „Euthanasie“. Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-596-24327-0
  • Ernst T. Mader: Das erzwungene Sterben von Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee nach Dokumenten und Berichten von Augenzeugen. Blöcktach 1982, ISBN 3-923710-02-X
  • Harald Jenner, Joachim Klieme: Nationalsozialistische Euthanasieverbrechen und Einrichtungen der Inneren Mission. Eine Übersicht. Stuttgart 1997, ISBN 3-930061-45-7
  • Henry Friedlander, Johanna Friedmann (Übers.): Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 1997, ISBN 3-8270-0265-6
  • Michael von Cranach: Die Auseinandersetzung mit den Krankenmorden in Kaufbeuren-Irsee – 1945 bis heute. Ein persönlicher Bericht. In: Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation [Hrsg.]: Den Opfern ihre Namen geben. NS-„Euthanasie“-Verbrechen, historisch-politische Verantwortung und Erinnerungskultur. Band 7, 2011, ISBN 978-3-86281-033-8, S. 33–44
  • Michael von Cranach, Petra Schweizer-Martinschek: Die NS-„Euthanasie“ in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. In: Stefan Dieter [Hrsg.]: Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Beiträge zur Stadtgeschichte. Band 14, Thalhofen 2015, ISBN 978-3955510725, S. 270–387
  • Petra Schweizer-Martinschek: Tbc-Versuche an behinderten Kindern in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee 1942–1944. In: Andreas Wirsching [Hrsg.]: Nationalsozialismus in Bayerisch-Schwaben. Herrschaft–Verwaltung–Kultur. Band 9, Ostfildern 2004, ISBN 978-3799575102, S. 231–260
  • Stefan Raueiser: Kloster Irsee: Vom Reichsstift über die Kreis-Irrenanstalt zum Schwäbischen Bildungszentrum. In: Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation [Hrsg.]: Den Opfern ihre Namen geben. NS-„Euthanasie“-Verbrechen, historisch-politische Verantwortung und Erinnerungskultur. Band 7, 2011, ISBN 978-3-86281-033-8, S. 15–32
  • Magdalene Heuvelmann: Das Irseer Totenbuch - chronologisches Toten-Register der Heil- und Pflegeanstalt Irsee 1849 bis 1950. 1. Auflage. Grizeto Verlag, Irsee 2015, ISBN 978-3-9816678-2-0, S. 495.
  • Michael von Cranach, Hans-Ludwig Siemen (Hrsg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945. 2. Auflage. Oldenbourg Verlag, München 2012, ISBN 978-3-486-71451-7, S. 508.
  • Magdalene Heuvelmann: "Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen" : "geistliche Quellen" zu den NS-Krankenmorden in der Heil- und Pflegeanstalt Irsee. 1. Auflage. Grizeto Verlag, Irsee 2013, ISBN 978-3-9812731-8-2, S. 243.
  • LG Augsburg, 30. Juli 1949. In: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Bd. V, bearbeitet von Adelheid L. Rüter-Ehlermann, C. F. Rüter. Amsterdam : University Press, 1970, Nr. 162, S. 175–188 Euthanasie-Aktion Ärzte HuPA Irsee

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Irsee Abbey – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Henry Friedlander: Der Weg zum NS-Genozid. Von der Euthanasie zur Endlösung. Berlin 1997, ISBN 3-8270-0265-6, S. 353