Reformationsdeutungs-Streit

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Als Reformationsdeutungs-Streit wird die Zuspitzung des seit längerem schwelenden Dissenses über Verständnis, Deutung sowie historische Einordnung der Reformation unter den evangelischen Theologen bezeichnet.

Die Anfänge sind als schwelend zwischen dem Heidelberger Theologen Gottfried Seebaß und dem Göttinger Bernd Moeller zu verorten. In der zweiten Generation wird der Konflikt mittlerweile offen zwischen deren Schülern ausgetragen, wenngleich polemische Schärfe vor allem vom Göttinger Theologen Thomas Kaufmann gegen den Tübinger Volker Leppin vorgetragen wird.[1]

So können einige Publikationen von Kaufmann als Ausweitung des Streits um die Deutungshoheit über die Reformation gewertet werden.

Standpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volker Leppin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leppin stellt in seiner Luther-Biographie 2002 das Handeln und Denken Luthers in stringenter Tradition des Mittelalters, dessen Kind er gewesen sein soll. Dabei werden vor allem die mystischen Wurzeln beleuchtet und Verbindungen zu der Lehre von Johannes Tauler sowie Parallelen zu seinem Lehrmeister Johann von Staupitz hergestellt. 2016 präzisiert und verschärft Leppin sein Verständnis von Luthers „mystischen Wurzeln“ in seinem Werk „Die fremde Reformation: Luthers mystische Wurzeln“.[2]

Die von Leppin als Gegenentwurf zum klassischen Reformationsverständnis entfaltete Deutung wird von ihm selbst als „Transformation“ mittelalterlicher Elemente durch Luther bezeichnet.[3] Damit wird eben nicht der klassische Bruch mit dem Mittelalter, sondern eben dessen Kontinuität betont.

In letzter Konsequenz wird dadurch geschlussfolgert, dass die Kraft, durch die die Reformation ihre Geschwindigkeit aufnahm, weniger aus Luther, als mehr aus der „Spannungsenergie“ des Mittelalters geschöpft wurde.

Als Spannungsfelder werden dabei folgende Polaritäten genannt:

  • Äußerlichkeit – Innerlichkeit
  • Zentralität – Dezentralität
  • Klerus – Laienengagement

„Spannungsenergie“ wurde vor allem dadurch aufgebaut, dass die damalige Kirche sowohl Äußerlichkeit mit Bußwerken als auch Zentralität mit dem Vatikan identifizierte und Laienengagement unterband.

Moeller/Kaufmann[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Göttinger Pendant zur „Transformationsthese“ ist die klassische „Umbruchsthese“, bei der ein Bruch Luthers mit dem Mittelalter in all seiner Konsequenz postuliert wird. Dadurch wird die Reformation als Schwelle des Mittelalters zur Frühen Neuzeit stärker betont und Martin Luther selbst als großer Reformator verstanden. Mit dieser Warte kann Kaufmann Leppin vorwerfen, Luther durch die Transformationsthese zu schrumpfen.

„… zum Schrumpfgermanen taugt er nicht.“

Kaufmann
[4]

Kaufmanns Umbruchsthese wird vor allem in seiner eigenen Luther-Biographie entfaltet.[5]

Austragung des Streits[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schwelte der Streit in den letzten Jahren ausschließlich im akademischen Rahmen und führte lediglich zu Debatten und Zerwürfnissen allein im universitären Kontext, so erreicht die grundlegende Spaltung der kirchengeschichtlichen Fachwelt in dieser Frage nun auch die breite Masse.

Denn daran, wie man die Reformation begreift, hängt wesentlich das kulturelle Selbstverständnis.[6]

In Hinblick auf das 500-Jährige Lutherjubiläum 2017 weitet sich der zunächst rein akademische Streit auf einen Kampf um die Deutungshoheit der Reformation aus. Die EKD bezog bisher im Vorfeld keine Stellung.

Bezeichnend in der Streitführung ist für Kaufmann die sofortige polemische Reaktion auf jegliche transformationsthesen-freundliche Publikation. So bezeichnet er in seiner Rezension zu Leppins 2006 erschienenen eigenen Luther-Biographie[7] jenes Werk als „wissenschaftlich ungenügend“ und „selbst den Laien enttäuschend“.[8]

Auch Leppins jüngstes Werk „Die fremde Reformation“ wird von Kaufmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für die breite Masse als „konzeptionell unbefriedigend“ und Leppin selbst gar als „tragischer Tübinger Ritter“ bezeichnet.[4] Spätestens mit dieser Wortwahl ist der Streit über das akademische Maß hinaus entfesselt.

Gekontert wird dies von Tübinger Seite allerdings nicht direkt und nicht mit solcher Polemik. Die Spitzen gen Göttingen sind aber wohlplaziert. So beginnt das Vorwort von Leppins „Die fremde Reformation“ mit einem Seitenhieb auf den vermeintlich heroisierenden Effekt der „Umbruchsthese“ auf die Person Martin Luther und parodiert diesen in Anlehnung an Joh 1,1:

„Am Anfang war … Luther?
Wohl kaum – und der Reformator Martin Luther selbst
hätte dies schon gar nicht behaupten wollen.“

Leppin
[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bücher zum Lutherjahr: Ein Gespenst namens Protestantismus – Sachbuch – FAZ
  2. Die fremde Reformation: Luthers mystische Wurzeln; C.H.Beck; Auflage: 1 (10. Februar 2016); ISBN 978-3406690815
  3. Leppin, fremde Reformation, Beck 2016, Seite 117–135
  4. a b Seite 2 – Bücher zum Lutherjahr: Ein Gespenst namens Protestantismus – Sachbuch – FAZ
  5. Geschichte der Reformation; Kaufmann; Insel 2009; ISBN 3458710248
  6. Volker Leppin über Martin Luther: Allmähliche Plötzlichkeit – Literatur – Frankfurter Rundschau
  7. Martin Luther; Leppin; Darmstadt 2006; ISBN 3896785761
  8. Archiv für Reformationsgeschichte – Literaturbericht 36, 2007, S. 17–19
  9. Leppin, fremde Reformation, Beck 2016, Seite 9