Kirche von Unten (DDR)

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Die Basisgruppe Kirche von Unten (KvU) entstand als oppositionelle evangelische Gruppierung in der DDR.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die KvU entstand im Zusammenhang mit dem evangelischen Kirchentag 1987 in Ost-Berlin anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt. Das komplizierte Verhältnis der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zu Basisgruppen in ihren Gemeinden, die der Kirchenleitung unter anderem zu große Staatsnähe vorwarfen, führte im Zusammenhang mit kirchenleitenden Entscheidungen wie der Absage der traditionellen Friedenswerkstatt für 1987 im Vorfeld des Kirchentages um die Jahreswende 1986/87 zur Idee, parallel zum Kirchentag einen „Kirchentag von Unten“ zu veranstalten.[1] Dieser fand vom 24. bis 26. Juni 1987 in den Räumen der Pfingstgemeinde am Kotikowplatz sowie in der benachbarten Galiläa-Gemeinde in der Rigaer Straße statt und hatte mehr als 6000 Besucher[2]. Eröffnet wurde er von Vera Wollenberger und Jugenddiakon Bernd Schröder. Im Mittelpunkt standen gesellschaftliche Themen und es gab Veranstaltungen mit systemkritischen Künstlern wie Stephan Krawczyk, Thomas Krüger, Detlef Opitz und Peter Wawerzinek. Der Friedenskreis Friedrichsfelde[3], die Initiative Frieden und Menschenrechte, der Arbeitskreis Solidarische Kirche[4], die Umwelt-Bibliothek und weitere oppositionelle Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen stellten hier ihre Arbeit vor. Während der Abschlussveranstaltung des offiziellen Kirchentags demonstrieren etwa 300 Teilnehmer des Kirchentags von Unten vor einer begrenzten Öffentlichkeit im Stadion Alte Försterei mit systemkritischen Spruchbändern (z. B. "Glasnost in Staat & Kirche").[5]

Aufgrund des großen Interesses und um die Kirche zu stärkerem politischen Engagement zu drängen, gründeten die Initiatoren im September 1987 bei einer Werkstatt der Offenen Arbeit die überregionale Basisgruppe „Kirche von Unten“ (KvU), die sich fortan nicht nur als innerkirchliche Opposition zu kirchlichen und theologischen Themen, sondern vor allem zu vielen gesellschaftspolitischen Konflikten äußerte. 1988 erhielt die KvU eigene Räume im Gemeindehaus der Elisabethgemeinde, auch die Zionskirche mit der hier angesiedelten Umwelt-Bibliothek wurde für Aktivitäten genutzt.

Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Räume wurden bald zu einer der wichtigen Aktivitätszentralen der DDR-Oppositonsbewegung, wurden aber auch für kulturelle Aktivitäten z. B. der Initiative Schwarze Deutsche um Rahman Satti oder Punk-Konzerte genutzt. Unter anderem wurden hier die Ergebnisse der unabhängigen Stimmauszählung bei der Kommunalwahl der DDR 1989 zusammengetragen, ausgewertet und vervielfältigt. In den Räumen der KvU wurde eine Bibliothek aufgebaut. Es wurde eine eigene Druckmaschine besorgt, auf der im Herbst 1989 auch die Böhlener Plattform vervielfältigt wurde. Viele Mitglieder der KvU wie Reinhard Schult, Uwe Kulisch, Walter Schilling, Silvio Meier, Dirk Moldt, Silke Ahrens, Jörg Zickler, Marion Seelig, Katrin Kadasch, Bodo Wolf, Fritz Kühn, Katharina Harich (ehemalige Managerin von Bettina Wegner), Wolfgang Ernicke ("Speiche"), Dietmar Wolf, Dirk Teschner, Herbert Mißlitz, Rolf Walter und Joe Müller engagierten sich im DDR-Widerstand. Eine überregionale Vernetzung war seit dem „Kirchentag von Unten“ beabsichtigt und bezog vor allem Gruppen der Offenen Arbeit in Halle, Jena, Saalfeld, Dresden und anderen Städten ein. Die KvU wird daher zu den Gruppen gezählt, die maßgeblichen Einfluss auf die Friedliche Revolution in der DDR hatten.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kirche von Unten existiert noch immer im Rahmen eines (politischen) Sozialprojektes in Berlin-Pankow. Es werden u. a. Konzerte veranstaltet. Außerdem gibt es donnerstags unter dem Namen „Fleischfresserasyl“ eine „Küche für alle“ sowie sonntags ein Frühstück.

Ihre angestammten Räumlichkeiten in Berlin-Mitte musste sie 2014 nach langen Auseinandersetzungen mit den Eigentümern verlassen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • KvU, Dirk Moldt: Wunder gibt es immer wieder. Das Chaos ist aufgebraucht, es war die schönste Zeit. Fragmente zur Geschichte der Offenen Arbeit Berlin und der Kirche von Unten. Eigenverlag Kirche von Unten, Berlin 1997.
  • Ehrhart Neubert: Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Ch. Links Verlag, Berlin, zweite, durchgesehene und erweiterte sowie korrigierte Auflage 2000, ISBN 3-89331-294-3 (Bundeszentrale für politische Bildung, Schriftenreihe Band 346), S. 186, 579, 646, 685-690.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kirche von Unten (DDR) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Rüddenklau: Stellungswechsel. Von der Friedenswerkstatt zum Kirchentag von Unten, in: Horch und Guck, 16. Jg., Heft 57 (1/2007), S. 34–36 Artikel im Netz
  2. Kirche von Unten auf jugendopposition.de auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 8. März 2017.
  3. Friedenskreis Friedrichsfelde auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 8. März 2017.
  4. Arbeitskreis Solidarische Kirche auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 8. März 2017.
  5. Fotos von der Demonstration beim Kirchentag 1987