Scharfsinn

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Als Scharfsinn (Sagazität) wird allgemein der durchdringende Verstand bezeichnet, die Fähigkeit, das Wesentliche zu erfassen und die Dinge rasch zu durchschauen. Der Scharfsinn wird oft in Verbindung mit Begabung, Klugheit, Vernunft und Geschäftssinn gebracht.

Speziell in der Philosophie der Aufklärung ist Scharfsinn ein wichtiges erkenntnistheoretisches Vermögen des Verstandes. Dort wird allgemein unter Scharfsinn das geistige Vermögen verstanden, die Unterschiede zwischen zwei Objekten oder Gegenständen des Denkens zu erkennen. Er steht im Gegensatz zum Witz, dem Vermögen, unerwartete Ähnlichkeiten zu entdecken, aber auch zum Tiefsinn, der Dingen auf den Grund geht.

Philosophie: Witz und Scharfsinn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konzeptismus in Spanien und Italien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etwa zeitgleich entstehen mit Baltasar Graciáns Kunst des Scharfsinns (1642) und Emanuele Tesauros Aristotelisches Fernrohr (1654) erste theoretische Systeme des Scharfsinns (lat. argutia, span. agudeza, it. argutezza). Beide versuchen, in der Epoche des ausgehenden Barock bzw. Manierismus der Ästhetik und der Rhetorik in der allgemeinen menschlichen Fähigkeit, witzig zu sein, eine gemeinsame Grundlage zu geben. Gracián kommt dabei ständig auf seinen Landsmann Martial, Tesauro einerseits auf Aristoteles, andererseits die Lyrik Marinos zurück.

Barock in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Daniel Georg Morhof (1639–1691) ist der wichtigste Multiplikator für die Thesen Tesauros in Deutschland; seine Commentatio de argutiarum disciplina (1693) zeigt sich stark vom Aristotelischen Fernrohr beeinflusst. Auch für De argutis inscriptionibus (1678) von Christian Weise sind Einflüsse Tesauros’ vermutet worden. Eher von Gracián beeinflusste Theorien sind Ars nova argutiarum (1649) von Jacob Masen und Frauenzimmer-Gesprächspiele (1641–1649) von Georg Philipp Harsdörffer. In diesem Zusammenhang wird die Theorie des Scharfsinns insbesondere zur Verfertigung scharfsinniger bzw. pointierter Epigramme angewandt.

Frühaufklärung: Wolff und Gottsched[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christian Wolff und Johann Christoph Gottsched schränken Witz und Scharfsinn definitorisch zunächst streng und systematisch ein. Witz, Scharfsinnigkeit und Aufmerksamkeit sind die zentralen Verstandesvermögen, die klare und deutliche Erkenntnis der Welt und der menschlichen Handlungen ermöglichen (siehe Leibniz). Alle drei sind angeborene Begabungen, können aber geübt und verbessert werden.

Aufmerksamkeit (attentio) ist das Vermögen, Einzelheiten an einer Sache wahrzunehmen; Scharfsinn (acumen) dementsprechend mit schneller Auffassungsgabe (gelenkte Aufmerksamkeit oder reflexio) die Merkmale einer Sache zu trennen und so zu deutlichen Begriffen zu gelangen. Damit gekoppelt ist der Witz (ingenium) als das Vermögen, die Ähnlichkeiten der Dinge untereinander wahrzunehmen und Gattungen und Arten, also Allgemeinbegriffe, zu finden. Tiefsinnigkeit (profunditas) ist außerdem das Vermögen, zusammengesetzte Begriffe „in einfachere zu zergliedern, und sie also immer deutlicher und vollständiger [adäquat] zu machen“ (Gottsched 1733, §480).

Mit Hilfe dieser Vermögen kann die Erkenntnis des eigenen und fremden Handelns und dessen Verbesserung fortschreiten, deren übergeordnetes Ziel die Vollkommenheit ist (vgl. Wolff 1733, §139). Letztendlich soll so die Glückseligkeit erreicht werden können.

Für Wolff sind Witz, Verstand und Schlussvermögen die Grundlagen der Findekunst (Heuristik). Es gibt die Möglichkeit, entweder a) aus Erfahrung und Beobachtung oder b) deduktiv aus bereits bekannten Sätzen logisch auf neues Wissen zu schließen (Wolff 1733, §§294ff). Solcher Witz ist unterschieden vom „gemeinen Witz“, der „nur zu Wortspielen dienlich“ ist (§309).

In Gottscheds Critischer Dichtkunst ist das Rezept zur Förderung des natürlichen Witzes und des Scharfsinns, die Jugend im „Zeichnen oder Reißen“ zu unterrichten, bis sie „wirkliche Personen zu schildern oder Gegenden und Landschaften zu malen“ beginnen, zugleich die Ausbildung zum Künstler: „Dergleichen Übungen formieren unvermerkt poetische Geister.“ (Gottsched 1972, S. 45). Kunstproduktion verläuft hier grundsätzlich nach dem mimetischen Prinzip, indem der Scharfsinn die Funktion des ständigen Vergleichs zwischen Werk und Vorbild innehat. Witz, Aufmerksamkeit, Scharfsinn sind (neben der Gelehrtheit und der Kunstfertigkeit) die wichtigsten Fähigkeiten, die ein Dichter auszubilden hat, soll er doch sowohl Erkenntnis erlangen können von den „unsichtbaren Gedanken und Neigungen menschlicher Gemüter“, als auch deren scharfsinnige Nachahmung beherrschen.

Spätaufklärung: Kant[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Immanuel Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht wird der Witz neu gefasst. Er steht nun in Opposition zum Vermögen der Urteilskraft. Der Schwerpunkt ist vom erkenntnisschaffenden Vermögen zum produktiven Vermögen verschoben. Urteilskraft „geht auf Bemerkung der Unterschiede unter dem Mannigfaltigen, zum Teil Identischen“ (also verwandt mit der Wolffschen Bestimmung des Scharfsinns); sie arbeitet deduktiv. Witz arbeitet induktiv und ermittelt die „Identität des Mannigfaltigen, zum Teil Verschiedenen“ (Kant 1798, S. 201 n. Originalpag.). Beide jedoch verdanken sich dem Scharfsinn. Kants Begriff des Witzes ist allein bezogen auf die „Blumen“ des Denkens; er konstatiert, dass „der Witz blühend genannt wird; und wie die Natur in ihren Blumen mehr ein Spiel, dagegen in den Früchten ein Geschäft zu treiben scheint, so wird das Talent, was in diesem angetroffen wird, für geringer im Rang (nach den Zwecken der Vernunft) als das beurteilt, was [der Urteilskraft] zukommt“ (ebd.).

Die wohl wesentlichste Neuerung bei Kant ist die produktive Kraft des Witzes: er „paart (assimiliert) heterogene Vorstellungen, die oft nach dem Gesetze der Einbildungskraft (der Assoziation) weit auseinanderliegen“ und nennt ihn ein „Verähnlichungsvermögen“. Kant differenziert vergleichenden (ingenium comparans) und vernünftelnden Witz (ingenium argutans), der jedoch angeboren und nicht erlernbar ist; es handelt sich bei ihm - wiederum eine Neuerung - um eine kommunikative Fähigkeit, eine „Liberalität der Sinnesart in der wechselseitigen Gedankenmitteilung“ (S. 220). Der Witz gibt „dem Verstand Stoff [...], um seine Begriffe allgemein zu machen“ (S. 221), produziert also eine sinnreiche Mannigfaltigkeit an Einfällen, wiewohl er „seicht“ sein kann; gleichwohl findet Kant auch einen „gründlichen“ Witz, der „ein Vehikel oder Hülle für die Vernunft und deren Handhabung für ihre moralisch-praktischen Ideen sein kann“ (S. 222).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gottfried Gabriel: Ästhetischer „Witz“ und logischer „Scharfsinn“. Zum Verhältnis von wissenschaftlicher und ästhetischer Weltauffassung. Erlangen u. Jena 1996.
  • Johann Christoph Gottsched: Erste Gründe der Gesamten Weltweisheit. Repr. d. Ausg. Leipzig 1733 (Theoretischer Theil) / 1734 (Praktischer Theil), Frankfurt/M. 1965.
  • Johann Christoph Gottsched: Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen [1730], in: ders., Schriften zur Literatur, hg. H. Steinmetz, Stuttgart 1972 [Reclam Universalbibliothek Nr. 9361], S. 12-196.
  • Baltasar Gracián: Arte de Ingenio, Tratado de la Agudeza, hg. u. eingel. Correa Calderon. Madrid 1981.
  • Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht [1798]. Hg. v. R. Brandt, Hamburg 2000 [Philosophische Bibliothek Bd. 490].
  • Gottfried Wilhelm Leibniz: Betrachtungen über die Erkenntnis, die Wahrheit und die Ideen [1684], in: ders., Fünf Schriften zur Logik und Metaphysik. Übers. u. hg. v. H. Herring, Stuttgart 1995 [Reclams Universalbibliothek Nr. 1898].
  • Jean Paul: Vorschule der Ästhetik [1804, ²1813]. Hg. u. eingel. v. W. Henckmann, Hamburg 1990 [Philosophische Bibliothek Bd. 425].
  • Emanuele Tesauro: Il Cannocchiale Aristotelico, hg. August Buck. Bad Homburg, Berlin und Zürich 1968.
  • Christian Wolff: Vernünfftige Gedancken von der Menschen Thun und Lassen, zu Beförderung ihrer Glückseeligkeit. Repr. d. Ausg. Frankfurt u. Leipzig 1733 (Ges. Werke, Abt. I, Bd. 4), hg. u. eingel. v. H. W. Arndt, Hildesheim 1976.

Weiterführende Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ralph Müller: Theorie der Pointe. Paderborn 2003

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joseph Joubert, französischer Mysteriker (1754−1824), in Gedanken, Versuche und Maximen: „Der Scharfsinn bedarf nur eines Augenblicks, um alles zu bemerken, die Genauigkeit Jahre, um alles auszudrücken.“
  • Johann Wolfgang Goethe, deutscher Gelehrter, Dichter und Schriftsteller (1749−1832): „Der Scharfsinn verläßt geistreiche Männer am wenigsten, wenn sie Unrecht haben.“

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Scharfsinn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wikiquote: Scharfsinn – Zitate