Knaus-Ogino-Verhütungsmethode

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Die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode, auch Kalendermethode oder Tagezählen genannt, ist eine Methode der Empfängnisverhütung bzw. natürlichen Familienplanung. Sie ist vergleichsweise unsicher, der Pearl-Index liegt bei 9[1] bzw. (nach anderer Quelle, bei optimaler Anwendung) bei 3.[2]

Berechnung der fruchtbaren Tage nach Knaus-Ogino[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lebensdauer der Spermien beträgt in der Vagina nur wenige Stunden, im Gebärmutterhals und im Uterus drei, in Ausnahmefällen bis zu sieben Tage. Die Befruchtbarkeit der Eizelle beträgt bis zu zwölf Stunden. Für die Anwendung der Knaus-Ogino-Verhütungsmethode müssen mindestens zwölf aufeinanderfolgende Menstruationszyklen einer Frau protokolliert worden sein, damit der voraussichtliche Eisprung und darauf aufbauend die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage errechnet werden können. Während der vermuteten fruchtbaren Tage darf kein ungeschützter Geschlechtsverkehr stattfinden. Als weitere Voraussetzung darf der Zyklus keinen größeren Schwankungen unterliegen und es dürfen keine stärkeren emotionalen oder physischen Ereignisse auftreten, da sie die Zyklusdauer beeinflussen können. Nach Knaus-Ogino ergibt sich dann folgende Abschätzung der Fruchtbarkeit:

Erster fruchtbarer Tag = Kürzester bisheriger Zyklus, minus 18 Tage
Letzter fruchtbarer Tag = Längster bisheriger Zyklus, minus 11 Tage

Als Tag 1 eines Zyklus gilt der erste Tag der Blutung bzw. der Menstruation.

Ein Rechenbeispiel: Haben der kürzeste Zyklus 26 und der längste Zyklus 32 Tage gedauert, so ergeben sich Tag 8 als erster, und Tag 21 als letzter möglicherweise fruchtbarer Tag. Ungeschützter Geschlechtsverkehr wäre demnach nur zwischen Tag 22 des aktuellen und Tag 7 des nächsten Zyklus möglich, wenn eine Befruchtung vermieden werden soll.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Methode zur Ermittlung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage ist benannt nach den beiden Gynäkologen Kyusaku Ogino aus Japan und Hermann Knaus aus Österreich, die sie auf unterschiedlichen Wegen und unabhängig voneinander entwickelten: Ogino benützte die Gelegenheit, die Eierstöcke im Rahmen gynäkologischer Operationen zu inspizieren. Knaus erkannte die Gesetzmässigkeiten durch physiologische Experimente. Tatsächlich war Ogino früher (1927), publizierte jedoch anfangs nur auf Japanisch; seine Entdeckungen waren daher in Europa und Amerika nicht bekannt. Knaus stellte seine Ergebnisse zum ersten Mal beim Gynäkologenkongress in Leipzig im Mai 1928 vor. Ogino wandte sich wegen der zu geringen Zuverlässigkeit des Verfahrens ausdrücklich gegen einen Gebrauch zur Empfängnisverhütung, der die Rhythmus-Methode zur Maximierung der Empfängnischancen bei Kinderwunsch entwickelte,

Die Methode wurde von Papst Pius XII. am 29. Oktober 1951 in einer Rede vor Mitgliedern des katholischen italienischen Hebammenverbandes als einzige Methode der Empfängnisverhütung für tolerierbar erklärt. Zwar sei der grundsätzliche Zweck der Ehe die Zeugung von Nachkommen und alle Verhütungsmethoden daher von Übel, bei gewichtigen Gründen körperlicher oder seelischer Natur könne diese Methode aber hingenommen werden, da Enthaltsamkeit in der fruchtbaren Zeit nicht in die natürlichen Abläufe eingreife.

Erfahrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der wesentliche Mangel der Methode liegt darin, dass die Ovulation in der Praxis nicht ausreichend genau vorhersagbar ist und somit die tatsächlich fruchtbaren Tage nicht sicher bekannt sind. Umgangssprachlich wird die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode daher wegen ihrer Unzuverlässigkeit manchmal als „"Römisches Roulette“ oder „Katholiken-Roulette“ bezeichnet.[4] Die Kalendermethode wird heute aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit nicht mehr zur Familienplanung empfohlen.[5]

Auf der Basis der Knaus-Ogino-Verhütungsmethode entwickelte Anfang der 1950er-Jahre der amerikanische Gynäkologe und langjährige Aktivist für Geburtenkontrolle Abraham Stone (1890–1959) im Auftrag der WHO eine Halskette für Entwicklungsländer. Rote Perlen sollten ‚'Stop’ bedeuten, also keinen Sex, weil dies die ‚'gefährlichen’ Tage sind. Grüne Perlen sollten signalisieren, dass dieser Tag ‚'ungefährlich‘ ist. Allerdings wussten die westlichen Experten nicht, dass in Indien Geschlechtsverkehr nur in der Dunkelheit ausgeführt wird. Da unterschiedliche Farben also nicht funktionierten, versuchte man es mit unterschiedlich geformten Perlen. Das klappte auch nicht, denn viele Anwenderinnen meinten, bereits durch das bloße Tragen der Kette vor weiteren Schwangerschaften geschützt zu sein.

Die österreichische Ärztin Maria Hengstberger nahm Ende der 1980er-Jahre den Gedanken einer Geburtenkontrollkette[6] für Frauen in der dritten Welt wieder auf. Selbst Analphabetinnen können im Prinzip nach kurzer Einweisung Familienplanung mit der Geburtenkontrollkette und mit Hilfe der Knaus-Ogino-Verhütungsmethode betreiben. Über den Erfolg gibt es allerdings keine evidenzbasierten Untersuchungen.

Die modernere symptothermale Methode nimmt den Grundgedanken auf und verfeinert die Bestimmung der Ovulation durch Beobachtung von Basaltemperatur und Veränderungen des Zervixschleims. Doch auch sie erfordert ein hohes Mass an Disziplin und Selbstbeherrschung, wird daher höchstens für Paare in bereits gefestigten Beziehungen empfohlen.Sogenannte Eisprungrechner, die auf verschiedenen Internetseiten angeboten werden, beruhen ebenfalls auf den Berechnungen der Knaus-Ogino-Methode.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Pearl-Index. pro familia, abgerufen am 27. Dezember 2016.
  2. Manfred Stauber, Thomas Weyerstahl: Duale Reihe Gynäkologie und Geburtshilfe.. Georg Thieme Verlag, 10. Oktober 2007, ISBN 978-3-13-152603-8, S. 415.
  3. Focus-Bericht
  4. Verhütungsmuseum - Artikel
  5. familienplanung.de
  6. Geburtenkontrollkette
  7. Fertility Calculator

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • familienplanung.de - Knaus-Ogino-Methode: Das Informationsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Susanne Krejsa MacManus, Christian Fiala: Der Detektiv der fruchtbaren Tage - Die Geschichte des Gynäkologen Hermann Knaus (1892-1970), Verlagshaus der Ärzte, Wien 2016, ISBN 978-3990521465.
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