Adoleszenz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Junge Menschen in der Adoleszenz

Als Adoleszenz (lateinisch adolescere „heranwachsen“) wird in der Entwicklung des Menschen der Zeitraum von der späten Kindheit über die Pubertät bis hin zum vollen Erwachsensein bezeichnet. Die Adoleszenz unterscheidet sich also qualitativ sowohl von der Kindheit, als auch vom Erwachsenenalter (Wischmann, 2010. S. 32). Der Begriff steht für den Zeitabschnitt, während dessen eine Person biologisch gesehen zeugungsfähig wird und an deren Ende sie körperlich nahezu ausgewachsen und emotional wie sozial weitgehend gereift ist.[1][2]

Die Adoleszenz ist auch neben anderen Entwicklungsabschnitten ein Betrachtungs- und Forschungsgegenstand der Entwicklungspsychologie. Der Adoleszenzbegriff ist in der deutschen Sprache kein Bestandteil der Alltagssprache, sondern wird im Gegensatz zum angloamerikanischen Sprachgebrauch, vorwiegend als wissenschaftlicher Begriff genutzt (Wischmann, 2010. S. 32).

Die Entstehung des Adoleszenzbegriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adoleszenz ist ein Produkt der Moderne, das man historisch aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten muss, da hier die Unbestimmtheit individueller Lebensläufe sichtbar wurde. Die soziale Herkunft tritt in den Hintergrund und der bevorstehende Lebensabschnitt ist durch Entscheidungen geprägt, wie der „Wahl“ des Bildungsweges. Diese Entscheidungen gehen einher mit den sich vollziehenden und schwerwiegenden Veränderungen, wie die Trennungs- und Neuorientierungsprozesse in Bezug auf die Elterngeneration sowie auf die Gleichaltrigengruppe (Wischmann, 2010. S. 33 f.).

Veränderungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Adoleszenz macht der Mensch wichtige physische wie auch psychische Entwicklungsprozesse durch. Er erreicht zu Beginn im Teilabschnitt der Pubertät die Geschlechtsreife und es kommt über diesen Abschnitt hinaus im Verlaufe einer bedeutenden Hirnentwicklung zu einer grundlegenden Reorganisation des Gehirns.[2] In der psychischen Entwicklung soll unter anderem eine emotionale Unabhängigkeit von den Eltern entwickelt und eine Akzeptanz der eigenen Erscheinung erreicht werden (Phänotyp, Aussehen, Autonomie).[3]

Abgrenzung zur Pubertät[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Pubertätsbegriff wird vor allem in der Biologie verwendet und bezeichnet körperliche Veränderungs- und Reifeprozesse. Jedoch beginnt die Pubertät, besonders bei Mädchen, in einem Alter, in dem sich noch nicht von Jugend sprechen lässt. Die Begriffe Adoleszenz und Pubertät beschreiben teils zwar den gleichen Lebensabschnitt, jedoch ist zum einen die wissenschaftliche Disziplin abweichend, als auch der hier gemeinte Lebensabschnitt, da die Pubertät bereits vor der Lebensspanne der Jugend beginnt und die Adoleszenz erst später ansetzt (Wischmann, 2010. S. 33 f.).

Zeitspanne[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das der Adoleszenzphase zugeordnete Alter wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich aufgefasst. In den USA wird die Adoleszenz bei Pubertätsbeginn angesiedelt: beginnend im Alter vom vollendeten 13. bis zum vollendeten 19. Lebensjahr (woraus sich wegen der Wortendungen der englischen Zahlwörter „thirteen“ to „nineteen“ der Begriff Teenager ableitet). In Mitteleuropa versteht man unter der Adoleszenzphase – je nach Entwicklungsstadium – meist den Zeitraum zwischen 16 und 24 Jahren. Im Gegensatz dazu definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Adoleszenz als die Periode des Lebens zwischen 10 und 20 Jahren. Der im Jugendrecht vorgegebene Begriff Jugend wird als der Zeitraum von 13 bis zu 21 Jahren definiert.

Soziologische Betrachtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

G. Stanley Halls führt in seinem Werk Adolescence[4] aus, dass Adoleszenz vornehmlich aus der Betrachtung der medizinischen und später psychologischen Wissenschaft entsprungen sei. Adoleszenz wird aus dieser Richtung als eigenständige und besonders anfällige Phase emotionaler, moralischer und intellektueller Entwicklung angesehen, welche nur durch die Führung von Erwachsenen erfolgreich durchlaufen werden könne. Dieses Konzept einer Lebensphase zwischen Kindheit und Erwachsenen dient als Grundlage einer neuen institutionellen und räumlichen Ordnung, die das Leben der Jugend im 20. Jahrhundert geprägt hat.[5]

Adoleszenz ist mehr ein Moratorium als eine Statuspassage, deren Qualität sowohl für das Individuum als auch für soziale Strukturen entscheidend ist. Hierbei stehen gesellschaftliche und individuelle Wandlungs- und Transformationsprozesse im Mittelpunkt. Das Individuum muss sich innerhalb des Raumes individuieren. Das Subjekt muss sich also vom Kindsein ablösen, etwas eigenes hervorbringen und sich gegenüber der Elternposition neu ausrichten. Man ist nicht mehr so stark in familiale Zusammenhänge eingebunden, übernimmt jedoch noch nicht die Rolle eines Erwachsenen, nämlich die vollgültige Wahrnehmung gesellschaftlicher Aufgaben. Es werden Rechte und Möglichkeiten eröffnet, wie die Teilhabe am Konsumwarenmarkt und zugleich werden Pflichten und Zwänge auferlegt. Die Individualisierung des Subjekts verhilft, um sich auf einer neuen Ebene gegenüber der Elterngeneration zu bewegen sowie zur Handlungsfähigkeit (Wischmann, 2010. S. 37 f.).

Die Ausweitung der Adoleszenz lässt sich auf die immer komplexeren und heterogenen Ansprüche der modernen Gesellschaft zurückführen, da hierbei mehr Zeit zur Orientierung benötigt wird. Mithin bleibt die ökonomische Abhängigkeit des Adoleszenten länger bestehen. Fraglich ist hierbei, welche Bedeutung dies für Anerkennungserfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen haben kann- man muss die eigene Unabhängigkeit innerhalb der Abhängigkeit von den Eltern entwickeln. Zugleich ist dieses Konstrukt notwendig, um nicht in einer kindlichen Bindung an die Eltern zu verbleiben, um sich zu erproben und zu testen (Ebd. S. 37 f.)

Adoleszenztheorie- G. Stanley Hall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das erste theoretische Anlagekonzept geht auf den Psychologen und Pädagogen Granville Stanley Hall zurück. Dieses Konzept stellt ebenfalls den ersten wissenschaftlichen Beitrag zur Erklärung der Lebensphase Jugend dar.

Im Jahr 1901 entwickelte Hall im Rahmen eines Sommerferienkurses an der Clark University zentrale Aspekte seiner Adoleszenztheorie. Zum einen konzentrierte er sich auf die Thematik Wachstum, körperliche Reifung, Geschlechtsreife und Menstruation, sowie auf die Wirkung von Wachstumsprozessen auf die Jugendlichen. Der zweite zentrale Aspekt stellt die Erziehung jugendlicher Mädchen mit Störungen im Jünglingsalter und der Psychologie der Liebe etc. dar. Hall strukturierte seine theoretischen Ausführungen und pädagogischen Überzeugungen anhand eines spezifischen Entwicklungsmodells. Er verzichtet dabei gleichzeitig auf die Bestimmung der Entwicklung der menschlichen Gattung, sowie die der einzelnen Kinder und Jugendlichen. Die „biogenetische Rekapitulationstheorie“ von Hall beruht auf der Evolutionstheorie von Charles Darwin und dem daraus abgeleiteten biogenetischen Grundgesetz von Ernst Haeckel. Hall wandte die Denkfigur der Rekapitulation systematisch auf die psychische Entwicklung an. Er ging davon aus, dass die psychische Entwicklung des Kindes und des Jugendlichen jeweils mit einer früheren Stufe der Menschheitsentwicklung zu vergleichen sei. Die Adoleszenz kam, laut Hall, einer zweiten Geburt gleich und soll zu einer höheren, vollkommeneren Menschlichkeit führen. Ebenso wie Rousseaus verband Hall sein wissenschaftliches Interesse mit Gesellschaftskritik. Beide beschäftigten sich mit der Ethik und der Religion und mit der Frage nach den Aufgaben der Wissenschaft gegenüber diesen. Jedoch konnte Hall, im Gegensatz zu Rousseaus, den Schwerpunkt auf die psychische Reifung legen. Er vertrat die Idee der Theorie der Evolution auf das psychologische Feld zu übertragen, um den wissenschaftlichen Ansprüchen der modernen Welt gerecht zu werden. Halls Entwicklungsprozesse werden von einer Art „biologischen Uhr“ gesteuert. Sie werden von folgenden Merkmalen bestimmt. Sie sind universell und unvermeidbar, soziokulturelle Variablen haben keinen Einfluss auf die Entwicklungsprozesse und ihre Richtung ist determiniert. Darüber hinaus unterscheidet Hall vier verschiedene Entwicklungsstufen. Kinder im Alter bis 4 Jahren teilt er in die  frühe Kindheit ein. In dieser Stufe entwickeln sich die sensomotorische Fähigkeiten zur Selbsterhaltung. Im Alter von 4 bis 8 Jahren folgen Tätigkeiten wie  Verstecken, Fangen oder Höhlenbau. Diese Stufe nennt Hall die Kindheit. Sie entspricht geschichtlich der Zeit der Jäger und Sammler. Die Jugend, im Alter von 8 bis 12 Jahren korrespondiert mit der beginnenden Zivilisation, da vorgelebte Strukturen übernommen werden. Die letzte Stufe nennt sich Adoleszenz, diese vollzieht sich in einem Alter zwischen 11/13 Jahren und 22/25 Jahren. In dieser Zeit setzt sich die Jugend bis zu dem Erwachsenenalter fort. Der Entwicklungsprozess wird in dieser Stufe vollendet.

Hall war der Überzeugung, dass zwischen den Entwicklungsphänomenen im Kindheits- und Jugendalter genau unterschieden werden kann und dies auch geschehen muss. Des Weiteren kann die Rekapitulationsphase neue Erkenntnisse über die psychologische Entwicklung des Menschen liefern und pädagogische Fehler vermieden werden. Denn laut Hall sollten verschiedene Stufen der psychologischen Entwicklung das pädagogische Handeln leiten. Hall beschäftigte sich ebenso stark mit der Unterscheidung der biologischen, psychologischen, physiologischen Aspekte der Sexualität im Jugendalter. Er unterscheidet in weibliche und männliche Jugendentwicklung. Der Wissenschaftler wollte nachweisen, dass die Sexualität ein wesentlicher Bestandteil der „normalen“ jugendlichen Entwicklung ist. Hall integrierte die Sexualität als ein Entwicklungsphänomen in der Jugendphase. Denn diese ist einflussreich für die gesamte soziale und psychische Entwicklung des Jugendlichen. Hall forderte zur Förderung einer guten Entwicklung die Herstellung einer geeigneten Umgebung. Dies begründet er ebenso mit dem rekapitulationstheoretischen Entwicklungsmodell. Die Umgebung des Kindes sollte stets der jeweiligen Stufe der Menschheitsgeschichte angepasst werden. Hall problematisierte die Gefahr einer zu frühen Auseinandersetzung mit nicht altersgemäßen Phänomenen. In politischer Hinsicht vertrat Hall die Meinung, das zu keiner Zeit die Gefährdung so groß gewesen ist, wie in der US- amerikanischer Gegenwart. Schlussfolgernd formulierte er seine Interpretation, dass die USA ihre politischen Werte und ihre Kultur aus der französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts übernommen haben. Historisch gesehen hatte das Land somit keine Kindheit und Jugend. Laut Hall stellt dies eine Gefahr für die amerikanische Jugend dar, sowie die Gefahr, dass die Nation Entwicklungsstufen überspringt.

Aus heutiger Sicht ist Halls Jugendtheorie weitgehend überholt. Der Grund dafür ist die stetige Anwendung der Rekapitulationsthese auf psychische, physische, moralische, soziale und historische Entwicklung. Jedoch besitzt sie einen großen historischen Wert und dient zum Verständnis der jugendtheoretischen Überlegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner Bohleber: Adoleszenz und Identität. Klett-Cotta, Stuttgart 1996, ISBN 3-608-91783-7.
  • August Flammer, Francoise D. Alsaker: Entwicklungspsychologie der Adoleszenz. Huber, Bern 2001, ISBN 3-456-83572-8.
  • Dieter Baacke: Die 13–18-Jährigen. Beltz, Weinheim 2003, ISBN 3-407-22106-1.
  • Manfred Günther: Fast alles, was Jugendlichen Recht ist. HVD-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-924041-23-7.
  • Annette Streeck-Fischer: Adoleszenz - Bindung - Destruktivität. Klett-Cotta, Stuttgart 2004, ISBN 3-608-91082-4.
  • Helmut Fend: Entwicklungspsychologie des Jugendalters. VS Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-8100-3904-7.
  • Judith Förner: Musikalische Mädchen(t)räume. Die Bedeutung der weiblichen Adoleszenz für die Ausbildung musikalisch-künstlerischer Produktivität (= Frauen, Gesellschaft, Kritik. Band 33). Centaurus-Verlagsgesellschaft, Herbolzheim 2000, ISBN 3-8255-0250-3.
  • Peter Blos: On adolescence: A psychoanalytic interpretation. The Free Press, New York 1962 (dt.: Adoleszenz. Eine psychoanalytische Interpretation. Klett-Cotta, Stuttgart 1973, ISBN 978-3-12-901000-6; 8. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-608-94333-7).
  • Joe Austin, Michael Nevin Willard (Hrsg.): Generation of Youth: Youth Cultures and History in Twentieth-Century America. New York University Press, New York 1998, ISBN 978-0-8147-0645-9.
  • Wischmann, Anke: Adoleszenz- Bildung- Anerkennung. Adoleszente Bildungsprozesse im Kontext sozialer Benachteiligung.
  • Andresen, Sabine (2012): Einführung in die Jugendforschung. Darmstadt: WBG - Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Adoleszenz – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Adoleszenz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Helmut Remschmidt: Adoleszenz – seelische Gesundheit und psychische Krankheit. In: Deutsches Ärzteblatt International. (Dtsch Arztebl Int) 2013, Band 110, Nr. 25, S. 423–4, doi:10.3238/arztebl.2013.0423, Artikel in Deutsch.
  2. a b Kerstin Konrad, Christine Firk, Peter J. Uhlhaas: Hirnentwicklung in der Adoleszenz: Neurowissenschaftliche Befunde zum Verständnis dieser Entwicklungsphase. In: Deutsches Ärzteblatt International. (Dtsch Arztebl Int) 2013, Band 110, Nr. 25, S. 425–31, doi:10.3238/arztebl.2013.0425; Artikel in Deutsch.
  3. [werner.stangl]s arbeitsblätter: Bedeutsame Entwicklungen in der Adoleszenz. Auf: arbeitsblaetter.stangl-taller.at ; zuletzt abgerufen am 27. März 2014.
  4. Granville Stanley Hall: Adolescence (= American education--its men, ideas, and institutions.). Reprint der Ausgabe Adolescence: its psychology and its relations to physiology, anthropology, sociology, sex, crime, religion and education. Appleton, New York 1905; Arno Press, New York 1969.
  5. J. Austin, M. N. Willard: Generation of Youth: youth cultures and history in twentieth-century America. New York 1998, ISBN 0-8147-0645-2, S. 2–3 → Introduction.