Patientenschulung

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Patientenschulungen sind strukturierte Fortbildungsprogramme für Patienten, bei denen insbesondere darauf geachtet wird, dass die für sie relevanten, medizinischen Inhalte von der Zielgruppe verstanden und im Alltag genutzt werden können.[1] Die Lehrveranstaltung (meist in Kurs- oder Seminarform) wird dabei nicht nur von Ärzten durchgeführt, sondern auch von Fachleuten aus anderen Berufen des Gesundheitswesens, wie Arzthelferinnen, Gesundheits- und Krankenpflegern, Ergotherapeuten, Krankengymnasten, Ernährungsberatern, Psychologen. Auch Mitglieder von Selbsthilfegruppen und andere Betroffene können zu den Referenten der Schulungen gehören. Im Bereich von Psychiatrie und Psychotherapie werden Patienten- und Angehörigenschulungen Psychoedukation genannt.

Patientenschulungen werden nicht nur bei chronischen Krankheiten eingesetzt, sondern auch als Hilfe zur Bewältigung absehbarer Probleme (beispielsweise dem Umgang mit Schmerz im Zusammenhang mit chirurgischen Eingriffen).[2]

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patientenschulungen haben das Ziel, die Selbstkompetenz und das Selbstmanagement der Betroffenen zu erhöhen. Dies erreichen sie über die Vermittlung handlungsrelevanten Wissens (z.B. über Ursachen, Folgen und Therapiemöglichkeiten der Erkrankung), die Verbesserung der Selbstwahrnehmung (z.B. Tagebuchführung) sowie das praktische Üben von diagnostischen und therapeutischen Fertigkeiten (z.B. korrektes Inhalieren oder Injizieren von Medikamenten, Entspannungsübungen). Aber auch psychosoziale Aspekte der Krankheitsbewältigung werden thematisiert (z.B. Umgang mit Ängsten, Traurigkeit, Stigmatisierung), um die Teilhabe der Patienten zu sichern. Der Austausch in der Gruppe Gleichbetroffener ist dabei ein wesentlicher Wirkfaktor.

Durch Patientenschulungen können auch bei chronischen Krankheiten nicht selten Lebenserwartung und Lebensqualität erhöht werden. Bei kindlichem Asthma wurde die Teilnahme an einem Gruppenschulungsprogramm als ein zentraler Prädiktor zur Erreichung der somatischen und psychosozialen Therapieziele identifiziert[3]. Studien zeigen, dass am Selbstmanagement orientierte Patientenschulungen zur Verbesserung der Lungenfunktion und des Wohlbefindens führen. Auch die Zahl der stationären Notfalllaufnahmen und der Fehltage in der Schule wurden reduzieren[4]. Die multiprofessionellen Patientenschulungen zeigten sich dabei der reinen Unterweisung in den Medikamentengebrauch überlegen[5]. Patientenschulungen sind daher als integraler Bestandteil der Langzeittherapie des Asthmas in den internationalen medizinischen Leitlinien verankert.

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die durch Patientenschulungen angestrebte Verwirklichung von Lebensstiländerungen hängt nicht direkt von der Schulungskompetenz des medizinischen Personals ab.[6]

Rechtsstatus und Qualitätskriterien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem für die Gesetzliche Krankenversicherung geltenden Recht (Sozialgesetzbuch V) ist im § 43 (Ergänzende Leistungen zur Rehabilitation) geregelt, dass Patientenschulungen unter gewissen Voraussetzungen durch die Krankenkassen gefördert werden können. Patientenschulungen für Kinder und Jugendliche mit Asthma und Diabetes werden bundesweit über das jeweilige Disease-Management-Programm angeboten. Schulungen für Neurodermitis werden durch Rahmenverträge mit den Krankenkassen finanziert. Für alle anderen Patientenschulungen der Kinder- und Jugendmedizin liegen aktuell keine gesicherten Finanzierungskonzepte vor[7]. In Deutschland gibt es für verschiedene pädiatrische Krankheitsbilder, so z. B. für Adipositas, Asthma, Diabetes und Neurodermitis, Arbeitsgemeinschaften, die Qualitätskriterien für die Inhalte und Durchführung von Patientenschulungen definiert haben. Diese Qualitätskriterien sind von den entsprechenden medizinischen Fachgesellschaften anerkannt und werden von den Kostenträgern (vor allem den Krankenkassen) überprüft. Seit 2009 existiert mit dem Modularen Schulungsprogramm für chronisch kranke Kinder, Jugendliche und deren Eltern ModuS auch ein krankheitsübergreifendes Schulungskonzept für pädiatrische Erkrankungen[8]. Das vom Bundesgesundheitsministerium geförderte Programm umfasst krankheitsspezifische Module und generische, d.h. für alle Erkrankungen verwendbare Module, wie z.B Einführung und Kennenlernen, Krankheitsbewältigung im Familiensystem[9]. Daran angelehnt existieren eine modulare Trainerausbildung und ein gemeinsames Qualitätsmanagement, so dass sie Entwicklung neuer Schulungsprogramme vereinfacht wird.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Übersichtsarbeiten:
    • H. Faller, A. Reusch, K. Meng: DGRW-Update Patientenschulung. In: Rehabilitation. 50, 2011, S. 284–291.
  • Studienergebnisse zur Effektivität und Effizienz von Neurodermitis-Patientenschulungen für Kinder, Jugendliche und deren Eltern:
    • T. L. Diepgen, M. Fartasch, J. Ring, S. Scheewe, D. Staab, R. Szcepanski, T. Werfel, U. Wahn, U. Gieler: Neurodermitisschulung. Konzept und aktueller Stand der German Randomized Intervention Multicentre Study. In: Hautarzt. 54, 2003, S. 946–951.
    • D. Staab, T. L. Diepgen, M. Fartasch, J. Kupfer, T. Lob-Corzilius, J. Ring u. a.: Age-releated, structured education improve the management of atopic dermatitis in children and adolescens: results of the German Atopic Dermatitis Intervention Study (GADIS). In: BMJ. 332, 2006, S. 933–938.
    • E. Weisshaar, T. L. Diepgen, T. Bruckner, M. Fartasch, J. Kupfer u. a.: Itch Intensity Evaluated in the the German Atopic Dermatitis Intervention Study (GADIS): Correlations with Quality of Life, Coping Behaviour and SCORAD Severity in 823 Children. In: Acta Derm Venerol. 88, 2008, S. 234–239.
  • Studienergebnisse zur Effektivität und Effizienz von Asthma-Patientenschulungen für Kinder, Jugendliche und deren Eltern:
    • Gesundheitliche Aufklärung und ambulante Schulung zur Sekundärprävention asthmakranker Kinder und Jugendlicher.
  • Studienergebnisse zur Effektivität und Effizienz von Diabetes-Patientenschulungen für Kinder, Jugendliche und deren Eltern:
    • R. Couch, M. Jetha, D. M. Dryden: Diabetes education for children with type 1 diabetes mellitus and their families. In: Evidence Reports/Technology Assessments. No. 166, 2008, S. 1–144.

Modellprojekt des Bundesministeriums für Gesundheit, Band 112 (1999)

    • T. Lob-Corzilius, F. Petermann: Asthmaschulung - Wirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen. Beltz, PVU, Weinheim 1997.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. V. Köllner u. a.: Patientenschulung Arterielle Hypertonie. Urban & Fischer-Verlag, 2011, ISBN 978-3-437-59780-0, S. 1–5. (online)
  2. F. Schneider: Pflegerische Patientenschulung im Rahmen der perioperativen Schmerztherapie. GRIN Verlag, 2007, ISBN 978-3-638-73824-8. (online)
  3. A. Weber, S. Groos, B. Hagen, J. Kretschmann, L. Altenhofen: Einflussfaktoren in der Qualitätszielerreichung in der Versorgung an Asthma bronchiale erkrankter Kinder und Jugendlicher. Befunde des DMP Asthma bronchiale aus der Region Nordrhein. In: Präv. Reha. Band 26 (2014) 10–15.
  4. J. Guevara, F. Wolf, C. Grum, N. Clark: Effect of educational interventions for self-management of asthma in children and adolescents: systematic review and meta-analysis. In: BMJ. Band 326 (2003)1308-1313.
  5. R. Szczepanski, R. Jaeschke, T. Spindler, for the ASEV study group: Preschoolers’ and parents’ asthma children education trial (P2AET) – a randomized controlled study. In: Eur. J. Pediatr. Band 169 (2010) 1051-1060.
  6. Christopher C Butler: Training practitioners to deliver opportunistic multiple behaviour change counselling in primary care. In: BMJ. 346, 2013, S. f1191.
  7. G. Ernst, K. Lange, R. Szczepanski: Patientenschulung in der Kinder- und Jugendmedizin. Bestandsaufnahme deutschsprachiger Konzepte und Bedarfsanalyse. In: Präv Reha. 2013, S. 18–24.
  8. Kompetenznetz Patientenschulung
  9. Ernst, G./Menrath I, Lange K, Eisemann N, Staab D, Thyen U, Szczepasnki R: Development and evaluation of a generic education program for chronic diseases in childhood. Hrsg.: Patient Education Counceling. 2017. Auflage. in press.
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