Anneliese Brost Musikforum Ruhr

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Eingangsbereich des Anneliese Brost Musikforums

Das Anneliese Brost Musikforum in Bochum ist ein Konzerthaus für die Bochumer Symphoniker mit einem Saal für die städtische Musikschule. Die ehemalige St.-Marien-Kirche dient als Foyer für beide Säle. Mit dem neuen Musikzentrum soll ein künstlerischer Anziehungspunkt entstehen, der in die Stadt und die Region ausstrahlt.[1] Die Eröffnung fand am 28. Oktober 2016 statt.[2][3] Der Name des Musikforums bezieht sich auf Anneliese Brost, deren Stiftung den Bau wesentlich unterstützte.[4]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im Laufe der 1960er Jahre, begleitend zur Umbenennung des Städtischen Orchesters in Bochumer Symphoniker, wurde der Bau eines Konzerthauses erwogen, um das Schauspielhaus als Spielstätte des Orchesters zu entlasten. Anstelle des Konzerthauses wurde jedoch die Ruhrlandhalle als Mehrzweckhalle errichtet.[5] „Das heimatlose Herumirren, zuletzt zwischen dem akustisch prekären Bochumer Schauspielhaus und dem Audimax der Ruhr-Universität“ dauerte infolgedessen an.[6]

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Foyer in der ehemaligen Marienkirche

Das Musikzentrum dient unter anderem als Heimat der Bochumer Symphoniker für Proben und Konzerte, Raum für die städtische Musikschule und Auftrittsort für ihre Schüler und Ensembles sowie als architektonisch ansprechender Bestandteil der Innenstadtgestaltung.[7]

Errichtet wurde das Musikzentrum mit folgendem Raumprogramm:[8][9]

  • ein konzertant nutzbarer Großer Saal mit 1026 Plätzen und Bühne
  • ein nicht fest bestuhlter, akustisch optimierter Multifunktionssaal in der Marienkirche mit etwa 250 Plätzen und Bühne
  • ein großes Foyer – auch für Lesungen, kleinere Konzerte, Zusammenkünfte und nicht Vorhersehbares
  • Stimmzimmer, Probenräume, Künstlergarderoben
  • Räume für die Infrastruktur eines konzertanten Hauses
  • Notenarchiv, Inspizientenräume, Lagerräume.

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich sollte die Stadt Bochum ein reines Konzerthaus erhalten. Immer wieder scheiterte die Durchführung des Projektes an fehlenden Mitteln, obwohl eine private Stiftung einen wesentlichen Teil der Baukosten aufbringen wollte. Zuletzt verbot 2010 die Bezirksregierung Arnsberg der Stadt, Eigenmittel für das Projekt aufzubringen, da die Stadt sich im Nothaushalt befand. Aufgrund der schwierigen Haushaltssituation schloss auch das Land eine Landesförderung als unrealistisch aus.[10]

Aufgrund einer Konzeptänderung durch die Hinzunahme eines Musikschulsaals wurde aus dem Projekt Konzerthaus das Vorhaben Musikzentrum. Hierfür stellte die Landesregierung 2011 die erforderlichen EU-Fördermittel und Landesmittel in Aussicht.

Der Pausengong

Der Rat der Stadt Bochum beschloss am 9. März 2011 den Bau des Musikzentrums unter bestimmten Bedingungen, insbesondere rechtsverbindliche Bereitstellung privater Spenden in Höhe von 14,3 Mio. Euro, Verfügbarkeit von Fördermitteln in Höhe von 16,528 Mio. Euro, Einhalten einer Baukostengrenze von 33,3 Mio. Euro und gebäudebezogene Folgekosten von maximal 650.000 Euro.[11]

Den Architektenwettbewerb gewann das Planungsbüros Bez + Kock.[12] Im Entwurf von Bez + Kock „konnte der räumliche Charakter der Kirche bewahrt, ja, diese zum Maßstab erhoben werden": In ihrem Chor liegt der doppelte Haupteingang, ihr Schiff dient als Foyer, die Garderobe befindet sich unter der Empore der früheren Orgel, und von den vier Glocken, die, hergestellt vom Bochumer Verein für Bergbau und Gussstahlfabrikation, aus statischen Gründen aus dem Turm genommen wurden, schlägt die größte (mit dem Ton b wie Bochum) als Pausengong“.[13]

Von diesem Entwurf überzeugt, beschloss der Rat der Stadt am 5. Juli 2012, dass die genannten Bedingungen erfüllt seien. Mit dem Bau des Musikzentrums wurde 2013 begonnen. 14,6 Millionen Euro der Baukosten wurden von privaten Spendern beigetragen.[9] Die kalkulierten Baukosten wurden letztlich nur um rund 10 % überschritten – ein für öffentliche Bauten dieser Größe außerordentlich gutes Ergebnis.[13] Die Eröffnung erfolgte plangemäß im Oktober 2016.[14] Die Bochumer Symphoniker „erhalten damit die Anerkennung, die sie sich schon lange erspielt, und das Domizil, das sie so lange entbehrt haben“.[13] Zudem „hat sich Bochum durch dieses Projekt als handlungsstarke und erfindungsreiche Kommune ins Bewusstsein gebracht“.[15]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bund der Steuerzahler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bund der Steuerzahler setzte das Vorhaben auf die Steuerverschwendungsliste 2011. Zur Begründung wurde u. a. angeführt, ein neues Konzerthaus in Bochum sei angesichts der in den Nachbarstädten Dortmund und Essen bereits existierenden Konzerthäuser nicht erforderlich. Weiterhin wurde kritisiert, dass die Betriebskosten von der Stadt zu tragen seien, was „nicht zum sonstigen Klagelied über die Finanzlage der Stadt“ passe.[16] Weiterhin übernahm die Stadt Bochum die Jahrhunderthalle Bochum mit der Zusicherung des Landes NRW über 9,53 Mio. € Fördergelder zum Zweck des Umbaus der St.-Marien-Kirche Bochum zu einem „Musischen Zentrum“.[17] Der Bund der Steuerzahler schrieb dazu in einem Artikel, dass dadurch zusätzlich mindestens eine halbe Million Euro an jährlichen Unterhaltskosten im Haushalt der Stadt anfallen würden.[18]

Bürgerinitiative Bürgerbegehren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Westseite des großen Saales

Eine Bürgerinitiative versuchte bereits vor dem Baubeschluss vom 5. Juli 2012 zu erreichen, dass der Beschluss über die Erfüllung der Baubedingungen an Stelle des Rates durch die Bürger der Stadt getroffen werden soll.[19] Dies lehnten die großen Ratsparteien ab.[20] Für ein entsprechendes Bürgerbegehren lagen nicht genug Unterschriften vor. Daraufhin initiierte die Bürgerinitiative ein neues Bürgerbegehren, um einen Bürgerentscheid zu erzwingen. Sie sammelte 14.924 Stimmen.[21] Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen erklärte das Bürgerbegehren jedoch wegen nicht eingehaltener Fristen für unzulässig. Die Beschwerde gegen diese Entscheidung vor dem Oberverwaltungsgericht Münster endete damit, dass das Gericht die Fragestellung für unzulässig erklärte.[22] Trotz des juristischen Scheiterns des Bürgerbegehrens befasste sich der Rat der Stadt am 13. Dezember 2012 mit dem Bürgerentscheid; auch der Rat stellte die Unzulässigkeit fest.[19]

Mitglieder der Bürgerinitiative erstellten Gutachten zu den Folgekosten des Musikzentrums. Eines davon bezifferten die gebäudebezogenen Folgekosten gemäß DIN 18960 auf mindestens 2,13 Mio. Euro (statt 0,65 Mio.).[23] Überdies rechnete die Bürgerinitiative aus, dass jede verkaufte Eintrittskarte bei Errichtung des Musikzentrums mit 400 Euro subventioniert würde, bezogen auf alle Konzertbesucher (inklusive der Besucher, die keinen Eintritt bezahlen) mit 207 Euro.[24]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Musikzentrum Bochum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Konzept Musikzentrum (PDF; 560 kB)
  2. Jürgen Boebers-Süßmann: Bochumer Musikhaus soll Generationen inspirieren. In: Der Westen. WAZ, 28. Oktober 2016, abgerufen am 29. Oktober 2016.
  3. Max Florian Kühlem: Auch Herbert Grönemeyer schwärmt vom Musikforum. Ruhrnachrichten, abgerufen am 29. Oktober 2016.
  4. Michael Weeke: Kurzer Blick auf Leben und Wirken der Namensgeberin Anneliese Brost. WAZ, 29. Oktober 2016, abgerufen am 29. Oktober 2016 (deutsch).
  5. Karl Brinkmann: Bochum – Aus der Geschichte einer Großstadt des Reviers. Verlag Schürmann und Klagges, Bochum 1968, S. 383.
  6. Malte Hemmerich: Malte Hemmerich: «Endlich höre ich, wie schön du spielst». Keine Kohle, aber Kultur: Das klamme Bochum eröffnet einen beispielhaften Konzertsaal. In: Neue Zürcher Zeitung vom 31. Oktober 2016, S. 28 (online unter dem Titel: Keine Kohle, aber Kultur. Bochum ist hochverschuldet und stand bis dato musikalisch im Schatten von Essen und Dortmund. Nun leistet sich die Ruhrpott-Stadt einen eigenen Konzertsaal – und die Eröffnung geriet zum Triumph.).
  7. Bochumer Symphonie
  8. Raumprogramm des Musikzentrums (Memento vom 21. Februar 2015 im Internet Archive)
  9. a b Johan Schloemann: Kurze Bauzeit, niedrige Kosten. In: Süddeutsche Zeitung vom 17. Februar 2015, abgerufen am 21. Februar 2015.
  10. Tobias Bolsmann: Die letzte Hoffnung für das Konzerthaus Bochum erlischt. In: Der Westen, WAZ, Ausgabe Bochum, 5. Februar 2010.
  11. Verwaltungsvorlage vom 9. März 2011 (PDF; 126 kB)
  12. Jürgen Boebers-Süßmann: Wettbewerbssieger stellen Entwurf vor.. In: Der Westen, WAZ, Ausgabe Bochum, 24. Mai 2012.
  13. a b c Andreas Rossmann: Ein Schuhkarton aus dem Sparstrumpf. Die Kirchenglocke schlägt als Pausengong: Heute wird in Bochum das Musikforum eingeweiht. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27. Oktober 2016, S. 12.
  14. Tim Neshitov: Der amerikanische Traum. Dank Steven Sloane hat das klamme Bochum im klammen Ruhrgebiet jetzt einen Ort für seine Symphoniker. In: Süddeutsche Zeitung vom 18. Mai 2016, S. 3.
  15. Reinhard Brembeck: Der hat noch gefehlt. Schlichte Klarheit, warmer Klang – und nebenan der Tabledance: Bochum feiert sein radikal bürgernahes Musikzentrum. In: Süddeutsche Zeitung vom 29. Oktober 2016, S. 18.
  16. Ein Konzerthaus für Bochums Klagelieder. Land, EU und Spender finanzieren der Stadt das langersehnte Konzerthaus, der BdSt rät trotzdem ab.
  17. Verwaltung der Stadt Bochum: Mitteilung der Verwaltung – Innenstadt-West – Übernahme der Jahrhunderthalle durch die Stadt Bochum, Stand der Verhandlungen mit dem Land und Umsetzung von Investitionsmaßnahmen. In: Bürgerinformationssystem der Stadt Bochum. Stadt Bochum, 23. November 2011, abgerufen am 12. Januar 2017 (deutsch).
  18. Bund der Steuerzahler NRW – Teurer Tausch: Musikzentrum gegen Jahrhunderthalle. In: www.steuerzahler-nrw.de. Abgerufen am 12. Januar 2017.
  19. a b Bochum: Bürgerbegehren gegen Musikzentrum, abgerufen am 14. November 2016.
  20. Benedikt Reichel: SPD erteilt dem Ratsbürgerentscheid eine Absage. In: Ruhrnachrichten, Ausgabe Bochum, 13. März 2012.
  21. Thomas Schmitt: Musikzentrum – „Bäh-Bürger“ landen im OB-Büro. In: Der Westen, WAZ, Ausgabe Bochum. 25. Oktober 2012, abgerufen am 30. November 2012.
  22. Tom Thelen: Bürgerbegehren gegen Musikzentrum gescheitert. In: Der Westen, WAZ, Ausgabe Bochum. 2. November 2012, abgerufen am 30. November 2012.
  23. Kostengutachten
  24. Zuschuss auf jede verkaufte Eintrittskarte / pro Besuch für das „Musikzentrum“ (PDF; 42 kB)

Koordinaten: 51° 28′ 39″ N, 7° 12′ 53″ O