Militante Untersuchung

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Unter dem Begriff Militante Untersuchung versteht man Untersuchungen konkreter Arbeitsbedingungen in Betrieben, die nicht nur Wissen produzieren, sondern gleichzeitig zur politischen Bewusstseinsbildung der Arbeitenden dienen sollen. Die Methode bezieht sich auf Theorie und politische Praxis des Operaismus.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Vorläufer der Miltanten Untersuchung gilt der von Karl Marx 1880 entwickelte Fragebogen für Arbeiter, der bereits neben dem Untersuchungscharakter das Ziel hatte, die Arbeitenden zur Selbstreflexion über ihre Lage anzuregen.

Ende der 1960er Jahre entwickelten verschiedene politische Gruppen in Italien diese Methode weiter als Werkzeug zur Betriebsintervention. In Abgrenzung zu maoistischen und traditionell marxistischen Gruppen, die von der Vermittlung einer bereits existierenden marxistischen Theorie ausgingen und dazu etwa Flugblätter am Werktor verteilten, setzte eine neue Generation politischer Aktivisten auf die immanente Radikalisierung der "Massenarbeiter". Diese seien von traditionellen Gewerkschafts- und Parteistrukturen nicht erfasst und gerade wegen ihrer Unorganisiertheit radikaler als ihre Facharbeiterkollegen. Um diesen latenten Radikalismus zu wecken, versuchte man die konkreten Missstände in den Fabriken genauer zu erfassen und entwickelte dazu die Fragebögen der „Militanten Untersuchung“. Diese kamen nicht selten durch eine Kooperation von Arbeitenden und Studentischen Gruppen zustande – so etwa im Metallbetrieb „Chicago Bridge“ in Sestri Ponente bei Genua, wo um 1969 Medizinstudierende und Werftarbeiter gemeinsam eine Untersuchung und danach eine Kampagne gegen gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen ins Leben riefen.[1] Hier wie auch bei anderen Untersuchungen war die Ausweitung betrieblicher Politik von reinen Lohnforderungen auf die gesamten Lebensverhältnisse der Arbeitenden zentrales Kennzeichen der Methode „Militante Untersuchung“.

Ebenso wichtig war es, die im positivistischen Wissenschaftsverständnis klassische Teilung von Untersuchungsobjekt „Arbeiter“ und dem dominierenden Untersuchungssubjekt „Wissenschaftler“ aufzuheben. Indem die Arbeitenden die Untersuchung mitgestalteten, wurden sie selber zum Subjekt, ihre Emanzipation wurde nicht nur proklamiert, sondern lag in der Methode begründet. Von daher ist die Militante Untersuchung weniger eine rein sozialwissenschaftliche Untersuchung mit dem Ziel möglichst großer Objektivität, sondern eine Methode der Politischen Intervention. In ihrer erklärten Absicht, den Untersuchungsgegenstand radikal zu verändern, geht sie weit über die in der Ethnologie übliche Teilnehmende Beobachtung hinaus.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. Davide Serafino, Der Kampf gegen gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen am Beispiel von „Chicago Bridge“ in Sestri Ponente (Genua) 1968/1969, in: Arbeit – Bewegung – Geschichte. Zeitschrift für historische Studien, Heft I/2016.