Iridologie

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Rechte Iris mit Eigenschaften (blaue Farbe, "Kranz wolkiger Strukturen vor dem Irisrand"), die iridologisch auf eine „lymphatische Konstitution“ hindeuten sollen

Iridologie (auch Irisanalyse, Irisdiagnostik oder Augendiagnose) ist eine alternativmedizinische Diagnosemethode, die davon ausgeht, dass Erkrankungen des Menschen durch Analyse der Gewebsstrukturen der Iris festgestellt werden können. Sie konnte weder empirisch belegt noch theoretisch begründet werden.[1] Aus Sicht ihrer Anwender ist die Iridologie selten als alleiniges Diagnosewerkzeug einsetzbar und wird deshalb in der Regel durch andere Verfahren ergänzt.[2] Sie soll insbesondere der Feststellung einer Grundveranlagung dienen, die auf mögliche Schwächen im Organismus hinweisen könne.

Die Iris-Diagnostik ist nicht mit der Iris-Erkennung zu verwechseln, die ähnlich dem Fingerabdruck zur Personenidentifizierung benutzt wird und die Tatsache nutzt, dass die Struktur der Iris bei jedem Menschen unterschiedlich ausgeprägt ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ersten Beschreibungen gibt es bei den alten Ägyptern und in einer Veröffentlichung des 15. Jahrhunderts (Meyers). Explizit beschrieben wurden die Grundlagen der Irisdiagnostik 1665 von Philip Meyen von Coburg in der bekannten Chiromatica Medica.[3] In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde durch den ungarischen Arzt Ignaz von Peczely das Verfahren erforscht – er nannte es Augendiagnostik.[4] Heilpraktiker, Naturheilkundler und Homöopathen versuchen seitdem, mit Hilfe der Iridologie für sie relevante Symptome und potentielle Krankheitsursachen zu entdecken. Einer der ersten Anwender in Deutschland war der oft als Lehmpastor bezeichnete Emanuel Felke.

Nach wie vor gibt es ganz unterschiedliche Ansätze und Einzelentwicklungen der Irisdiagnostik und keine vereinheitlichten Grundlagen und Lehrmeinungen, sodass das Verfahren keine wirkliche Lehre oder einen Standard im alternativ-medizinischen Spektrum darstellen würde.[5]

Grundlagen der Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Iris-Heterochromie, bei der in einem Auge ein bestimmter Irisabschnitt eine andere Farbe hat, tritt häufig in der Bevölkerung auf. Die meisten Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass die Farbe der Iris epigenetisch, also überwiegend erblich bedingt ist.[6] Erste genetische Forschungen wurden unter anderem seit 1943 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. An einem dieser Forschungsprojekte war die NS-Ärztin Karin Magnussen beteiligt.[7] Im Gegensatz dazu gehen Iridologen davon aus, dass sich die Iris im Laufe des Lebens und durch Krankheiten deutlich verändert.

Iridologen berufen sich unter anderem auf ein 1954 erschienenes Buch des Mediziners Walter Lang,[8], der bewiesen haben will, dass von der gesamten Peripherie mit allen Organen Leitungsbahnen zur Iris führten, und zwar über das Rückenmark und den Thalamus als Zwischenstation, segmental geordnet bis in die Segmente der Iris.

Oft genannt wird auch ein Buch des Karlsruher Allgemeinarztes Franz Vida und des Heilpraktikers Josef Deck ebenfalls von 1954,[9] die an 640 Probanden in 74 Prozent Übereinstimmungen von Irisdiagnose und Organerkrankungen gefunden haben wollen.[10]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehrfach wurde nachgewiesen, dass der Irisdiagnostik jede wissenschaftliche Grundlage fehlt.[11] In einer Vielzahl von klinischen Studien gelang es nicht, eine über der Zufallserwartung liegende Treffsicherheit der Irisdiagnostik nachzuweisen.[12][13][14][15][16][17]

Vorgehensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zirkuläre Topografie
Sektorale Topografie

Die Irisdiagnostik geht davon aus, dass sich die Iris durch stoffliche, „informatorische“ und psychische Umwelteinflüsse, Nahrung, Lebensweise, Krankheiten, deren Therapie u. a. zeitlebens verändere, indem sie Farbpigmente einlagere oder ihre Fasern örtlich verdichte.

Irisdiagnostiker beurteilen die Grundfarbe des Auges (blau, braun oder Mischformen), Helligkeitsunterschiede des Irisgewebes, Struktur und Muster der Irisfasern (Lockerung, Verdichtung, Spannung, Stärke und Richtung), flocken-, wolken- und nebelartige Ein- und Auflagerungen, Pigmentflecken und -flächen, Farbveränderungen in der Sklera (Augenweiß), und die Blutgefäße der Bindehaut (Menge der Gefäße, Füllung, Schlängelung). Sie nutzen zwei unterschiedlichen Topografien (zirkulär und sektoral), deren Aussagen miteinander verknüpft werden. Sogenannte konstitutionelle Basisinformationen lassen sich mit einer Lupe mit vier- bis fünffacher Vergrößerung erheben. In der Regel wird aber ein binokulares Spezial-Mikroskop mit 10- bis 40-facher Vergrößerung (Spaltlampe) verwendet, das manchmal auch mit einer Kamera ausgestattet ist.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Edzard Ernst: Komplementärmedizinische Diagnoseverfahren. In: Dtsch Arztebl. 102(44), 2005, S. A-3034 / B-2560 / C-2410.
  2. Hans Reuther: Differenzialdiagnose für Heilpraktiker: Anamnese, Untersuchung, Labor, Diagnose. Foitzick Verlag, Juni 2010, ISBN 978-3-929338-48-5.
  3. Wolfgang H. Vogel, Andreas Berke: Brief History of Vision and Ocular Medicine. Kugler Publications, Amsterdam 2009, Seite 252.
  4. Krzysztof Zygadlo: Iridology. Abgerufen am 29. Oktober 2016.
  5. Dietmar W. Thumm: Iris-Diagnostik. (Memento vom 9. März 2009 im Internet Archive) Ein Beitrag der Augentagesklinik Sursee, Schweiz.
  6. Daniel H. Gold, Richard Lewis: Clinical Eye Atlas, Oxford University Press, Seiten 396-397
  7. Hans-Walter Schmuhl: Grenzüberschreitungen. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik 1927–1945. Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, Band 9. Wallstein, Göttingen 2005
  8. Walter Lang: Die anatomischen und physiologischen Grundlagen der Augendiagnostik. Haug-Verlag, Ulm 1954.
  9. Franz Vida, Josef Deck: Klinische Prüfung der Organ- und Krankheitszeichen in der Iris. Haug-Verlag, Ulm 1954.
  10. Balken im Auge. In: Der Spiegel. 48/1953, 25. November 1953.
  11. Franz Grehn: Augenheilkunde. 30. Auflage. Springer Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-540-75264-6, S. 178.
  12. A. Simon, D. M. Worthen, J. A. Mitas: An evaluation of iridology. In: JAMA. 242(13), 28 Sep 1979, S. 1385–1389. PMID 480560
  13. K. Munstedt, S. El-Safadi, F. Bruck, M. Zygmunt, A. Hackethal, H. R. Tinneberg: Can iridology detect susceptibility to cancer? A prospective case-controlled study. In: J Altern Complement Med. 11(3), Jun 2005, S. 515–519. PMID 15992238
  14. M. Norn: Analysis of iris: history and future. In: Dan Medicinhist Arbog. 2003, S. 103–117. PMID 14765528
  15. P. Knipschild: Looking for gall bladder disease in the patient's iris. In: BMJ. 297(6663), 17 Dec 1988, S. 1578–1581. PMID 3147081
  16. E. Ernst: Iridology: not useful and potentially harmful. In: Arch Ophthalmol. 118(1), Jan 2000, S. 120–121. PMID 10636425
  17. R. S. Worrall: Pseudoscience - a critical look at iridology. In: J Am Optom Assoc. 55(10), Oct 1984, S. 735–739. PMID 6491119

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joachim Broy: Die Konstitution – Humorale Diagnostik und Therapie. Foitzick Verlag, 2009, ISBN 978-3-929338-42-3.
  • Joachim Broy: Repertorium der Irisdiagnose. Foitzick Verlag, 2003, ISBN 3-929338-20-3.
  • Raimann u. a.: Grundlagen der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde TEN. Bacopa Verlag, 2012, ISBN 978-3-902735-21-8.
  • Willy Hauser, Josef Karl, Rudolf Stolz: Informationen aus Struktur und Farbe. Felke Institut, 2004, ISBN 3-933422-03-5.
  • Hans Hommel: Irisdiagnose leichtgemacht. Ariston, ISBN 3-7205-1137-5.
  • Bernard Jensen, Donald V. Bodeen: Visions of Health. Avery (Penguin), ISBN 0-89529-433-8.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!