Kantönligeist

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Kantönligeist ist in der Schweiz ein negativ konnotierter Begriff für ein auf den einzelnen Kanton ausgerichtetes Denken und Handeln beziehungsweise für den kantonalen Partikularismus.[1][2][3][4] In unrichtiger, aber häufiger Verwendung steht er auch für den Schweizer Föderalismus als solchen.[5]

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Kantönligeist – zur Wortbildung mit einem Verkleinerungssuffix siehe den Artikel -li – findet sich seit dem 19. Jahrhundert, wo er neben heute kaum mehr gebräuchlichen Wörtern wie Örtligeist und Gmeindligeist stand.[6]

Er entstand aufgrund der seit der Gründung des Bundesstaates 1848 andauernden Spannung zwischen kantonaler Souveränität einerseits und bundesstaatliches Einigungsbestrebungen anderseits. Zur Gewährleistung eines konfliktfreien Zusammenlebens dieser Gruppen in der Willensnation Schweiz wurden bei der Gründung des heutigen Bundesstaates staatspolitische Instrumente wie der Föderalismus und später die direkte Demokratie eingeführt sowie überhaupt die grösstmögliche Autonomie der Kantone beibehalten. Jeder Kanton besitzt weitgehende Souveränität bei Verfassung, Kultur, Schulwesen, direkte Steuern, Gerichtswesen, Polizeiwesen, Bauwesen, Naturschutz, Heimatschutz und Strafvollzug. Der Föderalismus soll die kulturelle Vielfalt der verschiedenen sprachlichen und kulturellen Gruppen (deutscher, französischer, italienischer und rätoromanischer Kulturkreis), der städtisch und ländlich geprägten Kantone und zwischen Mittelland- und alpinen Kantonen garantieren und beschreibt das Bedürfnis aller Kantone, ihre Eigenständigkeit zu pflegen und zu wahren. Anderseits rufen die zunehmende Mobilität der Bevölkerung, das räumliche Zusammenwachsen der Schweiz und die enge wirtschaftliche Verflechtung des Landes nach einheitlichen Regelungen für die ganze Schweiz.

Der Kanton Jura, der 1979 als jüngster Kanton durch eine eidgenössische Volksabstimmung entstanden ist, ist ein Beispiel einer erfolgreichen Kantonisierung, die zeigt, dass der Föderalismus ein zukunftsfähiges Friedensmodell ist, um religiösen oder kulturellen Minderheiten grösstmögliche Souveränität und Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Föderalismus wird heute vor allem von Vertretern des zentralistischen Staatsverständnisses oder der Supranationalität auf den sogenannten «Kantönligeist» reduziert. Damit werden die historisch gewachsenen, subsidiären Regelungsunterschiede zwischen den Kantonen oder auch Gemeinden als überholt oder gar diskriminierend hingestellt.[7][8][9] Oft wird von Anhängern des Zentralstaates behauptet, der Kantönligeist bremse die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz. Nachteile von aufwendigeren Verfahren bei gemeinsamen Anliegen, werden jedoch dadurch aufgehoben, dass gemeinsam erarbeitete Lösungen von allen mitgetragen werden.

Der stark ausgeprägte Steuerföderalismus dämpft mit dem dezentralen Steuersystem die Steuerbelastung. Der «Kantönligeist» ist geprägt durch die regionale Verwurzelung, die lokale politische Milizarbeit und grundsätzliche Skepsis gegenüber zentralisierter Machtausübung. Das direktdemokratische politische System beschränkt die Gefahr einer Verbandelung lokaler Wirtschaftseliten und von Eliten in der Politik.[10]

Nicht selten wird die Bezeichnung abwertend für engstirniges und provinzielles Denken verwendet, um die Kritik an mangelnder Kooperation und zu wenigen Bundeszuständigkeiten zu unterminieren. Der Begriff ist allerdings schwammig, da es nun einmal zum Wesen eines föderalistischen Staatswesens gehört, dass die Teilstaaten über eine grössere Autonomie verfügen.

Der Ökonom und Glücksforscher Bruno S. Frey kam aufgrund seiner Studien zum Schluss, dass der Kantönligeist – im Sinne von mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten – glücklich macht. In Kantonen mit weitergehenden Mitbestimmungsmöglichkeiten sind die Menschen unter sonst gleichen Lebensbedingungen glücklicher als in solchen mit weniger Mitbestimmungsrechten.[11]

Eine Umfrage aus dem Frühjahr 2017 zeigt, dass zwei Drittel der jüngeren Generation, die unter 30-jährigen, nicht mehr mit dem föderalen Prinzip der Schweiz bzw. dem Kantönligeist identifizieren.[12]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kurt Meyer: Schweizer Wörterbuch. So sagen wir in der Schweiz. Huber, Frauenfeld/Stuttgart/Wien 2006, ISBN 978-3-7193-1382-1, S. 160.
  2. Hans Bickel, Christoph Landolt: Schweizerhochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. Hrsg. vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache. Dudenverlag, Mannheim/Zürich 2012, S. 41.
  3. Duden | Kantönligeist | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Synonyme. Abgerufen am 5. Januar 2018.
  4. kantönligeist | Rechtschreibung und Fremdwörter | PONS. Abgerufen am 5. Januar 2018.
  5. Vgl. etwa Christoph Aebischer: Kantönligeist ist ein Vorteil. In: Berner Zeitung, Berner Zeitung. 2017, ISSN 1424-1021 (bernerzeitung.ch [abgerufen am 5. Januar 2018]).
  6. Schweizerisches Idiotikon, Band 2 (1885), Spalte 489 (Digitalisat).
  7. Universität Freiburg: Föderalismus 2.0 – Mehr als Kantönligeist
  8. Markus G. Jud, Luzern, Schweiz: Föderalismus und Mehrsprachigkeit in der Schweiz. Abgerufen am 5. Januar 2018.
  9. Institut für Föderalismus: Schweizerischer Föderalismus | Institut für Föderalismus. Abgerufen am 5. Januar 2018.
  10. NZZ vom 2. November 2015: Erfolgreicher Steuerföderalismus dank Leitplanken
  11. Der Kantönligeist macht Menschen glücklich. In: Tages-Anzeiger vom 3. Januar 2012.
  12. Unter 30-Jährige pfeifen auf den Kantönligeist. In: 20 Minuten vom 8. Mai 2017.