Priraslomnaja

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Koordinaten: 69° 15′ 6″ N, 57° 20′ 35″ O

Karte: Russland
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Priraslomnaja
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Russland
MLSP «Priraslomnaya»

Die Priraslomnaja (russisch Морская ледостойкая стационарная платформа (МЛСП) «Приразломная») ist eine eisfeste stationäre russische Erdöl-Förderplattform in der Petschorasee des Nordpolarmeeres. Zur Zeit ist die MLSP «Priraslomnaja» die einzige Plattform, die Erdöl im Gebiet des russischen Festlandsockels fördert. Eigentümer und Betreiber ist Gasprom Neft Schelf, eine Tochter des russischen Energiekonzerns Gasprom. Das erste Erdöl der Marke Arctic Oil wurde im April 2014[1] verschifft und schon im September 2014 wurde das millionste Barrel Öl gefördert.

Standort der Plattform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Plattform steht in der ausschließlichen Wirtschaftszone Russlands, rund 55 Kilometer vom russischen Festland entfernt, an einer Stelle, an der die See nur 19 Meter tief ist. Die Rohstoffförderung in der Region ist schwierig. Von November bis Juni haben Schiffe mit massiven Behinderungen durch Eis zu kämpfen. Die Versorgung der Plattform erfolgt entweder mit Schiffen über Murmansk oder mittels Hubschrauber von der Station Warandey (russisch Варандей) aus.

Vorkommen Ölfeld «Priraslomnoje»[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ölfeld Priraslomnoje wurde 1989 entdeckt. Gasprom vermutet unter dem Meeresboden ein Vorkommen von 72 Millionen Tonnen Öl. Rund 6,6 Millionen Tonnen davon soll die Plattform «Priraslomnaja» pro Jahr fördern.

Charakteristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

MLSP «Priraslomnaya» auf dem Kartenausschnitt der russischen Arktis
Funktionsschema der MLSP «Priraslomnaya»
Chaisson im Schnitt:
  1 — Wellenabweiser
  2 — Eisabweiser
  3 — Beschichtung der Erdöltanks
  4 — Aktiver Korrosionsschutz
  5 — Aufgeschüttete Schicht (Granit)
  6 — Korrosionsschutzschicht
  7 — Beton mit einer Dicke von 3 m
  8 — Zweischichtiger Stahl
  9 — nichtrostender Stahl
MLSP «Priraslomnaja»
Besatzung 200 Mann
Eigenmasse 117.000 t mit Ballast 506.000 t
Abmessungen:
Gesamthöhe 141 m Höhe des Caissons: 24,3 m
Grundfläche des Caissons 126 × 126 m Caisson in Meereshöhe 102 m × 102 m
Räume innerhalb des Caissons 12 Tanklager 113.000 m3
Förderkapazität
Geplante Förderung 2014 300.000 t Maximale Fördermenge
(nach dem Jahr 2020)
5 Millionen t / Jahr
Periodizität der Verschiffung von Erdöl
(bei maximaler Förderleistung)
alle 6 Tage
Autonomie
Besatzungswechsel: alle 30 Tage Materiallieferung: alle 60 Tage
Angaben der Herstellerwerft Sewmasch in Sewerodwinsk[2]

Besonderheiten der MLSP «Priraslomnaja»[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Spezielle Anpassung an den Einsatzort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wellenhöhe bis 10 m (laut Statistik einmal in 100 Jahren)
  • 3 m dicke Betonwände mit mehrschichtigem Stahl
  • Umbruchkante für Wellen und Eis im oberen Bereich des Chaissons

Technologischen Vorgänge bei der Förderung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bohrlöcher (bis zu 40 Stück)
  • Förderung von Erdöl
  • Lagerung des Erdöls in 12 Tanks bis zum Abtransport
  • Verschiffung des Erdöls mit eisgängigen Tankern (über zwei Krane)
  • Versorgung der Plattform mit Wärme- und Elektroenergie

Sicherheitskonzept bei der Übergabe von Erdöl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tanker und Versorger an der MLSP «Priraslomnaja»
  • Auswahl eines der beiden Übergabe-Krane in Abhängigkeit von Wellengang, Eisgang, Strömung und Wetter
  • Berücksichtigung von bis zu 30 verschiedenen Faktoren bei der Freigabe zur Übergabe von Erdöl
  • Das Übergabesystem ist mit einem System zum Havariestop versehen, welches die Schlauchverbindung zum Tanker innerhalb von 7 Sekunden verschließt
  • Die Plattform selbst ist mit einem automatischen Steuerungssystem ausgestattet, welches den Förderprozeß, die Lagerung, die Übergabe von Erdöl, die Verteilung der Elektroenergie und den Brandschutz überwacht
  • Da die Plattform auf dem Meeresboden steht, enden die Bohrlöcher im Prinzip innerhalb der Plattform. Somit haben die Bohrlöcher keinen Kontakt zum umliegenden Meeresboden. Im Havariefall ist die Plattform im Gegensatz zu den Förderanlagen im Golf von Mexiko selbst der Verschluß der Bohrlöcher

System des Öltransportes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur unterbrechungsfreien Gewährleistung des Öltransportes gibt es zwei eisgängige Tanker («Michail Uljanow»; «Kirill Lawrow») und drei Eisbrecher.

Bau der Plattform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 1992 wurde die Förderung von Bodenschätzen auf dem russischen Festlandsockel beschlossen. Daraufhin wurden verschiedene Firmen mit der Ausarbeitung von Konzepten zur Erschließung der Vorkommen «Schtokmanowskoje» (Erdgas) und «Priraslomnoje» (Erdöl) beauftragt.

1996 begann die Docklegung der ersten 16 Bodensektionen des Caissons bei «Sewmasch» in Sewerodwinsk. Zur Senkung der Gesamtkosten wurde der oberen Teil der ausgemusterten Nordsee-Plattform «Hutton» verwendet. 2003 wurde die Hutton-Plattform nach Sewerodwinsk überführt und demontiert. Zwischen 2004 und 2006 wurde die 4 Superblöcke des Caissons fertiggestellt und zur Basis der MLSP «Priraslomnaja» zusammengeschweißt. Ende des Jahres 2006 wurden dann Teile des Arbeitsbereiches der Hutton-Plattform installiert.

Das Wohnmodul der Hutton-Plattform konnte nicht verwendet werden und wurde verschrottet. So entstand das Wohnmodul der Plattform in der Wyborger Schiffswerft als Neubau, einerseits um den meteorologischen Bedingungen von bis zu -40 Grad Celsius gerecht zu werden und andererseits um dem modernen Standard zu entsprechen. Am 17. Juni 2009 verließ das Wohnmodul die Wyborger Schiffswerft und wurde Ende Juli 2009 auf der Werft Sewmasch in Sewerodwinsk durch den Schwimmkran «RAMBIZ» auf die Plattform aufgesetzt.

2010 wurde die Plattform zur Ballastierung und zum weiteren Ausbau nach Murmansk überführt, bevor sie am 26. August 2011 ihren Einsatzort erreichte. Am 28. August 2011 wurde die Plattform auf den Meeresboden abgesenkt und in den nachfolgenden Monaten mit einer Steinbarriere von 56.000 m3 gesichert. Die Plattform konnte ihre Arbeit auf Grund technischer Mängel nicht wie geplant im Jahr 2012 aufnehmen. Die offizielle Verschiebung des Förderbeginns um ein Jahr und weitere Verzögerungen wegen unzureichender Ausrüstung erlaubten erst die Förderung im April 2014.

Proteste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umweltschützer protestieren schon länger gegen die Pläne, eine Plattform in dem Seegebiet zu errichten, da eine Gefährdung des hochempfindlichen Ökosystems im Polarmeer bestehe. Kritiker behaupten, dass den russischen Firmen und Behörden jegliche Erfahrung mit Offshore-Förderung fehle. So soll Notfallequipment rund tausend Kilometer entfernt gelagert sein.

Zwischenfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2012[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sommer 2012 hatten Greenpaece-Mitarbeiter die Bohrinsel bereits einmal geentert. Damals hielten sie die Plattform für 15 Stunden besetzt.[3]

2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Mittwoch den 18. September 2013 hatte sich die Arctic Sunrise der Förderplattform genähert. Auf Warnschüsse der russischen Küstenwache reagierte der Kapitän nicht.[4] Greenpeace-Aktivisten hielten mit fünf Schnellbooten auf die Anlage zu und versuchten anschließend, an der steilen Außenwand hinaufzuklettern. Dies wurde verhindert; von Greenpeace veröffentlichtes Bild- und Videomaterial zeigte, wie die Kletterer zunächst mit kaltem Wasser bespritzt und anschließend mit vorgehaltenen Waffen festgesetzt wurden. Es sei darum gegangen, die Sicherheit der Förderanlage zu gewährleisten, erklärte Michail Karpenko, Interimsleiter der Grenzverwaltung des FSB Russlands für das Gebiet Murmansk.[5] Greenpeace habe nicht auf Warnungen reagiert. Greenpeace beklagte, dass vier ihrer Schnellboote aufgeschlitzt worden seien. Zwei Umweltschützer, eine Finnin und ein Schweizer, wurden von den russischen Behörden in Gewahrsam genommen.

Am Nachmittag des folgenden Tages eskalierte die Situation. Die Arctic Sunrise kreiste zunächst drei Seemeilen von der Plattform entfernt und wurde von einem Küstenwachschiff mit der Registrierung „058“ verfolgt. Dann enterten Soldaten der Grenztruppen Russlands mit Hilfe eines Hubschraubers das Schiff, die gesamte Crew wurde festgenommen. Drei Besatzungsmitglieder konnten sich zunächst im Funkraum einschließen; die Satellitentelefone an Bord waren nicht mehr zu erreichen. Nach Greenpeace-Angaben hätten Besatzungsmitglieder auf dem Deck knien müssen und würden von Grenzsoldaten mit Waffen bedroht.

Greenpeace stellt das Vorgehen der russischen Küstenwache als illegal dar, weil in der ausschließlichen Wirtschaftszone das Seerechtsübereinkommen gültig sei.[6] Demgegenüber beurteilen Seerechtler den Vorgang differenziert: nach der SUA-Konvention sei bereits der Versuch, eine Plattform zu besetzen, eine Straftat.[7]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Putin: Russland baut Beteiligung an Weltenergiemärkten aus. Stimme Russlands, 18. April 2014, abgerufen am 21. April 2014 (deutsch).
  2. МЛСП «Приразломная». ОАО «ПО «Севмаш», 12. Oktober 2010, archiviert vom Original am 5. Juli 2012, abgerufen am 15. Dezember 2012 (russisch).
  3. Nach Bohrinselangriff. Russische Küstenwache schleppt Greenpeace-Schiff nach Murmansk. RIA Novosti, 20. September 2013, abgerufen am 21. September 2013 (deutsch).
  4. Russlands Grenzschutz feuert Warnschüsse auf Greenpeace-Schiff. RIA Novosti, 18. September 2013, abgerufen am 21. September 2013 (deutsch).
  5. Greenpeace-Aktion. Die Besatzung der Arctic Sunrise gibt kampflos auf. Stimme Russlands, 20. September 2013, abgerufen am 21. September 2013 (deutsch): „Die Aktivisten haben versucht, auf die Plattform „Priraslomnaja“ vorzudringen, und haben dabei die 500 Meter-Verbotszone um sie herum verletzt. Dabei wurde ein unbekannter Gegenstand transportiert, der entweder einem Sprengsatz oder einem Gerät für wissenschaftliche Untersuchungen ähnelte. All diese Handlungen verletzen Paragraph 36 des Gesetzeskodexes Russlands über Ausschließliche Wirtschaftszonen. Außerdem fallen sie unter Paragraph 253 des Strafgesetzbuches Russlands.“
  6. Christoph Seidler: Protest gegen Ölplattform. Russische Grenzschützer entern Greenpeace-Schiff. Spiegel Online, 19. September 2013, abgerufen am 21. September 2013.
  7. Christoph Seidler: Geentertes Greenpeace-Schiff. Im Griff der Grenzschützer. Spiegel Online, 20. September 2013, abgerufen am 21. September 2013.