Subjektivismus

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Subjektivismus ist ein Sammelbegriff für verschiedene erkenntnistheoretische Positionen, nach denen alle Begriffe, Urteile und Erkenntnisse wesentlich durch das jeweilige Subjekt – in der Regel ist damit der einzelne Mensch gemeint – bestimmt und geprägt seien. Subjektivistische Positionen stehen im Gegensatz zu objektivistischen oder stark realistischen Positionen, führen aber nicht notwendigerweise zu einem Idealismus, Relativismus oder Skeptizismus. Dafür ist entscheidend, wie die Positionen Wahrheit und die Zugänglichkeit zur Wahrheit verstehen.

Individualer und genereller Subjektivismus[Bearbeiten]

Der individuale Subjektivismus erblickt im einzelnen Individuum sowie seinem individuellen Bewusstsein das Maß aller Erkenntnis. Die individuelle Wahrnehmung und die individuellen Interessen des jeweiligen Subjektes bestimmen seine Realität, welche schon dadurch notwendig eine relative ist. Jedes Subjekt nimmt die Außenwelt auf seine eigene Weise wahr.

Der generelle Subjektivismus sieht in der Wesensart des erkennenden Subjekts, etwa in einem allen Menschen gemeinsamen „menschlichen Wesen“, die Bedingung aller Erkenntnis. Verschiedene Individuen unterliegen in ihrem Erkennen also aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Gattung Mensch zwar dem gleichen Gesetz und erkennen folglich die Außenwelt auf prinzipiell dieselbe Weise. Dennoch können sie nicht sicher sein, ob ihre Erkenntnis objektiv richtig ist, da aus der Perspektive anderer Lebewesen, seien dies Tiere oder fiktive andere Lebensformen, der Blick auf die Dinge ein ganz anderer sein könnte.

Subjektivismus in der Philosophiegeschichte[Bearbeiten]

Die Aussage „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“ wird dem vorsokratischen Philosophen Protagoras zugeschrieben, wobei als unsicher gilt, ob damit das einzelne Individuum oder die Gattung Mensch gemeint ist.

Als gemäßigte Form des Subjektivismus kann die von René Descartes ausgehende Meinung gelten, dass alle Objekterkenntnis von dem einzig primär Gegebenen, dem Bewusstsein des Subjekts, abhängt. Dieses aber sei aufgrund gewisser logischer Gesetze, denen es sich nicht entziehen kann, zumindest teilweise zu objektiver bzw. unanzweifelbarer Erkenntnis fähig. Descartes formulierte in diesem Zusammenhang den Grundsatz „Ich denke, also bin ich“ („Cogito ergo sum“) als nicht anzweifelbares Fundament jedes Denkens.

Dem gemäßigten cartesianischen Ansatz verwandt ist der von Immanuel Kant vertretene Ansatz einer „kritischen“ Erkenntnistheorie. Die Dinge an sich seien unerkennbar, da sie immer schon innerhalb subjektiver Wahrnehmungskategorien – nämlich Raum und Zeit – erscheinen. Kant ist dabei ein Vertreter eines generellen Subjektivismus: Als die erkenntnisbildende Instanz betrachtet Kant nicht das empirische Einzelsubjekt, sondern das Denken als solches, wie es der Gattung Mensch wesensmäßig zukomme. Die Philosophie als „Transzendentalphilosophie“ habe sich eben der Erforschung dieser Denkgesetze zu widmen, wofür Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft sowie mit den Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik einen Grundstein legen wollte. Dieses In-den-Blick-Nehmen der eigenen Erkenntnisfähigkeit und die damit verbundene philosophische Erforschung des Subjekts wird oft auch als „Kopernikanische Wende in der Philosophie“ bezeichnet: Nicht mehr die Welt, sondern die Selbstkritik des Denkens, nicht mehr das Außen, sondern das Innen, steht im Zentrum der Aufmerksamkeit.

In der Nachfolge Kants verstanden sich viele dem Idealismus zugehörige deutsche Denker – jedoch mit jeweils sehr eigener Akzentuierung – als Transzendentalphilosophen. Neben Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling gilt dies auch für Edmund Husserl, dessen Erneuerung des cartesianischen Ideals einer absolut begründeten Wissenschaft im Zentrum seiner Phänomenologie steht. Der Kant-Schüler Schopenhauer postulierte:

„‚Die Welt ist meine Vorstellung‘ ist ein Satz, den Jeder als wahr erkennen muß, sobald er ihn versteht, wenn gleich nicht ein solcher, den jeder versteht sobald er ihn hört.“

Heute fasst man unter dem Begriff all jene relativistischen Auffassungen zusammen, die mit dem Hinweis auf das Subjekt als der einzigen Instanz jedweder Erkenntnis die Möglichkeit allgemeiner und intersubjektiv gültiger Aussagen grundsätzlich verneinen. In Anwendung auf die Ethik kann ein konsequent skeptizistischer Subjektivismus zur Verneinung interindividueller Werte führen und zum Egoismus weisen. Dies ist deshalb nicht zwingend, weil interindividuelle Ethik für das Subjekt auch dann eine wichtige und handlungsleitende Rolle spielen kann, wenn anderen Individuen der Besitz von Wahrheit abgesprochen wird – aus der Annahme, dass es keine intersubjektive Gültigkeit für moralische Werte gibt, folgt nicht zwingend, dass es überhaupt keine moralischen Werte gibt.

„Seit der Aufklärung hat sich der Mensch zum Maß allen Seins und aller Dinge erhoben und so seine Subjektivität an die Stelle von Gottes Offenbarung gesetzt. Wenn aber Subjektivität sich selbst und ihr Denken als Wahrheit versteht, so impliziert das die Voraussetzungslosigkeit und Immanenz des Menschen. Daraus entwickelt sich eine Erkenntnistheorie, bei der in positivistischer Manier alles Erkennen von dem Subjekt maßgeblich bestimmt wird. Die Erfassung der Wirklichkeit ist demnach von der Eigenart des Erkennenden ebenso geprägt wie von seinen apriorischen Bedingungen.“

Lutz von Padberg: Die Bibel[1]

Subjektivismus in den Sozialwissenschaften[Bearbeiten]

In den Sozialwissenschaften, besonders in der Soziologie und der Politikwissenschaft, hat das Gegensatzpaar Subjektivismus vs. Objektivismus eine eigene Bedeutung, die sich auf die Gültigkeit der von den Sozialwissenschaftlern gebrauchten Begriffe wie „Gesellschaft“, „Sozialstruktur“, „soziales System“, „soziale Schicht“ oder „soziale Klasse“ bezieht: Handelt es sich bei diesen Begriffen um objektive Sachverhalte, oder vielmehr um bloße, vom Forscher über die Welt „gestülpte“ Ordnungsbegriffe?

Ein wichtiges, oft diskutiertes Problem in diesem Zusammenhang ist die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft bzw. Subjektivem und Objektivem: Ist Gesellschaft eine bloße Ansammlung subjektiver Einzelindividuen, die lediglich lose miteinander verbunden sind (etwa als soziales Netzwerk oder als Markt), oder besitzt Gesellschaft eine eigene Dynamik, eigene Gesetze und Regeln? Anthony Giddens’ sogenannte „Strukturationstheorie“ lässt sich als Versuch sehen, die beiden Strömungen in einer Metatheorie miteinander zu verbinden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Schwabe: Individuelles und Transindividuelles Ich. Die Selbstindividuation reiner Subjektivität und Fichtes Wissenschaftslehre. Mit einem durchlaufenden Kommentar zur Wissenschaftslehre nova methodo. Paderborn u.a. 2007
  • Christian Rother: In der "Endstiftung". Einige Bemerkungen zu Richard T. Murphys "Hume and Husserl: Towards Radical Subjectivism", in: Kontroversen in der Philosophie, Heft 5, November 1993, 55-61. ISSN 1019-7796

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lutz von Padberg: Die Bibel. Grundlage für Glauben, Denken und Erkennen. Prologomena zu einer biblischen Erkenntnislehre. Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 1986, ISBN 3-7751-1083-6, S. 65