Integrale Planung

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Gütesiegel für Integrale Planung[1]

Integrale Planung ist ein zielgerichteter Kreativprozess einer Gruppe von Experten unterschiedlicher Fachdisziplinen zur Lösung einer komplexen, in der Regel technischen Aufgabe. Konzeptionell unterscheidet sich der Begriff nicht von der integrierten Planung. Im Sprachgebrauch hat sich dennoch eine klare inhaltliche Abgrenzung etabliert.

Integrale Planung steht für einen ganzheitlichen Ansatz zur Planung von Gebäuden. Ganzheitlich, da integrale Planung die gleichzeitige Mitwirkung aller am Planungsprozess beteiligten Fachdisziplinen und Stakeholder verlangt. Die frühzeitige Einbeziehung aller notwendigen Experten im Planungsteam und deren gleichzeitige und abgestimmte Bearbeitung der Planungsaufgabe sind das zentrale Element. Ihre Einbindung, schon in der konzeptionellen Phase ist von größter Wichtigkeit, da diese Planungsphase für die bestmögliche Gestaltung des Lebenszyklus des Gebäudes ausschlaggebend ist.

Integrierte Planung hingegen steht in der Regel für einen ganzheitlichen Ansatz zur Entwicklung von Prototypen und Innovationen in der Industrie, insbesondere der Automobilindustrie.

Einführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn des Planungsprojekts sind wenig Daten oder Werkzeuge vorhanden, um die Kreativität und Innovationskraft der Beteiligten an den Zielen des Bauherrn oder Auftraggebers auszurichten. Alle Entwicklungs- und Planungsbeteiligten ringen um eine gemeinsame Vorstellung. Nur durch frühzeitige Kooperation kann das Wissen zeitgerecht übertragen werden, bzw. das neue gemeinsame Wissen um die Lösung entstehen. Die frühe Einbindung ermöglicht ein gemeinschaftliches Übereinkommen, wie die mit der Aufgabe verbundenen Ziele bestmöglich erreicht werden können. Dadurch verkürzt sich der Planungs- und Entwicklungsprozess wesentlich, die Anzahl der Planänderungen wird verringert, somit die Kosten reduziert und Qualität gesteigert.

Die starke Einbeziehung der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) ist ein weiteres Merkmal integraler Planung. Sie ermöglicht effiziente Kommunikation und Organisation sowie Simulation und Optimierung während der Planungsphase.

Typischerweise umfasst die integrale Planung auch die Überwachung der qualitätsgerechten Umsetzung.

Die integrale Planung von Gebäuden ist im angloamerikanischen und skandinavischen Raum stärker verbreitet als in Mittel- und Zentraleuropa. Insbesondere im deutschsprachigen Raum ist traditionell die aufeinander folgende Bearbeitung von Architektur, Tragwerk und Haustechnik, sowie die anschließende Bauaufsicht gängige Praxis. Als Hauptursachen gelten das Ausbildungssystem, die darauf aufbauenden Berufsbilder und die Honorarordnungen im DACH-Raum.

Integrale Gebäudeplanung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Integrale Planung gilt heute als Schlüssel für die Realisierung der nachhaltigen, ressourcen- und energieschonenden Gebäude. Sie wird erfolgreich für die frühzeitige Optimierung ökonomischer, ökologischer und sozio-kultureller Zielsetzungen angewandt. Zurzeit wird die Integrale Gebäudeplanung vorwiegend in Zusammenhang mit energie- und ressourceneffizienten Bauen angewendet. Beispielsweise hat die Stadt Wien einen Leitfaden der für energiebewusstes Errichten der Dienstleistungsgebäude herausgegeben.[2] oder der Schweizerische Ingenieur- und Architektenverein einen Leitfaden für „Teamorientiertes Planen“.[3] Auch im Bereich der öffentlichen und der halb-öffentlichen Bauträger wird dem Thema Integrale Planung vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt.

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben den traditionellen Zielen der Gebäudeplanung (Ästhetik, Nutzungs- und Bedien-komfort, Kosteneffizienz) steigen die Anforderungen seitens Bauherrn, Gesetzgebung und Öffentlichkeit nach Ressourcenschonung, Energieeffizienz, Optimierung der Gebäude-Lebenszykluskosten und die Wertsicherung durch Zertifizierung der Immobilie.[4] Somit ergibt sich eine zunehmend komplexe, zum Teil widersprechende Zielematrix, die ihrerseits neue ganzheitliche Planungsprozesse erfordert. Die Integrale Planungsmethodik setzt die holistische Betrachtungsweise eines Gebäudes und seiner Funktionen während des gesamten Lebenszyklus – von der Konzeption über Planung, Errichtung und Betrieb bis zur Entsorgung und Wiederverwertung voraus. Die lebenszyklische Gebäudequalität kann durch Schaffung einer gemeinsamen Wissensbasis, aber auch durch Anwendung unterschiedlicher Werkzeuge, prognostiziert und optimiert werden, wie durch die thermische Gebäudesimulation, Lebenszyklusanalyse mit Berechnung der Lebenszykluskosten und Gebäudezertifizierung. Die unterschiedlichen Interessen und Perspektiven von Nutzern, Investoren und Öffentlichkeit können durch frühe Mitwirkung in den Planungsprozess einbezogen werden.

Vorteile der Integralen Planung gegenüber traditionellen Planungsprozessen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die simultane Verschränkung interdisziplinären Wissens unterschiedlicher Fachbereiche im Integralen Planungsprozess gilt als zentraler Vorteil bei der Bearbeitung multidimensionaler Zielsysteme. Die Befürworter der Integralen Planung gehen davon aus, dass ein funktionierendes interdisziplinäres Team immer zu besseren Lösungsansätzen kommt, was durch experimentelle Planspiele wie Walt-Disney-Methode oder NASA-Weltraumspiel belegt wurde,[5] als ein Architekt, der die Lösung vorgibt und die Ingenieurleistungen additiv ergänzt. Denn, so die Argumentation, komme es a) zu mehr Kreativleistung und b) zu einer Reduktion von Komplexität. Die Vermeidung von Kollisionen und Missverständnissen an den fachbezogenen Schnittstellen führe zu Effizienzsteigerung bei Planungsaufwand. Darüber hinaus könne ein interdisziplinäres Team interdependente Planungsentscheidungen und -konsequenzen besser und frühzeitiger identifizieren und damit rechtzeitig relevante Entscheidungsgrundlagen liefern. Damit steige die Entscheidungsqualität im Planungsprozess, insbesondere in der frühen Projektphase, die den größten Einfluss auf Errichtungs- und Betriebskosten hat. Zusammenfassend, können als Vorteile der Integralen Planung die Reduktion von Zeit und Kosten durch weniger Änderungen und Minimierung von Fehlern, Steigerung der Qualität, Schaffung von gemeinsamem Wissen und lebenszyklischer Optimierung.

Formen der Integralen Planung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Projektstruktur der Integralen Planung lässt sich grob in drei unterschiedliche Organisationsformen einteilen:

  • Integrale Planung als zielgerichtetes und gesteuertes Netzwerk voneinander unabhängiger Fachplaner (Architekt, Fachkonsulenten, Bauunternehmen, Projektsteuerung usw.). Vorteil: Der Bauherr kann Partner seiner Wahl für die erforderlichen Planungssparten no-minieren, der Bauherr ist pro-aktiver Bestandteil des Planungsteams. Nachteil: viele Ansprechpartner, Schnittstellenproblematik; große Kompetenz des Bauherrn wird abverlangt.

Den beiden weiteren Formen ist gemeinsam, dass der Bauherr in der Regel nur einen Ansprechpartner hat.

  • Integrale Planung als zielgerichtetes und gesteuertes Netzwerk voneinander unabhängiger Fachplaner unter der Leitung eines Generalplaners (Architekt, Bauunternehmen, Projektsteuerer usw.). Vorteil: Der Bauherr kann Partner seiner Wahl für die erforderlichen Planungssparten nominieren, GP kann mit eingespieltes Team zusammenstellen Nachteil: Schnittstellenproblematik, möglicherweise unterschiedliche wirtschaftliche Interessen und Planungskulturen des Generalplaners und der Teammitglieder.
  • Integrale Planung eines Gesamtplaners, der alle wesentlichen Fachplaner (Architekten und Ingenieure) in seiner Organisation unter einem Dach vereint. Bei dieser nach anglo-amerikanischem Vorbild entwickelten Methode stellt der Gesamtprojektleiter (Architekt, Bauingenieur) ein reibungsloses und effizientes Arbeiten der aufeinander eingespielten Teammitglieder sicher. Vorteil: Die Gesamtplanung erscheint besonders geeignet die Ver-antwortungs- und Schnittstellenproblematik zwischen den Fachdisziplinen zu reduzieren und eine echte Integrale Planungskultur zu entwickeln da die wirtschaftlichen Interessen der Teammitglieder vereint sind. Nachteil: „Group Think“-Phänomen, da eingespieltes Team, weniger Raum für den positiven Konflikt um die Team-Leistung zu steigern bzw. um die Lösungen kritisch zu hinterfragen.

Werkzeuge – Digitale Gebäudemodellierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der modernen Gebäudeplanung mit dem Anspruch, komplexe Systeme zu optimieren, stoßen herkömmliche Planungswerkzeuge, analog oder digital (CAD), an ihre Grenzen. Ein Gebäude durchläuft verschiedene Lebenszyklusphasen: Entwurf, Planung, Bau, Nutzung, Umnutzung, Renovation und Abriss. In jeder Phase werden von den projektbeteiligten Architekten, Ingenieuren, Fachplanern und Ausführenden Dokumente generiert, die den momentanen Status des Gebäudes abbilden. Der Informationsaustausch erfolgt über kommerzielle oder offene Datenaustauschstandards. Durch leistungsfähige Modelliersoftware ist es möglich geworden, sogenannte Building Information Models (BIMs) zu generieren. Dies sind dreidimensionale, reichhaltige Gebäudemodelle, welche die Planung sowie den Datenaustausch innerhalb eines Projektteams erleichtern und idealerweise im gesamten Lebenszyklus eingesetzt werden können.[6]

Zahlreiche Untersuchungen weisen das BIM-Potential als Katalysator aus, der die Fragmentierung des Planungs- und Bauprozesses wesentlich reduziert, die Effizienz steigert und Planungskosten (durch die Minimierung der Änderungen) senkt.[7] Der verstärkte Einzug von Building Information Modeling verspricht eine fundamentale Veränderung des Planungs-, Errichtungs- und Betriebsprozesses. BIM bezeichnet somit aufkommende technische und prozedurale Veränderungen in der Architektur, im Bauwesen und Facility Management und stellt einen Paradigmenwechsel in Richtung lebenszyklische Planung dar. In der Zentraleuropäischen Praxis steht der Einsatz dieses Planungswerkzeugs am Anfang einer vielversprechenden Entwicklung.

Einsatzfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Integrale Planung in der Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Integrale Planung wurde im Zentraleuropäischen Raum in den 1970er Jahren erstmals vom Planungsbüro ATP architekten ingenieure eingeführt. Zu den wichtigsten Projekten, welche mittels Integraler Planungsmethodik entwickelt wurden zählen: ATRIO, und SCS[8] und IMP.[9] Der Vorstand Christoph M. Achammer, vehementer Befürworter dieser Planungsmethodik, ist Universitätsprofessor an der Technischen Universität Wien, im Forschungsbereich für Industriebau und interdisziplinäre Bauplanung.

POS sustainable architecture bekennen sich zu dieser Planungsmethodik als dem Weg zur Verwirklichung von nachhaltigen Gebäuden.[10] Solidar-Planungswerkstatt von Günther Löhnert, befürwortet die Integrale Planung von Gebäuden aus dem Blickwinkel der Ressourcen- und Energieeffizienz.[11]

Zunehmende Bedeutung gewinnt die Integrale Planung bei Bauvorhaben der Öffentlichen Hand. So hat das deutsche Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung seit 2009 ein Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) Neubau Büro- und Verwaltungsgebäude im Einsatz, bei dem Integrale Planung das Kriterium zur Planungs- und Prozessqualität ist.[12]

Integrale Planung in der Forschung und Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der TU Wien wurde die Forschungsgruppe für Integrale Planung am Fachbereich für Industriebau und interdisziplinäre Bauplanung von Iva Kovacic gegründet, die Integralen Planungsmethodik erforscht und diese auch in der Lehre intensiv vermittelt. Zum wichtigsten Forschungsprojekten gehören „Cost Benefits of Integrated Planning“[13] sowie „BIM Sustain“.[14]

Als wichtigste Lehrveranstaltung im Masterstudiengang gilt der Concrete Student Trophy, ein internationales Studentenwettbewerb, in Mitwirkung mit dem VÖZ, welcher Wettbewerbsauslober ist. Die Voraussetzung für die Teilnahme beim Wettbewerb ist die interdisziplinäre Teambesetzung, aus mindestens einen Studierenden der Architektur und einen der Bauingenieurwesen. Einige Projekte sind bereits realisiert worden, wie die Paul-Amann-Brücke in Wien.

Ein weiteres Beispiel der gelebten integralen Planung ist LISI, das österreichische Gewinnerprojekt beim Solar Decathlon 2013 – welche in interdisziplinärer Zusammenarbeit mehreren Forschungsinstitute unter Leitung von Karin Stieldorf realisiert wurde.[15] Klaus Daniels setzte die ersten Schritte für ein integrales Gebäudeentwurf an der TU Darmstadt, Fachbereich Architektur, Entwerfen und Gebäudetechnologie, wo Energie- und Gebäudetechnik ein Bestandteil des Architekturkonzepts werden. Seit 2008 bietet die Köln International School of Design (KISD) einen Bachelor- und Master-Studienlehrgang „Integrated Design“ an.

Integrale Planung in der Automobilindustrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Beispiel für angewandte integrale Planung kann die integrierte Produktentwicklung der Automobilindustrie gelten, bei der „alle am Erstellungsprozess beteiligten Abteilungen und die betroffenen Spezialisten eng und unmittelbar zusammen arbeiten“.[16] Ehrlenspiel definiert sie als „…Methodik zur Produkterstellung unter besonderer Berücksichtigung der Zielorientierung und Zusammenarbeit der beteiligten Menschen“.[17]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Integrale Planung – neues Gütesiegel@1@2Vorlage:Toter Link/www.espazium.ch (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  2. Schritt für Schritt zum Nullenergiegebäude (Memento des Originals vom 12. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.wien.gv.at
  3. Team orientiertes Planen
  4. I. Kovacic: „Über Integrale Planung zur Nachhaltigkeit: Entwicklung einer Planungsmethodik“. Journal für Facility Management, 2/2010 (2010), 987-3-200-02070-2; S. 17–37.
  5. Oberto, R.E.; Nilsen, E.; Cohen, R.; Wheeler, R.; DeFlono, P.; Borden, C., (2005) „The NASA Exploration Design Team: blueprint for a new design paradigm“, Aerospace Conference, 2005 IEEE, pp. 4398–4405
  6. C. Eastman; P. Teicholz; R. Sacks; K. Liston, „BIM Handbook“ John Wiley & Sons, Inc., 2008
  7. M. Prins M. and R. Owen, (2010) „Integrated Design and Delivery Solutions“, Architectural Engineering and Design Management, 6: 227–231
  8. Refurbishment bei laufendem Betrieb der SCS, abgerufen am 21. Februar 2018.
  9. Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP), abgerufen am 21. Februar 2018.
  10. POS sustainable architecture (Memento des Originals vom 12. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.pos-architecture.com
  11. Ressourcen- und Energieeffizienz
  12. Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) Neubau Büro- und Verwaltungsgebäude
  13. Co_Be: Cost Benefits of Integrated Planning
  14. BIM-Sustain
  15. Karin Stieldorf, TU Wien
  16. K. Ehrlenspiel, „Integrierte Produktentwicklung: Methoden für Prozeßorganisation, Produkterstellung und Konstruktion“. Carl Hanser Verlag, München, 2003, Seite 176.
  17. K. Ehrlenspiel, „Integrierte Produktentwicklung: Methoden für Prozeßorganisation, Produkterstellung und Konstruktion“. Carl Hanser Verlag, München, 2003, Seite 285.