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Martin Gorke

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Martin Gorke (* 1958 in Stuttgart) ist ein deutscher Biologe und Umweltethiker. Er war bis 2024 Professor für Umweltethik an der Universität Greifswald.

Martin Gorke studierte Biologie und Philosophie an den Universitäten Bochum und Bayreuth. 1985 erwarb er das Biologie-Diplom mit dem Schwerpunkt Tierökologie, Botanik, und Biogeographie. Anschließend war er sieben Jahre lang Naturschutzwart auf der Vogelhallig Norderoog im Nationalpark Nordfriesisches Wattenmeer. 1989 promovierte er in Bayreuth zum Doktor der Naturwissenschaften mit einer Dissertation über die Verhaltensökologie und Populationsdynamik der Lachmöwe. 1997 promovierte er des Weiteren zum Doktor der Philosophie mit einer Dissertation über die ethische Dimension des Artensterbens.

Von 1997 bis 2002 war er Wissenschaftlicher Assistent an der Professur für Umweltethik der Universität Greifswald, von 2004 bis 2005 Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 2008 habilitierte er sich im Fach Umweltethik mit dem Thema Eigenwert der Natur. Ethische Begründung und Konsequenzen. Von 2010 bis 2015 war er Gebietsbetreuer im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin für das Projekt „Biodiversitäts-Exploratorien“ der DFG. 2016 wurde er auf die Professur für Umweltethik an der Universität Greifswald berufen.

Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Holistische Umweltethik, Arten- und Wildnisschutz, Zielkonflikte im Naturschutz, Wissenschaftstheorie der Ökologie, Albert Schweitzer und die Seevogelökologie.

Philosophische Position

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Martin Gorke vertritt in der Umweltethik einen sogenannten pluralistisch-holistischen Standpunkt. Nach diesem haben nicht nur Menschen, sondern ebenso alle Tiere, Pflanzen, Berge, Flüsse, Arten, Ökosysteme und der Planet Erde als Ganzes einen Eigenwert. Sowohl gegenüber Einzelindividuen als auch gegenüber überorganismischen Ganzheiten haben wir eine unmittelbare Verantwortung.[1]

Gorke leitet die moralische Berücksichtigungswürdigkeit der gesamten Natur nicht wie andere Autorinnen und Autoren aus einer Deutung empirischer (ökologischer oder evolutionsbiologischer) Befunde her; er stützt sich auch nicht auf umstrittene Annahmen einer Ganzheitsmetaphysik. Ausgangspunkt seiner Begründung ist der Begriff der Moral. Denkt man deren universalen Charakter konsequent zu Ende, so Gorke, verbietet es sich, Grenzen der Moralgemeinschaft zu ziehen. Die methodische Prämisse, die dieser These zugrunde liegt, ist der in den Naturwissenschaften und der modernen Philosophie allgemein akzeptierte Grundsatz der ontologischen Sparsamkeit („Ockhams Rasiermesser“). Folgt man diesem heuristischen Prinzip, ist der holistischen Ethik prima facie der Vorzug zu geben, denn deren Interpretation des universalen Charakters von Moral bedarf von allen umweltethischen Konzepten der wenigsten weltanschaulichen Vorannahmen. Gorke schlägt deshalb vor, den kategorischen Imperativ von Immanuel Kant folgendermaßen zu erweitern: „Handle so, dass Du alles Seiende niemals nur als Mittel, sondern immer zugleich als Selbstzweck behandelst.“ Oder anders ausgedrückt: „Instrumentalisiere andere Wesen so wenig und schonend wie möglich!“[2]

Der Preis für eine so weit gefasste Moralgemeinschaft ist, dass sie zahlreiche Zielkonflikte mit sich bringt. Gorke lehnt es ab, diese über eine Abstufung des Eigenwerts der verschiedenen Organismen und Gesamtsysteme aufzulösen. Stattdessen legt er zur Bewältigung von Zielkonflikten zwischen Mensch und Natur ein zweistufiges Regelwerk vor. Es besteht auf seiner absoluten Ebene aus vier Grundregeln, die den erweiterten kategorischen Imperativ konkretisieren: (1) dem Prinzip des Nichtschadens, (2) des Nichteinmischens, (3) des Wohltuns und (4) der wiederherstellenden Gerechtigkeit. Dabei gilt die positive Pflicht des Wohltuns nur gegenüber domestizierten Tieren und Pflanzen. Führen die prima-facie-Regeln der absoluten Ebene zu Zielkonflikten, tritt die relative Ebene in Kraft. Sie erlaubt es zwar nicht, die Verletzung der Prinzipien auf der absoluten Ebene nachträglich zu rechtfertigen, aber immerhin unter verschiedenen Handlungsoptionen die am wenigsten schlechte ausfindig zu machen. Dies geschieht mithilfe von vier Vorrangregeln: den Prinzipien (1) der Selbstverteidigung, (2) der Verhältnismäßigkeit, (3) des kleinsten moralischen Übels und (4) der Verteilungsgerechtigkeit. Um die drei letzteren allgemein nachvollziehbar bemessen zu können, schlägt Gorke fünfzehn Abwägungskriterien vor. Beim Umgang mit Zielkonflikten innerhalb des Naturschutzes (z. B. in Naturschutzgebieten und Nationalparks) empfiehlt Gorkes holistische Ethik prima facie stets die ungestörte Entwicklung. Dieser Vorrang des Prozessschutzes gegenüber dem Arten- und Biotopschutz kann allerdings unter zwei Voraussetzungen ausgesetzt werden: (1) wenn dies die einzige Möglichkeit ist, eine Art überregional vor dem Aussterben zu bewahren, und (2) wenn dies nur eine vorübergehende Maßnahme ist, mit der ein bereits erfolgter und noch nicht allzu lange zurückliegender menschlicher Eingriff annähernd rückgängig gemacht werden kann.[3]

Der entscheidende Unterschied zwischen Martin Gorkes holistischer Umweltethik und den anthropozentrischen Konzeptionen liegt in der Umkehr der Begründungslast: Während aus anthropozentrischer Perspektive die Einschränkung einer prinzipiell unbegrenzten Verfügung über die Natur zu rechtfertigen ist, steht aus holistischer Sicht die Verfügung über eine prinzipiell unverfügbare Natur unter Rechtfertigungszwang.[4]

Veröffentlichungen

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  • Eigenwert der Natur: Ethische Begründung und Konsequenzen. Hirzel, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7776-2102-9.
  • The Death of our Planet's Species: A Challenge to Ecology and Ethics. Island Press 2003, ISBN 1-55963-957-1
  • Konrad Ott, Martin Gorke: Spektrum der Umweltethik. Reihe: Ökologie und Wirtschaftsforschung. Band 36. Metropolis 2000, ISBN 3-89518-289-3
  • Artensterben: Von der ökologischen Theorie zum Eigenwert der Natur. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, ISBN 3-608-91985-6.
  • Die ethische Dimension des Artensterbens: Von der ökologischen Theorie zum Eigenwert der Natur. Zugleich Dissertation, Universität Bayreuth 1996
  • Martin Gorke: Artensterben. Von der ökologischen Theorie zum Eigenwert der Natur. Books on Demand, Norderstedt 2011, ISBN 978-3-8423-4931-5, S. 2 (unveränderter Nachdruck der Originalausgabe, Klett-Cotta, Stuttgart 1999)

Einzelnachweise

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  1. Martin Gorke: Eigenwert der Natur: ethische Begründung und Konsequenzen (= Philosophie). Hirzel, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7776-2102-9, S. 25, 104, 146.
  2. Martin Gorke: Eigenwert der Natur: ethische Begründung und Konsequenzen (= Philosophie). Hirzel, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7776-2102-9, S. 19, 39, 189.
  3. Martin Gorke: Eigenwert der Natur: ethische Begründung und Konsequenzen (= Philosophie). Hirzel, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7776-2102-9, S. 119, 175, 143, 220.
  4. Martin Gorke: Eigenwert der Natur: ethische Begründung und Konsequenzen (= Philosophie). Hirzel, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-7776-2102-9, S. 48, 63.
  5. Gertrud Hein und Martin Gorke erhalten Auszeichnung nul-online vom 11. Oktober 2024.