Kopernikanische Wende (Metapher)

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Diese Zeichnung im Manuskript des Werkes De revolutionibus orbium coelestium (1543) von Nikolaus Kopernikus veranschaulicht das kopernikanische Weltbild: Die Planeten bewegen sich auf kreisförmigen Bahnen um die Sonne.

Unter kopernikanische Wende oder kopernikanische Revolution versteht man allgemein ein folgenreiches Umdenken, das dadurch zustandekommt, dass hergebrachte Voraussetzungen aufgegeben werden.

Im engeren Sinn meint dieser Ausdruck den Übergang vom geo- zum heliozentrischen Weltbild in der Geschichte der Kosmologie. Im weiteren Sinn werden Veränderungen im Selbst- und Weltverständnis des Menschen, die mit diesem Übergang zusammenhängen, unter diesem Begriff zusammengefasst. Das heliozentrische Weltbild ist einfacher zu verstehen, wenn die Bewegungen der Himmelskörper genauer betrachtet werden, kann aber ohne die Annahme eines Äthers als absolutes Bezugssystem nicht bewiesen werden. Es handelt sich um Vorstellungen, die im Lauf der Geschichte staats- oder bildungspolitische Relevanz bekommen haben.

In einem noch weiteren Sinn wird der Ausdruck „Kopernikanische Wende“ auf vergleichbare Umwälzungen übertragen. So wird etwa von Immanuel Kants Vorschlag einer Transzendentalphilosophie als „kopernikanischer Wende“ gesprochen. Wörtlich findet sich in Kants Schriften dieser Ausdruck nicht. Im übertragenen Sinne wird der Ausdruck „kopernikanische Wende“ verwendet, um eine neue Theorie oder ein Umdenken als revolutionär und folgenreich darzustellen, also etwa gleichbedeutend mit einem Paradigmenwechsel.[1]

Kopernikus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Originalausgabe, Johannes Petreius, Nürnberg 1543

In seiner Publikation De revolutionibus orbium coelestium (1543) versucht Nikolaus Kopernikus, seine Leser mit der „Harmonie“ einer von den Planeten umkreisten Sonne zu überzeugen. Ein solches Weltbild sei „leichter begreiflich“, als die Bewegungen der Himmelskörper wie bisher in eine „fast endlose Menge von Kreisen zersplittert“ zu sehen. Die „Weisheit der Natur“ würde sich hüten, etwas „Überflüssiges und Unnützes“ hervorzubringen. Vielmehr „lenkt die Sonne, auf ihrem königlichen Throne sitzend, die sie umkreisende Familie der Gestirne“. Durch ihre Umlaufbahn „empfängt die Erde von der Sonne und wird schwanger mit jährlicher Geburt“, was besser einleuchte als eine Sonne, die die Erde täglich umkreist.[2]

Kopernikus verwendet noch die Argumente der göttlichen Ordnung und der Sphärenharmonie, setzt sich aber von der syllogistischen Beweisführung der Scholastik ab, indem er das Einfache, leicht Verständliche für das Wahre hält, was in Zusammenhang mit der „neuen Denkweise“[3] des Rationalismus steht. Er macht dafür keine neuen Beobachtungen, die seine Vorstellungen belegt hätten, sondern stützt sich auf die alten. Kommentatoren wie Thomas S. Kuhn haben hervorgehoben, dass vieles durch seine Berechnungen nicht besser erklärt wird als durch Ptolemäus.[4]

Französische Aufklärung und Absolutismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johannes Kepler und Galileo Galilei setzten sich mit neuen Argumenten für das heliozentrische Weltbild ein, ohne es „beweisen“ zu können. Die konkurrierenden Ansätze zur Erklärung der Himmelsbewegungen wurden erst in der französischen Aufklärung zu einem dualistischen Schema vereinfacht, als „Kampf zwischen Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge“[5]. Der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. verbreitete Modelle des heliozentrischen Weltbilds als diplomatische Geschenke und setzte sich selbst als Sonne seines Reichs in Szene. Damit verkörperte er den Höhepunkt des Absolutismus. Der Soziologe Norbert Elias hat in seiner Untersuchung Die höfische Gesellschaft (1969) die zunehmende Zentralisierung des absolutistischen Staats als Königsmechanismus dargestellt.

Kants „Umänderung der Denkart“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oft als Gegengewicht zum französisch angeleiteten Rationalismus der frühen Aufklärung wird der britische Empirismus dargestellt, der von Francis Bacon ausging und in die Experimentalphysik Isaac Newtons mündete. Während der Rationalismus von der Voraussetzung ausging, dass man durch reines Denken zur Erkenntnis kommen könne, vertrat der Empirismus die Ansicht, dass Erkenntnis nur durch Sinneserfahrung möglich sei. Immanuel Kant versuchte, zwischen den beiden Positionen zu vermitteln. Er kritisierte zwar die „reine Vernunft“ des Rationalismus, stellte aber die Lehre des Kopernikus als ein Ergebnis des reinen Denkens dar, das neue Möglichkeiten eröffnet habe, indem es durch Beobachtung und späterhin durch Experimente zu neuen Erkenntnissen führen konnte. Diesen Mittelweg nannte er Transzendentalphilosophie.

In Kants Schriften und Briefwechsel findet sich weder der Ausdruck „kopernikanische Wende“, noch „kopernikanische Revolution“. Der zentrale Text, auf den sich die Rede von Kants kopernikanischer Wende bezieht, ist die Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft. Dort findet sich auch zweimal der Ausdruck „Revolution der Denkart“, allerdings ohne direkten Bezug zu Kopernikus, den Kant jedoch als Urheber einer „Umänderung der Denkart“ bezeichnet. Dennoch ist in der Literatur mit Bezug auf diese Stelle von Kants „Kopernikanischer Wende“ die Rede.[6]

Kant führt aus, dass Mathematik, Logik und Naturwissenschaften durch eine „Revolution der Denkart“ von einer losen Sammlung von Entdeckungen zu systematischen Wissenschaften geworden seien, indem sie ihre Prinzipien nicht mehr in den Gegenständen der Erfahrung, sondern in der Vernunft gesucht hätten. Für die Naturwissenschaften nennt Kant die Methode, zunächst auf der Basis vermuteter Prinzipien Thesen aufzustellen und durch Experimente zu überprüfen und so eine andere Perspektive auf die Natur gewonnen. Diese Naturwissenschaft wird für Kant durch Newtons Physik verkörpert, die durch die Annahme einer nicht direkt beobachtbaren Kraft Galileis Fallgesetze und Keplers Planetengesetze zu einem System der Physik zusammenfassen konnte. Als Ausgangspunkt für diese Integration einer systematischen Kosmologie in eine empirisch bestätigte Physik nennt Kopernikus' Aufgabe eines geozentrischen Weltbildes mit einer unbewegten Erde. Ähnlich müsse die Metaphysik die Annahme aufgeben, die menschliche Erkenntnis richtete sich völlig nach den Gegenständen. Als „Umänderung der Denkart“ empfiehlt er versuchsweise einmal davon auszugehen, dass sich die Gegenstände nach der Erkenntnis richten. (Immanuel Kant: AA III, 7–10[7]) Was genau für Kant die Umänderung ausmacht, und ob Kants „kopernikanische Wende“ das analoge Vorgehen in der Metaphysik, jede Revolution einer Wissenschaft überhaupt, die kritische Trennung von Vernunft und Erfahrung oder spezifisch die Aufgabe des Geozentrismus meint, ist eine Frage der Interpretation. Hier die vollständige Passage:

„Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, die durch eine auf einmal zustande gebrachte Revolution das geworden sind, was sie jetzt sind, wäre merkwürdig genug, um dem wesentlichen Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden ist, nachzusinnen, und ihnen, soviel ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse, mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Versuche nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten, aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit den ersten Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei diesen Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse werden sollen, nicht stehen bleiben kann, sondern sie als Vorstellungen auf irgend etwas als Gegenstand beziehen und diesen durch jene bestimmen muß, so kann ich entweder annehmen, die Begriffe, wodurch ich diese Bestimmung zustande bringe, richten sich auch nach dem Gegenstande, und dann bin ich wiederum in derselben Verlegenheit, wegen der Art, wie ich a priori hiervon etwas wissen könne; oder ich nehme an, die Gegenstände oder, welches einerlei ist, die Erfahrung, in welcher sie allein (als gegebene Gegenstände) erkannt werden, richte sich nach diesen Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung selbst eine Erkenntnisart ist, die Verstand erfordert, dessen Regel ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin a priori voraussetzen muß, welche in Begriffen a priori ausgedrückt wird, nach denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und mit ihnen übereinstimmen müssen. Was Gegenstände betrifft, sofern sie bloß durch Vernunft und zwar notwendig gedacht, die aber (so wenigstens, wie die Vernunft sie denkt) gar nicht in der Erfahrung gegeben werden können, so werden die Versuche sie zu denken (denn denken müssen sie sich doch lassen), hernach einen herrlichen Probierstein desjenigen abgeben, was wir als die veränderte Methode der Denkungsart annehmen, daß wir nämlich von den Dingen nur das a priori erkennen, was wir selbst in sie legen.“Immanuel Kant: AA III, 11–13[8]

Friedrich Nietzsche und seine Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An Friedrich Nietzsche knüpft sich ein inflationärer Gebrauch der Rede von der „kopernikanischen Wende“ an, der in pointiert vereinfachenden Darstellungen den Charakter von Umwälzungen erblickte. Nietzsche stellte in seinem Werk Jenseits von Gut und Böse (1886) Nikolaus Kopernikus als „Gegner des Augenscheins“ (JGB-12) dar. Die Vereinfachung der ptolemäischen Himmelsbewegungen, an der Kopernikus gelegen war, fiel für Nietzsche kaum ins Gewicht. Vielmehr kam es ihm auf den Übergang von der naiven Sicht eines scheinbar in Ruhe befindlichen Himmelsbeobachters zu einer übergeordneten Perspektive an, die der Sinneswahrnehmung nicht zugänglich ist.[9] Nietzsches Lob der übergeordneten Perspektive wurde von Eduard Meyer wiederum als „kopernikanische Tat“ dargestellt.[10]

Oswald Spengler vergröberte Nietzsches Äußerungen zu einer Gegenüberstellung von naiven Vorstellungen mit naturwissenschaftlichen Tatsachen. Er sah in der kopernikanischen Wende eine „Befreiung vom Augenschein“, wie sie „der abendländische Geist der Natur gegenüber“ zum „heute allein gültigen“ Weltsystem vollzogen habe,[11] und präsentierte nach diesem Muster eine „kopernikanische Entdeckung“ in der Geschichtstheorie, die er Der Untergang des Abendlandes (1918/22) nannte[12].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Owen Gingerich: The Book Nobody Read: Chasing the Revolutions of Nicolaus Copernicus. Walker, 2004, ISBN 978-0-8027-1415-2 (Making-of).
  • Hans Blumenberg: Die Genesis der kopernikanischen Welt. Suhrkamp, 1975.
  • Hans Blumenberg: Die Legitimität der Neuzeit. Suhrkamp 1966 2. Auflage udT Säkularisierung und Selbstbehauptung. 1974.
  • Hans Blumenberg: Die kopernikanische Wende. Suhrkamp 1965.
  • Thomas S. Kuhn: Die kopernikanische Revolution. Vieweg, Braunschweig 1980, ISBN 3-528-08433-2.
  • Jürgen Klein: Astronomie und Anthropozentrik. Die Copernicanische Wende bei John Donne, John Milton und den Cambridge Platonists. Lang, Frankfurt/Main, Bern, New York 1986. ISBN 3-8204-5639-2.
  • Dieter Schönecker, Dennis Schulting, Niko Strobach: Kants Kopernikanisch-Newtonische Analogie, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 59, (2011) 4, 497-518.
  • Harry Nussbaumer: Revolution am Himmel. Wie die kopernikanische Wende die Astronomie veränderte. vdf Zürich 2011, ISBN 978-3-7281-3326-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Duden online erläutert unter kopernikanisch diese übertragene Bedeutung: eine kopernikanische Wende im Sinne von „eine tief greifende Wende“.
  2. Zitate aus: Nicolaus Copernicus: Über die Kreisbewegungen der Weltkörper, übersetzt von C. L. Menzzer, Ernst Lambeck, Thorn 1879, Erstes Buch, Capitel 10, S. 27f.
  3. Panajotis Kondylis: Die Aufklärung im Rahmen des neuzeitlichen Rationalismus, Felix Meiner, Hamburg 2002, S. 97. ISBN 978-3-7873-1613-7
  4. Thomas S. Kuhn: The Copernican Revolution, Harvard Univ. Press, Cambridge 1957/1985, S. 170. ISBN 0-674-17103-9
  5. Richard Schröder: War die copernicanische Reform der Astronomie ein Weltbildwandel?, in: Christoph Markschies, Johannes Zachhuber (Hg.): Die Welt als Bild. Interdisziplinäre Beiträge zur Visualität vcn Weltbildern, de Gruyter, Berlin 2008, S. 91–112, hier S. 107. ISBN 978-3-11-020029-4
  6. Georg Mohr: Kants Grundlegung der Kritischen Philosophie. Werkkommentar und Stellenkommentar zur Kritik der reinen Vernunft, zu den Prolegomena und zu den Fortschritten der Metaphysik In: Immanuel Kant: Theoretische Philosophie. Text und Kommentar Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, Band 3, S. 70.
  7. Kant, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900 ff., AA III, 7–10 / Kritik der reinen Vernunft Vorrede zur zweiten Auflage 1787, B VII–XV, Faksimile.
  8. Kant, Ausgabe der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1900 ff., AA III, 11–13 / Kritik der reinen Vernunft Vorrede zur zweiten Auflage 1787, B xv–xviii, Faksimile.
  9. Helmut Hiel: Erkenntniskritik und experimentelle Anthropologie, in: Marcus Andreas Born: Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, Akademie Verlag, Berlin 2014, S. 3–45, hier S. 40. ISBN 978-3-05-005647-6
  10. Richard Frank und Evelyn S. Krummel: Ausbreitung und Wirkung des Nietzscheschen Werkes im deutschen Sprachraum bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, de Gruyter, Berlin 1998, S. 759. ISBN
  11. Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes, Erster Band, Zweites Kapitel, Beck, München 1923, S. 101.
  12. Massimo Ferrari Zumbini: Untergänge und Morgenröten. Nietzsche – Spengler – Antisemitismus, Königshausen & Neumann, Würzburg 1999, S. 47. ISBN 3-8260-1523-1