O alte Burschenherrlichkeit

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Gemälde von Georg Mühlberg mit dem Titel O alte Burschenherrlichkeit: Alte Herren einer Studentenverbindung denken beim Trinken und Singen an ihre Jugendzeit zurück. Das Gemälde entstand um das Jahr 1900 und fand als Postkartenmotiv weite Verbreitung (siehe Couleurkarte).

O alte Burschenherrlichkeit ist die erste Zeile (und der spätere Titel) eines in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1825) entstandenen Studentenliedes, in dem das Studentenleben der Zeit rückblickend aus der Sicht eines bereits Berufstätigen beschrieben wird, der wehmütig an seine Jugendjahre zurückdenkt.

Dieser Titel ist aufgrund der Popularität des Liedes im 19. und 20. Jahrhundert zu einem geflügelten Wort geworden, mit dem die Studentenjahre in der besonderen Ausprägung der für Mitteleuropa typischen studentischen Kultur umschrieben werden, wie sie heute nur noch von den Studentenverbindungen gepflegt wird. So findet man diesen Ausdruck als Buchtitel, als Titel von Tonträgern und zwei deutschen Kinofilmen von 1925 bzw. 1930. Auch werden Bilder und Grafiken, die das traditionelle Studentenleben behandeln, gern mit diesem Titel versehen.

Das Lied ist heute fester Bestandteil des von Studentenverbindungen gesungenen Repertoires von Studentenliedern und im Allgemeinen Deutschen Kommersbuch abgedruckt.

Das Lied wurde in den 1920er Jahren ins Schwedische übersetzt: O, gamla klang- och jubeltid („O alte Klang- und Jubelzeit“). Noch heute ist es unter schwedischen Studenten sehr populär. Auch ins Niederländische, Estnische und Lettische wurde es übersetzt, und es wird auch heute noch bei Verbindungsfeiern oft gesungen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Text und Noten in einem alten Kommersbuch von etwa 1900

Die Verse drehen sich um Aspekte des Studenten und Korporationslebens und verklären dieses als froh und ungebundene Zeit.

O alte Burschenherrlichkeit,
Wohin bist du verschwunden? (später auch: entschwunden)
Nie kehrst du wieder, goldne Zeit,
So froh, so ungebunden! (später auch: und ungebunden)

Im Sinne des klassischen Ubi sunt-Topos wird dann die gute alte Zeit vermisst, die Gegenwart als trist und verzwungen beschrieben.

Vergebens spähe ich umher,
Ich finde deine Spur nicht mehr.
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum (späterer Zusatz)

Die Refrainwendung O jerum, jerum, jerum leitet sich vom lat. Jesu domine ab (vgl. auch o jemine) und ist ein veralteter Ausruf des Erschreckens, der Klage.[1]

Die Frage des Verhaltens zweier auf der Straße aufeinandertreffender Burschen war um 1830 ein in vielen Comments erörtertes Problem. Darauf bezieht sich auch eine Zeile aus dem Lied.

Wo sind sie, die vom breiten Stein
Nicht wankten und nicht wichen […]?

Melodie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]


\relative c' { \key d \major  \partial 4
             d8( fis8) | a4 a4 a8( b8) g8( e8) | d4 fis4 fis4 r8 fis8 |
             e4. fis8 g4 a4 | g4 fis4 r4 a4 | a4. fis 8 d'4. cis8 |
             cis4. b8 b4 b4 | a4. b8 a8(fis8) g8( e8) | e4 d4 r4 \bar "|:" fis 4 |
             e4  a4 a4 cis4 | cis8( b8 d8) cis8 b4 e,4 | e4 b'4 b4 d4 |
             d8( cis8 e8) d8 cis8( b8 a8) g8 | a4. fis8 d'4. cis8 | 
             cis8( b8) b4 r4 b4 | a4. b8 a8( fis8 g8) e8| e4 d4 r4 \bar ":|"
}
\addlyrics {
     O | al -- te Bur -- schen -- | herr -- lich -- keit! Wo -- |
     hin bist du ver -- | schwun -- den? Nie | kehrst du wie -- der, |
     gold -- ne Zeit, so | froh und un -- ge -- | bun -- den! Ver -- | 
     ge -- bens spä -- he | ich um -- her, ich | fin -- de dei -- ne |
     Spur nicht mehr. O | je -- rum, je -- rum, | je -- rum, o |
     quae mu -- ta -- tio | re -- rum!
}

Überlieferungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anonyme Erstveröffentlichung des Studentenliedes O alte Burschenherrlichkeit in der Berliner Zeitschrift „Der Freimüthige“ vom 9. August 1825

Der erste gedruckte Beleg für das Lied findet sich in der Berliner Zeitschrift „Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser, herausgegeben von Dr. August Kuhn“ vom 9. August 1825 unter dem Titel „Rückblicke eines alten Burschen“. Diese Publikation geriet aber wieder in Vergessenheit. Autor und Herkunft des Liedes galten für lange Zeit als unbekannt.

Bei der 350-jährigen Jubiläumsfeier der Universität Marburg im Jahre 1877 erklärte sich der Marburger Burschenschafter Sanitätsrath Dr. med. Eugen Höfling zum Verfasser dieses Liedes. Er sagte, er habe das Lied zwischen den Jahren 1830 und 1839 verfasst und zuerst in der Frankfurter Didaskalia („Didaskalia oder Blätter für Geist, Gemüth und Publizität.“ Frankfurt a. M., 1. Jahrgang 1823) veröffentlicht.[2]

Diese unbelegte Behauptung wurde lange Zeit für wahr gehalten, Eugen Höfling ging als Autor des Liedes in die Literatur ein und erfuhr zahlreiche Ehrungen.

Bezweifelt wurde die Autorenschaft zuerst von Wilhelm Erman, der im Wintersemester 1890/1891 die Erstveröffentlichung von 1825 wiederentdeckte und seine Erkenntnis publizierte. Zum Zeitpunkt dieser tatsächlichen Erstveröffentlichung war Höfling (geb. am 15. Oktober 1808, gestorben 21. Juli 1880) sechzehnjähriger „Lyzeist“, also Schüler am Gymnasium, in seiner Heimatstadt Fulda. Es wird als unwahrscheinlich angesehen, dass ein Unterprimaner aus Osthessen eine so reife Dichtung mit so großer Publikumswirkung zu einem Thema verfassen konnte, das die Betrachtungsweise eines Alten Herrn erforderte, und sie dann anonym fern seiner Heimat in Berlin veröffentlichte. Höfling hatte auch zugegeben, dass ihm zu Schülerzeiten das studentische Leben mit seiner typischen Kultur, wie sie im Lied detailliert beschrieben wird, noch vollkommen fremd gewesen war. Außerdem gibt es im Text sprachliche Hinweise auf eine Entstehung in Halle an der Saale, der Erscheinungsort Berlin weist auf eine Universitätsstadt im preußischen Herrschaftsgebiet hin. Höfling hat erst Jahre nach der tatsächlichen Erstveröffentlichung studiert und zwar in Marburg und Würzburg. Eine tatsächliche Veröffentlichung des Liedes in den Didaskalia, wie von Höfling behauptet, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Trotzdem gilt Höfling in vielen Veröffentlichungen weiter als Autor. In Marburg befand sich am Haus Wettergasse 16 bis ca. 2006 eine Erinnerungstafel, in Eschwege und Fulda befinden sich Gedenktafeln für Höfling als Liederdichter; die letzte wurde 1983 enthüllt.

Parodien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der großen Bekanntheit und der weiten Verbreitung des Liedes eignete es sich auch als Vorlage für Parodien auf das Studentenleben der jeweiligen Zeit. So erschien im Jahre 1910 in Straßburg das Liederbuch für Studentinnen, in denen einige typische Studentenlieder auf das weibliche Geschlecht umgedichtet wurden[3]:

Die Eingangsstrophe bezieht sich auf das damals für viele ungewohnte Frauenstudium und nicht zuletzt auch die ersten Damenverbindungen.

O junge Mädchenherrlichkeit
O junge Mädchenherrlichkeit
Welch neue Schwulitäten!
Bezieht ihr alle weit und breit
Die Universitäten!
Vergebens spähe ich umher,
Ich finde keine Hausfrau mehr!
(O jerum, jerum, jerum
O quae mutatio rerum!)

Allerdings bleibt es am Ende dieser Verse dann doch beim Alten, was mit durch das Lied sprichwörtlich wurde.

Das Maidenblatt, die Verbandszeitschrift der für die Frauenbildung wie der Hauswirtschaft als Fach in Deutschland wichtigen Reifensteiner Schulen[4] betitelte 1926 mit O alte Maidenherrlichkeit einen passenden Liedtext zum 25. Jubiläum der Wirtschaftlichen Frauenschule Obernkirchen.

Umdichtung bei Fußballspielern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der deutschen Frühzeit des Fußballsports, der insbesondere von den angehenden Akademikern an den technischen Universitäten ausgeübt wurde, übertrugen einige der Fußballanhänger studentische Bräuche und Lieder auf ihren neuen Sport, distanzierten sich aber als Sportler vom klassischen Verbindungsbetrieb. Das Lied von der Burschenherrlichkeit wurde dabei zu

O wonnevolles Fußballspiel[5][6]
du schönstes Spiel der Jugend
dich gut zu spielen sei mein Ziel
das ist die höchste Tugend
zwar gibt es Spiele mancherlei
wo man vergnüget sich dabei
doch alle müssen weichen
dem Fußball ohne gleichen[7]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • O alte Burschenherrlichkeit, 1925, Regie und Buch: Helene Lackner, Eugen Rex, Stummfilm in Schwarzweiß
  • O alte Burschenherrlichkeit, 1930, Regie: Rolf Randolf, Buch: Georg C. Klaren, Tonfilm in Schwarzweiß

Im Film Das jüngste Gewitter von Roy Andersson aus dem Jahr 2008 wird in einer Szene O, gamla klang- och jubeltid verwendet.

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.duden.de/rechtschreibung/jerum
  2. Eugen Höfling wurde am 5. Oktober 1808 in Fulda geboren. Er besuchte in seiner Vaterstadt das Gymnasium und studierte an den Universitäten Marburg, Würzburg, Prag und Wien. Nach kurzer Assistenten-Privatdozententätigkeit in Heidelberg kehrte er nach Hessen zurück und ließ sich als praktischer Arzt in Eschwege nieder, wo er 1880 gestorben ist. (Quelle: Innsbrucker Nachrichten, 8. Oktober 1908, Seite 9)
  3. [1] 01.12.1994Berlins Studentinnenverbindung Lysistrata hat mit Fechten nichts im SinnOh, Mädchenherrlichkeit Von Maike Sutor
  4. Das Maidenblatt, 5.Oktober 1926, 11. Jahrgang Nr. 19
  5. Christiane Eisenberg: Fußball in Deutschland 1890-1914. Ein Gesellschaftsspiel für bürgerliche Mittelschichten. In: Geschichte und Gesellschaft, 20. Jg., Heft 2/1994, S. 184ff
  6. http://www.seiten.faz-archiv.de/faz/19940622/f19940622fuba---100.html Mit falschem Bart halbrechts Als sich das unverkrampfte Bürgertum im Abseits siezte: O wonnevolles Fußballspiel, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juni 1994, Nr. 142, S. N5 Geisteswissenschaften
  7. "Fußball Sang und Klang", Liederbuch für die Fußballer im Arbeiter- Turn- und Sportbund, 1920 im Arbeiter-Turnverlag A.G. Leipzig.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]