Strategie der Spannung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.

Der Ausdruck Strategie der Spannung (engl.: strategy of tension, it.: strategia della tensione) bezeichnet einen Komplex aus verdeckten Maßnahmen zur Destabilisierung oder Verunsicherung von Bevölkerungsteilen, einer Region oder eines Staates, ausgeführt oder gefördert durch staatliche Organe. Ursprünglich wurde der Begriff auf Vorgänge in Italien in den 1970er und 1980er Jahren bezogen.[1][2][3][4] Die Thematik wird kontrovers in der Literatur diskutiert,[5] und in Zusammenhang mit Verschwörungstheorien zu Terroranschlägen besprochen.[6]

Begriff

Der Begriff strategy of tension wurde erstmals 1969 in einem Artikel des Observer benutzt, in dem verdeckte Operationen des italienischen Staates dargestellt wurden.[7] Die Bezeichnung wird auch für Handlungsweisen von Terroristen zur Verschärfung der Spannungen innerhalb der Bevölkerung oder zur Destabilisierung der Staatsmacht verwendet.[8][9]

Strategie

Die Werkzeuge sind illegale, oft gewaltsame Mittel wie Terroranschläge, Morde, Entführungen, paramilitärische Operationen, psychologische Kriegführung und wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen, außerdem das Schüren von Unruhen und die zielgerichtete Eskalation von ursprünglich gewaltlosen Konflikten durch Agents Provocateurs. Diese werden unter falscher Flagge und in Kombination mit der Verbreitung von Falschinformationen angewendet, um die Urheberschaft einem unbeteiligten Dritten anzulasten. Bei auf diese Weise durch Staatsorgane inszenierte oder geförderten Terroranschläge wird von Staatsterrorismus gesprochen.

Charakteristischerweise wird die Strategie der Spannung unter Geheimhaltung von Organen des betroffenen Staates oder von mit diesen verbundenen Tarnorganisationen verfolgt. Daher sind derartige Verschwörungen schwer beweisbar.

Der Begriff Strategie der Spannung wurde 1990 im Zusammenhang mit der gerichtlichen Aufklärung von zahlreichen terroristischen Verbrechen in Italien zwischen Dezember 1969 und Dezember 1984 bekannt.

Ziele

Merkmal einer Strategie der Spannung ist die Schaffung eines Klimas der Verunsicherung und Angst in der Zivilbevölkerung. Die Wahrnehmung der Schuld an absichtlich inszenierten oder indirekt geförderten Verbrechen wird durch geheimdienstliche oder konspirative Methoden wie Desinformation, Streuung entsprechender Gerüchte und Fälschung von Beweisen auf eine bestimmte politische, ethnische oder religiöse Gruppe gelenkt. Deren Diskreditierung bzw. politische und moralische Schwächung stellt eines der Hauptziele der Strategie dar. Ein weiteres Ziel ist die Induzierung des Wunsches nach einer „starken Hand“ bzw. die Stärkung der Toleranz für repressive Maßnahmen des Staates (Einschränkung von Bürgerrechten, verstärkte Überwachung, „Anti-Terror-Maßnahmen“) in der Bevölkerung bis hin zur Ausrufung des Ausnahmezustands, um die vermeintlich gefährdete innere Sicherheit wiederherzustellen.

Akteure

Die Akteure sind typischerweise Geheimdienste oder ihnen nahestehende Kreise, die wegen der impliziten Verstöße gegen nationales bzw. internationales Recht in der Regel ohne oder nur mit inoffizieller Genehmigung ihrer Regierung handeln (Staatsterrorismus). Ausführende Organe sind häufig paramilitärische Gruppen, Kriminelle oder Extremisten, die über die wahren Hintergründe und Motive ihrer Auftraggeber entweder getäuscht oder im Unklaren gehalten werden, manchmal jedoch diese unterstützen und billigen. Je nach Motivation ihres Handelns können die Akteure aus dem von der Strategie betroffenen oder aus einem anderen Staat stammen, der bestimmte Ziele in dem betroffenen Staat verfolgt. Finanziert werden diese illegalen Operationen von den Geheimdiensten und allenfalls vorhandenen Reptilienfonds.

Geheimhaltung

Ein wesentliches Merkmal einer Strategie der Spannung ist die Verhinderung der Untersuchung und Veröffentlichung der wahren Hintergründe der Verbrechen, da dies wegen der Duldung oder Inszenierung von Kapitalverbrechen strafrechtliche Konsequenzen für die beteiligten Personen hätte. Außerdem würde das Vertrauen der zuvor gezielt desinformierten Bevölkerung in die Institutionen und Organe ihres Staates bzw. in die Institution des Staates geschwächt (siehe Staatsräson). Daher ist das konspirative Vorgehen Merkmal einer Strategie der Spannung, wodurch die spätere Aufklärung der Vorgänge (parlamentarisch oder gerichtlich) durch das Fehlen von Dokumenten sowie den Willen und die Fähigkeit der Beteiligten zur Verschleierung in den meisten Fällen äußerst lückenhaft ist.

Italien

Zahlreiche Terroranschläge der 1970er und 1980er Jahre wurden möglicherweise von rechtsgerichteten geheimdienstnahen Kräften begangen und von den Ermittlungsbehörden der extremen Linken zugerechnet. Angestrebtes Ziel war die Diskreditierung der politischen Linken, speziell der Kommunistischen Partei Italiens.[10] Es sollte verhindert werden, dass Italien sich dem Kommunismus zuwendet; einige wenige Köpfe aus Militär und Geheimdienst schlossen dabei terroristische Aktionen nicht aus.[11] In einer Studie Vladimiro Sattas zu den sogenannten „bleiernen Jahren“ (Anni di piombo), wird auf Grundlage umfangreicher Dokumente der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse des italienischen Parlaments, die Hypothese einer Geheimdienstverschwörung kritisiert.

Südafrika

Südafrikanischen (weißen) Sicherheitsdiensten nahestehende Kräfte verübten in den 1980er und 1990er Jahren Terroranschläge und Morde an Zivilisten, die der schwarzen Widerstandsbewegung African National Congress (ANC) angelastet wurden, um deren Einfluss zu schmälern. Der ANC dementierte, dass er für die Anschläge verantwortlich sei. Er führte an, dass für die Taten eine dritte Kraft (Third Force) verantwortlich sei, was nach dem Ende der Apartheid bestätigt wurde.[12] Da zur Zeit der Anschläge eine Beteiligung von regierungsnahen, weißen Kräften an den Terroranschlägen unvorstellbar war, litt das Ansehen des ANC unter der weißen Bevölkerung, wie von den Urhebern beabsichtigt. Die weiße Minderheitsregierung erhoffte sich neue Unterstützung für ihre Autorität.[13] Zudem wurden, unter anderem durch Waffenlieferungen, gewaltsame Konflikte unter schwarzen Bevölkerungsgruppen geschürt, die mehrere tausend Opfer forderten. Maßgeblich beteiligt war daran die geheime Spezialeinheit C1 der Polizei (bekannt geworden nach ihrem Sitz als Vlakplaas) unter dem Oberst Eugene de Kock. Er wurde nach dem Ende der Apartheid wegen mehrfachen Mordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 212 Jahren Gefängnis verurteilt, die auftraggebenden Politiker blieben weitgehend unbehelligt.

Einzelnachweise

  1. strategia della tensione in "Dizionario di Storia". In: www.treccani.it. Abgerufen am 15. Januar 2017.
  2. Clara Cardella, Giuseppe Intilla, Marilena Macaluso, Giuseppina Tumminelli: Criminal Network. Politica, amministrazione, ambiente e mercato nelle trame della mafia: Politica, amministrazione, ambiente e mercato nelle trame della mafia. FrancoAngeli, 2011, ISBN 978-88-568-6483-0, S. 15 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2017]).
  3. Anna Cento Bull: Italian Neofascism: The Strategy of Tension and the Politics of Nonreconciliation. Berghahn Books, 2012, ISBN 978-0-85745-450-8, S. 76 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2017]).
  4. David J. Whittaker: The Terrorism Reader. Routledge, 2012, ISBN 978-0-415-68731-7 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2017]).
  5. Randall D. Law: The Routledge History of Terrorism. Routledge, 2015, ISBN 978-1-317-51486-2 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2017]).
  6. Peter Knight: Conspiracy Theories in American History: An Encyclopedia. ABC-CLIO, 2003, ISBN 978-1-57607-812-9 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2017]).
  7. Anna Cento Bull: Italian Neofascism: The Strategy of Tension and the Politics of Nonreconciliation. Berghahn Books, 2012, ISBN 978-0-85745-450-8 (google.de [abgerufen am 16. Januar 2017]).
  8. Sebastian Scheerer: Die Zukunft des Terrorismus: drei Szenarien. Zu Klampen!, 1. Januar 2002, S. 35, 139 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2017]).
  9. Jan Oskar Engene: Terrorism in Western Europe: Explaining the Trends Since 1950. Edward Elgar Publishing, 2004, ISBN 978-1-78100-858-4, S. 157 (google.de [abgerufen am 15. Januar 2017]).
  10. Andrea Mammone, Giuseppe A. Veltri: Italy Today: The Sick Man of Europe. Routledge, 2010, ISBN 978-1-135-16494-2 (google.de [abgerufen am 16. Januar 2017]).
  11. Gabriella Lazaridis, Giovanna Campani, Annie Benveniste: The Rise of the Far Right in Europe: Populist Shifts and 'Othering'. Springer, 2016, ISBN 978-1-137-55679-0 (google.de [abgerufen am 16. Januar 2017]).
  12. Wahrheits- und Versöhnungskommission: APPENDIX: THE ‘THIRD FORCE’. Archiviert vom Original am 6. Februar 2012, abgerufen am 27. Juli 2008 (PDF; 70 kB, engl., die wichtigsten Punkte sind in den Paragraphen 3 bis 5 und 12 bis 15 zusammengefasst).
  13. Philip Jenkins: Images of Terror: What We Can and Can't Know About Terrorism. Transaction Publishers, ISBN 978-0-202-36674-6 (google.de [abgerufen am 17. Januar 2017]).