Kognitive Wende

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kognitive Wende ist die Bezeichnung für eine Entwicklung innerhalb der Paradigmen der psychologischen Wissenschaftsgemeinde vom Behaviorismus hin zum Kognitivismus. Der Begriff der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) geht auf William Dember zurück, der ihn 1974[1] erstmals in einer Publikation verwendete. Über den Zeitpunkt, zu dem die Wende stattfand, besteht keine Einigkeit, die Angaben reichen von den 1940er bis zu den 1970er Jahren[2].

Eine wichtige Station in der kognitiven Wende war Noam Chomskys Behaviorismus-Kritik (die selbst Gegenstand der Kritik ist[3]), die er in seiner Besprechung[4] von B.F. Skinners Buch Verbal Behavior formuliert hat. Berühmt wurde sein Satz

„It is quite possible − overwhelmingly probable, one might guess − that we will always learn more about human life and human personality from novels than from scientific psychology.“

Chomsky, Language and Problems of Knowledge: The Managua Lectures, Lecture 5, 1988, S. 159

(Übersetzung: Es ist durchaus möglich − überwältigend wahrscheinlich, könnte man vermuten − dass wir allemal mehr über menschliches Leben und menschliche Persönlichkeit von Romanen lernen werden, als von der wissenschaftlichen Psychologie.)

Pionierarbeit leistete Albert Bandura 1965 mit seinem „Bobo-doll-Experiment“, dessen Ergebnisse seiner Meinung nach nicht mehr mit behavioristischen Prinzipien erklärt werden konnten, sondern kognitive Prozesse verlangten. Außerdem hat Ulrich Neissers 'Cognitive Psychology' von 1967 dem Erkenntnisstand der 'kognitiven Psychologie' in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zum Durchbruch verholfen.

Kritiker[5] sprechen der kognitiven Wende den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab. Der behavioristische Ansatz wurde demnach - auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende - nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“[6] und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos'. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert.[7] Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden. Auch die Behauptung, die (behavioristische) Psychologie habe sich vor der kognitiven Wende kaum mit dem Denken, Fühlen usw. beschäftigt, trifft nicht zu. Sandy Hobbs und Mecca Chiesa[2] überprüften diese These und fanden zahlreiche Belegstellen in einführenden Lehrbüchern der Jahre 1941-1964 (der angeblichen Blütezeit des Behaviorismus), in denen Psychologie als die Wissenschaft vom Verhalten und Erleben (oder Bewusstsein etc.) definiert und behandelt wird. Kein einziges Lehrbuch beschrieb die Psychologie nur als die Wissenschaft vom Verhalten.

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1.  William N. Dember: Motivation and the cognitive revolution. In: American Psychologist. 29, Nr. 3, 1974, S. 161-168, doi:10.1037/h0035907.
  2. a b  Sandy Hobbs, Mecca Chiesa: The myth of the “cognitive revolution”. In: European Journal of Behavior Analysis. 12, Nr. 2, Oslo 2011, ISSN 1502-1149, S. 385-394 (PDF 182 KB, abgerufen am 17. Juli 2014).
  3.  Kenneth MacCorquodale: On Chomsky’s Review of Skinner’s Verbal Behavior. In: Journal of the Experimental Analysis of Behavior. 13, Nr. 1, 1970, S. 83-99, PMC 1333660 (freier Volltext) (PDF 3,02 MB, abgerufen am 17. Juli 2014).
  4.  Noam Chomsky: Verbal Behavior. By B. F. Skinner. In: Language. 35, Nr. 1, New York 1959, ISSN 0097-8507, S. 26–58, doi:10.2307/411334 (online, abgerufen am 17. Juli 2014).
  5.  William O'Donohue, Kyle E. Ferguson, Amy E. Naugle: The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. In: The Behavior Analyst. 26, Nr. 1, Kalamazoo Mich 2003, ISSN 0738-6729, S. 85–110, PMC 2731437 (freier Volltext) (PDF 4,00 MB, abgerufen am 17. Juli 2014).
  6.  Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Berlin 1967, ISBN 978-3518276259.
  7.  Patrick C. Friman, Keith D. Allen, Mary L. Kerwin, Robert Larzelere: Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. In: American Psychologist. 48, Nr. 6, Washington, DC Juni 1993, ISSN 0003-066X, S. 658-664, doi:10.1037/0003-066X.48.6.658 (Abstract, abgerufen am 17. Juli 2014).