Hubert Kiesewetter

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Hubert Kiesewetter (* 11. Juli 1939 in Dessau) ist ein deutscher Wirtschafts- und Sozialhistoriker und Philosoph.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Familie übersiedelte auf Anweisung der US-Behörden Ende Juni 1945 von Dessau nach Auerbach an der Bergstraße in Hessen, wo sein Vater Erwin Kiesewetter im Rahmen der Entnazifizierung mit dem späteren US-Außenminister Henry Kissinger zusammenarbeitete. Dort absolvierte Kiesewetter die Volksschule von 1946 bis 1954 und trat danach in Darmstadt eine dreijährige Lehre an, mit dem Abschluss als Maschinenschlosser und der späteren Ausbildung zum Techniker und Lokomotivführer bei der Deutschen Bundesbahn. Seit 1960 arbeitete er bei verschiedenen Unternehmen in Darmstadt und besuchte gleichzeitig das Abendgymnasium in Darmstadt, wo er 1963 sein Abitur bestand.

Nach einer Begegnung und späteren Freundschaft mit dem Sohn des Großonkels von Theodor W. Adorno, Anton Calvelli-Adorno, entschloss er sich zuerst Archäologie, Latein und Griechisch und ab dem Wintersemester 1964/65 bei Adorno, den er persönlich kennengelernt hatte, in Frankfurt Philosophie zu studieren, außerdem Geschichte und Ökonomie. Nach dem Weiterstudium der Soziologie und Ökonomie in Kiel ging er schließlich wegen Karl Popper 1967 nach London an die London School of Economics, um dort seinen Master of Science abzulegen. Aus der Begegnung mit Popper wurde eine lebenslange wissenschaftliche und persönliche Freundschaft.

Stark von Poppers Wissenschaftstheorie, Sozialphilosophie und dem Kritischen Rationalismus geprägt, entschloss er sich zu einer Dissertation über den Hegelianismus bei Ernst Topitsch in Heidelberg, die unter dem Titel "Von Hegel zu Hitler" 1973 angenommen wurde. Die Arbeit wurde von der philosophischen Fachwelt weitgehend skeptisch bis ablehnend aufgenommen, so dass eine Habilitation in Philosophie nicht möglich und sinnvoll erschien. Von Hegel zu Hitler sei "ein notwendiges Buch, soweit es gegen die herrschende liberale und linkshegelianische Hegelaneignung an den rechtshegelianischen Hegel erinnert", aber "leider ein extrem einseitiges Buch, wollte man es als Deutung des ganzen Hegel akzeptieren", urteilte Henning Ottmann.[1]

Schließlich habilitierte Kiesewetter sich 1985 an der Freien Universität Berlin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte mit einer Arbeit über die Industrialisierung Sachsens im 19. Jahrhundert. Er konnte während dieser Zeit im Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte unter der Leitung von Prof. Drs. Wolfram Fischer unter anderem am Forschungsschwerpunkt "Deutsche Industriegeschichte bis zum Ersten Weltkrieg" und an mehreren Projekten zur deutschen und europäischen Industriegeschichte mitarbeiten.

Seit 1986 forschte er in den USA, England und Frankreich. 1986/87 war er Visiting Scholar an der University of Illinois in Urbana-Champaign, 1987/88 Konrad-Adenauer-Professor an der Georgetown University in Washington, D.C., kurz darauf Gastprofessor am St Antony’s College in Oxford (1989/90). Seit Sommersemester 1990 lehrte Kiesewetter als Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. 1994 war er ein halbes Jahr Gastprofessor an der Sorbonne IV in Paris.

Schwerpunkte seiner Forschungen liegen in der regionalen Industrialisierungsforschung Europas (insbesondere Deutschland, Frankreich, Großbritannien), der Regionalanalyse, der Wissenschaftstheorie und der europäischen Geschichte und Politik seit der Antike.

Auf seine Initiative hin erhielt Sir Karl Popper 1991 die Ehrendoktorwürde der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. 2001 veranstaltete er zusammen mit Helmut Zenz in Eichstätt eine Tagung über Poppers Sozialphilosophie und Ethik, deren Referate 2002 in dem Band "Karl Poppers Beiträge zur Ethik" bei Mohr Siebeck in Tübingen veröffentlicht wurden. Im hörverlag erschienen 2002 fünf Disketten mit Reden und Gesprächen von Karl Popper unter dem Titel "Kritik und Vernunft. Von der Unendlichkeit des Nichtwissens", die Kiesewetter ausgewählt und dazu einen 20-seitigen Begleittext verfasst hat. 2003 gab Kiesewetter im Rahmen der Gesammelten Werke von Karl Popper die beiden Bände von "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" und das Buch "Das Elend des Historizismus" mit umfangreichen Nachworten neu heraus.

Seit 1. Oktober 2004 ist Kiesewetter emeritiert.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Industrielle Revolution in Deutschland. Regionen als Wachstumsmotoren, Frankfurt am Main (Suhrkamp Verlag) 1989; Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2004. ISBN 3-515-08613-7. Japanische Übersetzung 2006.
  • Von Hegel zu Hitler. Die politische Verwirklichung einer totalitären Machtstaatstheorie in Deutschland (1815–1945), Hamburg (Hoffmann und Campe Verlag) 1974; 2., völlig veränderte und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main (Verlag Peter Lang) 1995. ISBN 3-631-49239-1
  • mit Rainer Fremdling (Hrsg.): Staat, Region und Industrialisierung, Ostfildern (Scripta Mercaturae Verlag) 1985. ISBN 3-922661-14-9
  • Das einzigartige Europa: Zufällige und notwendige Faktoren der Industrialisierung. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 1996, ISBN 3-525-01362-0; 2. veränderte Auflage, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2006. ISBN 3-515-08927-6
  • Region und Industrie in Europa 1815-1995, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2000. ISBN 3-515-06781-7
  • Karl Popper – Leben und Werk, Eichstätt (Eigenverlag) 2001. ISBN 3-00-007690-5
  • Irreale oder reale Geschichte? Ein Traktat über Methodenfragen der Geschichtswissenschaft, Herbolzheim (Centaurus Verlag) 2002. ISBN 3-8255-0378-X
  • Überwindung der Armut in der Dritten Welt. Hat Afrika eine Chance? St. Katharinen (Scripta Mercaturae Verlag) 2002. ISBN 3-89590-112-1
  • mit Michel Hau (Hrsg.): Der Wandel von Industrie, Wissenschaft und Technik in Frankreich und Deutschland im 20. Jahrhundert, Würzburg/Boston (Deutscher Wissenschafts-Verlag) 2002, ISBN 3-935176-14-7. Französische Ausgabe: Chemin vers l'an 2000. Les processus de transformation scientifique et technique en Allemagne et en France au XXe siecle, Bern (Peter Lang) 2000. ISBN 3-906758-61-3
  • mit Helmut Zenz (Hrsg.): Karl Poppers Beiträge zur Ethik, Tübingen (Mohr Siebeck) 2002. ISBN 3-16-147773-1
  • (Hrsg.): Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, Tübingen (Mohr Siebeck) 2003, ISBN 3-16-148069-4
  • (Hrsg.): Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I und II, Tübingen (Mohr Siebeck) 2003, ISBN 3-16-147843-6.
  • Die Industrialisierung Sachsens. Ein regional-vergleichendes Erklärungsmodell, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2007. ISBN 3-515-08582-3
  • mit Dario Antiseri (Hrsg.): La società aperta di Karl Popper. Le vicende editoriali di un'opera scritta tra difficoltà e accolta tra sospetti e ostilità, Soveria Mannelli (Rubbettino) 2007, ISBN 978-88-498-1887-1
  • Julius Wolf 1862–1937 – zwischen Judentum und Nationalsozialismus. Eine wissenschaftliche Biographie, Stuttgart (Franz Steiner Verlag) 2008. ISBN 3-515-09116-5
  • Karl Marx und die Menschlichkeit, Berlin (Duncker & Humblot) 2011. ISBN 978-3-428-13428-1 (Print); ISBN 978-3-428-53428-9 (E-Book)
  • Kritik der modernen Demokratie, Hildesheim/Zürich/New York (Georg Olms Verlag) 2011. ISBN 978-3-487-14551-8
  • Von Richard Wagner zu Adolf Hitler. Varianten einer rassistischen Ideologie, Berlin (Duncker & Humblot) 2015, ISBN 978-3-428-14543-0
  • Karl Marx und der Untergang des Kapitalismus, Berlin (Duncker & Humblot) 2017. ISBN 978-3-428-15105-9
  • Das Elend des Konjunktivismus. Eine Analyse von Methodenfragen der Geschichtswissenschaft, Düren 2019. ISBN 978-3-8440-6783-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ottmann, Henning: Buchrezension: Hubert Kiesewetter, Von Hegel zu Hitler. In: Philosophisches Jahrbuch. Band 82, 1975, S. 234 (philosophisches-jahrbuch.de [PDF; 2,9 MB]).