Paul Weiss (Geiger)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Paul Weiss, ursprünglich Paul Weisz, (* 12. Oktober 1898 in Wien; † 18. Oktober 1967 in San Francisco) war ein US-amerikanischer Geiger, Kapellenleiter, Dirigent, Komponist österreich-ungarischer Herkunft. Die Sopranistin Eugenie Sendrey war seine Schwester.

Leben als Musiker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Weiss wurde am 12. Okt. 1898 als jüngstes von fünf Kindern von Leopold Weisz und seiner Frau Franciska Weisz, geb. Frankel, in Wien geboren. Über seine Schulausbildung, insbesondere über eine frühe musikalische Ausbildung ist nichts bekannt. Von 1909 bis 1916 studierte Weiss an der Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst in Wien Geige bei Gottfried Feist und Julius Stwertka. Wahrscheinlich hatte er auch Unterricht bei dem bekannten Geigenpädagogen Otakar Ševčík genommen.

Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg nahm Weiss eine intensive Tätigkeit als Musiker auf. Er gab Konzerte in zahlreichen Ländern. Vermutlich begleitete ihn seine Frau Aranka Weiss, geb. Feuermann, auf diesen Konzertreisen, denn ihr Sohn Richard wurde 1927 auf einer solchen Konzertreise in Belgrad geboren. Weitere Konzertverpflichtungen führten ihn in die Schweiz, nach Rumänien, Jugoslawien, Griechenland, Polen und Ägypten und 1934 zusammen mit dem Pianisten Friedrich Schiller sogar nach Sri Lanka. Die Times of Cylon besprach eines seiner Konzerte dort folgendermaßen: „[…] Weiss' linke Hand ist ein Wunder von neun Tagen, denn die Grifffertigkeit seiner Finger ist erstaunlich. Auch seine Bogenführung zeichnete sich durch hervorragende Technik und Kunst aus, die für die Ševčík-Schule charakteristisch ist.“[1]

Leben im Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Flucht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weiss befand sich im März 1938, während des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich nicht in Wien. Er meldete sich am 22. März zurück und begann sofort, weil seine Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft bedroht war, mit Vorbereitungen zur Auswanderung. Er verließ mit seiner Familie als Mitglied der von Robert Hochfeld geleiteten Wineapple Band[2] Wien. Sie reisten vermutlich über Italien in das tunesische La Goulette, um dort ein Engagement zu erfüllen. Im Februar 1939 gelangte Paul Weiss nach Marseille, wo die gesamte Familie vom American Jewish Joint Distribution Committee unterstützt wurden. Sie reisten schließlich im Juli des Jahres nach Shanghai, wo sie am . August 1939 ankamen. „Weiss’ Mutter blieb in Wien zurück. Sie wurde im August 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert“ und kam dort am 31. Dezember 1942 ums Leben. „Der Vater war schon 1921 verstorben.“[3]

Shanghai[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familie Weiss wohnte im französischen Stadtteil von Shanghai, wo bessere Lebensbedingungen herrschten als in den japanisch besetzten Stadtteilen. Weiss konnte sogar im Oktober 1939 in bekannten Nachtclubs zusammen mit dem Pianisten Alex Kahn Konzerte gegeben. Sie spielten klassische Musik zum Dinner. Im September 1940 konnte Weiss in der Französischen Konzession als Mitglied der Kapelle Tino ein Konzert wieder in einem Nachtclub geben. Bis September 1942 hatte er dann eine eigene Kapelle aufgebaut mit der er Konzerte, unter anderem mit dem Bassisten Walter Manes, gab.

1943 musste dann Familie Weiss, wie alle nach dem 1. Januar 1937 eingewanderten staatenlosen Flüchtlinge, in das von den japanischen Besatzern eingerichtete Ghetto Hongkew umziehen. Dieses durften sie nicht mehr ohne amtliche Genehmigung verlassen. Vermutlich arbeitete Weiss in dieser Zeit als Geiger eines eigenen Ensembles. Es ist eine Auftrittsankündigung im März 1944 im Lokal Imperator bekannt. Andere Auftritte gestaltete er zusammen mit dem Kabarettisten Herbert Zernik. Weiss konnte auch einige wenige Auftritte außerhalb des Gethos geben. 1945 leitete er eine Aufführung von Johann Strauß’ Operette „Der Zigeunerbaron“, hatte dabei aber mit einem sehr lückenhaft besetzten Orchester zu kämpfen.

Nach dem Ende des Pazifikkrieges konnte Weiss und seine Familie sich wieder frei bewegen in Shanghai. Im Oktober 1945 gab er mit seiner Vier-Mann-Kapelle, zu der neben ihm Walter Manes, Georg Warner und Herbert Feuerstein gehörten, ein erstes Konzert im Argentinia Night Club. Weiss übernahm die Leitung der Association of Central European Musicians und des European Displaced Persons Symphonic Orchestra. Mit letzterem brachte er bei verschiedenen größeren Veranstaltungen vor allem ein klassisch-romantisches Musikrepertoire zur Aufführung. Im August 1946 beteiligte er sich zudem an einem Kompositionswettbewerb, bei dem Rudolf Glahs und Erich Weltner zwei von ihm komponierte Lieder zur Aufführung brachten. Dem Musikkritiker Wolfgang Fischer nach fand er mit seinen „gut durchkomponierten Schöpfungen“, einem ungarischen Lied und einem melodiösen Liebesempfinden, starke Beachtung. 1947 trat Weiss dann wieder mit einer eigenen Kapelle auf.

Kanada und USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während Sohn Richard bereits 1947 in die USA übersiedeln und dort studieren konnte und schließlich 1950 nach Israel zog, blieben Paul Weiss und seine Frau bis 1949 in Shanghai. 1949 wurden sie von amerikanischem Militär angesichts der bevorstehenden Machtübernahme der Kommunisten nach Kanada verbracht. Nach zwei Jahren Aufenthalt in Toronto konnten sie 1950 in die USA einreisen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Los Angeles ließen sie sich in San Francisco nieder. Dort erhielten sie 1956 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Im selben Jahr beantragten sie beim Österreichischen Hilfsfond für Verfolgte mit Wohnsitz im Ausland vor dem Hintergrund schlechter Gesundheit und einer schwierigen sozialen Lage eine Entschädigung für Vertreibung und Flucht. Da die Zeit im Ghetto von Shanghai nicht als Haft anerkannt wurde, erhielten sie um 1960 / 1961 eine vergleichbar geringe Entschädigungssumme.

Lebensende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ob Paul Weiss in den USA nochmals als Musiker tätig war, ist nicht bekannt. Er starb am 18. Oktober 1967 in San Francisco. Seine Frau übersiedelte nach seinem Tod zu ihrem Sohn nach Israel, wo sie 1988 verstarb.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sophie Fetthauer: Paul Weiss. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer (Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg), 2017, abgerufen am 8. August 2018.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Steven Swanson (über: Universität Hamburg: Institut für Historische Musikwissenschaft): Foto von Paul Weiss mit der Familie Sendrey. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. Abgerufen am 5. August 2018.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zitat übersetzt aus dem Englischen nach: Sophie Fetthauer: Paul Weiss. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer (Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg), 2017, abgerufen am 8. August 2018.
  2. Die Winapple-Band war eine von Robert Hochfeld geleitete sechs- bis siebenköpfigen Kapelle, die sowohl Wiener Stimmungsmusik wie auch Musik für das Kabarett spielen konnte.
  3. Sophie Fetthauer: Paul Weiss. In: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer (Institut für Historische Musikwissenschaft der Universität Hamburg), 2017, abgerufen am 8. August 2018.