Komitee der Generalsekretäre

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Das Komitee der Generalsekretäre wurde vom belgischen Premierminister Hubert Pierlot eingerichtet.

Das Komitee der Generalsekretäre (frz. Comité des Sécretaires-généraux, nld. Comité van de secretarissen-generaal) war ein während des Zweiten Weltkriegs im deutsch besetzten Belgien eingerichtetes Verwaltungsorgan. Das Komitee bestand aus den leitenden zivilen Angestellten („Generalsekretäre“) der wichtigsten belgischen Regierungsministerien und bildete einen der wichtigsten Teile der deutschen Besatzungsverwaltung von 1940 bis 1944. Sie war Teil der belgischen Politik der „weniger schlimmen“ Kollaboration.[1]

Hintergrund[Bearbeiten]

Das Komitee wurde durch den belgische Regierung unter Premierminister Hubert Pierlot am 16. Mai 1940 eingerichtet. Es sollte sicherstellen, dass es auch in Abwesenheit einer offiziellen belgischen Regierung nicht zum Zusammenbruch der administrativen Verwaltung des belgischen Staates kommen würde.[2] Während die meisten Minister nach Bordeaux in Frankreich flüchteten, erhielten die Generalsekretäre den Auftrag, mit allen weiteren zivilen Angestellten im Land zu verbleiben und eine weiterhin funktionierende Verwaltung sicherzustellen.[3]

Während der deutschen Besetzung Belgiens im Ersten Weltkrieg hatten viele Belgier sich in einer Form passiven Widerstands geweigert, mit den deutschen Besatzungsbehörden zusammenzuarbeiten. Dies führte zu massiven Repressionen gegen die Bevölkerung, da die Deutschen eine gewisse Kollaboration mit Gewalt zu erzwingen versuchten.

Das Komitee hoffte, auch während des Zweiten Weltkriegs eine enge Zusammenarbeit mit den Besatzern nach Möglichkeit vermeiden zu können aber parallel ein gewisses Maß an Autonomie und nationaler Unabhängigkeit zu bewahren. Darüber hinaus hoffte es, die deutschen Behörden von der Einführung radikaler Maßnahmen wie Zwangsarbeit und Deportationen abhalten zu können.[4]

Position innerhalb der deutschen Besatzungsverwaltung[Bearbeiten]

Nach der belgischen Kapitulation am 28. Mai 1940 bildeten die Deutschen die Militärverwaltung in Belgien und Nordfrankreich unter der Führung von General Alexander von Falkenhausen.[5] Eine Abteilung der Militärverwaltung mit dem Namen Militärverwaltungsstab unter dem Befehl von Eggert Reeder war für die Tagespolitik und zivile Verwaltungsaufgaben zuständig.[2] Der Militärverwaltungsstab hatte die Befugnis, Forderungen an die Generalsekretäre zu stellen, die diese ausführen mussten.

Generalsekretäre[Bearbeiten]

Das ursprüngliche Komitee bestand aus fünf Generalsekretären und wurde nach der Flucht der Regierung im Mai 1940 aufgestellt. Im August des Jahres wurde es um fünf weitere Generalsekretäre, die andere Ministerien vertraten, erweitert.[3] Anfang 1941 kam es zu einer Umstrukturierung des Komitees, den der viele Generalsekretäre ersetzt wurden.[6] Zweck der Umstrukturierung war es, das Komitee mit deutschlandfreundlicheren Personen wie Gérard Romsée zu besetzen, der Mitglied in der prodeutschen Partei Vlaams Nationaal Verbond (Flämischer Nationalverbund, VNV) war.[3]

Das ursprüngliche Komitee bestand aus Alexandre Delmer als Präsident und Zuständigem für Öffentlichkeitsarbeit, Jean Vossen für Innere Angelegenheiten, Marcel Nyns für Bildung, Oscar Plisnier für Finanzen und Charles Verwilghen für Arbeit und Soziales.[3] Verwilghen wurde im März 1942 von seinem Posten entbunden.[7] Im August erfolgte die Erweiterung des Komitees um Ernst de Bunswyck für Justiz, Emile de Winter für Landwirtschaft, Victor Leemans für Wirtschaft, A. Castau für Transportwesen, Post, Telegraphen- und Telefonwesen und E. de Jonghe als Zuständigem für die Kolonien.[3] Nach der Umstrukturierung von Anfang 1941 besetzte Gérard Romsée den Posten für Innere Angelegenheiten, Gaston Schuind den für Justiz, A. de Cock war für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, G. Claeys für das Transportwesen und M. van Hecke für die Kolonien.[6] Schuind wurde im September 1943 entlassen,[7] während der Rest bis zur Auflösung der Militärverwaltung 1944 im Amt war.

Kritik[Bearbeiten]

Trotz seiner Bemühungen wurde das Komitee als Verantwortlicher für eine Leichtigkeit, mit der die Deutschen ihre Besatzung errichten konnten ausgemacht. Es war nicht in der Lage, die Deportation von Zwangsarbeiten in das Deutsche Reich oder den Holocaust in Belgien zu verhindern. Es konnte solche Maßnahmen lediglich teilweise bis Oktober 1942 verhindern.[8] Das Bemühen des Komitees, Verwaltungsaufgaben von den Besatzungsbehörden zu übernehmen bedeutete, dass diese für ihre Zwecke auf eine etablierte Verwaltung zurückgreifen und das Land so effektiver nach ihren Vorstellungen formen und ausbeuten konnten.[4]

Die belgische Exilregierung in London kritisierte das Komitee heftig dafür, die Besatzer zu unterstützen.[9][7] Nach Kriegsende wurden mehrere Generalsekretäre wegen Kollaboration mit dem Feind angeklagt. Die meisten wurden nach anfänglichen Vernehmungen freigesprochen. Lediglich Schuind und Romsée wurden zu fünf beziehungsweise zwanzig Jahren Haft verurteilt.[8]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Die Basis des weniger schlimmen (Moindre-mal) war die Bewahrung der belgischen Kontrolle über die wesentlichen Staatsfunktionen und eine funktionierende Regierung um den Interessen Belgiens zu dienen. Aus dieser Politik entstand die so genannte Galopin-Doktrin, die eine eingeschränkte Kollaboration erlaubte um die Industrie für die Nachkriegszeit zu schützen und mögliche deutsche Repressalien zu verhindern.
  2. a b Mark van den Wijngaert und Vincent Dujardin: La Belgique sans Roi, 1940–1950. 2006, S. 19–20.
  3. a b c d e José Gotovitch und Paul Aron (Hrsg.): Dictionnaire de la Seconde Guerre Mondiale en Belgique. 2008, S. 408.
  4. a b ark van den Wijngaert und Vincent Dujardin: La Belgique sans Roi, 1940–1950. 2006, S. 20–26.
  5. Jay Howard Geller: The Role of Military Administration in German-occupied Belgium, 1940–1944. 1999, S. 99.
  6. a b José Gotovitch und Paul Aron (Hrsg.): Dictionnaire de la Seconde Guerre Mondiale en Belgique. 2008, S. 409.
  7. a b c José Gotovitch und Paul Aron (Hrsg.): Dictionnaire de la Seconde Guerre Mondiale en Belgique. 2008, S. 410.
  8. a b José Gotovitch und Paul Aron (Hrsg.): Dictionnaire de la Seconde Guerre Mondiale en Belgique. 2008, S. 412–413.
  9. Thierry Grosbois: Pierlot, 1930–1950. 2007, S. 271–272.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jay Howard Geller: The Role of Military Administration in German-occupied Belgium, 1940–1944. In: The Journal of Military History. Nr. 63, Januar 1999, ISSN 1543-7795, OCLC 37032245.
  • José Gotovitch und Paul Aron (Hrsg.): Dictionnaire de la Seconde Guerre Mondiale en Belgique. André Versaille, Brüssel 2008, ISBN 978-2-87495-001-8, OCLC 213376392.
  • Thierry Grosbois: Pierlot, 1930–1950. Racine, Brüssel 2007, ISBN 2-87386-485-0, OCLC 187418295.
  • Mark van den Wijngaert und Vincent Dujardin: La Belgique sans Roi, 1940–1950 (Nouvelle Historie de Belgique, 1905-1950. Band 2). Éd. Complexe, Brüssel 2006, ISBN 2-8048-0078-4, OCLC 492090334.