Matthäus-Passion (Schütz)

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Die Matthäus-Passion (SWV 479), Originaltitel Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heiland Jesu Christi nach dem Evangelisten Matthäus, ist ein geistliches Chorwerk von Heinrich Schütz. Es wurde im Jahre 1666 geschrieben, als Schütz auch die Johannes-Passion komponierte, und steht in g-Dorisch. Als Passion vertont das Werk den biblischen Passionstext und stellt in diesem Genre einen frühen Höhepunkt dar, wie Kurt Gudewill im Vorwort der Gesamtausgabe feststellt: „In den Historien von Heinrich Schütz kulminiert die Entwicklung der ausschließlich auf das Bibelwort gegründeten Passion; auf lange Zeit hinaus war sie abgeschlossen.“

Besetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Besetzung (Gemischter Chor/SATB) ist, anders als in den berühmten Passionen Bachs, rein vokal. Folgende Rollen treten in dem Werk auf:[1]:

Rolle Stimmlage Textbeispiele aus der Matthäus-Passion von Heinrich Schütz
Christus Bass Nehmet, esset, das ist mein Leib!
Evangelist Tenor Da antwortete Judas, der ihn verriet
Judas Altus Bin ichs, Rabbi?
Caiphas Bass Antwortest du nichts zu dem, was diese wider dich zeugen?
Petrus Tenor Ich kenne des Menschen nicht!
Ancilla I Sopran Und du, du warest auch mit dem Jesus aus Galiläa!
Ancilla II Sopran Dieser war auch mit Jesus aus Nazareth!
Pilatus Tenor Bist du der Juden König?
Pilati Weib Altus Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten.
Zweene falsche Zeugen Tenor I und II gemeinsam Er hat gesaget: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen ...

Der Chor ist meist vierstimmig besetzt mit Diskant, Alt, Tenor und Bass. Wenn aber die Hohenpriester im Vordergrund stehen, wechselt Schütz schon einmal in die dunklere Besetzung Alt – Tenor – Tenor – Bass. „Dunkle“ Szenen werden also effektvoll durch einen tieferen und dunkler klingenden Chorklang verstärkt[2].

Aufführung und liturgischer Ort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Uraufführung 1666[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Matthäuspassion hatte im Gottesdienst der Dresdener Schlosskirche ihren festen Platz. Sie wurde also für liturgischen Gebrauch geschaffen. Musikinstrumente durften während der Passionszeit wie vielerorts auch in Dresden in der Kirche nicht verwendet werden[3]. Selbst der Generalbass ist bei der Matthäuspassion von Schütz ausgeschlossen. Die Passion war ursprünglich für den Sonntag Judica bestimmt, den 5. Sonntag der Passionszeit.[4]

Eigenheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn Heinrich Schütz das Werk in g-Dorisch schreibt und damit den althergebrachten f-Modus als Passionston verlässt, bricht er eine Tradition, die er in seiner Lukas-Passion noch aufrechterhalten hatte.

Otto Brodde interpretiert dies so: „Der Evangelist Matthäus stellt Christus als den Schöpfer der neuen Gemeinde dar, eine grundlegende und darum für den Christen allgemeinverbindliche Aussage. Um solche grundlegende Allgemeinverbindlichkeit zu symbolisieren, nimmt Schütz die universelle Tonartengruppe, die in der Gabrieli-Schule die Mitte aller möglichen Affektlagen zeichenhaft symbolisiert“[5].

Schütz hat der Passion neben dem üblichen Introitus „Das Leiden uns’res Herren Jesus Christus, wie es beschreibet der heilige Evangeliste Matthäus“ einen etwa zweieinhalb Minuten dauernden Schlusschor „Ehre sei dir, Christe“ hinzugefügt.

Wiederentdeckung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Werk wurde über 200 Jahre lang nicht aufgeführt und erst zu Beginn der 1880er Jahre auf Anregung Friedrich Spittas durch Arnold Mendelssohn in Bonn wiederaufgeführt. In der Originalfassung, also a cappella, wurde diese Passion 1929 auf dem zweiten Heinrich-Schütz-Fest in Celle erstmals wieder zu Gehör gebracht [6].

Quelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Quelle gilt die kalligraphisch ansprechende Handschrift von Johann Zacharias Grundig[7].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich Spitta: Die Passionen nach den vier Evangelisten von Heinrich Schutz, 1886, Neuauflage: Kessinger Publishing (2010), ISBN 9781168863591

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Matthäus-Passion nach der Gesamtausgabe: Heinrich Schütz, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Bd. 2, hrsg. v. Bruno Grusnick, Kassel 1957
  2. Otto Brodde, Heinrich Schütz. Weg und Werk, Kassel 1979, 2. Aufl., S. 266, ISBN 3761801599
  3. Hans Eppstein, Heinrich Schütz, Neuhausen-Stuttgart 1975, S. 150, ISBN 377510190X
  4. Einleitung von Kurt Gudewill in der Gesamtausgabe: Heinrich Schütz, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Bd. 2, hrsg. v. Bruno Grusnick, Kassel 1957, ohne Seitenzahl
  5. Otto Brodde, Heinrich Schütz. Weg und Werk, Kassel 1979, 2. Aufl., S. 263; auch Siegfried Schmalzriedt, Heinrich Schütz und andere zeitgenössische Musiker in der Lehre Giovanni Gabrielis. Studien zu ihren Madrigalen, Dissertation Tübingen 1969, Neuhausen Stuttgart 1972, S. 81 f
  6. Fritz Schmidts Vorwort von 1929, abgedruckt in der Matthäus-Passion nach der Gesamtausgabe: Heinrich Schütz, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Bd. 2, hrsg. v. Bruno Grusnick, Kassel 1957, S. 107
  7. Fritz Schmidts Vorwort von 1929, abgedruckt in der Matthäus-Passion nach der Gesamtausgabe: Heinrich Schütz, Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Bd. 2, hrsg. v. Bruno Grusnick, Kassel 1957, S. 107

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]