Mathias Wilms

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Mathias Wilms (auch Matthias Wilms), (* 11. März 1893 in Roetgen; † 28. September 1978 in Aachen) war ein deutscher sozialdemokratischer Politiker und Gewerkschafter.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mathias Wilms war das dritte von sieben Kindern der Eheleute Johann August Wilms und Mutter Maria Helene, geborene Krings. Sein Vater war Bäcker, Mathias Wilms aber erlernte nach Beendigung der Volksschule – wie viele seiner Altersgenossen – den Beruf eines Webers und Kettendrehers.

Ab 1911[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit 18 Jahren trat er dem freigewerkschaftlichen Textilarbeiterverband bei. Schon früh wurde die Aachener Polizei auf ihn aufmerksam, die zu dieser Zeit jede gewerkschaftliche Aktivität sorgfältig registrierte.

1924 wurde er Betriebsratsvorsitzender im Textilunternehmen Delius in Aachen. Zwei Jahre später wurde er Geschäftsführer des Textilarbeiterverbandes. Gleichzeitig begann im Jahre 1923 sein Engagement in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Dabei kämpfte er aktiv gegen die Nationalsozialisten und deren Ideologie. Zwischen 1930 und 1933 war er hauptberuflich als Sekretär bei den Freien Gewerkschaften tätig.

Ab 1933[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Machtergreifung wurde er erstmals schon am 10. März 1933 von den Nationalsozialisten verhaftet. Wegen Hitler-feindlicher Bemerkungen wurde er am 11. Dezember 1933 erneut verhaftet und am 26. September 1934 vom Gericht in Hamm wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Gefängnisstrafe musste er in Siegburg verbüßen. Bis 1935 blieb er in Haft. Nach seiner Entlassung wurde er regelmäßig von der Gestapo verhört. Anschließend war Wilms bis 1944 als Weber tätig.

Aus Rücksicht auf seine Familie, die auch von den Nationalsozialisten bedroht wurde, hielt sich Wilms mit spektakulären Aktionen zurück. Der Kontakt zu anderen Sozialdemokraten und Gewerkschaftern riss jedoch nicht ab. Mathias Wilms später dazu:

„Nach meinem Gerichtsurteil war ich vorsichtiger, mit wem ich redete.“

1944 war er in Schutzhaft in Aachen.

Mathias Wilms erläuterte seine Rolle im Dritten Reich:

„Ich war einer von diesen ‚kleinen Leuten‘, so klein, dass mich kaum jemand bemerkte“.

Dies war eine bescheidene Selbstdarstellung, wie sich in der späteren historischen Betrachtung herausstellte, denn Mathias Wilms zählte nachweislich zu den treibenden und führenden Kräften des Aachener Widerstandes.

Ab 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Befreiung gehörte Mathias Wilms zu den wenigen Personen, denen die Militärregierung bescheinigte, hundertprozentig frei von jeder Spur von Nazismus zu sein.

Nach der Befreiung Aachens von der Nazi-Diktatur gehörte Mathias Wilms zu einem kleinen Kreis von fünf Personen, darunter die Widerstandskämpferin Anna Braun-Sittarz, der sich bereits ab dem Dezember 1944 regelmäßig traf und die Wiedergründung der Gewerkschaft vorbereitete.

Am 18. März 1945 wurde der FDGB in Aachen gegründet, dessen Vorsitz Mathias Wilms auch übernahm. In der Army-Illustrierten Yank berichtete der amerikanische Militärjournalist Debs Myers ausführlich über die Gründungsversammlung der ersten freien Gewerkschaft nach dem Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden.[1]

„Stille trat ein in dem langen Raum. Der hagere, kahlköpfige Mann vorne am Rednerpult hob mit zitternden Händen ein paar Blätter auf und begann zu reden. Er sprach langsam und feierlich, als wollte er seine Worte so eindringlich halten, dass ihn alle verstehen müssten:

‚Unser unterbrochener Kampf gegen den Faschismus geht weiter. Von diesem Augenblick an gibt es wieder eine freie Gewerkschaft in Deutschland.‘“

Die Gründungsveranstaltung fand vor etwa 80 Personen statt, deren Kleidung – wie Beobachter feststellten – alt und abgetragen und deren körperliche Verfassung erschreckend war. Für Mathias Wilms war dies ein bewegender Augenblick. Er setzte, so der Bericht weiter, seine Rede mit den Worten fort:

„Es war ein langer Weg bis hierher. Viele sind nicht mehr unter uns.“

Mathias Wilms versuchte mehrfach seine Rede fortzusetzen, aber es gelang ihm nicht. Die Ereignisse der letzten Jahre übermannten ihn. Mit den Worten „Das ist alles“ beendete er die Gründungsversammlung.

Mathias Wilms fand in den nächsten Tagen schnell wieder Worte, denn er hatte mit seiner Neugründung eine Lawine in der Region Aachen ausgelöst. Im Juni 1945 zählte man schon etwa 1300 Gewerkschaftsmitglieder in fünf Ortsverbänden in den Nachbarstädten. Größtes Problem von Mathias Wilms war die Zahl der ehemaligen Nazis, die jetzt Mitglied werden wollten. Mathias Wilms, der ähnlich wie Ludwig Philipp Lude eine harte und klare Ausgrenzung von ehemaligen NSDAP–Mitgliedern und Mitläufern forderte, konnte sich nicht mit seiner Überzeugung durchsetzen. Zumindest aber konnte er verhindern, dass ein früheres Mitglied der NSDAP einen Posten in der Gewerkschaft übernehmen oder Einfluss in der Gewerkschaft ausüben konnte. Die Gewerkschaftsspitze setzte sich in der Tat aus bekennenden Antifaschisten zusammen, die entweder im Gefängnis oder im KZ gewesen waren. Mathias Wilms erklärte hierzu lachend, aber auch mit sorgenvoller Miene:

„Es ist ein trauriges Zeugnis für ein Land, wenn die Menschen, denen du vertrauen kannst, die sind, die im Gefängnis waren.“

Mathias Wilms sah die Hauptaufgabe der Gewerkschaften in der Bildungsarbeit, damit sich die Geschichte nicht mehr wiederholen sollte. Weiter lag ihm der Austausch mit internationalen Gewerkschaften besonders am Herzen.

Mathias Wilms fand auf dem Ostfriedhof in Aachen seine letzte Ruhestätte.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er engagierte sich darüber hinaus auch politisch:

  • Von Mai bis Oktober 1946 gehörte er dem Rat der Stadt Aachen als von der Militärregierung ernanntes Mitglied an.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Stadt Aachen hat die Leistungen von Mathias Wilms mit einer Straßenbenennung gewürdigt.[3]
Oberbürgermeister Jürgen Linden sagte dazu bei den Feierlichkeiten:
„60 Jahre hat es gedauert, ehe der Gründungsvorsitzende der Einheitsgewerkschaft in Aachen mit einer Straßenbenennung gewürdigt wurde. Ich freue mich, dass wir mit dem Mathias-Wilms-Platz an eine herausragende Persönlichkeit der Aachener Gewerkschaftsbewegung erinnern. In unserem Straßenverzeichnis finden sich nicht viele Namen von Aachener Gewerkschaftern. Dafür gibt es umso mehr Erinnerungen an Aachener Unternehmerpersönlichkeiten. Mit dem Mathias-Wilms-Platz wird in gewisser Weise ein Ausgleich geschaffen.“
  • 1969 erhielt Mathias Wilms das Bundesverdienstkreuz.
  • Im DGB-Haus in Aachen wurde ein Saal nach ihm benannt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • DGB-Bildungswerk NRW e.V. (Hrsg.): „Schafft die Einheit“ - Aachen 1945: Die freien deutschen Gewerkschaften werden gegründet. Essen 2005
  • Das Monschauer Land - Jahrbuch 2007; Monschau 2007 (digitalisat)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Debs Myers: Union in Germany. In: Yank Magazin. Band 4, Nr. 7, 3. August 1945, S. 6 (archive.org).
  2. Mathias Wilms beim Landtag Nordrhein-Westfalen
  3. Pressemitteilung der Stadt Aachen zit. nach: Klarmanns Welt (Blog)