Ressourcentheorie

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Ressourcentheorien beschreiben die Möglichkeiten von Individuen und Unternehmen anhand der Ausstattung mit materiellen und immateriellen Ressourcen. Im Unterschied zu (betriebs)wirtschaftlichen Ressourcentheorien, die die Lage von Unternehmen betrachten (siehe dazu Ressourcenorientierung), beschäftigen sich psychologische und soziologische Ressourcentheorien mit der Lebenssituation von Individuen.

Psychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Unterschied zu (betriebs)wirtschaftlichen Ressourcentheorien, beschäftigen sich psychologische und soziologische Ressourcentheorien nicht mit Organisationen sondern mit Individuen. Es existieren mehrere psychologische Ressourcentheorien zu Teilaspekten der Ressourcennutzung.

Ressourcen(austausch)Theorie von Foa und Foa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ressourcen(austausch)theorie von Foa und Foa[1] erfasst die Bedeutung von Ressourcen zur Gestaltung von Lebensführung und zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Autoren erstellen sechs Ressourcenklassen Liebe, Dienstleistungen, Güter, Geld, Informationen und sozialer Status, die nach dem Grad ihrer Konkretheit und ihrer Einzigartigkeit einander zugeordnet sind. Ressourcen erhalten ihre Wertigkeit über subjektive und kulturelle Bedeutungszuschreibungen und vor allem über den Wert, den sie für den Austausch mit anderen Ressourcen haben, um darüber die eigenen sozialen Beziehungen und die Lebensgestaltung zu verbessern oder weitere Ressourcen hinzuzugewinnen.[2]

Theorie der Ressourcenerhaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hobfoll führt mit seiner Theorie der Ressourcenerhaltung, die Entstehung von individuellem und sozialem Stress auf Veränderungen (insbes. reale oder drohende R.-Verluste) der zur Verfügung stehenden Ressourcen zurück. Er kann zeigen, dass Ressourcenverluste, insbes. solche, die zur Aufrechterhaltung des Individuums, der Familie oder des Lebenskontextes dienen, zu schwerwiegenden Stress-Reaktionen führen. Ressourcenverluste beeinträchtigen massiv die Entwicklung und Entfaltung von zusätzlichen Ressourcen und hindern schlussendlich daran, anstehende belastende Lebensanforderungen zu bewältigen.[3][4]

Das SAR-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das systemisches Anforderungs-Ressourcen-Modell (SAR-Modell) nach Peter Becker betrachtet das Zusammenspiel von Ressourcen und Anforderungen auf verschiedenen biopsychosozialen Systemebenen, und untersucht deren Auswirkungen auf die Gesundheit.[5] Damit rücken die die wechselseitige Abhängigkeit von Menschen und (sozialer) Umwelt in der Zugänglichkeit, Nutzung und Handhabung von Ressourcen und die damit gekoppelten Ressourcenaustauschprozesse in den Fokus. Die dem Modell von Becker zugrunde liegende Idee, Ressourcen und Belastungen gegenüberzustellen, wird bereits in dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus formuliert und wird gegenwärtig von Franz-Christian Schubert als transaktionale Ressourcenkonzeption weitergeführt.[6]

Soziologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Soziologie wird eine ressourcentheoretische Analyse auch dafür verwendet, um soziale Ungleichheit zu beschreiben. Pierre Bourdieu thematisiert in einer Untersuchung[7] sowie in seinem Buch Sozialer Sinn die Akkumulation verschiedener Ressourcen als den Mechanismus, der eine vorteilhafte Stellung in der Gesellschaft dauerhaft absichern kann und sie auch an nachfolgende Generationen "vererbbar" macht.[8] Er unterscheidet ökonomische, soziale und kulturelle Ressourcen, die er als Kapitalarten bezeichnet (siehe Kapital).

Alban Knecht entwickelt aufbauend auf psychologische und die soziologische Ansätzen eine integrative Dachtheorie zur Beschreibung sozialer Ungleichheit und zur Analyse ihrer Entstehung und Aufrechterhaltung.[9] Psychische Ressourcen wie Motivation und Engagement, internale Kontrollüberzeugungen, Selbstwirksamkeitserwartung sowie Kohärenzgefühl und andere Ressourcen wie finanzielle, soziale, gesundheitliche und bildungsbezogene Ressourcen wirken wechselseitig aufeinander ein. Die Möglichkeit Ressourcen ineinander zu transformieren, führt dazu, dass Menschen mit vielen Ressourcen ihre soziale Position oft (lebens)lang halten können, während Menschen mit geringen Ressourcen in vielen verschiedenen Lebensbereichen mit Deprivation zu kämpfen haben (multidimensionale Armut). Die soziale Verteilung der Ressourcen wird auch durch sozialpolitische Interventionen wie Erhebung von Steuern, Umverteilung und sozialen Dienstleistungen beeinflusst.

Knecht und Schubert[10] vertiefen diese Perspektive interdisziplinär, indem sie für einzelne Ressourcen (Geld, Gesundheit, Bildung, Soziales Netzwerk) zeigen, wie diese zum einen durch sozialpolitische Maßnahmen und zum anderen durch beratende/psychotherapeutische und sozialarbeiterische Interventionen beeinflusst werden (siehe auch Ressourcenorientierung).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Uriel G. Foa / Jr. Converse (Hrsg.) Resource theory: Explorations and applications. Hillsdale, N.J.: Erlbaum, 1989
  • Birgit Fricke (2002): Paradise at a Bargain Price. Die Anwendung der Ressourcentheorie auf Sam Shepards Dramen. Frankfurt: Lang
  • Stevan E. Hobfoll / J. A. Schumm: Die Theorie der Ressourcenerhaltung: Anwendung auf die öffentliche Gesundheitsförderung. In: Petra Buchwald, Christine Schwarzer, Stevan E. Hobfoll, (Hrsg.) (2004): Stress gemeinsam bewältigen. Ressourcenmanagement und multiaxiales Coping. S. 91–120. Göttingen: Hogrefe, 2004
  • Alban Knecht: Literaturliste zu den Themen Ressourcen, Ressourcentheorie und Ressourcenorientierung (PDF; 1,5 MB)
  • Schubert, Franz-Christian; Knecht, Alban: Ressourcen - Merkmale, Theorien und Konzeptionen im Überblick. Open Access Repository, 2015, abgerufen am 4. Mai 2017.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. U. G. Foa & E. B. Foa: Resource theory of social exchange. In: J. W. Thibaut, J. T. Spence, R. C. Carson (Hrsg.): Contemporary Topics in Social Psychology. General Learning Press, 1976, ISBN 978-0-382-25078-1.
  2. Kjell Törnblom, Ali Kazemi (Hrsg.): Handbook of Social Resource Theory. Theoretical Extensions, Empirical Insights, and Social Applications. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 2012.
  3. S. E. Hobfoll: Conservation of resources: An new attempt at conceptualizing stress. In: American Psychologist. Band 44, S. 513–524.
  4. S. E. Hobfoll: Stress, culture, and community. Plenum Press, New York.
  5. Becker, Peter: Gesundheit durch Bedürfnisbefriedigung. Hogrefe, Göttingen.
  6. Schubert, Franz-Christian: Ressourcenorientierung im Kontext von Lebensführung - grundlegende Theorien und konzeptionelle Entwicklungen. In: Verhaltenstherapie und Psychosoziale Praxis. Band 48, Nr. 4, S. 827–844.
  7. Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital - Kulturelles Kapital - Soziales Kapital. In: Pierre Bourdieu (Hrsg.): Die verborgenen Mechanismen der Macht. Schriften zu Politik & Kultur, 1. VSA, Hamburg 1992, S. 49–79.
  8. Knecht, Alban: Lebensqualität produzieren. Ressourcentheorie und Machtanalyse des Wohlfahrtsstaats. VS Verlag, Wiesbaden 2012.
  9. Knecht, Alban: Lebensqualität produzieren. Ressourcentheorie und Machtanalyse des Wohlfahrtsstaats. VS Verlag, Wiesbaden 2012.
  10. Alban Knecht, Franz-Christian Schubert: Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit. Aktivierung - Förderung - Zuteilung. Kohlhammer, Stuttgart.