Kognitive Wende

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Kognitive Wende ist die Bezeichnung für eine Entwicklung innerhalb der Paradigmen der psychologischen Wissenschaftsgemeinde vom Behaviorismus hin zum Kognitivismus.

Eine wichtige Station in der kognitiven Wende war Noam Chomskys Behaviorismus-Kritik (die selbst Gegenstand der Kritik ist[1]), die er in seiner Besprechung[2] von B.F. Skinners Buch Verbal Behavior formuliert hat. Berühmt wurde sein Satz

„It is quite possible − overwhelmingly probable, one might guess − that we will always learn more about human life and human personality from novels than from scientific psychology.“

Chomsky, Language and Problems of Knowledge: The Managua Lectures, Lecture 5, 1988, S. 159

(Übersetzung: Es ist durchaus möglich − überwältigend wahrscheinlich, könnte man vermuten − dass wir allemal mehr über menschliches Leben und menschliche Persönlichkeit lernen werden durch Romane als durch wissenschaftliche Psychologie.)

Pionierarbeit leistete Albert Bandura 1965 mit seinem „Bobo-doll-Experiment“, dessen Ergebnisse seiner Meinung nach nicht mehr mit behavioristischen Prinzipien erklärt werden konnten, sondern kognitive Prozesse verlangten. Außerdem hat Ulrich Neissers 'Cognitive Psychology' von 1967 dem Erkenntnisstand der 'kognitiven Psychologie' in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zum Durchbruch verholfen.

Kritiker[3][4] sprechen der kognitiven Wende (engl: cognitive revolution) den Charakter einer wissenschaftlichen Revolution (im Sinne Kuhns) ab. Der behavioristische Ansatz wurde demnach - auch nach Ansicht führender Vertreter der kognitiven Wende - nicht im Sinne Poppers falsifiziert, er ertrank nicht in einem „Meer von Anomalien“[5] und er war kein „degenerierendes Forschungsprogramm“ im Sinne Lakatos'. Auslöser der kognitiven Wende war kein Versagen des behavioristischen Konzepts bei der Erklärung von Phänomenen, sondern vielmehr ein (soziologisch zu erklärender) Wechsel der Interessen der Forscher. Die Empirie widerspricht zudem der These, dass die kognitive Wende einen Umbruch in der wissenschaftlichen Psychologie darstellt: So wurden von 1979 bis 1988 mehr Artikel in behavioristischen als in kognitiven Fachzeitschriften veröffentlicht; zudem wurden diese Artikel häufiger zitiert.[6] Wäre der behavioristische durch den kognitivistischen Ansatz abgelöst worden, wäre als Befund zu erwarten gewesen, dass zunehmend kognitivistische Arbeiten veröffentlicht und diskutiert werden.

Weblinks[Bearbeiten]

Belege[Bearbeiten]

  1. Zur Kritik an Chomskys Kritik des Behaviorismus
  2. Noam Chomsky: Verbal Behavior. By B. F. Skinner. In: Language. New York 35.1959, H.1, S.26–58. ISSN 0097-8507.
  3. William O'Donohue, Kyle E. Ferguson, Amy E. Naugle: The structure of the cognitive revolution. An examination from the philosophy of science. In: The Behavior Analyst. Kalamazoo Mich 26.2003, H.1, S.85–110 (PDF 4,00 MB). ISSN 0738-6729.
  4. Sandy Hobbs, Mecca Chiesa: The myth of the “cognitive revolution”. In: European Journal of Behavior Analysis. Oslo 12.2011, H.2, S.385–394 (PDF 182 KB). ISSN 1502-1149.
  5. Thomas S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Berlin 1967, ISBN 978-3518276259.
  6. Patrick C. Friman, Keith D. Allen, Mary L. Kerwin, Robert Larzelere: Changes in modern psychology: A citation analysis of the Kuhnian displacement thesis. In: American Psychologist. Washington, DC 48.1993, H.6, S.658-664.ISSN 0003-066X.