Nationale Befreiungsfront (Algerien)

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Nationale Befreiungsfront
جبهة التحرير الوطني
Variant flag of the GPRA (1958-1962).svg
Partei­vorsitzender Abd al-Aziz Bouteflika
Gründung 1. November 1954
Haupt­sitz Algier
Aus­richtung Sozialismus
Farbe(n) grün, rot und weiß
Parlamentssitze 164 / 462
Internationale Verbindungen Sozialistische Internationale (assoziiert)

Die Nationale Befreiungsfront (arabisch جبهة التحرير الوطني, DMG ǧabhat at-taḥrīr al-waṭanī, oft auch französisch FLN Front de Libération Nationale) ist eine algerische Partei, die aus einer früheren Befreiungsbewegung heraus entstanden ist.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Algerienkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die FLN wurde im März 1954 von Ahmed Ben Bella in Kairo gegründet, um die Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich zu erreichen. Im November 1954 begann mit dem bewaffneten Kampf der FLN und ihrer Armee ALN (Nationale Befreiungsarmee) der Algerienkrieg. In diesem konnte die FLN 1962 nicht nur die Unabhängigkeit Algeriens erreichen, sondern auch konkurrierende Unabhängigkeitsbewegungen ausschalten.

Die FLN konnte während des Krieges maximal rund 2 % der waffenfähigen männlichen Bevölkerung als Kombattanten aufbieten. Die Kombattanten waren in gut bewaffnete und nur rudimentär bewaffnete Einheiten unterteilt. Diese wurden von einem zahlenmäßig größeren Netz von nicht-kämpfenden organisierten Mitgliedern unterstützt, denen Versorgungs- und Nachrichtenaufgaben zugeordnet waren. Die Teilnahme am bewaffneten Kampf erfolgte freiwillig. In der damals weitgehend illiteraten einheimischen Bevölkerung waren rund 35 % der FLN-Kämpfer lesekundig. Rund 40 % der Kombattanten waren zu Beginn ihres Eintritts über 30 Jahre alt. Rund zwei Drittel der Kämpfer waren Familienväter mit im Schnitt 3,3 Kindern.[1]

Die FLN organisierte sich politisch als Kaderpartei analog zu den kommunistischen Parteien des Ostblocks. Oberste Instanz war das Zentrale Exekutivkomitee in Algier, das als Schattenkabinett den Kern der zukünftigen Regierung stellen sollte. Den militärischen Einheiten wurden Politoffiziere zugeordnet. Die FLN unterteilte Algerien in sechs Bezirke (Wilayat), über die jeweils eine politische Führungszelle die Oberhoheit hatte. Algier selbst stand direkt unter dem Befehl des Zentralen Exekutivkomitees. Die größte militärische Einheit war das Bataillon mit 350 Mann. Die FLN verlangte von ihren Angehörigen ein hohes Maß an Disziplin. Aufgrund zahlreicher Disziplinarverstöße, unter anderem Dissens gegen die politische Führung, konnte die Todesstrafe verhängt werden.[2] Im Sommer 1956 erklärte sich die FLN in einer 22-tägigen Konferenz im Soummamtal mitten im besetzten Algerien als Vertretung eines souveränen algerischen Gegenstaates. Die Distrikte selbst wurden in Zonen und Sektoren unterteilt, um die Autonomie der Sektorkommandeure einzuschränken. Der politischen Führung sollte dadurch gegenüber der militärischen Führung der Rücken gestärkt werden. Als oberstes Führungsorgan wurde ein 34-köpfiger Nationaler Rat für die Algerische Revolution innerhalb Algeriens aufgestellt. Die Konferenz fand maßgeblich unter der Federführung Abane Ramdanes statt.[3]

Das zentrale publizistische Organ der FLN während des Algerienkrieges war die in Tunesien gedruckte Zeitschrift El-Mudschahid. Sie erreichte in Algerien eine illegale Zirkulation von rund 3.000 Exemplaren, außerhalb Algeriens erreichte das Medium eine Auflage von rund 10.000 Exemplaren. 1957 produzierte die FLN mit Hilfe des französischen Kommunisten René Vauthier ihren ersten Propagandafilm L'Algérie en flammes, welcher im Ostblock und der arabischen Welt gezeigt wurde. Das Hauptkommunikationsmittel der FLN mit der algerischen Bevölkerung stellten Radiosendungen aus anderen arabischen Ländern da.[4]

Die FLN unterhielt in Frankreich eine geheime Auslandsorganisation unter den algerischen Emigranten, die neben politischen und terroristischen Aktionen vor allem der Geldbeschaffung für die Organisation diente. 1956 umfasste sie rund 4.000 Mitglieder. 1961 zählte die Organisation rund 150.000 Mitglieder, dies entsprach mehr als einem Drittel der in Frankreich angesiedelten algerischen Auswanderer. Die Auslandsorganisation leistete einen substanziellen Beitrag zur Finanzierung der FLN.[5] Das Hauptquartier der Auslandsorganisation befand sich in Westdeutschland außerhalb der Reichweite der französischen Behörden. Die Organisation wurde ab 1958 von Omar Boudaoud geleitet.[6]

Am 19. September 1958 rief die FLN in Kairo eine eigene Provisorische Regierung aus und erklärte Algerien am 19. September 1958 für unabhängig. Alle anderen arabischen Staaten und zahlreiche weitere Nationen der Bewegung der Blockfreien Staaten erkannten die Regierung als souveräne Vertretung des algerischen Volkes an. Die FLN unterhielt eigene Büros in zwanzig Hauptstädten, insbesondere am Sitz der Vereinten Nationen in New York.[7] Die Befreiungsfront erhielt von 1957 bis 1961 Finanzhilfen von arabischen Staaten welche mehr als 95 % der ausländischen Finanzhilfen an die FLN ausmachten. Der Gegenwert dieser Hilfen wird auf mehr rund 16 Milliarden Anciens Francs beziffert. Mehr als die Hälfte der Geldmittel stammte aus dem Irak. Weitere stark vertretene Geldgeber waren die Vereinigte Arabische Republik, Kuwait und Saudi-Arabien.[8]

Die politische Führung der FLN, zumeist außerhalb Algeriens residierend, verlor während des Krieges mit der Zeit immer mehr das Vertrauen der die Last der Kämpfe tragenden Guerilla in Algerien. In drei von sechs Militärbezirken kam es zu Opposition gegenüber der Führung. 1959 desertierten mehrere FLN-Führungskader des Bezirks Vier. Im Zuge der politischen Desavouierung der Provisorischen Regierung übernahm die regulär ausgebildete, in Marokko und Tunesien aufgestellte äußere ALN immer mehr politisches Gewicht. 1959 kam es zu einem Putschversuch von Offizieren, der unter der Federführung des Oberst Houari Boumedienne niedergeschlagen wurde. Boumedienne erreichte jedoch ein derartiges Gewicht innerhalb der FLN, dass er 1960 die Entlassung ihm missliebiger Politiker aus der Provisorischen Regierung diktieren konnte.[9]

Republik Algerien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Unabhängigkeit entwickelte sich die FLN unter Ahmed Ben Bella zu einer autoritär regierenden, sozialistisch ausgerichteten Einheitspartei. Doch schon unter Houari Boumedienne (1965–1978) wurde versucht, Sozialismus und Islam in der Politik zu berücksichtigen. Nachdem es in den 1980er Jahren wegen der schlechten Wirtschaftslage zu Protesten kam, musste Chadli Bendjedid (1978–1992) einer neuen Verfassung zustimmen und ein Mehrparteiensystem einführen. Bei den ersten freien Wahlen 1991 erlitt die FLN im ersten Wahldurchgang eine schwere Niederlage. Der Sieg der Islamisten (FIS) wurde durch einen Staatsstreich der Militärs verhindert, der den algerischen Bürgerkrieg auslöste. Auch 1997 wurde die FLN nur drittstärkste Kraft in der Nationalen Volksversammlung. Am 27. April 1999 jedoch wurde Abd al-Aziz Bouteflika als Kandidat der FLN zum Präsidenten Algeriens gewählt. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen am 9. April 2009 wurde Bouteflika mit 90,24 Prozent wiedergewählt. Die vorletzten Parlamentswahlen fanden am 10. Mai 2012 statt. Die Nationale Befreiungsfront FLN wurde stärkste Regierungspartei.

Seit 2013 ist die FLN assoziiertes Mitglied der Sozialistischen Internationale. Die letzten Parlamentswahlen fanden 2017 statt. Auch hier wurde die Nationale Befreiungsfront FLN erneut stärkste Regierungspartei.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernhard Schmid: Algerien. Frontstaat im globalen Krieg? Neoliberalismus, soziale Bewegungen und islamische Ideologie in einem nordafrikanischen Land. Unrast, Münster 2005, ISBN 3-89771-019-6.
  • Bernhard Schmid: Das koloniale Algerien. Unrast, Münster 2006, ISBN 3-89771-027-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gilbert Meynier : Histoire intérieure du FLN 1954 - 1962. Paris, 2004, S. 153–157
  2. Martin Evans: Algeria. France's Undeclared War. Oxford University Press, Oxford u. a. 2012, ISBN 978-0-19-966903-5, S. 177–180.
  3. Martin Shipway: Decolonization and its Impact. A Comparative Approach to the End of the Colonial Empires. Blackwell, Malden MA u. a. 2008, ISBN 978-0-631-19967-0, S. 154.
  4. Matthew Connelly: A Diplomatic Revolution – Algeria’s Fight for Independence and the Origins of the Post-Cold War Era. Oxford, 2002, S. 135, S. 137f
  5. Benjamin Stora : Histoire de la guerre de l'Algérie 1954 - 1962. 4. Auflage, Paris, 2004, S. 40f
  6. Martin Evans: Algeria: France’s undeclared War, Oxford, 2012, S. 277
  7. Martin Shipway: Decolonization and its Impact. A Comparative Approach to the End of the Colonial Empires. Blackwell, Malden MA u. a. 2008, S. 211 f.
  8. Gilbert Meynier : Histoire intérieure du FLN 1954 - 1962. Paris, 2004, S. 731f
  9. John Ruedy: Modern Algeria. The Origins and Development of a Nation. 2. Aufl., Indiana University Press, Bloomington IN u. a. 2005, ISBN 0-253-21782-2, S. 180–183.