Schwere Stunde

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Schwere Stunde ist eine novellistische Studie, die Thomas Mann zum Schillerjahr 1905 als Auftragsarbeit für den Simplicissimus geschrieben hat.

Inhalt[Bearbeiten]

Erzählt wird eine schwere Stunde aus dem Leben des großen deutschen Dichters in einer Nacht des Jahres 1796, als er mit dem Stoff seines Wallenstein gerungen hat. Der Dezemberwind faucht durch die Gassen von Jena und Schiller leidet unter seiner hitzigen Brustkrankheit. Der Arzt möchte ihn am liebsten im Zimmer halten. Auch Goethe, sein Freund-Feind, der drüben in Weimar so sehr Rücksicht auf die eigene Gesundheit nimmt, hat ihm zu mehr Schonung geraten. Aber davon will Schiller nichts wissen. Er muss den Wallenstein jetzt schreiben. Dem Text fehle der Schwung. So sei er nicht aufführbar. Wenn er an Körner (Christian Gottfried Körner [1756-1831], Förderer Schillers) schriebe, schimpfte der und hielte ihm den erfolgreichen Don Carlos vor. Schiller widerspricht der landläufigen Meinung, Talent sei ein Göttergeschenk. Talent sei eine Geißel, postuliert er. Was mache dann groß? Wenn er die Qualen missachte und weitermache. Er leide, wenn er arbeite. Egoistisch schaffe er das Besondere. Gleichzeitig beneide er den Freund-Feind, der drüben in Weimar sinnlich, göttlich-unbewusst leichthin dichte. Die schöne Klage endet zuversichtlich:

Und es wurde fertig, das Leidenswerk. Es wurde vielleicht nicht gut, aber es wurde fertig. Und als es fertig war, siehe, da war es auch gut.

Anmerkungen[Bearbeiten]

Thomas Mann nennt in dem Text weder Schiller noch Goethe ein einziges Mal beim Namen. Auch das Wort Wallenstein suchen wir vergeblich. Aus dem Kontext ersieht der Leser aber ganz zweifelsfrei, wovon die Rede ist.

  • Auf die Parallele, die Thomas Mann von sich aus zu Schiller zieht, weist Sprengel hin.
  • Beim zweiten Lesen der Kurzgeschichte möchte man Kurzke zustimmen, der sogar behauptet, Thomas Mann „sei“ in Schwere Stunde Friedrich Schiller. Wer Thomas Manns Vita kennt, weiß, dass an dem etwas dran ist. Sein Werk ist alles andere als schmal. Er hat erfolgreich produziert, indem er ins Chaos hinabgestiegen, sich aber in der gefährlichen Gegend keinen Moment länger als unbedingt erforderlich aufgehalten hat. Streng konzentriert hat sich Thomas Mann immer auf den einen Stoff, den er gerade auf dem Schreibtisch hatte. Das Erfolgsrezept des unermüdlichen Thomas Mann, der sich höchstwahrscheinlich wie Schiller regelrecht zum Schreiben zwang, kann umschrieben werden mit solchen markigen Ermunterungen: Verzettele dich nicht! Werde fertig! Vergiss das Fertige! Es ist vorbei! Fange das nächste Werk an! Obendrein macht Kurzke auf den versteckten Bruder aufmerksam, den es in der Novelle gäbe. Gemeint ist der Geheime Rat drüben in Weimar. Der Vergleich des Dichterfürsten mit Heinrich Mann fällt ein wenig aus dem Rahmen.
  • Vaget weist darauf hin, dass sich Thomas Manns Text von den nationalistischen Kult um Schiller im Jahr 1905 wohltuend abhebt. Thomas Manns Behauptung, dass Größe aus Leiden folgt, nahm die Kritik während des 1. Weltkrieges ungnädig auf. Ein Deutscher litt damals nicht im Schützengraben, sondern kämpfte.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Erstdruck: In «Simplicissimus» München, Jg.10, 6. September 1905
  • Erste Buchveröffentlichung: In «Das Wunderkind», Novellen. Berlin: S. Fischer [1914] (Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane, Bd. 6)
  • Thomas Mann: Sämtliche Erzählungen. Band 1. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1987, ISBN 3-10-348115-2, S. 364 - 372

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]