Vertrag von Tordesillas

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Demarkationslinien nach den spanisch-portugiesischen Vereinbarungen von
1493, 1494 und 1529
Erste Seite des Vertrags,
Biblioteca Nacional de Lisboa
Südamerika um 1650

Der Vertrag von Tordesillas (span.: Tratado de Tordesillas, port.: Tratado de Tordesilhas) wurde 1494 zwischen den damals vorherrschenden Seemächten Portugal und Spanien in Tordesillas geschlossen. Er sollte eine bewaffnete Konfrontation zwischen diesen beiden Mächten verhindern, indem er die Welt in eine portugiesische und eine spanische Hälfte aufteilte. Bereits 1493 hatte Papst Alexander VI. in einer päpstlichen Bulle eine Grenzlinie zur Einteilung der beiden Hoheitsgebiete gezogen, die vom Nordpol zum Südpol durch den Atlantischen Ozean verlief. Im Vertrag von Tordesillas wurde diese Grenzlinie weiter nach Westen verschoben.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Portugal hatte beim Wettlauf um die Herrschaft zur See im 15. Jahrhundert einen Vorsprung vor Spanien errungen, da Spanien noch bis 1492 von der Rückeroberung seiner Gebiete von der muslimischen Herrschaft (Reconquista) in Anspruch genommen war. Die Portugiesen hatten beispielsweise bereits 1419 Madeira und 1427 die Azoren erobert. Portugal wollte nun die Erschließung des Seeweges nach Indien entlang der afrikanischen Küste absichern und den künftigen Gewürzhandel im pazifischen Raum von spanischen Einflüssen freihalten. Im Vertrag von Alcáçovas (1479) konnte Spanien sich nur die Kanarischen Inseln sichern, während der restliche Atlantik und insbesondere die Gebiete südlich der Kanarischen Inseln den Portugiesen zugesprochen wurden. Diese Regelung wurde 1481 in der päpstlichen Bulle Aeterni regis bestätigt.

Christoph Kolumbus kehrte im März 1493 von seiner ersten Entdeckungsreise im Auftrag der Katholischen Könige zurück, bei der er Asien mit einer Fahrt über den Atlantik hatte erreichen wollen. Nachdem er auf bisher unbekannte Inseln gestoßen war (die Bahamas, Kuba und Hispaniola), wollten sich die spanischen Herrscher die Kontrolle und die Rechte über die neu entdeckten Inseln sichern – sowie die Herrschaft über noch zu entdeckende weitere Inseln und Länder in diesem Gebiet.

Im Mai 1493 legte Papst Alexander VI. (Rodrigo Borgia) in der Bulle Inter caetera eine Grenze zwischen dem portugiesischen und dem spanischen Herrschaftsbereich fest, indem er eine Trennlinie in Nord-Süd-Richtung von Pol zu Pol zog, die 100 Leguas (etwa 480 Kilometer) westlich der Kapverdischen Inseln verlief, das heißt bei etwa 38° West. Alle Territorien, die westlich dieser Linie lagen (Amerika), wurden den spanischen Königen und ihren Erben zugesprochen, alle Gebiete östlich davon (Afrika und Asien) fielen an die Portugiesen.

Dagegen erhob der portugiesische König Johann II. Einspruch. Möglicherweise waren den Portugiesen schon Teile des brasilianischen Küstenverlaufs bekannt und sie drängten daher auf eine Verlegung der Trennlinie.

Die Vereinbarung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In zähen Verhandlungen gelang es den Portugiesen unter ihrem Verhandlungsführer, dem Geografen, Astronomen und Seefahrer Duarte Pacheco Pereira, die Demarkationslinie auf 370 spanische Leguas (ca. 1770 km) westlich der Kapverdischen Inseln zu verschieben. Diese neue Grenzlinie entsprach einer Länge von 46° 37′ West. Sie erlaubte es später den Portugiesen, die östlich dieser Linie gelegenen Gebiete Brasiliens zu kolonisieren.

Der Vertrag von Tordesillas wurde am 7. Juni 1494 abgeschlossen und sehr zügig am 2. Juli von Spanien und am 5. September von Portugal ratifiziert.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wortlaut des Vertrages wurde entsprechend den jeweiligen Interessen unterschiedlich interpretiert. Ein wichtiger Streitpunkt war, ob der Messpunkt auf der östlichsten oder der westlichsten der Kapverdischen Inseln lag (rund 60 Leguas, etwa 290 Kilometer Unterschied). Darüber hinaus hatte die spanische Legua eine andere Länge als die portugiesische, die wiederum in eine alte und eine neue Legua unterteilt werden konnte.

Beide Mächte beanspruchten zum Beispiel die Molukken (wichtige Gewürzinseln) als in ihrem Bereich gelegen. Nach neuen Verhandlungen wurde im Vertrag von Saragossa 1529 festgelegt, dass die Trennlinie 297,5 Leguas östlich der Molukken verlaufe.

Andere großen Seemächte wie England und Frankreich erkannten den Vertrag nicht an. Der Vertrag von Tordesillas ist ein Beispiel für ein Rechtsgeschäft zu Lasten Dritter: Weder die Interessen der Menschen der aufgeteilten Länder waren einbezogen noch die Interessen derjenigen Länder, die ebenso wie Spanien und Portugal zu Eroberungen befähigt waren.

1750 wurde die inzwischen durch die Realitäten ohnehin gegenstandslos gewordene Demarkationslinie durch den Vertrag von Madrid aufgehoben.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tratado de Tordesillas – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Tratado de Tordesilhas – Quellen und Volltexte (portugiesisch)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Vertrag von Tordesillas 1494 der Papst“, in: Anneliese Dangel: Alexander von Humboldt. Sein Leben in Bildern, 1769–1859, Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1959, S. 20.