Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen

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Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen
Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization (CTBTO)

Logo der CTBTO-Vorbereitungskommission

Hauptsitz der CTBTO-Vorbereitungskommission in Wien, Österreich
Organisationsart autonome Organisation
Kürzel CTBTO PrepCom
Leitung Lassina Zerbo
Status 183 Mitgliedstaaten (alle Unterzeichnerstaaten)
Gegründet 19. November 1996
Hauptsitz Wien, Österreich
www.ctbto.org

Die Organisation des Vertrags über das umfassende Verbot von Nuklearversuchen (engl.: Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization, CTBTO) ist eine noch nicht aktive Internationale Organisation, die mit Inkrafttreten des Kernwaffenteststopp-Vertrages (CTBT) ihre Arbeit aufnehmen und sodann die Einhaltung dieses Vertrages überwachen wird.

CTBTO-Vorbereitungskommission[Bearbeiten]

Bis zum Inkrafttreten des CTBT ist die CTBTO-Vorbereitungskommission (CTBTO Preparatory Commission, CTBTO PrepCom) mit Sitz in Wien, Österreich seit 1997 damit beauftragt, ein weltweites Kontrollnetz aufzubauen. Die Vorbereitungskommission ist im Vienna International Centre untergebracht. Der gebürtige Ungar Tibor Tóth leitet die Organisation.

Dazu betreibt die Vorbereitungskommission zwei Arbeitsgruppen:

Arbeitsgruppe A
für den jährlichen Finanzhaushalt, Mitarbeiterfragen, Rechtsangelegenheiten, Personalwesen.
Arbeitsgruppe B
für die Verifikation der Einhaltung des Vertrages. Dies umfasst den Aufbau und den Betrieb des Internationalen Überwachungssystems (International Monitoring System, IMS), des Internationalen Datenzentrums (International Data Centre, IDC), die Vorbereitung und später die Steuerung von Vor-Ort-Inspektionen (On-Site Inspections, OSI) und die Erarbeitung und Pflege der jeweiligen Handbücher.

Des Weiteren umfasst die Vorbereitungskommission das Provisorische Technische Sekretariat (Provisional Technical Secretariat, PTS), welches die Vorläuferorganisation für ein technisches Sekretariat darstellt, bis der CTBT komplett in Kraft tritt.

Die Vorbereitungskommission wurde durch Beschluss der Unterzeichnerstaaten des CTBT vom 19. November 1996 gegründet und genießt den Status einer Internationalen Organisation. Trotz enger Beziehungen zu den Vereinten Nationen ist sie keine UN-Sonderorganisation. Mit Inkrafttreten des CTBT und Errichtung der CTBTO wird die Vorbereitungskommission aufgelöst.

Aufgaben[Bearbeiten]

Überwachung[Bearbeiten]

CTBTO Messstation auf Tristan da Cunha, bestehend aus Seismometer, Infraschall- und Radionuklidsensoren
CTBTO Radionuklid-Messstation auf dem Berg Schauinsland in Deutschland

Das internationale Überwachungssystem IMS (International Monitoring System) soll aus folgenden vier weltweiten Messnetzen bestehen:

  • 50 primäre und 120 sekundäre seismologische Messstationen, deren Technologie im Stande ist, nukleare Explosionen von Erdbeben oder anderen Erschütterungen zu unterscheiden. Primäre Messstationen liefern dabei ständig Daten, während sekundäre Stationen nur auf Anfrage Daten übermitteln.
  • Über ein Netzwerk von 60 Infraschallstationen werden mittels hochempfindlicher Barometer für das menschliche Ohr nicht mehr als Schall wahrnehmbare Luftdruckschwankungen gemessen. Jede Station soll mit mindestens vier Barometern ausgestattet sein, die auf einem Gebiet mit einem Durchmesser von ca. 2,5 Kilometern verteilt sind. Jedes einzelne Barometer registriert noch Druckunterschiede von nur einem Milliardstel des normalen Atmosphärendrucks. Durch die räumliche Verteilung dieser extrem empfindlichen Barometer können selbst schwächste Signale noch erfasst werden. Schallwellen die von Überschallflugzeugen beim Durchstoßen der Schallmauer entstehen, können eindeutig von Atombombenversuchen unterschieden werden.
  • 80 Stationen mit Radionukliddetektoren erfassen spezielle, nur bei Atombombenexplosionen freigesetzte radioaktive Partikel, 40 dieser Stationen überwachen darüber hinaus die Konzentration radioaktiver Edelgase[1]

Alle Daten werden in Wien im Internationalen Datenzentrum (IDC) zusammengeführt, gespeichert und ausgewertet.

Bis Mai 2012 waren bereits über 280 von insgesamt 337 Messstationen (etwa 85%) fertig installiert und funktionsfähig.[2] Mit der Einrichtung und Wartung der seismologischen und infraakustischen Anlagen in Deutschland ist die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover beauftragt;[3] die radiologische Messstation auf dem Schauinsland wird vom Bundesamt für Strahlenschutz betrieben.[4]

Nordkoreanische Atomwaffentests 2006 und 2009[Bearbeiten]

Am Morgen des 9. Oktober 2006 führte Nordkorea im Nordosten des Landes einen Atomwaffentest durch. Das Internationale Überwachungssystem der CTBTO erfasste die Explosion mit 22 seismischen Stationen. Innerhalb von zwei Stunden erhielten die CTBTO Mitgliedstaaten erste Informationen über Zeitpunkt, Ort und Stärke der Explosion. Zwei Wochen später erfasste eine Radionuklid-Messstation in Yellowknife, Kanada, Spuren eines radioaktiven Isotops des Edelgases Xenon in der Luft. Mit Hilfe atmosphärischer Transportberechnungen konnte Nordkorea als einzig möglicher Ursprungsort des Edelgases eingegrenzt werden. Die Anwesenheit von radioaktivem Xenon ist ein Nachweis für eine atomare Explosion.[5]

Nordkorea führte am 25. Mai 2009 einen zweiten Atomwaffentest durch. Deutlich mehr seismische Stationen der CTBTO - 61 - registrierten das Ereignis im Vergleich zu 2006, einerseits aufgrund der stärkeren Explosion und andererseits durch den Fortschritt beim Aufbau der Messstationen. Die Fläche für eine potenzielle Vor-Ort Inspektion konnte daher genauer eingegrenzt werden: Im Jahr 2009 betrug diese Fläche 264 km² im Vergleich zu 880 km² im Jahr 2006.[6][7]

Zivile Anwendungen[Bearbeiten]

Die Messdaten des IMS sind auch für zivile und wissenschaftliche Anwendungen, neben dem eigentlichen Vertragszweck, interessant. Durch die hochsensiblen Monitoringsysteme und das eigene Datenübertragungsnetz kann die CTBTO wertvolle Daten für Tsunami-Warnorganisationen bereitstellen, insbesondere seismische Daten. Ein entsprechender Beschluss zur Regelung dieser Datenweitergabe wurde im Jahr 2006 gefasst. Aufgrund relevanter Abkommen haben zurzeit Tsunamiwarnzentren in 8 zumeist indopazifischen Ländern direkten Zugriff auf betreffende CTBTO Messdaten (Stand: Mai 2012).[8]

Während der Nuklearkatastrophe von Fukushima im Frühjahr 2011 erfassten über 40 CTBTO Radionuklid-Stationen die globale Ausbreitung von radioaktiven Isotopen aus dem zerstörten Kernkraftwerk in Japan.[9] Auch der Airburst des Meteor bei Tscheljabinsk vom 15. Februar 2013 konnte von Infraschallmessstellen detektiert werden.[10][11] CTBTO Messdaten sind allen 183 Mitgliedstaaten zugänglich. Zurzeit machen über 1200 wissenschaftliche und akademische Institutionen in 120 Staaten von diesem Angebot Gebrauch.[12]

CTBTO Messdaten können darüber hinaus Anwendung in einer Vielzahl von Bereichen finden, unter anderem in der zivilen Luft- und Schifffahrt, bei der Erforschung der Ozeane, von Vulkanen oder des Klimawandels.[13]

Untersuchungen vor Ort[Bearbeiten]

Das Provisorische Technische Sekretariat (PTS) bereitet auch mögliche vor-Ort-Untersuchungen, sogenannte On-site Inspections, vor, um nach Inkrafttreten des Vertrages bei Verdacht auf eine Vertragsverletzung die Natur verdächtiger Ereignisse zu untersuchen. Mit verschiedenen Methoden kann dann innerhalb kurzer Zeit vor Ort nach den Spuren von Atomwaffentests gesucht werden, wobei aber verschiedene vertragliche Vorgaben einzuhalten sind.

Die Technische Sekretariat selbst entscheidet nicht über Vertragsverletzungen, sondern ist beauftragt, den Mitgliedsstaaten alle Daten und Auswertungen zur Beurteilung eventueller Ereignisse zur Verfügung zu stellen. Falls diese zur Auffassung gelangen, dass eine Vertragsverletzung vorliegt, können sie geeignete Maßnahmen im Rahmen des internationalen Rechts empfehlen, und den Fall an die Vereinten Nationen weiterleiten. Diese Regelungen werden erst nach Inkrafttreten gültig.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: CTBTO – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Radionuclid Monitoring ctbto.org; radionuclide data processing and analysis abgerufen am 27. März 2011
  2. CTBTO Fact Sheet, Ending Nuclear Explosions (PDF; 3,3 MB) abgerufen am 23. Mai 2012
  3. Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Kernwaffenteststopp
  4. Bundesamt für Strahlenschutz, Schauinsland – 50 Jahre Messstation für atmosphärische Radioaktivität, S. 8.
  5. CTBTO Webseite, The CTBT Verification Regime Put to the Test – The Event in the DPRK on 9 October 2006 abgerufen am 23. Mai 2012
  6. CTBTO Webseite, Pressemitteilung: CTBTO’s Initial Findings on the DPRK’s 2009 Announced Nuclear Test abgerufen am 23. Mai 2012
  7. CTBTO Webseite, Experts Sure about Nature of the DPRK Event abgerufen am 23. Mai 2012
  8. CTBTO Webseite, France Inks Agreement with CTBTO to Receive Tsunami Warnings abgerufen am 23. Mai 2012
  9. CTBTO YouTube Channel, Animation: CTBTO Tracks Fukushima’s Radioactive Release abgerufen am 23. Mai 2012
  10. Russian meteor largest in a century nature.com
  11. CTBTO Infrasound Stations Detect Russian Meteorite Blast ctbto.org
  12. CTBTO Webseite, Pressemitteilung: CTBTO to Share Data with IAEA and WHO abgerufen am 23. Mai 2012
  13. CTBTO Webseite, Potential Civil and Scientific Applications of CTBT Verification Data and Technologies abgerufen am 23. Mai 2012