Inter caetera

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Die Trennlinien von 1493 und 1494

Die päpstliche Bulle Inter caetera divinae wurde am 4. Mai 1493 von Papst Alexander VI. ausgegeben. Sie legte eine Trennungslinie zwischen dem spanischen und dem portugiesischen Machtbereich fest. Die Demarkationslinie verlief in Nord-Süd-Richtung von Pol zu Pol durch den Atlantischen Ozean und lag 100 Leguas (ca. 480 km) westlich der Azoren, was etwa 38° westlicher Länge entspricht. Alle Territorien, die westlich dieser Linie lagen, wurden den spanischen Königen und ihren Erben zugesprochen, alle Gebiete östlich davon fielen an die Portugiesen.

Inter caetera wurde durch die Bulle Dudum siquidem wesentlich ergänzt. Das Originaldokument wird im Archivo General de Indias in Sevilla aufbewahrt.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der gegenteiligen Beteuerung im Text wurde die Bulle auf ausdrücklichen Wunsch der Spanier geschrieben. Im Vergleich zum Vertrag von Alcáçovas von 1479 (bestätigt durch die päpstliche Bulle Aeterni regis 1481) bedeutete die neue Demarkationslinie eine erhebliche Ausweitung des spanischen Machtbereichs. Im Vertrag von Alcáçovas waren insbesondere die Gebiete südlich der Kanarischen Inseln den Portugiesen zugesprochen worden, einschließlich künftiger Entdeckungen und ohne irgendeine Begrenzung nach Westen. Der portugiesische König Johann II. war infolgedessen mit der neuen Demarkationslinie nicht einverstanden. Die Portugiesen versuchten eine Verbesserung zu erreichen, indem sie direkt mit den Spaniern weiterverhandelten. Dies führte schon im nächsten Jahr zum Abschluss des Vertrags von Tordesillas (1494).

Lage der Trennlinie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wörtlich spricht der Text von allen entdeckten und noch zu entdeckenden Inseln und Ländern „westlich und südlich“ einer vom Nordpol zum Südpol gezogenen Linie, die hundert Leguas „westlich und südlich“ aller Inseln liegen solle, „die als Azoren und Kapverden bekannt sind“. Da die Azoren weiter westlich liegen als die Kapverdischen Inseln, war die westlichste Insel der Azoren als Ausgangspunkt für die Berechnung des Längengrades maßgeblich.

Rätselhaft ist die Formulierung „westlich und südlich“ mit Bezug auf die Lage der Trennlinie selbst. Bei wörtlichem Verständnis kann ein normaler Meridian nicht gemeint sein, da eine solche Linie bis zum Nordpol reicht und nicht „südlich“ einer Inselgruppe liegen kann. Zudem reicht ein Meridian bis zum Südpol, so dass Länder oder Inseln nicht „südlich“ des ganzen Meridians liegen können. Stattdessen könnte jener Abschnitt des Meridians gemeint sein, der südlich der beiden Inselgruppen liegt; mit anderen Worten: Gebiete nördlich der Azoren sollten von der Grenzziehung ausgeschlossen werden. Beispielsweise interpretierten die britischen Geografen John Dee und Richard Hakluyt im elisabethanischen Zeitalter die Formulierung „westlich und südlich“ in diesem Sinne und verwendeten die Bulle Inter caetera als Argument für eine Zurückweisung spanischer Ansprüche in Nordamerika.[1]

Ehler und Morrall (1967) bieten folgende Erklärung an: Die Bulle hatte das Ziel, Konflikten zwischen den beiden Seemächten im Atlantik vorzubeugen. Eventuell noch zu entdeckende Inseln und Länder südlich von Kuba und Hispaniola, auf deren Nordküste Christoph Kolumbus bei seiner ersten Reise 1492/93 gestoßen war, zeichneten sich bereits als Streitpunkt ab: Sie lägen einerseits westlich der neuen Demarkationslinie, also in spanischem Hoheitsgebiet, andererseits südlich der Kanarischen Inseln, also in portugiesischem Hoheitsgebiet laut dem älteren Vertrag von Alcáçova (zumindest nach Auffassung des Königs von Portugal). Die „ansonsten unlogischen“ Wörter „und südlich“ seien deshalb in den Text eingefügt worden, um ausdrücklich auch weit südlich gelegene Regionen einzubeziehen und portugiesische Ansprüche darauf von vornherein mit größerer Deutlichkeit auszuschließen.[2] Tatsächlich stieß Kolumbus schon bei seiner zweiten Reise in die Karibik (1493–1496) weiter nach Süden vor und erreichte bei seiner dritten Reise (1498–1500) auch die Küste von Südamerika im Gebiet des Orinoco-Deltas.

Theoretisch wäre auch eine schräg verlaufende Loxodrome mit dem Wortlaut „westlich und südlich“ gut vereinbar. Eine derart ungewöhnliche und komplizierte Konstruktion der Demarkationslinie gilt jedoch nicht als plausible Interpretation.

Textauszug[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Damit Ihr ein so großes Unternehmen mit größerer Bereitschaft und Kühnheit, ausgestattet mit der Wohltat Unseres apostolischen Segens, anzugreifen vermöget, schenken, gewähren und übertragen Wir hiermit – aus Unserem eigenen Entschluss, ohne Euren Antrag und ohne das Ersuchen irgendeines anderen zu Euren Gunsten, lediglich aus Unserer eigenen und alleinigen Großmut und sicheren Erkenntnis und aus der Fülle Unserer apostolischen Machtbefugnis, die durch den allmächtigen Gott, durch die Vermittlung St. Petri auf Uns übertragen worden ist, sowie auf Grund der Stellvertreterschaft Jesu Christi auf Erden – an Euch und Eure Erben und Nachfolger, die Könige von Kastilien und León, für alle Zeiten, für den Fall, dass eine der genannten Inseln durch die von Euch ausgesandten Männer und Kapitäne gefunden werden sollte, alle aufgefundenen oder aufzufindenden, alle entdeckten oder zu entdeckenden Inseln und Festländer, mitsamt allen Herrschaften, Städten, Lägern, Plätzen und Dörfern und allen Rechten […].“

Quellen und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Frances Gardiner Davenport (Hrsg.): European treaties bearing on the history of the United States and its dependencies to 1648. Carnegie Institution, Washington DC 1917, (Carnegie Institution of Washington 254), S. 64, Digitalisat.
  • Alois Tomassetti / Francisco Gaude (Hrsg.): Bullarum, diplomatum et privilegiorum sanctorum Romanorum pontificum. Locupletior facta collectione novissima plurium brevium, epistolarum, decretorum actorumque S. Sedis a S. Leone magno usque ad praesens. Taurinensis editio. 25 Bände. Franco u. a., Turin, 1860–1871, Bd. 5: Ab Eugenio IV (an. MCCCXXXI) ad Leonem X (an. MDXXI), 1860, S. 351f., (Text der Bulle, lateinisch).
  • H. Vander Linden: Alexander VI. and the Demarcation of the Maritime and Colonial Domains of Spain and Portugal, 1493-1494. In: The American Historical Review 22, 1, 1916, ISSN 00028762, S. 1–20.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Christopher Tomlins: Freedom Bound. Law, Labor, and Civic Identity in Colonizing English America, 1580–1865. Cambridge University Press, 2010, S. 107.
  2. Sidney Z. Ehler, John B. Morrall: Church and State Through the Centuries: A Collection of Historic Documents with Commentaries. Biblo & Tannen Publishers, 1967, S. 154