Incroyables et merveilleuses

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Stich von Charles Vernet auf Frankenthaler Porzellan, aus dem Jahr 1797

Bei den Incroyables und Merveilleuses handelte es sich um Pariser Bürger, die sich während einer kurzen Phase der Französischen Revolution extrem auffällig kleideten.

1789 begann die Französische Revolution, 1794 endete die Schreckensherrschaft von Maximilien de Robespierre, es schloss sich die Zeit des Directoire (1795–1799) an. Die Bürger Frankreichs hatten jetzt wieder größere Freiheiten. Diese wurden von einer Klasse von Neureichen genutzt, um durch besonders auffällige Kleidung in Erscheinung zu treten. Sie übertrieben ihre Mode, selbst ihre Aussprache so sehr, dass ganz Paris über sie lachte und mit satirischen Schriften, Liedern und Karikaturen verspotteten. Da bisher blonde Perücken verboten waren, trugen sie jetzt diese als besonderen Ausdruck ihrer Antihaltung. Sie nannten sich selbst Incroyables et les Merveilleuses.[1]

Die Mode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wann Bürger aus Paris erstmals diese groteske Kleidung trugen und wann diese Mode unmodern wurde, ist aus Dokumenten nicht bekannt, vermutlich ab 1795. Antoine Charles Horace Vernet, 1758–1836, ein französischer Maler, stellte hauptsächlich die Schlachten Napoleons dar. Er zeichnete auch zeitgenössische Sittenbilder von kulturgeschichtlichem Wert. Der 1797 entstandene Stich, als Malvorlage auf Frankenthaler Porzellan gemalt, zeigt die demonstrativ übertriebenen Stutzer aus der Periode des Directoire. Sie setzten sich damit bewusst von der üblichen Revolutions- und Empiremode ab. Sie kultivierten auch eine eigenwillige Sprache. Sie lehnte sich an den Dialekt von Roussilion an, der die Konsonanten r., d. und l. ausließ, sodass sie sich Inc-oyables und Me-veilleuses nannten.

Man nannte die Herren „Les Incroyables“, die Unglaublichen. Sie karikierten das Ideal der bürgerlichen Kleidung, indem sie enge Hosen, die bis zur Brust reichten, und hohe Husarenstiefel trugen. Ihr Frack hatte einen hohen Kragen, ein extrem kurzes Oberteil und lange Schöße. Darunter wurden gleich mehrere Westen verschiedener Art und Farben getragen. Besonders auffällig war eine übergroße Halsbinde, die oft das ganze Kinn bedeckte. Die Haare trug der Incroyable „en oreilles de chien“, wie zottelige Hundehaare. Sein gesamtes Erscheinungsbild war eher grotesk.

Stich von Charles Vernet, gemalt auf Frankenthaler Porzellan, aus dem Jahr 1797

Einige trugen große Monokel oder Brillen, lispelten und nahmen eine bucklige Haltung an. Der Knotenstock, ein gedrehter Rebstock, gehörte mit zur Ausstattung.[2]

Die Damen dieses Modetrends, „Les Merveilleuses“ (die Wunderbaren), putzten sich besonders auffällig heraus. Sie erregten vor allem durch Freizügigkeit, Übertreibung der Hüte und Frisuren besondere Aufmerksamkeit. Ein Gürtel betonte die hohe Taille der sehr luftigen Kleider, die Haare waren kurz, mit Vorliebe verwendete man blonde Perücken.[3]

Die modische Eskapade aus Frankreich wurde auch auf Porzellane einer namhaften Porzellanmanufaktur des 18. Jahrhunderts gemalt. Ob die Teile ausschließlich für den französischen Markt vorgesehen waren, lässt sich nicht nachweisen. Da Porzellangeschirr zu dieser Zeit eher von der wohlhabenden Bevölkerung angeschafft wurde, muss man annehmen, dass diese Bekleidung von einer Gesellschaftsschicht getragen wurde, die sich die Mode finanziell auch leisten konnte. Die ärmere Bevölkerung, die noch unter den Auswirkungen der Französischen Revolution litt, hatte zu modischen Eskapaden sicherlich keinen Zugang.[4]

Vertreter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Annemarie Kleinert: Die frühen Modejournale in Frankreich. E. Schmidt, Berlin 1980, ISBN 3-503-01614-7
  • Claus Reimann: Les Incroyables et les Merveilleuses. In: Keramos. Zeitschrift der Gesellschaft der Keramikfreunde e. V. Düsseldorf, Heft 217, Juli 2012, ISSN 0453-7580 (Heftinhaltsverzeichnis und erste Seite des Artikels als PDF)
  • Rolf Reichardt (Hrsg.): Handbuch politisch sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680–1820. H. 16/18: Femme. Oldenburg, München 1996, ISBN 3-486-56130-8
  • Meyers Konversations-Lexikon: 8. und 11. Band, Leipzig 1888
  • Gudrun Gersmann, Hubertus Kohle: Das Directoire in Geschichte und Kunstwissenschaft. Literaturbericht. In: Das achtzehnte Jahrhundert. Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts, 16 (1992), S. 61–70 (online)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Incroyables et merveilleuses – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kleinert, A.: Die frühen Modejournale in Frankreich, Berlin 1980, S. 124
  2. Meyers Konversationslexikon, Leipzig 1888, Bd. 8, S. 911f.
  3. Meyers Konversationslexikon, Leipzig 1888, Bd. 11, S. 503f.
  4. Reimann, C., in: Keramos Heft 217, Juli 2012, S. 217ff.