Two-Spirit

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We’wha, ein Two-Spirit der Zuñi (zwischen 1871 und 1896)

Two-Spirit ist ein Neologismus für Angehörige indigener Völker (Indianer) Nordamerikas eines Geschlechts (meist Männern), die die soziale Geschlechtsrolle (Gender) des anderen Geschlechts übernommen haben. Teilweise wird ihre Rolle als ein Fallbeispiel für ein drittes Geschlecht interpretiert. In der traditionellen anthropologischen Literatur wurden Two-Spirits als Berdache bezeichnet. Diese Bezeichnung wurde aber vielfach als problematisch und diskriminierend empfunden, weil es sich um eine von Europäern geprägte Fremdbezeichnung handelt. Auf der dritten Native American/First Nations Gay and Lesbian Conference in Winnipeg, Kanada wurde deshalb 1993 der Ersatzbegriff Two-Spirit geprägt,[1] der sich durchgesetzt hat. Dieser Begriff existiert nur im Englischen und ist in die meisten indigenen amerikanische Sprachen nicht direkt übersetzbar.[2]

Traditionelle Rolle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berdache, heute als Two-Spirits bezeichnet, waren in den traditionellen indianischen Gesellschaften meist Männer, die die soziale Rolle von Frauen eingenommen haben.[3] Dies betraf die traditionelle Kleidung und Haartracht, gender-spezifische Ausdrucks- und Verhaltensweisen und Arbeiten, die üblicherweise dem weiblichen Geschlecht zugewiesen wurden. Es gibt Berichte, dass zumindest einige von ihnen (beim Volk der Navajo) intersexuell gewesen seien,[4] dies gilt aber als Ausnahme, es wird angenommen, dass einige europäische Beobachter Intersexualität, auch Homosexualität aufgrund ihrer eigenen Prüderie irrtümlich annahmen.[3] Die Bezeichnung war von Volk zu Volk verschieden, nahm aber meist auf eine Position zwischen traditionellen Frauen und Männern Bezug. Sie galten als eigenen Gruppe, wurden also weder dem einen noch dem anderen der traditionellen Geschlechter zugerechnet. Ihre Anzahl war gering, oft nur fünf oder sechs pro Volk,[5] wobei sie bei Frauen noch einmal erheblich geringer war als bei Männern.[3] Ihre sexuelle Orientierung hatte nichts mit der Geschlechterrolle der Gruppe zu tun. Viele hatten geschlechtlichen Umgang mit Männern, was aber nicht als Homosexualität betrachtet wurde, die bei indianischen Völkern ansonsten durchaus bekannt war und weithin praktiziert wurde. Heiraten zwischen Männern und die weibliche Rolle übernehmenden Berdache waren erlaubt und üblich. In einigen Fällen konnten anatomisch männliche Berdache aber auch Frauen heiraten.[3] Die Rollenübernahme erfolgte meist mit der Adoleszenz in der Pubertät, kündigte sich aber in der Regel schon vorher an. In einigen Völkern wurden Kinder schon in frühem Alter für diese Rolle ausgewählt und daraufhin erzogen und vorbereitet.

Berdache (Two-Spirits) nahmen meist die alltäglichen Beschäftigungen und Arbeiten des Geschlechts wahr, das sie mit ihrer Rolle angenommen hatten. Dies betraf auch geschlechtsspezifisches Handwerk wie etwa Nähen. Anatomisch weibliche Berdache waren dementsprechend mit kulturell in ihrer Gesellschaft männlich konnotierten Dingen beschäftigt, etwa der Jagd, aber auch der Kriegsführung. Männliche Berdache nahmen bei einigen Völkern an Kriegszügen teil, bei anderen nicht. Sie waren in ihren Gesellschaften oft hoch angesehen. Oft wurden ihnen besondere Beziehungen zur Welt des Übernatürlichen zugeschrieben. In einigen Fällen wird auch von Verachtung und Hass gesprochen, meist wird aber angenommen, dass es sich dabei schon um die Übernahme von Werten der europäischen Einwanderer und Kolonialherren handelt.[3]

Two-Spirits werden in der völkerkundlichen Literatur über Nordamerikaner seit dem 16. Jahrhundert als Kuriosität erwähnt, aber erst im 20. Jahrhundert eingehender beschrieben, als die Institution, auch durch Unterdrückung durch die neuen europäischen Herren, schon weitgehend verschwunden war. Die meisten Berichte sind deshalb aufgeschriebene mündliche Erfahrungsberichte der letzten damals noch lebenden Zeitzeugen. Es gibt Hinweise darauf, dass sie in einigen Völkern noch einige Zeit verdeckt weiterlebten. Dennoch ist die kulturelle Tradition abgerissen.[3][6][7] Moderne Two-Spirits sind indigene Amerikaner, oft wegen Homosexualität in ihren eigenen Völkern marginalisiert und unterdrückt, die versuchen, an die Tradition anzuknüpfen.[8] Nachforschungen wurde und wird oft mit Abwehr begegnet, da aufgrund der Übernahme westlicher Wertesysteme die traditionelle Stellung verloren ist und das Thema den Befragten heute unangenehm ist.[7] Nicht nur bei weißen Forschern, insbesondere aus der homosexuellen Szene, besteht eine gewisse Tendenz, die Institution zu mythologisieren und zu verklären.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Moderne Two-Spirit-Flagge auf Basis der Regenbogenfahne
Moderne Two-Spirits auf der San Francisco Pride 2014

Die Wiederbelebung der damaligen indigenen Kultur mit ihrem Geschlechterverständnis war trotz der Bemühungen vieler lesbischer, schwuler, trans- und intergeschlechtlicher Indigenen nicht möglich. Die heutigen Indigenen haben die Normen und Werte der Europäer verinnerlicht; die Existenz der Two-Spirits wurde in der öffentlichen Wahrnehmung lange verdrängt und erfuhr erst in den letzten Jahren eine Wiederbelebung.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michelle Cameron: Two-spirited Aboriginal people: Continuing cultural appropriation by non-Aboriginal society. In: Canadian Women Studies. Band 24, Nr. 2–3, 2005, S. 123–127.
  • Sue-Ellen Jacobs, Wesley Thomas, Sabine Lang (Hrsg.): Two-spirit people: Native American gender identity, sexuality, and spirituality. University of Illinois Press, Urbana 1997, ISBN 0-252-02344-7 (Seitenvorschauen in der Google-Buchsuche).
    • darin: Beatrice Medicine: Changing Native American roles in an urban context and changing Native American sex roles in an urban context. S. 145–148 (Leseprobe in der Google-Buchsuche).
  • Sabine Lang: Männer als Frauen, Frauen als Männer: Geschlechtsrollenwechsel bei den Indianern Nordamerikas. Wayasbah, Hamburg 1990, ISBN 3-925682-22-8.
  • Sabine Lang: Men as women, women as men: Changing gender in Native American cultures. University of Texas Press, Austin 1998, ISBN 0-292-74700-4.
  • Will Roscoe: The Zuni man-woman. University of New Mexico Press, Albuquerque 1991, ISBN 0-8263-1253-5.
  • Will Roscoe: Changing ones: Third and fourth genders in native North America. St. Martin’s Press. New York 1998, ISBN 0-312-17539-6.
  • Will Roscoe, Gay American Indians: Living the spirit: A gay American Indian anthology. St. Martin’s Press, New York 1988, ISBN 0-312-01899-1.
  • Tom Spanbauer: The man who fell in love with the moon. A novel. Atlantic Monthly Press, New York 1991, ISBN 0-87113-468-3.
  • Richard C. Trexler: Sex and conquest: Gendered violence, political order, and the European conquest of the Americas. Cornell University Press, Ithaca 1995, ISBN 0-8014-3224-3.
  • Walter L. Williams: The spirit and the flesh: Sexual diversity in American Indian cultures. Beacon Press, Boston 1986, ISBN 0-8070-4602-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Two-spirit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sue-Ellen Jacobs, Wesley Thomas, Sabine Lang (Hrsg.): Two-spirit People: Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality. University of Illinois Press, Urbana/ Chicago 1997, ISBN 0-252-02344-7, Introduction S. 2.
  2. Sabine Lang: Men as Women, Women as Men: Changing Gender in Native American Cultures. University of Texas Press, Austin 1998. ISBN 0-292-74700-4, Preface S. XV-XVI.
  3. a b c d e f Charles Callender, Lee M. Kochems: The North American Berdache. In: Current Anthropology. Band 24, Nr. 4, 1983, S. 443–470.
  4. Willard W. Hill: The Status of the Hermaphrodite and Transvestite in Navaho Culture. In: American Anthropologist. New Series, Band 27, Nr. 2, Teil 1, April−Juni 1935, S. 273–279 (Volltext bei wiley.com).
  5. Donald G. Forgey: The institution of berdache among the North American plains Indians. In: Journal of Sex Research. Band 11, Nr. 1, 1975, S. 1–15. doi:10.1080/00224497509550872
  6. Claudia Lang, Ursula Kuhnle: Intersexuality and Alternative Gender Categories in Non-Western Cultures. In: Hormone Research. Band 69, 2008, S. 240–250, doi:10.1159/000113.
  7. a b Sue-Ellen Jacobs: Is the "North American Berdache" merely a Phantom in the Imagination of Western Social Scientists? In Sue-Ellen Jacobs, Wesley Thomas, Sabine Lang (Hrsg.): Two-spirit People: Native American Gender Identity, Sexuality, and Spirituality. University of Illinois Press, Urbana/ Chicago 1997, ISBN 0-252-02344-7, S. 21–44.
  8. Sandra Faiman-Silva: Anthropologists and Two Spirit People: Building Bridges and Sharing Knowledge. (= Anthropology Faculty Publications. Paper 23). Bridgewater State University, 2011. (vc.bridgew.edu, Volltext)